Staatstrauer in Iran
Iran beginnt sechstägige Staatstrauer für Chamenei – Nachfolger Modschtaba weiter ohne öffentlichen Auftritt
Sechs Tage, fünf Städte, zwei Länder: Iran richtet für den im Februar getöteten Revolutionsführer ein Begräbnis historischen Ausmaßes aus. Sein Sohn und Nachfolger Modschtaba fehlt bislang.
Von Léa Hoffmann · · 5 Min. Lesezeit

Zwischen dem Tod und dem Grab lag ein Krieg: Vier Monate nach der Tötung Ali Chameneis hat Iran am Freitag mit sechstägigen Staatstrauerfeierlichkeiten für seinen langjährigen Obersten Führer begonnen. In der Imam-Chomeini-Mosalla in Teheran wurde der in die Landesflagge gehüllte Sarg aufgebahrt; Delegationen aus rund 30 Staaten sowie Religionsgelehrte aus mehr als 90 Ländern erwiesen dem Toten die Ehre.
Für die Islamische Republik ist die Trauerwoche mehr als ein Abschied. Sie soll nach einem Krieg mit Tausenden Toten nationale Geschlossenheit demonstrieren – und sie ist die erste große öffentliche Bewährungsprobe der neuen Führung. Denn Modschtaba Chamenei, der Sohn des Getöteten, den der Expertenrat im März zum Nachfolger bestimmte, hat sich seither kein einziges Mal öffentlich gezeigt.
Präsident Massud Peseschkian rief die Bevölkerung auf, in Massen zu kommen: Chameneis „Märtyrertod ist nicht das Ende des Weges, sondern der Beginn eines neuen Kapitels der Einheit und der Widerstandskraft“, schrieb er. Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf appellierte an „alle Angehörigen des iranischen Volkes, mit ihrer eindrucksvollen Präsenz eine glorreiche Seite in der Geschichte des islamischen Iran zu schreiben“. Offizielle Schätzungen, über die Gulf News berichtet, gehen von 15 bis 20 Millionen Trauernden im Verlauf der Woche aus; Al Jazeera zufolge werden allein in Teheran mehr als 20 Millionen Menschen erwartet. Sollten sich diese Zahlen bestätigen, könnte das Begräbnis an die Trauerfeiern für Ayatollah Ruhollah Chomeini 1989 heranreichen – eine der größten der modernen Geschichte.
Das von iranischen Staatsmedien veröffentlichte Programm sieht mehrere Etappen vor:
- 3. Juli: ausländische Würdenträger und Geistliche nehmen in der Mosalla in Teheran Abschied;
- 4.–5. Juli: öffentliche Zeremonien am aufgebahrten Sarg;
- 6.–7. Juli: Trauerzüge durch Teheran und weiter in die Seminarstadt Ghom;
- 8. Juli: Prozessionen an den schiitischen Heiligtümern von Nadschaf und Kerbela im Irak;
- 9. Juli: Beisetzung am Imam-Reza-Schrein in Maschhad, Chameneis Geburtsstadt.
Die Hauptstadt gleicht derweil einer Festung: Behörden und Büros bleiben von Samstag bis Montag geschlossen, der Verkehr ist eingeschränkt, der Luftraum war am Freitag teilweise und wird am Montag vollständig gesperrt. Unter den bestätigten Gästen sind Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif – ein zentraler Vermittler zwischen Washington und Teheran –, der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew als Sondergesandter Wladimir Putins, der Vizevorsitzende des chinesischen Volkskongresses He Wei, Georgiens Präsident Micheil Kawelaschwili, Tadschikistans Präsident Emomali Rachmon, der Außenminister der Taliban sowie eine indische Delegation. Westliche Staats- und Regierungschefs werden kaum erwartet.
Warum das Grab vier Monate warten musste
Chamenei, 86 Jahre alt und seit 1989 an der Spitze des Staates, wurde am 28. Februar in seinem Teheraner Amtssitz getötet – in den ersten Stunden des gemeinsamen amerikanisch-israelischen Luftkriegs, den Washington unter dem Codenamen „Operation Epic Fury“ und Israel als „Operation Roaring Lion“ führte. Mit ihm starben mehrere Familienangehörige, darunter Berichten zufolge eine Tochter, ein Schwiegersohn, eine Schwiegertochter und ein Enkelkind. Die Regierung bestätigte den Tod am 1. März. Eine zunächst für Anfang März geplante Beisetzung wurde verschoben: Der Krieg tobte, die Behörden fürchteten Angriffe – und das Gedränge riesiger Menschenmengen. Die tödliche Massenpanik bei der Beerdigung des Generals Qasem Soleimani im Jahr 2020 ist in Iran unvergessen.
Die Monate dazwischen veränderten die Lage grundlegend. Iran sperrte die Straße von Hormus; die Internationale Energieagentur sprach von der größten Versorgungsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarkts. Am 8. April trat eine von Pakistan vermittelte Waffenruhe in Kraft, am 14. Juni verkündeten Washington und Teheran das „Islamabad-Memorandum“: ein 14-Punkte-Rahmenwerk, das die Wiedereröffnung der Meerenge binnen 30 Tagen, die Freigabe eingefrorener iranischer Gelder von rund 24 Milliarden Dollar, Sanktionserleichterungen und ein 60-Tage-Fenster für Nukleargespräche vorsieht. US-Präsident Trump unterzeichnete am 17. Juni nach dem G7-Gipfel, Peseschkian in Teheran. Nach iranischen Angaben forderte der Krieg 3.468 Tote und etwa 26.500 Verletzte.
Ghalibaf, der die Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten führt, gab dem Begräbnis in einer von Staatsmedien verbreiteten Botschaft einen trotzigen Ton:
„Wir müssen uns erheben und den Schrei nach dem Blut der Nation in die Welt hinaustragen, damit die Welt weiß, dass die ehrenhafte und edle Nation Irans angesichts von Unterdrückung nicht schweigt … und vom Blut ihres Imams nicht ablassen wird.“
Ein Führer, den niemand sieht
Die Nachfolge war binnen Tagen geregelt – unter außergewöhnlichen Umständen. Der Expertenrat, das 88-köpfige Klerikergremium, das laut Verfassung den Obersten Führer bestimmt, tagte vom 3. bis 8. März, aus Sicherheitsgründen teils per Online-Abstimmung. Durchgesetzt hat sich der 1969 geborene Modschtaba Chamenei, gestützt auf die Revolutionsgarden, gegen Bewerber wie Ex-Präsident Hassan Rohani und Hassan Chomeini, den Enkel des Staatsgründers. Die New York Times berichtete von 59 von 88 Stimmen – obwohl offiziell Einstimmigkeit verkündet wurde. Das Testament des getöteten Führers soll sich Berichten zufolge gegen die Erhebung des eigenen Sohnes ausgesprochen haben; Beobachter beschrieben Druck der Revolutionsgarden auf Ratsmitglieder.
Seit der Verkündung am 9. März ist der neue Oberste Führer öffentlich nicht in Erscheinung getreten. Staatsmedien räumten ein, er sei bei Luftangriffen verletzt worden; sein Fernbleiben – laut IranWire sogar von der Beerdigung seiner eigenen Frau – nährt Spekulationen über seinen Zustand und darüber, wer tatsächlich die Macht ausübt. Israels Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, Modschtaba Chamenei sei „zum Tode gezeichnet“; Außenminister Abbas Araghtschi warnte daraufhin, Teheran werde auf jede Bedrohung der Führung unmittelbar und mit aller Härte antworten. Ob der neue Führer am Grab seines Vaters erscheint, dürfte die meistbeachtete Frage der Woche sein.
Ölpreis unten, Diplomatie auf Pause
Die Trauerfeiern fallen in eine heikle diplomatische Phase. Die Folgegespräche in Doha ruhen für die Dauer der Zeremonien, doch Katar meldet über Mittelsleute „positive Fortschritte“ der indirekten Kontakte zwischen Washington und Teheran. Der Brent-Preis, der auf dem Höhepunkt der Hormus-Krise über 120 Dollar je Barrel geschossen war – US-Öl notierte laut CNBC noch Mitte Mai über 100 Dollar –, fiel diese Woche unter 71 Dollar und liegt damit nahezu wieder auf Vorkriegsniveau, da die Durchfuhr durch die Meerenge auf mehr als zehn Millionen Barrel pro Tag gestiegen ist.
Für Europa, das den Energieschock mit schwächerem Wachstum und höherer Inflation bezahlte, wäre eine dauerhafte Einigung eine spürbare Entlastung für Wirtschaft und Sicherheitsplanung. Auch die Symbolik des Kalenders ist gewollt: Der erste öffentliche Trauertag, der 4. Juli, fällt mit den Feiern zum 250. Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten zusammen – laut CNN versteht Teheran das durchaus als Botschaft des Trotzes.
Irans Militärs haben Washington und Israel vor Angriffen während der Zeremonien gewarnt. Sechs Tage lang soll die Welt auf die Menschenmassen in Irans Straßen blicken – und auf die Behauptung, das System, das der Verstorbene 37 Jahre lang formte, könne ihn überdauern.
Häufig gefragt
- Warum wird Ali Chamenei erst vier Monate nach seinem Tod beigesetzt?
- Die ursprünglich für Anfang März geplante Beisetzung wurde wegen des laufenden Krieges und aus Sicherheitsgründen verschoben. Die Behörden fürchteten Angriffe und das Gedränge riesiger Menschenmengen – auch mit Blick auf die tödliche Massenpanik bei der Beerdigung Qasem Soleimanis 2020.
- Wer ist Chameneis Nachfolger und warum ist seine Wahl umstritten?
- Der Expertenrat bestimmte am 9. März Chameneis Sohn Modschtaba (Jahrgang 1969) zum Obersten Führer, gestützt auf die Revolutionsgarden. Laut New York Times erhielt er 59 von 88 Stimmen, obwohl offiziell Einstimmigkeit verkündet wurde; das Testament seines Vaters soll sich gegen seine Erhebung ausgesprochen haben. Öffentlich aufgetreten ist er seither nicht.
- Welche ausländischen Gäste nehmen an den Trauerfeiern teil?
- Delegationen aus rund 30 Staaten und Religionsgelehrte aus mehr als 90 Ländern, darunter Pakistans Premier Shehbaz Sharif, Russlands Sondergesandter Dmitri Medwedew, Chinas Volkskongress-Vizevorsitzender He Wei, die Präsidenten Georgiens und Tadschikistans, der Taliban-Außenminister und eine indische Delegation. Westliche Staatschefs werden kaum erwartet.
- Was bedeuten die Trauerfeiern für die Ölmärkte und Europa?
- Nach der Wiederöffnung der Straße von Hormus fiel der Brent-Preis diese Woche unter 71 Dollar, nachdem er in der Krise über 120 Dollar erreicht hatte. Für Europa, das den Energieschock mit schwächerem Wachstum und höherer Inflation bezahlte, wäre eine dauerhafte Einigung zwischen Washington und Teheran eine spürbare Entlastung.
Quellen(17)
- 1Mapping Iran's Ali Khamenei funeral: Where mourners will gather each dayAl Jazeera · aljazeera.com
- 2Iran war live: Tehran slams US before huge funeral for Ali KhameneiAl Jazeera · aljazeera.com
- 3Iran sends defiant message to Trump with colossal funeral for slain Supreme Leader Ali KhameneiCNN · cnn.com
- 4Live updates: Khamenei's casket on display as Iran prepares for days of huge funeral processionsCNN · cnn.com
- 5Iran set to bury Supreme Leader Khamenei after days of funeral ceremoniesThe Hill · thehill.com
- 6Pakistani Prime Minister Shehbaz Sharif, other world leaders to attend Khamenei's funeralThe Jerusalem Post · jpost.com
- 7Iran Prepares Mass Funeral for Slain Supreme Leader Khamenei Amid US-Israel War and Gulf Security TensionsGulf News · gulfnews.com
- 8State funeral of Ali KhameneiWikipedia · en.wikipedia.org
- 92026 Iranian Supreme Leader electionWikipedia · en.wikipedia.org
- 102026 Iran warWikipedia · en.wikipedia.org
- 11After Khamenei's death, Iran faces uncertain path to new supreme leaderThe Washington Post · washingtonpost.com
- 12Who Will Be Iran's Next Supreme Leader?Carnegie Endowment for International Peace · carnegieendowment.org
- 13After Khamenei killed, Iran set for largely opaque supreme successionThe Times of Israel · timesofisrael.com
- 14Here's how much the Iran war cost — and how its effects will lingerNPR · npr.org
- 15Brent rises after U.S.-Iran peace talks in Geneva are abruptly postponedCNBC · cnbc.com
- 16U.S. crude oil tops $100 again as hope fades for a U.S.-Iran peace dealCNBC · cnbc.com
- 172026 Iran war | Deal, Explained, United States, Israel, Strait of HormuzEncyclopaedia Britannica · britannica.com
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