Soziale Sicherung

Pflegeversicherung: Hohe Reserve, sinkender Überschuss

Luxemburgs Pflegeversicherung bleibt deutlich im Plus. Doch der Überschuss sinkt, während mehr Leistungsbezieher und knappe Fachkräfte die Ausgaben treiben.

Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Leerer Rollstuhl neben einem Pflegewagen in einer stationären Langzeitpflegeeinrichtung in Luxemburg
Illustratives, KI-generiertes Bild eines leeren Rollstuhls und eines Pflegewagens in einer Luxemburger Langzeitpflegeeinrichtung. Illustration: KI-generiert — Status

Die eindrucksvollste Zahl steht in der Bilanz: 610,1 Millionen Euro lagen Ende 2025 in der Gesamtreserve der Luxemburger Pflegeversicherung. Für ihre finanzielle Entwicklung ist jedoch eine andere Zahl aufschlussreicher. Der Überschuss aus dem laufenden Geschäft sank binnen eines Jahres von 80,7 auf 48,3 Millionen Euro. Die Absicherung bleibt komfortabel, ihre jährliche Verstärkung fällt aber deutlich schwächer aus.

Der Verwaltungsrat der Caisse nationale de santé (CNS) prüfte die abgeschlossenen Konten am 15. Juli 2026. Sie weisen laufende Einnahmen von 1,13 Milliarden Euro und laufende Ausgaben von 1,08 Milliarden Euro aus. Das Ergebnis übertraf sowohl den ursprünglichen Haushaltsansatz von 34,3 Millionen Euro als auch die spätere Schätzung von 40,1 Millionen Euro. Die CNS erklärte: „Der Abschluss des Haushaltsjahres 2025 bestätigt kurzfristig die solide Finanzlage der Pflegeversicherung.“

Viel Substanz, aber weniger jährlicher Spielraum

Die Gesamtreserve entsprach Ende 2025 genau 56,4 Prozent der jährlichen laufenden Ausgaben. Sie setzte sich aus der gesetzlichen Mindestreserve von 108,2 Millionen Euro und angesammelten Überschussreserven von 501,9 Millionen Euro zusammen. Damit verfügt das System über einen erheblichen Puffer. Der Rückgang des laufenden Saldos zeigt allerdings, dass der Bestand der Reserve und die Entwicklung der jährlichen Finanzströme getrennt betrachtet werden müssen.

Für 2026 veranschlagt der CNS-Haushalt nur noch einen laufenden Überschuss von 27,7 Millionen Euro. Die Ausgaben sollen um 5,0 Prozent wachsen, die Einnahmen dagegen lediglich um 3,8 Prozent. Auf der Einnahmenseite beruht die Prognose auf einem Beschäftigungswachstum von 1,5 Prozent, einer Erhöhung der gleitenden Lohnskala um 1,87 Prozent und einem Zuwachs des durchschnittlichen beitragspflichtigen Einkommens um 0,8 Prozent.

Auf der Ausgabenseite wird mit deutlich mehr Pflegebedarf gerechnet. Die Zahl der Leistungsbezieher in der häuslichen Pflege soll um 4,7 Prozent steigen, jene in stationären Einrichtungen um 1,9 Prozent. Hinzu kommen längerfristige Belastungen durch Alterung, chronische Erkrankungen, ausgehandelte Preise der Leistungsanbieter und den Personalbedarf der Pflege.

„Die künftigen Bedürfnisse unserer Versicherten dürfen jedoch nicht unterschätzt werden.“ — José Balanzategui, Präsident des CNS-Verwaltungsrats

Die Finanzierung stützt sich weiterhin vor allem auf den Beitrag der Versicherten von 1,4 Prozent und eine staatliche Zahlung in Höhe von 40 Prozent der Gesamtausgaben. Ergänzend fließt eine Abgabe aus dem Energiesektor. Ein verifizierter öffentlicher Vorschlag zur Anhebung des Beitragssatzes von 1,4 Prozent liegt nicht vor.

Für ein Defizit gibt es bislang kein belastbares Datum

Aus den jüngsten veröffentlichten Haushaltsunterlagen lässt sich kein erstes Defizitjahr ableiten. Der Haushalt 2025 bezeichnete das System bis 2028 als stabil. Die neuere öffentliche Prognose reicht hingegen nur bis 2026 und weist für dieses Jahr weiterhin einen Überschuss aus. Die Behauptung, die Pflegeversicherung werde in einem bestimmten späteren Jahr ins Minus geraten, wäre daher durch die geprüften Quellen nicht gedeckt.

Der begrenzte Prognosezeitraum ändert nichts an den strukturellen Signalen. Daten der Inspection générale de la sécurité sociale (IGSS) zeigen, dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen zuletzt schneller gewachsen ist als die geschützte Bevölkerung insgesamt. Im Jahr 2024 lebten 68 Prozent der Leistungsbezieher zu Hause. Damit gewinnt gerade jener Bereich an Bedeutung, dessen Ausbau stark von ausreichend verfügbarem Personal abhängt.

Die IGSS-Analyse von 2025 hält fest, dass Anbieter nicht immer über genügend Vollzeitäquivalente verfügen, um sämtliche Stunden zu leisten, die den geltenden Erstattungsstufen zugrunde liegen. Vertreter der Leistungserbringer und Regierungsunterlagen verweisen ebenfalls auf Engpässe sowie darauf, dass für bestimmte Aufgaben der Grundpflege zu häufig höher qualifiziertes Personal eingesetzt wird.

  • Laufender Überschuss 2025: 48,3 Millionen Euro nach 80,7 Millionen Euro im Jahr 2024.
  • Gesamtreserve Ende 2025: 610,1 Millionen Euro beziehungsweise 56,4 Prozent der laufenden Jahresausgaben.
  • Prognose für 2026: 27,7 Millionen Euro Überschuss bei schneller steigenden Ausgaben.
  • Nachgewiesenes erstes Defizitjahr: keines innerhalb des veröffentlichten Prognosezeitraums.

Reformen setzen bei Leistungen und Vergütung an

Der Koalitionsvertrag verspricht eine nachhaltige Finanzierung, eine Überprüfung des Leistungskatalogs sowie mehr Unterstützung für die Pflege zu Hause und im familiären Umfeld. Auch die Palliativversorgung soll verbessert werden. Konkreter als die Finanzierungsdebatte sind bislang mehrere Vorhaben zur Abgrenzung und Vergütung von Leistungen.

Die IGSS empfahl 2025, die Referenzzeiten in den ersten drei Erstattungsstufen der häuslichen Pflege zu senken: von 125 auf 106 Minuten, von 280 auf 264 Minuten und von 420 auf 414 Minuten. Für die Stufen der stationären Pflege schlug sie keine Anpassung vor. Hintergrund ist die Feststellung, dass die in den bestehenden Stufen abgebildeten Stunden wegen fehlender Vollzeitäquivalente nicht durchgehend erbracht werden können.

Ein weiteres Vorhaben betrifft die Verwaltung und Verabreichung von Medikamenten durch stationäre Einrichtungen und ambulante Pflegenetze. Diese Leistungen werden derzeit über Heimkosten oder Rechnungen der Anbieter an die Nutzer weitergegeben. Künftig soll ihre Finanzierung über die CNS erfolgen. Gesundheits- und Sozialministerin Martine Deprez erklärte im Dezember 2025, die Arbeiten beträfen Anspruchsvoraussetzungen, Zuweisung und Erstattungsmodalitäten; ein Vorentwurf werde vorbereitet. Ob der angekündigte Entwurf anschließend eingebracht wurde, lässt sich aus den geprüften Quellen nicht verifizieren.

Der damalige CNS-Verwaltungsratspräsident Christian Oberlé formulierte den Handlungsauftrag so: „Es ist wesentlich, bereits jetzt in vielversprechende Initiativen in den Bereichen Prävention, Digitalisierung und Effizienz zu investieren.“ Die Zahlen für 2025 signalisieren keine akute Finanzierungskrise. Sie eröffnen vielmehr einen begrenzten Zeitraum, in dem Leistungsversprechen, Einnahmebasis und personelle Kapazitäten gemeinsam neu austariert werden können.

Häufig gefragt

Wie hoch war der Überschuss der Pflegeversicherung 2025?
Der Überschuss aus dem laufenden Geschäft betrug 48,3 Millionen Euro. Im Jahr 2024 waren es noch 80,7 Millionen Euro.
Wie groß war die Reserve Ende 2025?
Die Gesamtreserve erreichte 610,1 Millionen Euro beziehungsweise 56,4 Prozent der jährlichen laufenden Ausgaben. Davon entfielen 108,2 Millionen Euro auf die gesetzliche Mindestreserve und 501,9 Millionen Euro auf angesammelte Überschussreserven.
Wann wird die Pflegeversicherung erstmals ein Defizit ausweisen?
Ein konkretes Defizitjahr ist nicht verifiziert. Der Haushalt 2025 bezeichnete das System bis 2028 als stabil; die neuere öffentliche Prognose reicht nur bis 2026 und weist noch einen Überschuss aus.
Soll der Beitragssatz von 1,4 Prozent steigen?
Ein verifizierter öffentlicher Vorschlag zur Erhöhung des Beitragssatzes wurde nicht angekündigt. Die Finanzierung beruht weiterhin vor allem auf dem Beitrag von 1,4 Prozent, der staatlichen Zahlung von 40 Prozent der Gesamtausgaben und einer Abgabe aus dem Energiesektor.
Quellen(10)
  1. 1Les comptes de l’assurance dépendance sont dans le vertLe Quotidien · lequotidien.lu
  2. 2Assurance dépendance: Un solde positif en 2025, mais des signaux à surveiller au LuxembourgRTL Infos · infos.rtl.lu
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