Naturkatastrophe
Doppelbeben in Venezuela: Mehr als 3.500 Tote, Rettung wird zur Bergung
Zwei Erdstöße der Stärke 7,2 und 7,5 erschütterten am 24. Juni binnen 39 Sekunden den Norden Venezuelas. Knapp zwei Wochen danach sind mindestens 3.535 Tote bestätigt.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Es waren nur 39 Sekunden, die den Norden Venezuelas am Abend des 24. Juni in eine der tödlichsten Naturkatastrophen Amerikas seit Jahrzehnten stürzten. Zwei schwere Erdbeben rissen kurz nacheinander ganze Wohnblöcke ein – mindestens 3.535 Menschen kamen ums Leben. Knapp zwei Wochen später verschiebt sich die Arbeit der Rettungskräfte: Statt Überlebende aus den Trümmern zu ziehen, bergen sie zunehmend die Toten. Zehntausende Menschen bleiben vermisst.
Die von der Nachrichtenagentur Reuters am 6. Juli gemeldete Opferzahl ist seit den ersten Stunden stetig gestiegen, als die Behörden nur einige Hundert Tote zählten. Venezuelas amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez warnte wiederholt, die Zahl werde weiter klettern, sobald der Schutt geräumt sei und die überlasteten Leichenhallen die Toten aus den am schwersten getroffenen Küstenorten erfassen könnten.
Wenn die Erde zweimal bebt
Nach Angaben des US-amerikanischen Geologiedienstes USGS ereignete sich um 18:04 Uhr Ortszeit zunächst ein Beben der Stärke 7,2, dem rund 39 Sekunden später ein Hauptbeben der Stärke 7,5 folgte. Beide lagen flach unter der Oberfläche – das zweite in etwa zehn Kilometern Tiefe – und beide hatten ihr Zentrum im Bezirk Veroes im Bundesstaat Yaracuy, rund 160 Kilometer westlich von Caracas, entlang des Störungssystems von San Sebastián.
Seismologen sprechen bei dem fast zeitgleichen Paar von einer «Erdbebendoublette», einem seltenen Phänomen, bei dem zwei getrennte Brüche ähnlicher Stärke nahezu am selben Ort und binnen Sekunden auftreten. Die Erschütterungen waren im gesamten Norden des Landes zu spüren und lösten kurzzeitig eine Tsunami-Warnung für Teile der Karibik aus, darunter Puerto Rico und die Dominikanische Republik; sie wurde später wieder aufgehoben. Mehr als 780 Nachbeben folgten, das stärkste mit einer Magnitude von etwa 4,8.
Eine steigende – und umstrittene – Bilanz
Neben den bestätigten Toten meldeten die venezolanischen Behörden mehr als 16.000 Verletzte. Eine eigens eingerichtete Website zur Erfassung der Vermissten listet Zehntausende Namen. Tom Fletcher, der Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen, nannte die Zahl von rund 50.000 Vermissten «erschreckend plausibel» – auch wenn Behörden betonen, dass viele davon lediglich von ihren Familien getrennt worden seien.
Das wahre Ausmaß der Verluste ist umstritten. Das Schnellbewertungsmodell des USGS geht davon aus, dass die endgültige Totenzahl angesichts der Wucht der Erschütterungen und der Bevölkerungsdichte der betroffenen Gebiete am wahrscheinlichsten zwischen 10.000 und 100.000 liegen wird. Manche Rechtsmediziner und Helfer halten die offiziellen Angaben für deutlich zu niedrig.
- Stärke 7,2 und 7,5 (USGS), im Abstand von 39 Sekunden
- Mindestens 3.535 bestätigte Tote, mehr als 16.000 Verletzte
- Knapp 50.000 Menschen gelten als vermisst oder unauffindbar
- Mehr als 780 Nachbeben registriert
Die Küste zahlt den höchsten Preis
Obwohl das Epizentrum in Yaracuy lag, traf die menschliche Katastrophe vor allem die dicht besiedelte Küste nördlich von Caracas. Der Bundesstaat La Guaira wurde zum Katastrophengebiet erklärt; in Orten wie Caraballeda, Macuto und Catia la Mar wurden mehr als tausend Gebäude zerstört. Von Forschern zitierte Satellitenauswertungen legen nahe, dass Zehntausende Bauwerke beschädigt wurden. In Caracas erlitten die östlichen Viertel Los Palos Grandes und Altamira schwere Schäden, bis hin zum völligen Einsturz eines 22-stöckigen Hochhauses.
Auch das Gesundheitswesen blieb nicht verschont: Nach offiziellen Angaben wurden Dutzende Krankenhäuser beschädigt, ein Kinderkrankenhaus in La Guaira stürzte ein. Das UN-Büro für Katastrophenvorsorge schätzt die direkten Schäden auf mehrere zehn Milliarden US-Dollar – ein Schlag für ein Land, das nach Jahren der Wirtschaftskrise ohnehin ausgehöhlt ist.
Große Hilfe, harte Kritik
Die Katastrophe hat eine der größten internationalen Hilfsaktionen ausgelöst, die die Region je gesehen hat. Rettungsteams, medizinisches Personal und Suchhunde aus mehr als zwei Dutzend Ländern sind im Einsatz, darunter die USA, Brasilien, Kolumbien, Mexiko, El Salvador, Spanien, Frankreich, Deutschland, die Schweiz, die Türkei, Indien und China. Die Vereinigten Staaten sagten rund 150 Millionen US-Dollar an Hilfen zu, die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Föderation stellte 2,5 Millionen US-Dollar bereit, und die UN lieferten nach eigenen Angaben 10.000 Leichensäcke.
An das venezolanische Volk, an alle, deren Angehörige unter den Trümmern liegen: Wisst, dass wir entschlossen sind, die Hilfe zu euch zu bringen.
Dieses Versprechen des UN-Nothilfechefs Tom Fletcher wird von Warnungen vor den Schwierigkeiten des Einsatzes begleitet. Gianluca Rampolla, der residierende UN- und humanitäre Koordinator in Venezuela, erklärte, die Helfer «arbeiten weiterhin in einem Hochrisikoumfeld» – Hunderte Nachbeben und zerstörte Infrastruktur erschweren den Zugang.
Die eigene Regierung steht derweil massiv in der Kritik. Analysten und Hilfsorganisationen verweisen auf Treibstoffmangel, der Feuerwehrleute stranden ließ, auf Freiwillige, die mit bloßen Händen gruben, und auf Zugangsbeschränkungen, die ausländische Teams beim Erreichen von La Guaira aufhielten. «Es war völlig absehbar, dass die Reaktion der Regierung gänzlich unzureichend ausfallen würde», sagte Phil Gunson, leitender Analyst der International Crisis Group. Rodríguez kündigte einen ersten Wiederaufbaufonds von 200 Millionen US-Dollar an, gespeist aus IWF-Mitteln, um Krankenhäuser und Wohnungen wiederherzustellen – ein Bruchteil der geschätzten Kosten. Da sich das Zeitfenster für die Rettung Überlebender nahezu geschlossen hat, geht die düstere Arbeit der Bergung weiter.
Häufig gefragt
- Was ist eine Erdbebendoublette?
- Eine Erdbebendoublette ist ein seltenes Phänomen, bei dem zwei getrennte Brüche ähnlicher Stärke nahezu am selben Ort und nur Sekunden auseinander auftreten. In Venezuela folgte dem Beben der Stärke 7,2 rund 39 Sekunden später ein Hauptbeben der Stärke 7,5.
- Wie viele Menschen sind bei dem Erdbeben ums Leben gekommen?
- Bis zum 6. Juli 2026 waren mindestens 3.535 Tote bestätigt. Zusätzlich meldeten die Behörden mehr als 16.000 Verletzte, und fast 50.000 Menschen galten als vermisst. Ein USGS-Modell hält eine endgültige Zahl zwischen 10.000 und 100.000 für am wahrscheinlichsten.
- Welche Regionen wurden am schwersten getroffen?
- Obwohl das Epizentrum im Bundesstaat Yaracuy lag, traf es die Küste nördlich von Caracas am härtesten. La Guaira wurde zum Katastrophengebiet erklärt, in Caracas erlitten die Viertel Los Palos Grandes und Altamira schwere Schäden.
- Wie fällt die internationale Hilfe aus?
- Rettungsteams, Mediziner und Suchhunde aus mehr als zwei Dutzend Ländern sind im Einsatz. Die USA sagten rund 150 Millionen US-Dollar zu, die Rotkreuz-Föderation 2,5 Millionen US-Dollar, und die UN lieferten 10.000 Leichensäcke.
Quellen(7)
- 1Venezuela's earthquake death toll reaches 3,535 as survivors look for missing relativesNBC News (Reuters) · nbcnews.com
- 2Venezuela earthquake death toll passes 1,700 as UN continues to scale up responseUN News · news.un.org
- 3June 24-25, 2026 — Venezuela rocked by 7.5 and 7.2 magnitude earthquakesCNN · cnn.com
- 4Venezuela earthquakes latest: Death toll climbs as rescuers continue searchingABC News · abcnews.com
- 5Which countries have pledged aid to Venezuela after powerful earthquakes?Al Jazeera · aljazeera.com
- 6In Venezuela, a 'completely ineffective' government worsens earthquake disaster, experts sayPBS NewsHour · pbs.org
- 72026 Venezuela earthquakesWikipedia · en.wikipedia.org
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