Straße von Hormus

Irans Raketen treffen Gastanker in der Straße von Hormus – Waffenruhe wankt

Zwei Raketen beschädigten in der Nacht zum Dienstag Handelsschiffe und setzten einen katarischen Flüssiggastanker in Brand. Der Ölpreis zog an – Europas Blick gilt dem Gas.

Von Camille Reuter · · 5 Min. Lesezeit

Der katarische LNG-Tanker Al Rekayyat mit rotem Rumpf und weißen Aufbauten brennt an der Backbordseite in der Straße von Hormus vor der omanischen Küste.
Der katarische Flüssiggastanker Al Rekayyat, betrieben von Nakilat, in Brand an seiner Backbordseite in der Straße von Hormus nahe der omanischen Küste. Illustrative KI-generierte Darstellung. Illustration: KI-generiert — Status

Es ist der erste Zwischenfall seit dem Waffenstillstand vom Juni – und er trifft die empfindlichste Stelle des globalen Energiehandels: In der Nacht zum Dienstag feuerten iranische Streitkräfte nach Angaben von US-Beamten mindestens zwei Raketen auf Handelsschiffe in der Straße von Hormus. Getroffen wurde unter anderem ein beladener Flüssiggastanker aus Katar, der in Brand geriet. Verletzte gab es nach ersten Meldungen nicht, doch zwei kommerzielle Schiffe wurden erheblich beschädigt.

Zuerst berichtete das Nachrichtenportal Axios unter Berufung auf zwei US-Regierungsvertreter; Bloomberg, Reuters, The National und NPR bestätigten die Darstellung. Sowohl amerikanische als auch iranische Quellen schrieben die Raketen den Revolutionsgarden zu, dem Korps der Islamischen Revolution (IRGC). Für die Meerenge zwischen Iran und Oman, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gashandels läuft, war es die erste Attacke seit dem Inkrafttreten der brüchigen amerikanisch-iranischen Waffenruhe im Vormonat.

Ein brennender Tanker vor der omanischen Küste

Bei einem der getroffenen Schiffe handelt es sich um die Al Rekayyat, einen beladenen LNG-Tanker im Eigentum und Management von Nakilat, der Qatar Gas Transport Company, die einen Großteil des katarischen Gases verschifft. Nach Berichten von The National und NPR schlug die Rakete an der Backbordseite oberhalb des Maschinenraums ein und löste ein Feuer aus.

Die britische Behörde United Kingdom Maritime Trade Operations (UKMTO), ein Meldezentrum der Royal Navy für Schifffahrtszwischenfälle, registrierte einen Tanker, der auf südlicher Fahrt etwa acht Seemeilen – rund 15 Kilometer – östlich von Limah auf der omanischen Halbinsel Musandam von einem unbekannten Projektil getroffen wurde.

Feuer im Maschinenraum, alles voller Rauch. Weitere Schäden nicht abschätzbar. Die gesamte Besatzung ist in Sicherheit und an der Steuerbordseite versammelt.

Dieser Funkspruch der Al Rekayyat, den zuerst das Wall Street Journal veröffentlichte, hält die Minuten nach dem Einschlag fest. Die UKMTO meldete weder Verletzte noch Umweltschäden. Ein zweites Handelsschiff wurde nach den von Axios zitierten US-Angaben ebenfalls getroffen.

Das iranische Staatsfernsehen erklärte, der Gastanker sei angegriffen worden, nachdem er wiederholte Warnungen ignoriert und versucht habe, dicht an der omanischen Küste – angeblich mit Unterstützung der US-Marine – durch die Meerenge zu fahren. Teheran beharrt darauf, dass allein die von ihm freigegebene Route sicher sei. Bereits am Wochenende hatten die Revolutionsgarden Schiffe über Funk gewarnt: „Unsere Raketen und Drohnen sind bereit, auf euch zu feuern.“

Der Waffenstillstand steht auf der Kippe

Die Angriffe gefährden eine Übergangsvereinbarung, die US-Präsident Donald Trump und sein iranischer Amtskollege Masud Peseschkian am 17. Juni unterzeichnet hatten. Sie sollte die Attacken beenden und die Wasserstraße wieder öffnen: Für 60 Tage sollten Schiffe gebührenfrei passieren dürfen, während beide Seiten auf Androhung und Anwendung von Gewalt verzichten. Iran pocht jedoch weiter darauf, die Streckenführung der Schiffe kontrollieren und langfristig „Servicegebühren“ für die Durchfahrt erheben zu müssen – eine Forderung, die die USA und die arabischen Golfstaaten als Bruch mit einer jahrzehntelangen Praxis zurückweisen.

Vor dem Weißen Haus warnte Trump Teheran am Dienstag nach Angaben von The Hill, es solle „einen Deal machen, sonst bringen wir die Sache zu Ende“. Seine Drohung verband er ausdrücklich mit der Zivilbevölkerung und der Energieversorgung des Landes.

„Mir wäre ein Deal lieber, denn ich will nicht 91 Millionen Menschen in Mitleidenschaft ziehen.“

Der Vorfall zeigt, wie schnell die Juni-Vereinbarung zerbrechen könnte. Ihr vorausgegangen waren Monate offener Konfrontation: Am 28. Februar begannen die USA und Israel einen Luftkrieg gegen Iran, woraufhin Teheran die Meerenge für „geschlossen“ erklärte. Iranische Kräfte griffen Handelsschiffe an, enterten Frachter und legten Seeminen. Im Verlauf der Krise wurden nach einer auf zeitgenössische Berichte gestützten Wikipedia-Zusammenfassung mindestens 14 Seeleute und ein Hafenarbeiter getötet; Dutzende Schiffe gerieten ins Visier.

Warum Europa auf den Preis schaut

Die Straße von Hormus ist das entscheidende Ventil im weltweiten Energiesystem. Etwa 20 Prozent des globalen Ölhandels und rund ein Fünftel des Flüssiggases passieren normalerweise die schmale Fahrrinne zwischen Iran und Oman; manche Schätzungen setzen den Anteil des seewärts transportierten Öls sogar bei 25 Prozent an. Jede glaubwürdige Drohung, sie zu sperren, schlägt unmittelbar auf die europäischen Märkte durch.

Die erste Reaktion an den Börsen fiel gedämpft, aber deutlich aus. Die Nordseesorte Brent stieg in Richtung 73 Dollar je Barrel, die US-Sorte WTI kletterte über 69 Dollar, nachdem beide am Montag noch unter 72 Dollar und damit nahe ihrem tiefsten Stand seit Februar notiert hatten, wie The National berichtete. Um rund 30 Prozent waren die Preise mit der Waffenruhe im Juni gefallen – ein Teil dieser Entspannung wurde am Dienstag wieder aufgezehrt.

Europas eigentliche Verwundbarkeit liegt beim Gas. Durch die Meerenge fließt der Großteil des katarischen Flüssiggases, das schätzungsweise 12 bis 14 Prozent der Gasimporte der Europäischen Union deckt. Auf dem Höhepunkt der Krise im März, nachdem die katarische Anlage Ras Laffan – die größte Verflüssigungsfabrik der Welt – ausgefallen war, schnellte der Preis am niederländischen Handelsplatz Title Transfer Facility (TTF), Europas Referenzmarkt, um bis zu 45 Prozent nach oben, wie Euronews meldete. Selbst Mitte Juni lag der TTF-Preis noch rund 35 Prozent über dem Vorkriegsniveau.

Ob es sich um einen einzelnen Regelbruch oder den Auftakt zu einer neuen Kampagne handelt, ist die Frage, an der sich für die gesamte Region – und für die europäischen Haushalte und Industrien, die auf Energie aus dem Golf angewiesen sind – vieles entscheidet. Im Blick der Beobachter stehen drei Punkte:

  • ob Irans Führung die Angriffe angeordnet hat oder ein örtlicher Kommandeur eigenmächtig handelte – eine Unterscheidung, die die diplomatische Antwort prägt;
  • ob sich Reeder und ihre Kriegsrisiko-Versicherer erneut aus der Meerenge zurückziehen, den Verkehr ausdünnen und die Frachtkosten in die Höhe treiben;
  • ob Washington militärisch zurückschlägt, wie schon nach früheren Angriffen auf Handelsschiffe während der Krise.

Die katarische Regierung und Nakilat hatten sich bis Dienstag nicht ausführlich öffentlich zur Al Rekayyat geäußert. Die Besatzung des Schiffes, so die UKMTO, sei in Sicherheit.

Häufig gefragt

Welches Schiff wurde in der Straße von Hormus getroffen?
Getroffen wurde unter anderem die Al Rekayyat, ein beladener LNG-Tanker im Eigentum und Management von Nakilat (Qatar Gas Transport Company). Die Rakete schlug an der Backbordseite oberhalb des Maschinenraums ein und löste ein Feuer aus; die Besatzung blieb unverletzt. Ein zweites Handelsschiff wurde ebenfalls beschädigt.
Was bedeutet der Angriff für die Waffenruhe?
Es ist der erste Zwischenfall seit der Übergangsvereinbarung, die Trump und Peseschkian am 17. Juni unterzeichneten. Sie sieht 60 Tage gebührenfreie Durchfahrt und Gewaltverzicht vor. Iran beharrt aber weiter auf Kontrolle der Streckenführung und künftigen „Servicegebühren“ – der Angriff stellt die Vereinbarung infrage.
Wie wirkt sich der Angriff auf die Energiepreise aus?
Brent stieg in Richtung 73 Dollar je Barrel, WTI über 69 Dollar. Durch die Straße von Hormus laufen rund 20 Prozent des globalen Öl- und Gashandels. Für Europa ist vor allem Gas heikel: Katar deckt 12 bis 14 Prozent der EU-Gasimporte, und der TTF-Referenzpreis war während der Krise stark gestiegen.
Quellen(9)
  1. 1Iran resumes attacks in Strait of Hormuz after lull, U.S. officials sayAxios · axios.com
  2. 2Iran Missiles Hit Ships in Strait, Axios Says, Testing US TalksBloomberg · bloomberg.com
  3. 3Iran Fires Missiles at Commercial Ships in Strait of Hormuz, Axios ReportsU.S. News & World Report / Reuters · usnews.com
  4. 4Iran fires missiles at two commercial ships in Strait of HormuzThe National · thenationalnews.com
  5. 5Tanker set ablaze after being struck by projectile in the Strait of HormuzNPR · npr.org
  6. 6Donald Trump: Strait of Hormuz in 'great shape' after ships targetedThe Hill · thehill.com
  7. 7Iran Fires Two Missiles at Commercial Ships in Strait of Hormuz, Axios ReportAsharq Al-Awsat · english.aawsat.com
  8. 82026 Strait of Hormuz crisisWikipedia · en.wikipedia.org
  9. 9European gas prices jump by as much as 45% as Qatar stops LNG productionEuronews · euronews.com

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