Digitale Infrastruktur
Streit um Googles Rechenzentrum in Bissen: Umweltschützer drohen mit Klage
Das Mouvement Écologique wirft den Behörden Intransparenz vor und will vor das Verwaltungsgericht ziehen, sollte Google die Genehmigung für seinen 100-Megawatt-Campus in Bissen erhalten.
Von Sophie Klein · · 4 Min. Lesezeit

Um ein einziges Grundstück in der Gemeinde Bissen ist ein Grundsatzkonflikt darüber entbrannt, wie viel energie- und wasserhungrige Infrastruktur sich Luxemburg leisten will. Auf rund 34 Hektar neben einem Umspannwerk des Netzbetreibers Creos will der US-Konzern Google einen Hyperscale-Rechenzentrumscampus errichten. Luxemburgs größte Umweltorganisation, das Mouvement Écologique, will das nicht ohne Weiteres hinnehmen – und stellt den Behörden nun eine Klage in Aussicht.
In einer Stellungnahme vom 9. Juli 2026 erklärte die Organisation, so gut wie keiner ihrer im laufenden Umweltverfahren vorgebrachten Einwände habe sich in den Schlussfolgerungen der Behörden wiedergefunden. Sollte die Genehmigung erteilt werden, werde man ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht anstrengen. Es ist die schärfste Eskalation in einem Streit, der aus dem Standort Bissen einen Präzedenzfall gemacht hat.
Worauf sich die angekündigte Klage stützt
Der Konflikt ist so sehr ein verwaltungsrechtlicher wie ein ökologischer. Kernvorwurf des Mouvement Écologique ist mangelnde Transparenz: Google habe zentrale Daten zu Stromverbrauch, CO2-Bilanz und Kühltechnik als Geschäftsgeheimnis eingestuft. Eine unabhängige Überprüfung der klimatischen und ökologischen Folgen sei damit unmöglich. Der Anwalt der Organisation hält diese Geheimhaltung angesichts des überwiegenden öffentlichen Interesses an den Zahlen für unzulässig.
Rechtlich stützt sich die Organisation auf zwei luxemburgische Gesetze – das Gesetz vom 15. Mai 2018 über die Umweltverträglichkeitsprüfung und das Gesetz vom 25. November 2005 über den Zugang der Öffentlichkeit zu Umweltinformationen. Die Regeln zu den „besten verfügbaren Techniken“ erlaubten es dem Staat, Auflagen zu verhängen – etwa eine verpflichtende Abwärmenutzung, die in der Akte fehle. Bereits als die öffentliche Untersuchung zur Umweltverträglichkeitsprüfung am 27. März 2026 endete, reichte das Mouvement Écologique einen rund 31-seitigen Einspruch ein; im Mai richtete sein Anwalt eine förmliche Abmahnung an das Umweltministerium.
Das ist, als würde man eine Baugenehmigung erteilen, ohne anschließend zu wissen, ob sechs Familien oder nur zwei darin wohnen werden.
So beschrieb die Präsidentin des Mouvement Écologique, Blanche Weber, das unvollständige Bild, das die Behörden abzeichnen sollen. Die Organisation stört sich zudem daran, dass Luxemburg einem ausländischen Riesen zu ungünstigen Bedingungen entgegenkomme. „Es ist unverständlich, dass Luxemburg einem Unternehmen wie Google praktisch den Hof macht“, hieß es in der Stellungnahme. Man verlange „ausdrücklich, dass die Regierung im nationalen Interesse handelt und die von Google auferlegte Vertraulichkeitsklausel nicht akzeptiert“.
Ein Verbrauch in der Größenordnung des ganzen Landes
Die Zahlen erklären die Aufregung. Google erwarb das rund 34 Hektar große Industriegrundstück neben dem Creos-Umspannwerk bereits 2017; der lokale Bebauungsplan wurde im Januar 2025 finalisiert. Nach Angaben, auf die sich das Mouvement Écologique und das deutsche Öko-Institut berufen, würde der Campus jährlich schätzungsweise 950 Gigawattstunden Strom beziehen – rund 15 Prozent des nationalen Verbrauchs und mehr als alle Haushalte des Landes zusammen. Die Leistung liegt bei etwa 100 Megawatt, die geschätzten Kosten bei rund einer Milliarde Euro.
Frühere Planungen hätten einen Wasserverbrauch von 10 bis 15 Prozent des nationalen Aufkommens bedeutet – ein Bedarf, der später durch die Nutzung von aufbereitetem Abwasser und Regenwasser gesenkt wurde. Kritikern reicht die Effizienz dennoch nicht: Der geplante Wert für die Energieeffizienz (PUE) liegt bei 1,3, während Google selbst global einen Durchschnitt von rund 1,09 angibt.
- Strom: rund 950 GWh pro Jahr, etwa 15 Prozent des nationalen Verbrauchs.
- Effizienz: ein geplanter PUE von 1,3 gegenüber Googles angegebenem Weltdurchschnitt von etwa 1,09.
- Abwärme: Laut Öko-Institut könnten rund 40 GWh jährlich etwa 20.000 Menschen in Bissen, Diekirch und Ettelbrück mit Wärme versorgen.
- Notstrom: 46 Dieselgeneratoren mit einem geschätzten Verbrauch von 200.000 Litern Kraftstoff pro Jahr.
Ein unabhängiges Gutachten stärkt die Skeptiker
Technisches Gewicht erhielt die Kampagne am 6. Juli 2026, als das Öko-Institut eine Analyse veröffentlichte. Das Projekt „entspricht noch nicht dem aktuellen Stand der besten verfügbaren Techniken“, so das Fazit zu mehreren Auslegungsdetails. Die Emissionen ließen sich durch bessere Entscheidungen um bis zu 97 Prozent senken: eine direkte Flüssigkeitskühlung am Chip, die den PUE Richtung 1,1 drückt und den Jahresstromverbrauch auf etwa 800 GWh reduziert; Batteriespeicher statt Diesel; natürliche Kältemittel wie Propan oder Ammoniak anstelle des geplanten R-1234ze; sowie die Rückgewinnung der Abwärme für die Fernwärmenetze der Nachbargemeinden. Das Mouvement Écologique beziffert die insgesamt nutzbare Wärme auf bis zu 1.000 GWh jährlich und rechnet mit zusätzlichen 5 bis 7 Prozent des nationalen CO2-Ausstoßes.
Regierung und Konzern halten am Projekt fest
Die Regierung steht weiter fest hinter der Investition. Wirtschaftsminister Lex Delles von der Demokratischen Partei (DP) verteidigt den Campus als strategisch wichtig für Luxemburg und die europäische digitale Souveränität, verlangt aber, dass die Wärme möglichst in Fernwärmenetze eingespeist wird. Behörden warben um das Vorhaben, selbst nachdem es zwischen 2022 und 2023 als „tot“ galt; der damalige Premierminister Xavier Bettel erklärte 2023, es habe für Google „keine Priorität“, ehe die Gespräche wieder intensiver wurden.
Google, das seine Rechenzentren als CO2-frei vermarktet, hat sich noch nicht endgültig festgelegt. Anthony Cirot von Google Cloud sagte im Februar 2025, das Unternehmen könne bei einer Umsetzung einen vollständig dekarbonisierten Ansatz garantieren. Das Umweltministerium prüft nach eigenen Angaben weiterhin die Eingaben aus der öffentlichen Untersuchung; eine endgültige Genehmigung war bis zum Redaktionsschluss nicht ergangen. Wird sie erteilt, führt der nächste Schritt laut Mouvement Écologique vor das Verwaltungsgericht – ein Verfahren, das eine der größten Infrastrukturwetten der jüngeren luxemburgischen Geschichte verzögern oder umgestalten könnte.
Häufig gefragt
- Was plant Google in Bissen?
- Google plant auf rund 34 Hektar neben einem Creos-Umspannwerk einen Hyperscale-Rechenzentrumscampus mit einer Leistung von etwa 100 Megawatt und geschätzten Kosten von rund einer Milliarde Euro. Das Grundstück wurde bereits 2017 erworben, der Bebauungsplan im Januar 2025 finalisiert.
- Warum droht das Mouvement Écologique mit einer Klage?
- Die Organisation wirft den Behörden Intransparenz vor: Google habe Daten zu Stromverbrauch, CO2-Bilanz und Kühltechnik als Geschäftsgeheimnis eingestuft. Sie stützt sich auf die Gesetze von 2018 (Umweltverträglichkeitsprüfung) und 2005 (Zugang zu Umweltinformationen) und will klagen, sollte die Genehmigung erteilt werden.
- Wie hoch wäre der Ressourcenverbrauch?
- Der Campus soll jährlich schätzungsweise 950 GWh Strom verbrauchen, rund 15 Prozent des nationalen Bedarfs. Frühere Planungen bedeuteten 10 bis 15 Prozent des Wasserverbrauchs, später durch Abwasser- und Regenwassernutzung gesenkt. 46 Dieselgeneratoren sind als Notstrom vorgesehen.
- Wie steht die luxemburgische Regierung zu dem Projekt?
- Wirtschaftsminister Lex Delles (DP) unterstützt den Campus als strategisch wichtig für die europäische digitale Souveränität, verlangt aber die Einspeisung der Abwärme in Fernwärmenetze. Das Umweltministerium prüft noch die Eingaben; eine endgültige Genehmigung liegt nicht vor.
Quellen(6)
- 1Mouvement Ecologique Challenges Google Bissen Data Centre Approval ProcessChronicle.lu · chronicle.lu
- 2Google Data Centre: Lacking transparency in environmental impact assessment – best available technology disregardedMouvement écologique · meco.lu
- 3Data center de Bissen: une conception plus écologique exigéePaperjam · paperjam.lu
- 4Au Luxembourg, nouvelle offensive pour freiner le projet Google à BissenL'essentiel · lessentiel.lu
- 5Google à Bissen : le Méco menace de saisir la justice contre le projet de data centerLe Quotidien · lequotidien.lu
- 6Google's Luxembourg data center plans not totally dead, says Economy MinisterDatacenter Dynamics · datacenterdynamics.com
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