Ermittlungen zur Ostsee-Sabotage

Nord-Stream-Sprengung: Bundesanwaltschaft klagt Ukrainer wegen Kriegsverbrechens an

Fast vier Jahre nach den Explosionen benennt die Karlsruher Behörde erstmals einen Beschuldigten – und stuft den Angriff auf die Gasleitungen völkerstrafrechtlich ein.

Von Camille Reuter · · 5 Min. Lesezeit

Weiße GfK-Charter-Segeljacht vom Typ einer Bavaria-Slup an einem Ostsee-Yachthafen bei grauem, bedecktem Wetter
Eine weiße Charter-Segeljacht (eine Slup vom Typ Bavaria, wie die von den Ermittlern genannte 'Andromeda') an einem Ostsee-Hafen. Illustratives, KI-generiertes Bild – keine Aufnahme des tatsächlichen Boots. Illustration: KI-generiert — Status

Fast vier Jahre lagen die zerfetzten Röhren auf dem Grund der Ostsee, ohne dass jemand vor Gericht dafür einstehen musste. Nun hat die deutsche Justiz einen Namen genannt. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe hat die erste Anklage im Fall der Nord-Stream-Sabotage erhoben – und den mutmaßlichen Drahtzieher erstmals öffentlich als Beschuldigten geführt. Der Vorwurf gegen einen früheren ukrainischen Soldaten wiegt schwer: Er soll ein Kriegsverbrechen begangen haben. Damit verschiebt sich einer der folgenreichsten Sabotageakte in der jüngeren europäischen Geschichte auf ein juristisches Terrain, auf dem geklärt werden muss, wie das Recht des Krieges fernab jeder Front greift.

Die Bundesanwaltschaft teilte mit, sie habe einen ukrainischen Staatsangehörigen angeklagt, der im Verfahren als Serhii K. geführt und in Medienberichten als Serhii Kuznietsov genannt wird. Es geht um die Explosionen vom 26. September 2022, bei denen drei der vier Leitungsstränge von Nord Stream 1 und 2 nahe der dänischen Insel Bornholm zerstört wurden. Die Anklage fällt in die Amtszeit von Generalbundesanwalt Jens Rommel, der die Behörde seit März 2024 leitet. Über den weiteren Gang der Dinge entscheidet nun ein Gericht in Hamburg.

Nach Darstellung der Ermittler steuerte der Beschuldigte, ein früherer Militäroffizier von etwa 50 Jahren, die Operation von Bord einer gecharterten Segeljacht aus. Er soll der Einsatzleiter gewesen sein, nicht einer der Taucher. Seit Ende November 2025 sitzt er in Deutschland in Haft, nachdem er in Italien festgenommen und ausgeliefert worden war.

Warum aus Sabotage ein Kriegsverbrechen wird

Die Anklage listet nach Angaben der Behörde drei Tatvorwürfe auf: den Angriff auf zivile Energie-Infrastruktur, den das Völkerstrafgesetzbuch als Kriegsverbrechen einstuft; die Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion; und die Zerstörung von Bauwerken nach allgemeinem Strafrecht. Der Kriegsverbrechens-Vorwurf hängt am Zeitpunkt der Tat – sie fiel in den laufenden internationalen bewaffneten Konflikt zwischen Russland und der Ukraine – und an der deutschen Einschätzung, dass es sich bei den Pipelines um zivile und nicht um militärische Anlagen handelte.

Erhoben wurde die Anklage beim Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts in Hamburg. Das Gericht muss nun über die Zulassung und einen möglichen Prozesstermin befinden. Die Ankläger bezeichnen die Beweislage als erdrückend. Sie berufen sich auf selbstbelastende Telefonate, die der Beschuldigte aus der italienischen Haft geführt haben soll, sowie auf Mobilfunkdaten.

Eine Jacht, gefälschte Papiere und ein kleines Team

Die Ermittler haben eine Operation rekonstruiert, deren Mittel in auffälligem Kontrast zu ihrer geopolitischen Sprengkraft stehen. Eine kleine Besatzung soll mit gefälschten Ausweispapieren eine Freizeit-Segeljacht angemietet haben – die Andromeda, gechartert im Raum Rostock/Rügen – und damit in die Ostsee hinausgefahren sein, um am Meeresgrund Sprengsätze zu platzieren. Die Gruppe umfasste demnach etwa sechs bis sieben Personen:

  • einen Skipper und den Koordinator an Bord – jene Rolle, die die Anklage Serhii K. zuschreibt;
  • einen Sprengstoffexperten;
  • vier Tieftaucher, die die zeitgesteuerten Ladungen in bis zu 80 Metern Tiefe an den Röhren angebracht haben sollen.

Die Kosten des gesamten Unternehmens werden auf rund 300.000 US-Dollar geschätzt. Serhii K. wurde im August 2025 nahe Rimini festgenommen und trat in einem italienischen Hochsicherheitsgefängnis in einen Hungerstreik, ehe Italiens Kassationsgerichtshof am 20. November 2025 die Auslieferung billigte. Am 27. November 2025 wurde er nach Deutschland überstellt.

Er ist nicht der einzige Name in den Akten. Deutsche Ermittler haben bis zu sieben Verdächtige identifiziert. Ein zweiter Mann, geführt als Volodymyr Z. (Zhuravlov), wurde 2025 in Polen festgenommen, nach der Weigerung eines polnischen Gerichts, ihn auszuliefern, aber wieder freigelassen. Mindestens ein mutmaßlicher Beteiligter soll gestorben sein. Dänemark und Schweden beendeten ihre eigenen Ermittlungen 2024 – Deutschland ist damit der letzte Staat, der den Fall noch verfolgt.

Ein Prüfstein für das Kriegsrecht

Die Verteidigung will den Streit auf dem Feld des Völkerrechts austragen. Serhii K. gibt an, er sei zur Tatzeit aktives Mitglied der ukrainischen Streitkräfte und in der Ukraine gewesen; daraus leiten seine Anwälte eine funktionale Immunität gegenüber ausländischer Strafverfolgung ab. Der Bundesgerichtshof wies dieses Argument Anfang dieses Jahres zurück. Die Karlsruher Richter befanden, die Pipelines seien zivile Anlagen gewesen und eine verdeckte Operation könne nicht als rechtmäßige Kampfhandlung gelten.

Seine Anwälte weisen die Anklage rundheraus zurück. „Ich halte dies für einen politischen Fall, und es gibt keine direkten Beweise für Serhiis Beteiligung an diesen Ereignissen, und es kann sie auch nicht geben“, sagte Mykola Katerynchuk, einer seiner ukrainischen Verteidiger. Sein italienischer Anwalt Nicola Canestrini erklärte nach der Auslieferungsentscheidung: „So groß die Enttäuschung auch ist – ich bleibe zuversichtlich, dass es nach dem vollständigen Prozess in Deutschland zu einem Freispruch kommt.“

Was der Prozess für Kiew und Europa bedeutet

Die Ukraine bestreitet durchweg jede staatliche Beteiligung an dem Anschlag. Auf einer Pressekonferenz in Dublin nach der Anklage befragt, gab sich Präsident Wolodymyr Selenskyj bewusst zurückhaltend.

Wir kennen noch nicht alle Einzelheiten dieses Verfahrens. Wir haben nicht offiziell alle Details erhalten, jedenfalls habe ich sie nicht gesehen.

Die Anklage trifft die Beziehungen zwischen Berlin und Kiew zu einem heiklen Zeitpunkt – zwei Regierungen, die deutsche militärische und finanzielle Unterstützung für die ukrainische Kriegsanstrengung weiterhin eng verbindet. Ein öffentlicher Prozess über die Frage, ob Ukrainer deutsch-russische Infrastruktur gesprengt haben, könnte jenen in Deutschland politische Munition liefern, die dieser Unterstützung ohnehin skeptisch gegenüberstehen.

Energiepolitisch ist der Schaden ebenso symbolisch wie physisch. Zum Zeitpunkt der Explosionen floss durch keine der beiden Leitungen Gas: Russland hatte Nord Stream 1 Wochen zuvor bis zum Stillstand gedrosselt, und Nord Stream 2 wurde nie zertifiziert, nachdem Deutschland die Genehmigung am 22. Februar 2022 ausgesetzt hatte – zwei Tage vor dem russischen Einmarsch. Dennoch kappten die Sprengungen die letzte physische Verbindung der russisch-deutschen Gas-Ära und führten vor Augen, wie verwundbar Europas Kabel und Pipelines am Meeresgrund gegenüber einer entschlossenen Crew mit einem gemieteten Boot sind. Eine Lektion, die seither die NATO-Patrouillen in der Ostsee verstärkt und den Willen der EU gehärtet hat, dauerhaft ohne russisches Gas auszukommen.

Häufig gefragt

Wer ist im Fall Nord Stream angeklagt worden?
Ein ukrainischer Staatsangehöriger, im Verfahren als Serhii K. und in Berichten als Serhii Kuznietsov geführt. Der etwa 50-jährige frühere Militäroffizier soll die Sabotage von Bord der gecharterten Segeljacht 'Andromeda' aus koordiniert haben.
Warum wird der Angriff als Kriegsverbrechen eingestuft?
Weil die Sprengungen während des laufenden internationalen bewaffneten Konflikts zwischen Russland und der Ukraine stattfanden und die Bundesanwaltschaft die Pipelines als zivile Energie-Infrastruktur wertet. Der Angriff auf solche Anlagen ist nach dem deutschen Völkerstrafgesetzbuch ein Kriegsverbrechen.
Wie kam der Beschuldigte nach Deutschland?
Er wurde im August 2025 nahe Rimini in Italien festgenommen. Nachdem Italiens Kassationsgerichtshof am 20. November 2025 die Auslieferung gebilligt hatte, wurde er am 27. November 2025 nach Deutschland überstellt und sitzt seither in Hamburg in Haft.
Floss zum Zeitpunkt der Explosionen Gas durch die Leitungen?
Nein. Russland hatte Nord Stream 1 Wochen zuvor bis zum Stillstand gedrosselt, und Nord Stream 2 wurde nie zertifiziert, nachdem Deutschland die Genehmigung am 22. Februar 2022 ausgesetzt hatte. Der Schaden war vor allem symbolisch und sicherheitspolitisch.
Quellen(11)
  1. 1German prosecutors charge Ukrainian suspect over Nord Stream explosionsAl Jazeera · aljazeera.com
  2. 2Man charged with sabotage of Nord Stream gas pipeline in German courtEuronews · euronews.com
  3. 3Sabotage der Nord-Stream-Pipelines: Bundesanwaltschaft wirft Ukrainer offenbar Kriegsverbrechen vorDer Tagesspiegel · tagesspiegel.de
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