Unionsfraktion
Nach Spahns Rücktritt muss die Union ihre Schaltstelle im Bundestag neu besetzen
Die Nachfolge an der Spitze der CDU/CSU-Fraktion wird zum ersten Belastungstest vor dem Reformherbst. Formal bleibt die Koalitionsmehrheit bestehen, politisch wächst der Abstimmungsdruck.
Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

BERLIN — Mitten in der parlamentarischen Sommerpause muss die Union ihre wichtigste Führungsposition im Bundestag neu besetzen. Jens Spahn legte den Vorsitz der CDU/CSU-Fraktion am 18. Juli 2026 nieder. Sein Rücktritt verändert weder die Sitzverteilung noch die formale Mehrheit der Bundesregierung. Er trifft die Koalition jedoch an einer empfindlichen Stelle: Vor einem anspruchsvollen Reformherbst fehlt ihr vorerst derjenige, der die 208 Abgeordneten der größten Bundestagsfraktion zusammenhalten und belastbare Mehrheiten organisieren soll.
Auslöser war die anhaltende Kritik an der Entscheidung Spahns und seines Ehemanns, mithilfe einer Leihmutter in den Vereinigten Staaten Eltern zu werden. In Deutschland ist die Vermittlung von Leihmutterschaften verboten; die medizinische Mitwirkung ist nach dem Embryonenschutzgesetz strafbar. Zugleich berichtete Reuters, dass es nicht an sich rechtswidrig ist, ein im Ausland durch Leihmutterschaft geborenes Kind anschließend in Deutschland großzuziehen.
Eine private Entscheidung wird zur Amtsfrage
Die Auseinandersetzung richtete sich damit nicht allein auf die rechtliche Lage. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Spahns privates Handeln mit den politischen Maßstäben vereinbar war, die an den Vorsitzenden der Unionsfraktion angelegt wurden. In seiner Rücktrittserklärung setzte Spahn eine eindeutige persönliche Priorität:
„Meine Familie ist mir das Wichtigste.“ — Jens Spahn, scheidender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion
Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender Friedrich Merz stellte sich öffentlich hinter den Rücktritt. „Die Entscheidung ist richtig und unvermeidlich. Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut“, erklärte Merz. Damit war auch deutlich, dass sich die Debatte nicht mehr durch eine bloße politische Verteidigung Spahns eindämmen ließ.
Der abrupte Abgang wiegt zusätzlich schwer, weil Spahn erst am 5. Mai 2026 mit 86,5 Prozent für den verbleibenden Teil der Wahlperiode wiedergewählt worden war. Das Ergebnis hatte ihm eine klare innerfraktionelle Legitimation verschafft. Nur gut zehn Wochen später muss die Union nun nicht lediglich einen Personalwechsel vollziehen, sondern die Autorität an ihrer parlamentarischen Spitze neu begründen.
Spahns Schreiben bezog sich ausschließlich auf den Fraktionsvorsitz. Der Bundestag führte ihn am 19. Juli weiterhin als direkt gewählten Abgeordneten des Wahlkreises Steinfurt I–Borken I. Ein Verzicht auf das Mandat ist damit nicht verbunden. Auch seine Mitgliedschaft im CDU-Präsidium war nach den Angaben der Partei an die parlamentarische Führungsfunktion geknüpft und kein eigenständig gewähltes Parteiamt.
Hoffmann führt auf Zeit, die Fraktion entscheidet
Bis zur Wahl einer Nachfolge übernimmt Alexander Hoffmann, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe, die Aufgaben an der Fraktionsspitze. „Ich werde diese Fraktion so lange führen, bis ein neuer oder eine neue Vorsitzende gewählt ist“, sagte Hoffmann. Die Übergangslösung sichert zunächst die Arbeitsfähigkeit des gemeinsamen Verbandes von CDU und CSU, beantwortet aber noch nicht die Machtfrage.
Das weitere Verfahren hat zwei Ebenen. Erwartet wird zunächst eine Verständigung zwischen Merz und dem CSU-Vorsitzenden Markus Söder auf einen Vorschlag. Die Entscheidung liegt anschließend bei den Mitgliedern der CDU/CSU-Fraktion, die ihren neuen Vorsitz selbst wählen müssen. Möglich ist eine außerordentliche Sitzung während der Sommerpause. Ohne eine solche Zusammenkunft wäre die nächste reguläre Fraktionssitzung erst am 8. September.
Bis zum 19. Juli war keine formale Kandidatur bestätigt. Das ZDF nannte vier Politiker, über die diskutiert werde:
- Thorsten Frei
- Carsten Linnemann
- Alexander Dobrindt
- Günter Krings
Die Namensliste markiert zunächst nur das personelle Feld, nicht den Stand einer Kandidatenkür. Für Merz und Söder geht es deshalb um mehr als um Geschwindigkeit. Ihr Vorschlag muss in beiden Schwesterparteien anschlussfähig sein und in der Fraktion eine überzeugende Mehrheit erreichen. Eine lange offene Konkurrenz könnte bestehende Flügel- und Länderinteressen verschärfen; eine rasche Einigung müsste dagegen genügend Rückhalt besitzen, um nicht nur als Entscheidung der Parteizentralen zu erscheinen.
Die Mehrheit bleibt, das Mehrheitsmanagement wird schwieriger
Rechnerisch löst Spahns Rücktritt keine Koalitionskrise aus. Die CDU/CSU verfügt über 208 der insgesamt 630 Bundestagssitze und stellt damit die größte Fraktion. Gemeinsam mit den 120 Abgeordneten der SPD kommen die Regierungsparteien auf 328 Mandate. Diese formale Mehrheit bleibt unverändert. Sie ist allerdings knapp genug, dass Abweichler, Abwesenheiten und ungelöste Sachkonflikte bei einzelnen Abstimmungen erhebliches Gewicht erhalten können.
Genau darin liegt das unmittelbare politische Risiko des Führungswechsels. Die Fraktionsspitze muss Widerstände früh erkennen, Kompromisse mit dem Koalitionspartner absichern und dafür sorgen, dass Vereinbarungen im Plenum tatsächlich eine Mehrheit finden. Während der Übergangsphase liegt diese Aufgabe bei Hoffmann. Die dauerhafte politische Autorität dafür kann jedoch erst aus einer regulären Wahl und der Akzeptanz in CDU wie CSU entstehen.
Der Zeitdruck wächst mit der inhaltlichen Agenda. Die Koalition will ein Reformprogramm mit 34 Punkten umsetzen. Es umfasst Steuerentlastungen, Veränderungen bei den Renten, arbeitsrechtliche Regeln und den Abbau von Bürokratie. Das Rentenpaket soll noch bis Ende 2026 beschlossen werden. Jede dieser Materien berührt unterschiedliche Interessen innerhalb der Regierungsfraktionen und verlangt verlässliche Abstimmung zwischen Union und SPD.
Die Nachfolgeentscheidung wird deshalb zum ersten organisatorischen Test für den angekündigten Reformherbst. Merz und Söder müssen eine Person finden, die nicht nur die größte Fraktion des Bundestages repräsentiert, sondern auch ihre Stimmen in einer Koalition mit begrenztem Polster zusammenführt. Spahns Rücktritt verschiebt keine einzige Zahl im Parlament. Er macht aber sichtbar, wie stark die Handlungsfähigkeit der Regierung davon abhängt, wer aus diesen Zahlen Mehrheiten formt.
Häufig gefragt
- Warum ist Jens Spahn zurückgetreten?
- Spahn trat nach anhaltender Kritik an der Entscheidung von ihm und seinem Ehemann zurück, mithilfe einer Leihmutter in den Vereinigten Staaten Eltern zu werden. Die Debatte konzentrierte sich auf die politische Glaubwürdigkeit des Fraktionsvorsitzenden.
- Ist Jens Spahn weiterhin Bundestagsabgeordneter?
- Ja. Am 19. Juli 2026 führte ihn der Bundestag weiterhin als direkt gewählten Abgeordneten für Steinfurt I–Borken I. Seine Erklärung gab ausschließlich den Fraktionsvorsitz auf.
- Wer führt die CDU/CSU-Fraktion vorläufig?
- Alexander Hoffmann, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe, hat die Aufgaben des Fraktionsvorsitzenden bis zur Wahl einer Nachfolge übernommen.
- Gefährdet der Rücktritt die Regierungsmehrheit?
- Formal nicht. CDU/CSU und SPD verfügen zusammen weiterhin über 328 der 630 Bundestagssitze. Das politische Risiko liegt vor allem im Mehrheitsmanagement während der Umsetzung des 34-Punkte-Reformprogramms.
Quellen(13)
- 1Senior Merz ally resigns after coming under pressure in Germany over surrogate babyReuters · fidelity.com
- 2Debatte um Leihmutterschaft: Unions-Fraktionschef Spahn tritt zurückTagesschau · tagesschau.de
- 3Unions-Fraktionschef Jens Spahn tritt zurückDeutsche Welle · amp.dw.com
- 4Wer auf Spahn folgen könnteZDFheute · zdfheute.de
- 5Liveblog: Jens Spahn tritt zurückZDFheute · zdfheute.de
- 6Jens SpahnGerman Bundestag · bundestag.de
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