Öffentlicher Dienst

Der Staat sucht Fachkräfte – und räumt eigene Hürden aus dem Weg

Neue Sprachvorgaben und flexiblere Prüfungen sollen den Bewerberkreis vergrößern. Ein allgemeines Gehaltsproblem lässt sich aus den Daten nicht ableiten.

Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Tower A, Sitz des Ministeriums für den öffentlichen Dienst, auf dem Kirchberg in Luxemburg-Stadt
Tower A mit dem Ministerium für den öffentlichen Dienst auf dem Kirchberg in Luxemburg-Stadt. Illustrative KI-Darstellung. Illustration: KI-generiert — Status

Wer sich künftig für den Luxemburger Staatsdienst interessiert, soll nicht mehr zunächst eine allgemeine Prüfung auf Vorrat ablegen. Ab dem 15. September 2026 steht am Anfang die Bewerbung auf eine konkrete Stelle; erst danach folgt der allgemeine Eignungstest. Termine werden nicht mehr auf zwei Prüfungsperioden im Jahr beschränkt, sondern werktags angeboten.

Das Parlament verabschiedete die beiden Reformen am 8. Juli 2026. Auch die Sprachprüfungen werden digitalisiert und können entweder beim Centre de gestion du personnel et de l’organisation, kurz CGPO, oder aus der Ferne abgelegt werden. Damit beseitigt die Regierung Verfahrensschritte, die Bewerbungen verzögern oder ganz verhindern können.

Der Handlungsdruck ist beträchtlich. Der Staat konkurriert bei IT-Fachkräften, Juristen, Lehrern, Erziehern und Ingenieuren mit privaten Arbeitgebern. Berichte nennen zusätzlich das Gesundheitswesen, den Finanzsektor und die Baubranche; besonders angespannt ist die Lage in der IT.

3.500 Stellen sind keine aktuelle Ausschreibungsliste

Im März 2025 bezifferte Beamtenminister Serge Wilmes die Zahl der unbesetzten Positionen auf rund 3.500. Davon entfielen 2.000 auf neu bewilligte Stellen und 1.500 auf Nachbesetzungen. Die Zahl beschreibt jedoch eine breite haushalterische Bestandsaufnahme und nicht 3.500 gleichzeitig ausgeschriebene Arbeitsplätze.

Auf GovJobs waren zu diesem Zeitpunkt lediglich 375 Stellen veröffentlicht. Bei einem Teil der Nachbesetzungen hatte die Rekrutierung noch gar nicht begonnen. Die große Zahl darf daher weder als tagesaktueller Leerstand noch als unmittelbarer Beleg für 3.500 personell verwaiste Funktionen verstanden werden.

Gleichzeitig ist die staatliche Beschäftigung stark gewachsen. Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten des Zentralstaats stieg von 24.289 im Jahr 2016 auf 34.497 im Jahr 2024 – ein Plus von 42 Prozent. Der Personalbedarf nimmt also zu, während geeignete Bewerber für bestimmte Fachgebiete knapp bleiben.

„Wie der Arbeitsmarkt insgesamt ist auch der Staat stark vom Fachkräftemangel betroffen.“ — Serge Wilmes, Minister für den öffentlichen Dienst

Die Engpässe konzentrieren sich auf mehrere Berufsfelder:

  • Digitalisierung: IT-Fachkräfte sind besonders schwer zu gewinnen.
  • Recht und Finanzen: Gesucht werden unter anderem Juristen sowie erfahrene Steuer- und Finanzfachleute.
  • Bildung und Betreuung: Lehrer und Erzieher gehören zu den schwer zu besetzenden Profilen; Berichte verweisen zudem auf das Gesundheitswesen.
  • Technik und Bau: Auch Ingenieure sowie Fachkräfte im Bauwesen sind knapp.

Wie konkret der Mangel ausfallen kann, zeigt die Steuerverwaltung. Nach Angaben aus der Behörde wurden 2023 lediglich 97 von 187 offenen Stellen besetzt. Als Schwierigkeiten wurden der Wettbewerb um erfahrene Steuer- und IT-Spezialisten sowie die sprachlichen Anforderungen genannt.

Weniger Sprachhürde, weiterhin drei Verwaltungssprachen

Gerade die Mehrsprachigkeit begrenzt den Bewerberkreis auf eine Weise, die private Konkurrenten nicht in jedem Fall trifft. Für Stellen der Kategorie A galt bislang eine Abstufung von C1 in der ersten, B2 in der zweiten und B1 in der dritten Verwaltungssprache.

Das neue Gesetz vereinheitlicht die Anforderungen: Künftig genügt B2 in der ersten Verwaltungssprache sowie jeweils B1 in den beiden anderen. Die Reform schafft die Dreisprachigkeit somit nicht ab. Sie senkt vielmehr das höchste geforderte Niveau und erleichtert qualifizierten Spezialisten den Zugang, deren fachliche Eignung nicht mit fortgeschrittenen Kenntnissen in allen drei Sprachen einhergeht.

Welche abschreckende Wirkung schon die vermuteten Anforderungen haben können, schilderte Virginie Poncin, Kommunikationsexpertin beim CGPO: „Lange Zeit wagte ich es nicht, mich auf Stellen im öffentlichen Dienst zu bewerben, weil ich der Ansicht war, dass mein Luxemburgisch nicht gut genug sei.“

Die Digitalisierung der Sprachtests und die werktäglichen Termine für den Eignungstest zielen auf ein zweites Problem: den Aufwand des Verfahrens. Wer eine gefragte Qualifikation besitzt, hat häufig mehrere berufliche Optionen. Lange Wartezeiten und vorgelagerte Prüfungen können dann bereits vor der eigentlichen Auswahl zum Wettbewerbsnachteil werden.

Hohe Bezahlung löst das Spezialistenproblem nicht

Für einen allgemeinen Gehaltsnachteil des Staates liefern die verfügbaren Daten keinen Beleg. Von RTL veröffentlichte und auf IGSS-Daten gestützte Zahlen beziffern das monatliche Bruttomedianeinkommen 2025 im öffentlichen Sektor auf 9.313 Euro. Im Privatsektor waren es 4.584 Euro.

Diese Werte sind kein Vergleich gleichartiger Tätigkeiten. Altersstruktur, Ausbildung, Berufe und Dienstalter unterscheiden sich zwischen beiden Beschäftigtengruppen. Sie sprechen aber gegen die pauschale Erklärung, wonach unbesetzte Stellen im Staatsdienst generell auf zu niedrige Löhne zurückzuführen seien. Hinzu kommen Gehaltsanhebungen von 2 Prozent für 2025 sowie weiteren 0,5 Prozent ab Januar 2026.

Auch private Unternehmen können ihren Bedarf nur schwer decken. In der Erhebung der Handelskammer für das erste Halbjahr 2026 gaben 91 Prozent der befragten Betriebe an, in den vorangegangenen zwei Jahren Personal gesucht zu haben. Von diesen Unternehmen berichteten 90 Prozent über Schwierigkeiten. Genannt wurden vor allem eine fehlende Übereinstimmung zwischen vorhandenen und benötigten Kompetenzen, die Gehaltsvorstellungen der Kandidaten und unzureichende Qualifikationen.

ADEM meldete trotz gestiegener Arbeitslosigkeit weiterhin Rekrutierungsprobleme. Auch die OECD zählt IT, Finanzen, Ingenieurwesen, Pflege und Bau zu den Bereichen mit hoher Nachfrage. Staat und Wirtschaft greifen damit in wesentlichen Feldern auf denselben begrenzten Fachkräftepool zu.

Reform gegen Reibungsverluste

Ein direkter Vergleich der Vakanzquoten ist nicht möglich. Die jährliche Stellenanalyse von ADEM schließt die öffentlichen NACE-Kategorien O und P aus, weil für sie nicht dieselbe Meldepflicht gilt. Die 3.500 staatlichen Positionen und privatwirtschaftliche Vakanzdaten dürfen deshalb nicht wie unmittelbar vergleichbare Kennzahlen behandelt werden.

Ebenso bedeutet nicht jede unbesetzte, haushalterisch bewilligte Stelle bereits einen Ausfall staatlicher Leistungen. Dauerhafte Lücken in Steuerverwaltung, IT, Bildung, Gesundheit und Ingenieurwesen erhöhen jedoch das betriebliche Risiko, wenn wachsende Aufgaben mit zu wenig erfahrenem Personal bewältigt werden müssen.

Die Reform setzt folglich dort an, wo der Staat selbst Einfluss hat: bei Zugangsvoraussetzungen, Prüfungsterminen und Verfahrensdauer. „Mit diesen neuen Maßnahmen stärkt der öffentliche Dienst seine Fähigkeit, die Talente zu identifizieren und einzustellen, die er benötigt“, erklärte Wilmes. Die Daten sprechen dabei eher für knappe Spezialistenerfahrung, mehrsprachige Zulassungshürden und Reibungsverluste bei der Rekrutierung als für ein flächendeckendes Gehaltsdefizit.

Häufig gefragt

Was ändert sich ab dem 15. September 2026 bei Bewerbungen für den Staatsdienst?
Kandidaten bewerben sich zuerst auf eine konkrete Stelle und legen anschließend den allgemeinen Eignungstest ab. Dieser wird werktags statt nur in zwei jährlichen Prüfungsperioden angeboten; Sprachtests finden digital beim CGPO oder aus der Ferne statt.
Welche Sprachniveaus gelten künftig?
Gefordert werden B2 in der ersten Verwaltungssprache und jeweils B1 in den beiden anderen. Damit entfällt für Stellen der Kategorie A die bisherige Abstufung C1/B2/B1.
Sind tatsächlich 3.500 Stellen gleichzeitig ausgeschrieben?
Nein. Die Zahl umfasste rund 2.000 neu bewilligte Stellen und 1.500 Nachbesetzungen. Damals waren lediglich 375 Stellen auf GovJobs veröffentlicht, und bei einigen Nachbesetzungen hatte die Rekrutierung noch nicht begonnen.
Verdient der Staatsdienst generell zu wenig?
Dafür gibt es keinen allgemeinen Beleg. Das Bruttomedianeinkommen lag 2025 laut IGSS-gestützten Zahlen im öffentlichen Sektor bei 9.313 Euro und im Privatsektor bei 4.584 Euro; die Werte sind wegen unterschiedlicher Berufs- und Beschäftigtenstrukturen jedoch nicht direkt vergleichbar.
Quellen(16)
  1. 1La Fonction publique repense son parcours de recrutementGovernment of Luxembourg · gouvernement.lu
  2. 2Projet de loi n°8582 — RésuméChamber of Deputies · wdocs-pub.chd.lu
  3. 3Luxembourg civil service has 3,500 unfilled posts amid struggle to recruitLuxembourg Times · luxtimes.lu
  4. 4Luxembourg : 3 500 postes sont disponibles dans la Fonction publiqueLe Quotidien · lequotidien.lu
  5. 5En 2025, l’État cherche 1.500 nouveaux talentsChamber of Deputies · chd.lu
  6. 6Contrôle de la connaissance des trois langues administratives dans le secteur étatiqueLuxembourg Civil Service Portal · fonction-publique.public.lu
  7. 7Oui, on peut devenir fonctionnaire sans maîtriser les trois languesRTL Infos · infos.rtl.lu
  8. 8Baromètre de l'économie — 1er semestre 2026Luxembourg Chamber of Commerce · cc.lu
  9. 9Rapport annuel 2024 de l’ADEMADEM · adem.public.lu
  10. 10L'ADEM renforce ses actions pour soutenir un marché de l'emploi en pleine mutationADEM · adem.gouvernement.lu
  11. 11OECD Economic Surveys: Luxembourg 2025OECD · oecd.org
  12. 12Salary comparison tool: Do you earn a good salary in Luxembourg?RTL Today · today.rtl.lu
  13. 13+2,5% pour le point indiciaire d’ici janvier 2026 dans la Fonction publiqueChamber of Deputies · chd.lu
  14. 14Hiring at tax office improves but still missing targetLuxembourg Times · luxtimes.lu
  15. 15External analysis: Luxembourg's tax administration lacks staff, says external reportRTL Today · today.rtl.lu
  16. 16Inauguratioun vum Tuerm A um KierchbiergRTL Lëtzebuerg · rtl.lu

navigierenöffnenescschließen