Altersvorsorge
Mehr Rentenfälle im Ausland als in Luxemburg
Erstmals bestätigt ein volles Jahr die Mehrheit ausländischer Rentenakten. Die größeren Geldströme bleiben dennoch in Luxemburg.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Eine statistische Mehrheit kann größer wirken, als sie wirtschaftlich ist. Luxemburgs Rentenkasse verwaltet inzwischen mehr laufende Renten für Menschen mit Wohnsitz im Ausland als für Einwohner des Großherzogtums. Doch gezählt werden Rentenfälle, nicht einzelne Begünstigte, Überweisungen oder Eurobeträge. Für die Einordnung der viel beachteten Schwelle ist dieser Unterschied entscheidend.
Der Bericht der Caisse nationale d’assurance pension (CNAP) für 2025 weist Auszahlungen von insgesamt €7,36 Milliarden aus. Über das Gesamtjahr hinweg lag die Zahl der ins Ausland überwiesenen Renten erstmals über jener der in Luxemburg ausgezahlten. Rund €4,8 Milliarden gingen jedoch weiterhin an Einwohner des Landes. Die Mehrheit des Geldes blieb somit im Inland.
Die Verschiebung begann schon Ende 2024
In der detaillierten Bestandsaufnahme für Dezember 2024 war die Schwelle bereits überschritten. Der CNAP-Jahresbericht 2024 verzeichnet 229.906 laufende Renten: 118.650 beziehungsweise 51,6 Prozent wurden an Nichtansässige gezahlt, 111.256 beziehungsweise 48,4 Prozent innerhalb Luxemburgs. Die Aussage zum erstmaligen Überschreiten ist deshalb am sichersten so zu verstehen, dass 2025 das erste vollständige Jahr war, das die Umkehr bestätigte – nicht der erste einzelne Monat mit einer Mehrheit im Ausland.
Aus den Zahlen lässt sich auch keine Mehrheit individueller Rentner im Ausland ableiten. Persönliche Renten und Hinterbliebenenrenten werden getrennt erfasst; dieselbe Person kann neben einer eigenen Rente eine oder mehrere Hinterbliebenenleistungen beziehen. Für 2024 veröffentlichte die CNAP separat die Zahl von 233.286 betreuten Begünstigten in 117 Ländern. Diese Jahreskennzahl ist jedoch nicht der Nenner, aus dem sich der Auslandsanteil von 51,6 Prozent ergibt.
Hinzu kommt eine kleine Unstimmigkeit zwischen amtlichen Veröffentlichungen. Eine Seite der Inspection générale de la sécurité sociale nennt 118.860 ausländische Renten und 26.855 Fälle für Deutschland. Diese Werte lassen sich mit der dort angegebenen Gesamtsumme nicht in Einklang bringen. Die Ursprungstabelle der CNAP weist 118.650 beziehungsweise 26.865 aus; diese Zahlen sind rechnerisch konsistent und werden daher hier verwendet.
Die Nachbarländer prägen die Verteilung
Die Geografie der Renten folgt dem Einzugsgebiet des Luxemburger Arbeitsmarktes. Im Dezember 2024 entfielen rund 77 Prozent aller ausländischen Rentenfälle auf die drei Nachbarstaaten:
- Frankreich: 42.294 Rentenfälle oder 18,40 Prozent des gesamten CNAP-Bestands.
- Deutschland: 26.865 Rentenfälle oder 11,69 Prozent.
- Belgien: 22.394 Rentenfälle oder 9,74 Prozent.
Nach Portugal gingen 10.101 Rentenfälle, entsprechend 4,39 Prozent des Gesamtbestands. Insgesamt wurden 115.611 Renten in andere EU-Staaten und 3.039 in Länder außerhalb der EU gezahlt.
„Diese Entwicklung folgt also der Entwicklung des Arbeitsmarktes um das Jahr 2000.“ – Alain Reuter, Präsident der CNAP
Die Beschäftigungsdaten stützen Reuters Einordnung. STATEC zählte 2024 insgesamt 489.000 Arbeitnehmer; 47 Prozent davon waren Grenzgänger, darunter rund 126.000 aus Frankreich. Daten der OECD verdeutlichen die langfristige Entwicklung: Im ersten Quartal 1995 pendelten etwa 53.000 Menschen über die Grenze, was 27 Prozent der im Land Beschäftigten entsprach. Im ersten Quartal 2024 waren es rund 227.000 beziehungsweise 47 Prozent.
Nach den Koordinierungsregeln der EU werden Versicherungszeiten aus mehreren Mitgliedstaaten zusammengerechnet, um einen Rentenanspruch festzustellen. Üblicherweise zahlt anschließend jedes Land den Anteil, der den dort zurückgelegten Versicherungszeiten entspricht. Ein Nichtansässiger mit Luxemburger Beitragszeiten besitzt dabei dieselben Rentenrechte wie ein Ansässiger. Ende 2024 hatten laut CNAP 60,8 Prozent der Begünstigten eine solche gemischte Versicherungslaufbahn.
Die Fallzahl sagt wenig über den Geldfluss
Obwohl im Dezember 2024 bereits 51,6 Prozent der Rentenfälle dem Ausland zugeordnet waren, floss dorthin nicht die Mehrheit der Mittel. Von insgesamt €6,805 Milliarden Rentenausgaben gingen €2,250 Milliarden beziehungsweise 33,06 Prozent ins Ausland. €4,555 Milliarden blieben in Luxemburg. Bei gemischten Erwerbsbiografien deckt die Luxemburger Rente häufig nur einen Teil des Berufslebens ab und fällt entsprechend niedriger aus als eine vollständig im Großherzogtum erworbene Rente.
Grenzgänger finanzieren das System während ihrer Beschäftigung zugleich über Beiträge mit. Ihr ausländischer Wohnsitz schwächt die laufende Finanzierung daher nicht an sich; der langjährige Zustrom von Arbeitskräften hat vielmehr die Beitragsbasis verbreitert. Belastend wird die Entwicklung, wenn die Rentenzahl schneller wächst als die Beschäftigung. 2024 stieg die durchschnittliche Zahl der Renten um 4,4 Prozent, jene der Beitragszahler dagegen nur um 1,1 Prozent. Auf 100 Beitragszahler kamen damit durchschnittlich 44,7 Renten.
Der allgemeine Rententopf verfügt weiterhin über einen erheblichen Puffer. Seine Reserve wuchs von €30,67 Milliarden Ende 2024 auf rund €32 Milliarden Ende 2025. Gemessen an den jährlichen Leistungen sank die Reichweite jedoch von 4,39 auf 4,24 Jahre; gesetzlich vorgeschrieben sind mindestens 1,5 Jahre. Zugleich stieg der reine Umlagebeitragssatz von 23,11 Prozent im Jahr 2024 auf 23,7 Prozent im Jahr 2025.
Die Reform verschafft Zeit, beendet die Debatte aber nicht
Seit dem 1. Januar 2026 beträgt der gesamte Beitragssatz 25,5 statt zuvor 24 Prozent. Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Staat tragen jeweils 8,5 Prozent. Das gesetzliche Rentenalter bleibt bei 65 Jahren. Für einen der Wege in die vorzeitige Rente wird die erforderliche Versicherungszeit ab Juli 2026 schrittweise verlängert – bis 2030 um insgesamt acht Monate. Nach Darstellung der Regierung stabilisiert das Paket das System bis 2042 und erhält die Reserven bis 2050.
Premierminister Luc Frieden bezeichnete das Rentensystem als „eine soziale Errungenschaft, die wir bewahren und für künftige Generationen garantieren müssen“. Internationale Institutionen beurteilen den längerfristigen Handlungsbedarf zurückhaltender. Im Mai 2026 nannte der Internationale Währungsfonds die Reform zeitgerecht, hielt für die dauerhafte Tragfähigkeit jedoch weitere Maßnahmen für erforderlich. Die OECD hatte zuvor einen Anstieg der Rentenausgaben zwischen 2024 und 2050 um ungefähr drei Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts prognostiziert.
Die Auslandsmehrheit bei den Rentenfällen ist damit weniger ein unmittelbarer finanzieller Alarm als das zeitversetzte Ergebnis eines Arbeitsmarktes, der seit Jahrzehnten weit über die Landesgrenzen hinausreicht. Sie zeigt zugleich, wie viele künftige Ansprüche Luxemburgs Beschäftigungsmodell in vier Ländern entstehen lässt.
Häufig gefragt
- Leben inzwischen die meisten Luxemburger Rentner im Ausland?
- Das lässt sich aus der Statistik nicht ableiten. Gezählt werden laufende Rentenfälle; eine Person kann mehrere Rentenleistungen beziehen. Die 51,6 Prozent beziehen sich daher nicht auf individuelle Begünstigte.
- Fließt nun mehr Luxemburger Rentengeld ins Ausland als ins Inland?
- Nein. 2024 gingen €2,250 Milliarden oder 33,06 Prozent ins Ausland, während €4,555 Milliarden in Luxemburg blieben. Auch 2025 entfielen von insgesamt €7,36 Milliarden rund €4,8 Milliarden auf Einwohner.
- Warum gibt es so viele Rentenfälle im Ausland?
- Luxemburg beschäftigt seit Jahrzehnten zahlreiche Grenzgänger. Nach EU-Regeln zahlt jedes Land üblicherweise den proportionalen Rentenanteil für die dort zurückgelegten Versicherungszeiten.
- Wie wurde das Rentensystem 2026 reformiert?
- Seit dem 1. Januar 2026 liegt der Beitragssatz bei 25,5 Prozent, zu gleichen Teilen getragen von Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Staat. Das Rentenalter bleibt 65; eine Regelung zur vorzeitigen Rente wird schrittweise verschärft.
Quellen(16)
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- 5Assurance pensionInspection générale de la sécurité sociale · igss.gouvernement.lu
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- 16The financing of the CNAPCaisse nationale d’assurance pension · cnap.public.lu



