Kulturpolitik
Eine Stimme, ein Krieg: Netrebkos Auftritt zwingt Luxemburg zur Stellungnahme
Das ausverkaufte Konzert der Sopranistin Anna Netrebko in der Philharmonie löste einen ukrainischen Protest aus – und nötigte das Großherzogtum, in einer ungelösten europäischen Debatte Farbe zu bekennen.
Von Tom Schmit · · 4 Min. Lesezeit

Ausverkauft war der Saal längst, als die diplomatische Note eintraf. Fünf Tage vor dem Konzert, am 11. Juni, bat die Botschaft der Ukraine in Belgien und Luxemburg die Behörden des Großherzogtums, die Umstände des Abends noch einmal zu prüfen. Geändert hat das nichts: Am Montag, dem 15. Juni 2026, betrat die russisch-österreichische Sopranistin Anna Netrebko um 19.30 Uhr die Bühne des Grand Auditorium der Philharmonie Luxemburg. Was als Liederabend angekündigt war, war da längst zu einer Frage geworden, die weit über die Musik hinausreichte.
Das Programm selbst hätte für eine Sängerin von Netrebkos Rang kaum Anlass zur Aufregung geboten: rund 100 Minuten mit Arien und Kunstliedern von Cilea, Rimski-Korsakow, Strauss, Rachmaninow, Delibes, Tschaikowsky, Dvořák, Leoncavallo, Bellini, Offenbach und Arditi, am Flügel begleitet von Pavel Nebolsin, an der Seite der Mezzosopranistin Elena Maximova und des Geigers Kurt Mitterfellner. Die Karten kosteten zwischen 66 und 138 Euro – 66 Euro in Kategorie III, 138 Euro im Premiumbereich – und waren laut lokaler Berichterstattung bereits am 10. Juni vergriffen. Zum nationalen Streitfall wurde der Abend nicht wegen der Noten, sondern wegen des Namens auf dem Plakat.
Der Einwand aus Kiew
In ihrer Erklärung warf die ukrainische Vertretung Netrebko vor, sie sei „seit vielen Jahren öffentlich mit dem politischen und kulturellen Establishment der Russischen Föderation verbunden“. Sie habe Wladimir Putin in dessen Präsidentschaftskampagnen unterstützt, Staatsauszeichnungen von ihm entgegengenommen und an Initiativen mitgewirkt, die staatlich gestützte kulturelle Narrative befördern. Solange Russland weiter ukrainische Städte angreife, werde die Zusammenarbeit mit russischen Künstlern, die sich einer klaren Haltung zum Vorgehen ihres Staates enthielten, von Ukrainern als zutiefst schmerzhaft empfunden.
„Zu einer Zeit, in der die Ukraine weiterhin ihre Souveränität, ihre territoriale Integrität und die Grundsätze des Völkerrechts verteidigt, während ukrainische Zivilisten weiterhin unter täglichen Angriffen leiden, wirft die Förderung von Vertretern des russischen Kulturestablishments auf prestigeträchtigen internationalen Bühnen ernste ethische und reputationsbezogene Bedenken auf.“
Der Appell wog umso schwerer, als er in einen heiklen Moment fiel: Kiew trieb gerade sein Gesuch um Aufnahme in die Europäische Union voran. Dass ein russischer Star ausgerechnet in einer EU-Hauptstadt gefeiert wurde, während die Ukraine den Beitritt zu eben diesem Club anstrebte, verlieh dem Protest zusätzliche Brisanz.
Luxemburgs Antwort: eine Sache des Hauses
Die luxemburgischen Institutionen weigerten sich, aus dem Konzert eine Staatsangelegenheit zu machen. Die Philharmonie, die sich gegenüber dem Luxemburger Wort äußerte, verstand sich als „Ort des Dialogs“ und erklärte, die Wahl Netrebkos „stellt kein politisches Statement dar“. Das Haus verwies darauf, dass sich die Sopranistin 2022 in den sozialen Medien gegen die russische Großinvasion ausgesprochen habe – Putin allerdings nie ausdrücklich verurteilte – und dass man ebenso ukrainisches Kulturprogramm gezeigt habe, etwa im Rahmen der UA Days.
Die Regierung hielt sich bewusst zurück. Das Außenministerium teilte mit, die Angelegenheit „betrifft eher den Programminhalt als politische Erwägungen“, und empfahl, sich „direkt an die Philharmonie“ zu wenden. Das Kulturministerium verwies die Anfragen ebenfalls an das Haus. Die Botschaft lautete sinngemäß: Über das künstlerische Programm entscheidet die Konzerthalle, nicht das Kabinett.
Ein Kontinent ohne gemeinsame Linie
Damit reiht sich Luxemburg in einen Riss ein, der seit Februar 2022 durch das europäische Kulturleben verläuft. Nach dem Einmarsch stand Netrebkos westliche Karriere vor dem Aus: Die Metropolitan Opera in New York trennte sich von ihr, nachdem sie sich geweigert hatte, Putin loszusagen; sie setzte ihre Auftritte aus und kehrte binnen Monaten auf europäische Bühnen zurück. Später verklagte sie die Met. Ein Schiedsspruch sprach ihr 2023 rund 200.000 Dollar für einige abgesagte Vorstellungen zu; ihre weitergehende Bundesklage, die Diskriminierung wegen der nationalen Herkunft und Verleumdung geltend macht, fordert mindestens 360.000 Dollar.
Seither sind Häuser und Städte zu gegensätzlichen Schlüssen gekommen:
- Luzern, 2024: Das KKL sagte ein geplantes Konzert ab und berief sich auf die „öffentliche Wahrnehmung“ der Solistin, ihre Nähe zu Putin sowie das Risiko von „Schaden und Reputationsrisiken“; die Stadtregierung teilte ihre Haltung schriftlich mit, die Entscheidung traf das KKL.
- Berlin, 2023: Ihr Auftritt an der Staatsoper rief Proteste auf der Straße hervor.
- London, 2025: Ab September sang sie die Tosca am Royal Opera House; am Premierenabend demonstrierten rund 50 Menschen mit Schildern wie „While Netrebko sings, Ukraine bleeds“. Einen offenen Brief, der das Haus zur Rücknahme der Einladung aufforderte, unterzeichneten unter anderem der erste stellvertretende ukrainische Außenminister Serhij Kyslyzja, der Schriftsteller Andrij Kurkow und die frühere neuseeländische Premierministerin Helen Clark.
Ihre Tournee 2026 führte durch Italien, Ungarn, das Vereinigte Königreich, Österreich, Deutschland, Spanien – und nach Luxemburg. An jeder Station wiederholt sich dasselbe Patt: Die Veranstalter deuten ein Engagement als künstlerische Entscheidung, ukrainische Diplomaten und Aktivisten als Mittäterschaft.
Warum ein einziges Engagement zählt
Netrebkos Verteidiger verweisen darauf, dass sie seit 2022 nicht mehr in Russland aufgetreten ist, sich vom Krieg distanziert habe und dass die Bestrafung von Künstlern für ihre Herkunft einen gefährlichen Präzedenzfall schaffe. Ihre Kritiker halten dagegen, sie sei jahrelang ein sichtbares Aushängeschild des Putin'schen Russlands gewesen, habe nie klar mit dem Mann gebrochen, der sie auszeichnete, und Prestigebühnen verliehen eine Legitimität, die sich mit Propaganda nicht kaufen lasse.
Luxemburg, ein Land, das sich im Krieg klar hinter Kiew gestellt hat, behandelte den Liederabend als Frage der Programmgestaltung, nicht der Politik – und überließ das moralische Urteil dem Publikum. Als im Grand Auditorium das Licht wieder anging, hatte das Engagement geleistet, was ein einzelnes Konzert selten vermag: Es zwang eine kleine Nation, öffentlich zu benennen, wo für sie die Grenze zwischen der Kunst und dem Staat verläuft, dem eine Künstlerin einst diente.
Häufig gefragt
- Warum protestierte die Ukraine gegen das Konzert?
- Die ukrainische Botschaft sieht Netrebko seit Jahren öffentlich mit dem politischen und kulturellen Establishment Russlands verbunden: Sie habe Putin in Wahlkämpfen unterstützt, Staatsauszeichnungen erhalten und an staatlich gestützten Kulturinitiativen mitgewirkt. Die Förderung russischer Kulturvertreter auf internationalen Bühnen werfe ethische und reputationsbezogene Bedenken auf.
- Wie reagierten die Philharmonie und die Regierung?
- Die Philharmonie bezeichnete sich als „Ort des Dialogs“ und erklärte, die Wahl Netrebkos sei „kein politisches Statement“. Das Außenministerium nannte die Frage eher eine Sache des Programminhalts als politischer Erwägungen und verwies, ebenso wie das Kulturministerium, direkt an das Konzerthaus.
- Wie wurde Netrebko andernorts behandelt?
- Die Metropolitan Opera trennte sich 2022 von ihr; ein Schiedsspruch sprach ihr 2023 rund 200.000 Dollar zu, sie klagt auf mindestens 360.000 Dollar. Luzern sagte 2024 ein Konzert ab, in Berlin (2023) und London (2025) gab es Proteste.
- Tritt Netrebko noch in Russland auf?
- Nein. Netrebko, 1971 in Krasnodar geboren und russische sowie österreichische Staatsbürgerin, ist seit 2022 nicht mehr in Russland aufgetreten.
Quellen(11)
- 1Ukraine urges Luxembourg authorities to reconsider plans for performance by pro-Putin opera singer Anna NetrebkoEuropean Pravda / Eurointegration · eurointegration.com.ua
- 2When Ukraine takes key step toward Europe, Russian star will be performing next doorThe Kyiv Independent · kyivindependent.com
- 3Ukraine urges Luxembourg authorities to reconsider pro-Putin opera singer Netrebko's performanceYahoo News / Ukrainska Pravda · yahoo.com
- 4Anna Netrebko | 15.06.2026 19:30 | Philharmonie LuxembourgPhilharmonie Luxembourg · philharmonie.lu
- 5Concert d'Anna Netrebko au Luxembourg: l'Ukraine monte au créneauL'essentiel · lessentiel.lu
- 6Lucerne Government Explains Why it Canceled Anna Netrebko's ConcertOperaWire · operawire.com
- 7Anna Netrebko: Lucerne cancels concert of Russian sopranoSWI swissinfo.ch · swissinfo.ch
- 8Protestors Gather at Royal Opera House to Oppose Anna Netrebko AppearanceThe Violin Channel · theviolinchannel.com
- 9Toxic Tosca? Ukraine Fumes As Russian Soprano Netrebko Prepares To Perform In LondonRFE/RL · rferl.org
- 10Berlin protesters condemn Russian soprano Netrebko's opera performanceBBC News · feeds.bbci.co.uk
- 11Soprano Anna Netrebko Sues The Metropolitan OperaThe Violin Channel · theviolinchannel.com
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