Iran nach dem Tod des Revolutionsführers
Beisetzung Chameneis in Maschhad – ein Nachfolger, den niemand sieht
Mit der Bestattung Ali Chameneis am Imam-Reza-Schrein endete eine Woche der Massentrauer. Doch der zum Nachfolger ausgerufene Sohn blieb dem Begräbnis fern – wie schon seit dem Angriff im Februar.
Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Es geschah in den frühen Morgenstunden des Freitags, abseits der großen Kameras: Am Imam-Reza-Schrein in Maschhad wurde Ajatollah Ali Chamenei in die Erde gelassen – und damit eine Trauerwoche beendet, die zu den größten Menschenaufläufen in der Geschichte der Islamischen Republik zählte. Doch je aufwendiger die Riten Kontinuität beschwören sollten, desto deutlicher traten die Risse hervor. Jener Mann, den das Regime zum Nachfolger ausgerufen hat, ist seit dem Angriff, der seinen Vater tötete, kein einziges Mal öffentlich aufgetreten.
Chamenei, 86 Jahre alt und seit 1989 an der Spitze des Staates, kam nach iranischen Staatsmedien und westlichen Darstellungen am 28. Februar bei einem gemeinsamen US-israelischen Luftschlag auf seinen befestigten Amtssitz in Teheran ums Leben. Am 1. März bestätigte Teheran seinen Tod; bei demselben Angriff starben mehrere Familienangehörige. Der Trauerzug führte über Teheran, das Klerikerzentrum Ghom sowie die irakischen Schreinstädte Nadschaf und Kerbela, ehe er in Maschhad endete – der Heimatstadt des Verstorbenen und heiligsten Stätte des schiitischen Islam.
Ein Begräbnis als Machtdemonstration
Die Behörden verhängten eine vierzigtägige Staatstrauer und eine Woche arbeitsfreier Feiertage, und der Zulauf war gewaltig. An den Prozessionen nahmen nach offiziellen Angaben mindestens 15 Millionen Menschen teil, iranischen Schätzungen zufolge womöglich mehr als das Doppelte; allein für Teheran wurden über zwölf Millionen genannt. Ausländische Delegationen reisten an, darunter Pakistans Ministerpräsident Shehbaz Sharif, russische und chinesische Vertreter sowie die Anführer von Hamas, Hisbollah und der jemenitischen Huthi. Westliche Regierungen blieben fern.
Die Trauer auf den Straßen war echt. „Ich bin hier, um mich von meinem geliebten Führer Ali Chamenei zu verabschieden“, sagte Hananeh Mousavi, 27, vor Journalisten. „Ich hätte nie gedacht, einen solchen Tag zu erleben.“ Präsident Masoud Peseschkian, bemüht um das Signal eines fortbestehenden Staates, gelobte dem toten Führer die Treue.
Ich verspreche, den Weg des als Märtyrer gefallenen Imams fortzusetzen.
Ein Erbe im Verborgenen
Hinter der Choreografie liegt eine ungelöste Machtfrage. Nach der iranischen Verfassung wird der Revolutionsführer vom Expertenrat gewählt, einem gewählten Gremium hoher Geistlicher; das Amt des Stellvertreters wurde 1989 abgeschafft, einen automatischen Nachfolger gibt es also nicht. Anfang März rief der Expertenrat Mojtaba Chamenei, den Sohn des Verstorbenen, zum neuen Revolutionsführer aus.
Seither hat er sich nicht gezeigt. Ranghohe Kreise in Teheran berichten, Mojtaba sei bei demselben Angriff, der seinen Vater tötete, schwer verletzt worden – von Entstellungen im Gesicht und Verletzungen an den Gliedmaßen ist die Rede – und befinde sich noch in Genesung. Der Beisetzung blieb er fern; Offizielle verwiesen auf die Sorge, ein Auftritt könne ihn einem Anschlag aussetzen. So steht ein Revolutionsführer da, der benannt, aber unsichtbar ist: kein Foto, kein Video, keine Tonaufnahme wurde veröffentlicht, nur ihm zugeschriebene schriftliche Erklärungen.
Diese Abwesenheit nährt im In- wie im Ausland Zweifel daran, wer tatsächlich regiert. Eine dynastische Übergabe von Vater zu Sohn war lange gemunkelt und innerhalb eines Systems, das sich als Republik und nicht als Monarchie versteht, lange abgelehnt worden. Sie ausgerechnet mit einem unsichtbaren Amtsinhaber zu vollziehen, lässt die Nachfolge vorläufig statt gefestigt erscheinen.
Wer jetzt die Fäden zieht
In der Praxis wird die laufende Herrschaft über die Staatsämter sichtbar – Peseschkian, Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf und die Justiz –, während die Revolutionsgarden (IRGC), die dem Revolutionsführer unterstehende Streitmacht, die Chameneis Bunker errichtete, über dem Ausgang schweben. Die Garden hatten nach der Tötung auf eine rasche, dauerhafte Ernennung gedrängt; ihr Gewicht in einem Ringen um die Führung lässt sich kaum überschätzen.
Das Machtvakuum wird auch von außen umkämpft. Verbannte Oppositionelle nutzten den Moment: Reza Pahlavi, Sohn des gestürzten Schahs, rief die Iraner auf die Straße, während Maryam Radschawi von den Volksmudschahedin (MEK) den Tod als Ende der „religiösen Tyrannei“ bezeichnete. Im Land selbst gingen die Reaktionen weit auseinander – Trauer nahe dem Schrein von Maschhad, verhaltener Jubel in anderen Städten. Ein Beleg dafür, dass sich die Zahlen der Trauerzüge nicht bruchlos in Einigkeit übersetzen lassen.
Öl und die Nervosität der Region
Für die Märkte und die Nachbarstaaten sind die Folgen unmittelbar. Immer wieder hat die Krise die Straße von Hormus erschüttert, jenes Nadelöhr, durch das normalerweise rund ein Viertel des seewärts transportierten Öls und ein Fünftel des Flüssigerdgases der Welt fließen. Während der Trauerwoche griff Iran drei Tanker in der Meerenge an; danach zogen die Ölpreise erneut an.
- Die Nordseesorte Brent sprang bis Anfang März um rund 10 bis 13 Prozent auf etwa 80 bis 82 Dollar je Barrel und gab bis Juli, als die Furcht vor einem größeren Krieg nachließ, wieder Richtung 70 Dollar nach.
- Die Sorte Dubai erreichte am 19. März auf dem Höhepunkt der Störungen mit knapp 166 Dollar je Barrel einen Rekord.
- Die Internationale Energieagentur zählt einen Lieferstopp durch Hormus zu den größten Angebotsschocks in der Geschichte des Ölmarkts.
Trotzig blieb Teherans Botschaft. „Die Sicherheit von Hormus liegt bei den Anrainerstaaten – die Krisenmacher werden für die Folgen zur Rechenschaft gezogen“, schrieb der iranische Chefunterhändler Kazem Gharibabadi während der Trauerzeit auf X. Für Europa, das auf Energiepreise und eine fragile Waffenruhe blickt, klärt die Beisetzung eine Frage und öffnet eine neue: Der Mann ist unter der Erde, die Nachfolge, die er sichern sollte, ist es nicht. Bis Mojtaba Chamenei – oder jemand anderes – mit echter Befehlsgewalt an die Öffentlichkeit tritt, bleiben der Kurs Irans und der der Region ungewiss.
Häufig gefragt
- Wann und wo wurde Ali Chamenei beigesetzt?
- Chamenei wurde in den frühen Morgenstunden des Freitags, 10. Juli 2026, am Imam-Reza-Schrein in Maschhad beigesetzt – der heiligsten Stätte des schiitischen Islam und seiner Heimatstadt.
- Wer ist sein Nachfolger?
- Anfang März rief der Expertenrat Mojtaba Chamenei, den Sohn des Verstorbenen, zum neuen Revolutionsführer aus. Er ist seit dem Angriff vom 28. Februar nicht öffentlich aufgetreten; ranghohe Kreise berichten von schweren Verletzungen.
- Welche Folgen hat die Krise für die Ölmärkte?
- Nach Tankerangriffen in der Straße von Hormus, durch die rund ein Viertel des seewärts transportierten Öls fließt, stieg Brent bis Anfang März auf 80 bis 82 Dollar und gab bis Juli Richtung 70 Dollar nach; die Sorte Dubai erreichte am 19. März mit knapp 166 Dollar einen Rekord.
Quellen(12)
- 1State funeral of Ali KhameneiWikipedia · en.wikipedia.org
- 2Assassination of Ali KhameneiWikipedia · en.wikipedia.org
- 3Iran begins dayslong funeral for the late Supreme Leader Ayatollah Ali Khamenei, killed in warPBS NewsHour · pbs.org
- 4Slain Supreme Leader Ali Khamenei buried at Iran's holiest shrineAl Jazeera · aljazeera.com
- 5Iran's supreme leader buried after a dayslong funeral that drew millionsNBC News · nbcnews.com
- 6Khamenei buried following dayslong funeral procession as successor remains out of sightThe Times of Israel · timesofisrael.com
- 7Slain Iranian leader buried as successor remains out of sightAl-Monitor · al-monitor.com
- 8Iran to Bury Slain Supreme Leader in Culmination of Mass FuneralU.S. News & World Report / Reuters · usnews.com
- 9Iran confirms Supreme Leader Ali Khamenei dead after US-Israeli attacksAl Jazeera · aljazeera.com
- 10Oil prices rise after attacks on tankers in Strait of Hormuz, U.S. revokes Iran sale authorizationCNBC · cnbc.com
- 112026 Iran war fuel crisisWikipedia · en.wikipedia.org
- 12Khamenei's Funeral Is Meant to Project Strength. But Iran's New Leader Has Yet to AppearTIME · time.com



