Naturkatastrophe

Zwei Wochen nach dem Doppelbeben in Venezuela steigt die Zahl der Toten auf 3.535

Nach den Erdstößen vom 24. Juni zählen die Behörden 3.535 Tote und fast 18.000 Obdachlose. An der Regierung in Caracas wächst die Kritik am schleppenden Krisenmanagement.

Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Von einem Erdbeben eingestürzte Wohnhäuser in Venezuela, dazwischen ein internationales Rettungsteam bei der Suche in den Trümmern, im Hintergrund Zelte einer Notunterkunft.
Eingestürzte Wohngebäude und ein internationales Such- und Rettungsteam im Katastrophengebiet zwischen Caracas und La Guaira, im Hintergrund Notunterkünfte. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

In Venezuela ist die Zahl der Todesopfer der beiden schweren Erdbeben vom 24. Juni auf 3.535 gestiegen. Das teilten die Behörden des südamerikanischen Landes am Montag mit, während zehntausende Menschen weiter ohne Obdach ausharren und internationale Rettungsmannschaften ihre Suche nach Vermissten fortsetzen.

Jorge Rodríguez, Präsident der Nationalversammlung, nannte die jüngste offizielle Bilanz laut übereinstimmenden Berichten von Reuters und Al Jazeera. Neben den Toten seien 16.740 Menschen verletzt und 17.854 ohne Wohnung. Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß einer der folgenschwersten Erdbebenkatastrophen, die der amerikanische Kontinent in jüngerer Zeit erlebt hat – konzentriert auf die Hauptstadt Caracas und den Küstenstaat La Guaira.

Ein seltener Doppelschlag der Erde

Die Katastrophe begann am Abend des 24. Juni um 18.04 Uhr Ortszeit. Ein Beben der Stärke 7,2 wurde binnen Sekunden – rund 39 Sekunden später – von einem Hauptbeben der Stärke 7,5 gefolgt. Fachleute sprechen bei einer solchen Abfolge von einem Erdbeben-Dublett, einem seismologisch seltenen Ereignis. Der US-amerikanische Geologische Dienst USGS verortete das stärkere Beben etwa 28 Kilometer südöstlich von Yumare im Bundesstaat Yaracuy, westlich von Caracas, in einer geringen Tiefe von rund zehn Kilometern. Ursache sei eine seitliche Blattverschiebung entlang des San-Sebastián-Störungssystems nahe der Grenze zwischen der Karibischen und der Südamerikanischen Erdplatte.

Weil die Erdstöße flach lagen und dicht besiedeltes Gebiet trafen, waren die Erschütterungen über einen weiten Bogen des nördlichen Zentralvenezuela hinweg heftig. Der USGS registrierte starke Bewegungen unter anderem im Raum Puerto Cabello, Maiquetía, San Felipe, Valencia, Los Teques und in der Hauptstadtregion. Für die südliche Karibik wurde kurzzeitig eine Tsunami-Warnung ausgegeben und wieder aufgehoben; in Puerto Rico wurde lediglich eine Welle von wenigen Zentimetern gemessen.

Die bestätigte Totenzahl stieg stetig, während Rettungskräfte eingestürzte Gebäude erreichten: Kurz nach der Katastrophe lag sie bei rund 2.295, überschritt binnen Tagen die Marke von 1.700 bestätigten Toten und erreichte Anfang Juli 3.535. Automatisierte Modellrechnungen des USGS warnen, dass die endgültige Zahl weit höher ausfallen könnte – die Behörde beziffert die Wahrscheinlichkeit einer Bilanz zwischen 10.000 und 100.000 Toten auf 44 Prozent. Tausende Menschen gelten weiter als vermisst.

Ohne Dach, verletzt und in Angst

Jenseits der Toten bemisst sich die Not an zerstörten Wohnungen. Fast 18.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren. Nach Angaben der venezolanischen Behörden kamen mindestens 12.800 von ihnen in rund 80 Notunterkünften in Caracas und La Guaira unter. Eine Satellitenauswertung der Forscher Corey Scher und Jamon Van Den Hoek von der Oregon State University schätzt, dass rund 58.870 Gebäude beschädigt oder zerstört wurden; Berichten zufolge stürzten nahezu 800 Bauwerke vollständig ein. Der direkte wirtschaftliche Schaden wird auf eine Größenordnung von mehreren zehn Milliarden US-Dollar taxiert.

Helfer beschreiben, wie sich der Einsatz nun von der Rettung zu einem zähen Wiederaufbau verlagert – mit akuten Risiken in den überfüllten Unterkünften, in denen sich die Überlebenden drängen.

Der Weg von einem eigenen Haus, von einem Zuhause, hin zu einer Notunterkunft oder einer provisorischen Bleibe wird nicht leicht sein.

Diese Warnung stammt von Vanessa May, Leiterin des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) in Venezuela, zitiert von UN News. Medizinisches Personal verweist auf eine drohende Gefahr für die öffentliche Gesundheit, da Verletzte und Vertriebene auf engem Raum und mit wenig sauberem Wasser zusammenleben. Eugenio Cova, Leiter der Traumaabteilung am Krankenhaus José Gregorio Hernández, sagte Al Jazeera: „Das Problem, das wir unmittelbar auf uns zukommen sehen, sind die Infektionen, die jene Patienten mitbringen könnten, die der Katastrophe am längsten ausgesetzt waren.“

Ein internationaler Einsatz an der Belastungsgrenze

Die Vereinten Nationen und internationale Partner haben eine großangelegte Hilfsoperation aufgezogen. Berichten zufolge sind mehr als 2.000 Rettungskräfte aus 27 Ländern im Einsatz, dazu über 160 Suchhunde in mehr als 40 Teams; in La Guaira wurden drei Hilfszentren eingerichtet. Die Panamerikanische Gesundheitsorganisation und die Weltgesundheitsorganisation lieferten Leichensäcke, Kühlcontainer, mortuarische Ausrüstung und technische Leitlinien. Die UN erklärten, sie hätten gemeinsam mit den venezolanischen Behörden die Beschaffung von 10.000 Leichensäcken vereinbart – ein bedrückender Gradmesser für die erwartete Bilanz.

Gianluca Rampolla, residierender UN-Koordinator für humanitäre Hilfe in Venezuela, sagte, die Teams arbeiteten weiterhin in einem Umfeld hohen Risikos. Zu den vorrangigen Aufgaben, die die Einsatzkräfte benennen, zählen:

  • Notunterkünfte und provisorische Bleiben für die Vertriebenen;
  • sauberes Wasser, Sanitärversorgung und Seuchenprävention in überfüllten Lagern;
  • medizinische Versorgung für tausende verletzte Überlebende;
  • Trümmerräumung sowie die statische Prüfung beschädigter Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser.

Die Katastrophe hat auch die Kritik an der Regierung der amtierenden Präsidentin Delcy Rodríguez neu entfacht, die den staatlichen Umgang mit dem Unglück gegen Vorwürfe der Verzögerung verteidigt. Humanitäre Organisationen wie das International Rescue Committee sowie unabhängige Fachleute haben in Frage gestellt, wie rasch der Staat reagiert hat.

„In der Regierung jedes anderen Landes sollte der Staat der erste Helfer sein. Im Fall Venezuelas war der Staat der letzte Helfer.“

Diese Einschätzung äußerte Carolina Jiménez, Präsidentin des Washington Office on Latin America, gegenüber Al Jazeera. Während sich der Wiederaufbau in die dritte Woche zieht, warnen Verantwortliche, dass sowohl die Zahl der Toten als auch die der Obdachlosen weiter steigen könnten, ehe das volle Ausmaß der Katastrophe absehbar ist.

Häufig gefragt

Wie viele Menschen sind bei dem Erdbeben in Venezuela ums Leben gekommen?
Nach der jüngsten offiziellen Bilanz von Nationalversammlungspräsident Jorge Rodríguez starben 3.535 Menschen, 16.740 wurden verletzt und 17.854 verloren ihre Wohnung. Der USGS hält eine weit höhere endgültige Zahl für möglich.
Was ist ein Erdbeben-Dublett?
So bezeichnen Seismologen die seltene Abfolge zweier schwerer Beben kurz hintereinander. In Venezuela folgte am 24. Juni rund 39 Sekunden nach einem Stoß der Stärke 7,2 ein Hauptbeben der Stärke 7,5.
Wo lag das Epizentrum?
Der USGS verortete das Hauptbeben der Stärke 7,5 etwa 28 Kilometer südöstlich von Yumare im Bundesstaat Yaracuy, westlich von Caracas, in rund zehn Kilometern Tiefe entlang des San-Sebastián-Störungssystems.
Warum steht die Regierung in der Kritik?
Humanitäre Organisationen wie das International Rescue Committee und Fachleute werfen dem Staat eine zu langsame Reaktion vor. Die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez verteidigt das Krisenmanagement.
Quellen(9)
  1. 1Venezuela earthquake toll rises to 3,535; 18,000 remain displacedReuters (via ThePrint) · theprint.in
  2. 2Venezuela earthquakes death toll jumps to more than 3,500Al Jazeera · aljazeera.com
  3. 3Venezuela's earthquake death toll reaches 3,535 as survivors look for missing relativesNBC News · nbcnews.com
  4. 4Venezuela earthquake death toll rises to 3,535 as thousands remain displacedCBC News · cbc.ca
  5. 5Venezuela earthquake death toll passes 1,700 as UN continues to scale up responseUN News · news.un.org
  6. 6M 7.5 - 28 km SE of Yumare, VenezuelaUS Geological Survey · earthquake.usgs.gov
  7. 7June 24-25, 2026 — Venezuela rocked by 7.5 and 7.2 magnitude earthquakesCNN · cnn.com
  8. 8Untold casualties and humanitarian needs: What to know a week from Venezuela's quakesNPR · npr.org
  9. 92026 Venezuela earthquakesWikipedia · en.wikipedia.org

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