Migration und Menschenrechte

UN-Menschenrechtschef Türk verlangt unabhängige Aufklärung der Todesfälle in US-Abschiebehaft

Seit Anfang 2025 starben nach UN-Angaben mindestens 52 Menschen in der Obhut der Einwanderungsbehörde ICE. Volker Türk fordert rasche, unparteiische Ermittlungen – Washington bestreitet einen Anstieg.

Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Umzäuntes Gelände einer US-amerikanischen ICE-Abschiebehaftanstalt mit Maschendraht, Stacheldraht und niedrigem Hafttrakt
Das umzäunte Gelände einer ICE-Abschiebehaftanstalt mit Maschendraht und Stacheldraht. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Es ist ein ungewöhnlich scharfer Vorwurf gegen einen engen westlichen Verbündeten: Der höchste Menschenrechtsvertreter der Vereinten Nationen verlangt unabhängige und unparteiische Untersuchungen einer wachsenden Zahl von Todesfällen in der US-Abschiebehaft. Damit stellt UN-Hochkommissar Volker Türk die Verschärfung der amerikanischen Migrationspolitik unmittelbar dem internationalen Menschenrechtsstandard gegenüber.

In einer am Freitag veröffentlichten Erklärung zeigte sich Türk alarmiert über die Todesfälle im Gewahrsam der Einwanderungs- und Zollbehörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) und drängte die US-Regierung zu raschem präventivem Handeln. Nach Angaben seines Büros sind seit Anfang 2025 mindestens 52 Menschen in ICE-Haft gestorben – also seit der Rückkehr von Präsident Donald Trump ins Amt, der die Durchsetzung der Einwanderungsgesetze deutlich ausgeweitet hat.

Ich fordere rasche, unabhängige, unparteiische und wirksame Untersuchungen sämtlicher Todesfälle in ICE-Gewahrsam.

Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 starben laut Türk 18 Menschen, ein weiterer Todesfall wurde am 4. Juni gemeldet. Zum Vergleich: Für das gesamte Jahr 2025 nennt sein Büro 33 Todesfälle, für 2024 elf. Fünf der diesjährigen Todesfälle wurden offiziell als Suizide eingestuft.

Ein Apparat, der schneller wächst als seine Kontrolle

Die Todesfälle fallen in eine Phase rasanten Ausbaus des Haftsystems. ICE hielt zuletzt mehr als 60.000 Menschen fest, gegenüber rund 40.000 zu Beginn des Jahres 2025; bis Ende 2026 sollen die Kapazitäten auf 90.000 Plätze ausgeweitet werden, wie das Büro des Hochkommissars mitteilte. Getragen wird die Expansion von einem Netz privater Betreiber und einem milliardenschweren Finanzierungspaket für die Einwanderungskontrolle.

Türk verwies auf ein Muster von Haftbedingungen, das aus seiner Sicht ernste Fragen aufwirft. Sein Büro nannte:

  • besorgniserregende Vorwürfe über die Anwendung von Gewalt;
  • den berichteten Einsatz von Einzelhaft – die die UN ab 15 Tagen als Form der Folter werten und die das Suizidrisiko erhöht;
  • als unmenschlich bezeichnete Zustände, darunter unzureichende medizinische Versorgung und Verpflegung sowie die Aussetzung gegenüber Krankheiten;
  • mangelnde Transparenz über die Umstände der Todesfälle, die die Aufarbeitung untergräbt.

Er rief die Behörden auf, Alternativen zur Inhaftierung den Vorrang zu geben – insbesondere bei Schwangeren, Menschen mit schweren körperlichen oder psychischen Erkrankungen sowie Kindern.

„All diese Faktoren verstärken die Schutzbedürftigkeit und werfen ernste Fragen auf, ob einige dieser Todesfälle in ICE-Gewahrsam hätten verhindert werden können.“

Ein Appell im Namen des Völkerrechts

Türk kleidete seinen Appell weniger in die Sprache diplomatischer Sorge als in die Form bindender Pflichten. Regierungen müssten das Recht auf Leben aller Personen schützen, denen die Freiheit entzogen sei. Die Hafteinrichtungen müssten internationalen Menschenrechtsnormen entsprechen. Zugleich erinnerte er an den Grundsatz der Nichtzurückweisung (non-refoulement) – das Verbot, Menschen an Orte zurückzuschicken, an denen ihnen schwere Schäden drohen: „Niemand sollte an einen Ort zurückgeschickt werden, an dem ihm schwere Menschenrechtsverletzungen oder anderer irreversibler Schaden drohen könnten.“

Die Verantwortung, so Türk, müsse auch den Angehörigen der Verstorbenen gerecht werden.

„Die Verantwortlichen für Rechtsverletzungen müssen zur Rechenschaft gezogen werden, und die Rechte der Familien der Opfer auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung sowie auf Garantien der Nichtwiederholung müssen gewahrt bleiben“, erklärte er.

Für ein europäisches Publikum reicht der Vorstoß über die US-Grenzen hinaus. Dasselbe Völkerrecht, auf das sich Türk beruft, bildet die Grundlage der Asyl- und Rückführungspolitik der Europäischen Union. Eine förmliche UN-Rüge der US-Haftpraxis schärft damit die seit Langem geführten Debatten über Rechtsstaatlichkeit, Migration und den Umgang mit Inhaftierten auf beiden Seiten des Atlantiks.

Washington weist die Vorwürfe zurück

Die US-Behörden bestreiten eine sich zuspitzende Krise. Ein Sprecher des Heimatschutzministeriums (DHS), dem ICE untersteht, sagte dem Sender NBC News, es habe „KEINEN Anstieg der Todesfälle“ gegeben; ICE werde „regelmäßig von externen Stellen geprüft und kontrolliert, um sicherzustellen, dass alle ICE-Einrichtungen die leistungsbasierten nationalen Haftstandards einhalten“.

Mit anderen amtlichen Daten lässt sich diese Verteidigung nur schwer in Einklang bringen. Das Büro des DHS-Generalinspekteurs kündigte zwei Prüfungen an: eine zu Todesfällen in ICE-Gewahrsam zwischen Oktober 2021 und März 2026, eine weitere zum Einsatz von Gewalt in den Einrichtungen. Die Kontrollinstanz begründete dies damit, dass die Zahl der Todesfälle seit dem Haushaltsjahr 2022 jährlich gestiegen sei. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Associated Press erreichte die Sterberate im Gewahrsam 2026 einen Wert von 72,32 je 100.000 Inhaftierten – gegenüber 13,29 je 100.000 im Jahr 2022.

Die Prüfung zum Gewalteinsatz folgt auf einen früheren Bericht des Generalinspekteurs, der Verstöße in einer Einrichtung in Louisiana dokumentierte – darunter ein verbotener Würgegriff und ein Wachmann, der einen Häftling mit einem Stift stach. Auch die Zustände in einzelnen Zentren haben Unruhe ausgelöst: In Delaney Hall, einer ICE-Einrichtung in Newark im Bundesstaat New Jersey, kam es in diesem Jahr zu Hungerstreik-Protesten von Inhaftierten.

Warum es zählt

Der UN-Vorstoß bringt eine Spannung im Kern der Migrationsagenda der Regierung Trump auf den Punkt: Ein Haftapparat ist weit schneller gewachsen als die Schutzvorkehrungen, die ihn regeln sollen. Ob Washington die von Türk geforderten unabhängigen Untersuchungen einleitet – oder weiter darauf beharrt, dass sein System die eigenen Standards erfüllt –, wird zeigen, wie weit eine etablierte Demokratie bereit ist, ihren Vollzugsapparat externer Kontrolle zu unterwerfen. Und wie viel Gewicht internationale Menschenrechtsnormen noch haben, wenn sie an ein ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats angelegt werden.

Häufig gefragt

Wie viele Menschen sind in US-Abschiebehaft gestorben?
Nach Angaben des UN-Menschenrechtsbüros starben seit Anfang 2025 mindestens 52 Menschen in ICE-Gewahrsam: 33 im Jahr 2025 und elf 2024. Für 2026 nennt Türk bislang 19 Todesfälle (18 in den ersten fünf Monaten, einen weiteren am 4. Juni); spätere AP-Berichte sprechen von 20.
Was genau fordert Volker Türk?
Der UN-Hochkommissar verlangt rasche, unabhängige, unparteiische und wirksame Untersuchungen aller Todesfälle, die Rechenschaft der Verantwortlichen, Rechte der Opferfamilien sowie vorrangige Alternativen zur Haft – vor allem für Schwangere, schwer Kranke und Kinder.
Wie reagiert die US-Regierung?
Ein Sprecher des Heimatschutzministeriums erklärte gegenüber NBC News, es habe „KEINEN Anstieg der Todesfälle“ gegeben, und verwies auf regelmäßige externe Prüfungen. Zugleich hat der DHS-Generalinspekteur zwei Untersuchungen zu Todesfällen und Gewalteinsatz angekündigt.
Warum ist der Fall auch für Europa relevant?
Türk beruft sich auf dasselbe Völkerrecht, das auch die Asyl- und Rückführungspolitik der EU stützt. Eine förmliche UN-Rüge der US-Haftpraxis verschärft die transatlantischen Debatten über Rechtsstaatlichkeit, Migration und den Umgang mit Inhaftierten.
Quellen(9)
  1. 1US: Türk alarmed at deaths in ICE custody, calls for urgent preventive actionOHCHR · ohchr.org
  2. 2Deaths in US immigration custody must be investigated: UN rights chiefUN News · news.un.org
  3. 3US: Türk alarmed at deaths in ICE custody, calls for urgent preventive action (mirror)GlobalSecurity.org / OHCHR · globalsecurity.org
  4. 4UN rights chief calls for probe into migrant deaths in US detention centresAl Jazeera · aljazeera.com
  5. 5UN rights chief calls for independent investigations into ICE detention deathsJURIST · jurist.org
  6. 6UN demands probes into US ICE custody deathsFrance 24 / AFP · france24.com
  7. 7DHS watchdog to review ICE detainee deaths, use of forceNBC News · nbcnews.com
  8. 8DHS inspector general to review ICE detainee deaths, use of forceAssociated Press via WBIR · wbir.com
  9. 9How understaffing and DHS policy drives rising deaths in ICE detention centersCNN · cnn.com

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