Katastrophenhilfe
Nach Doppelbeben in Venezuela: Luxemburg schickt Rettungsteam und Satellitentechnik
Das Großherzogtum entsendet ein CGDIS-Team mit dem System emergency.lu in das Katastrophengebiet. 22 in Venezuela gemeldete Personen mit Luxemburger Matrikel haben sich nicht an das Konsulat gewandt.
Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Wenn in einem Katastrophengebiet die Telefon- und Stromnetze zusammenbrechen, zählt jede Verbindung. Genau dafür hat Luxemburg ein Spezialteam und ein satellitengestütztes Kommunikationssystem nach Venezuela entsandt, wo zwei aufeinanderfolgende Erdbeben mehr als 1.430 Menschen das Leben gekostet und Zehntausende vermisst zurückgelassen haben.
Der Beitrag des Großherzogtums – Ausrüstung für Telekommunikation, Notunterkünfte und Energieversorgung sowie Einsatzkräfte des Grand-Ducal Fire and Rescue Corps (CGDIS) – läuft über das Katastrophenschutzverfahren der Europäischen Union, den Rahmen der Union zur Bündelung von Nothilfe. Davon getrennt teilte das Außenministerium mit, dass 22 in Luxemburg gemeldete Personen als in Venezuela lebend registriert seien und sich bislang keine von ihnen für eine Unterstützung an die konsularischen Dienste gewandt habe.
Zwei Beben in 39 Sekunden
Die Katastrophe begann am Abend des 24. Juni, als um 18:04 Uhr Ortszeit ein Erdbeben der Stärke 7,2 den Nordwesten Venezuelas erschütterte. 39 Sekunden später folgte ein noch stärkerer Stoß der Magnitude 7,5; beide Epizentren lagen laut dem US-amerikanischen Geologiedienst USGS nahe der Stadt San Felipe im Bundesstaat Yaracuy. Das bis zu zwei Minuten anhaltende Beben ließ in mehreren Bundesstaaten Hunderte Gebäude einstürzen und war im nördlichen Südamerika und in der Karibik zu spüren. Eine zunächst für die Dominikanische Republik, Puerto Rico und die Amerikanischen Jungferninseln herausgegebene Tsunami-Warnung wurde später wieder aufgehoben.
Bis zum 27. Juni war die offizielle Totenzahl nach Angaben venezolanischer Behörden und internationaler Nachrichtenagenturen auf über 1.430 gestiegen, bei nahezu 4.000 Verletzten; einzelne Zählungen nannten rund 1.450 Tote. Rettungskräfte durchsuchten weiter eingestürzte Gebäude nach Überlebenden. Die Vereinten Nationen erklärten, Zehntausende Menschen würden weiterhin vermisst; eine Erfassung bezifferte die Zahl der Vermissten auf nahezu 50.000 – eine Angabe, der die Regierung widerspricht. Der vorläufige UN-Bericht bezifferte den Sachschaden auf 4,7 bis 8,7 Milliarden US-Dollar, was etwa vier bis acht Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung Venezuelas entspricht.
Die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez rief den Notstand aus und benannte den Küstenstaat La Guaira als am schwersten betroffen.
Man kann sagen, dass der Bundesstaat La Guaira eine wahre Tragödie durchlebt und zum Katastrophengebiet geworden ist.
Der UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher wies darauf hin, dass die Beben ein ohnehin schwer belastetes Land getroffen hätten: Bereits vor den Erdstößen seien fast acht Millionen Venezolaner auf humanitäre Hilfe angewiesen gewesen.
Was Luxemburg auf den Weg bringt
Vize-Premierminister Xavier Bettel, zuständig für Zusammenarbeit und humanitäre Aktion, und Innenminister Léon Gloden beschlossen den Einsatz von emergency.lu, der schnell verlegbaren Satellitenplattform Luxemburgs, die eigens für Krisen entwickelt wurde, in denen die örtliche Kommunikation ausfällt. Das entsandte Paket umfasst:
- zwei Mitglieder des humanitären Einsatzteams (HIT) des CGDIS, die mit dem Satellitensystem emergency.lu an Bord einer Maschine der Luxembourg Air Rescue ausflogen, um die Kommunikation vor Ort wiederherzustellen;
- drei weitere HIT-Fachleute zur Verstärkung des Koordinierungsteams der Europäischen Kommission, die über Rom und einen von der EU gecharterten Anschlussflug anreisen;
- Ausrüstung für Telekommunikation, Notunterkünfte und Stromversorgung, wobei der Einsatz zu 75 Prozent von der Europäischen Union und zu 25 Prozent von der luxemburgischen Direktion für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Aktion finanziert wird.
Eine erste Auslegung geht von rund 15 Tagen aus. Das Wiederherstellen einer Kommunikationsverbindung gehört bei einer Großkatastrophe zu den vordringlichsten Aufgaben, weil sich Rettungsteams nur so abstimmen und Überlebende ihre Angehörigen erreichen können. Bettel ordnete den Einsatz genau in diesem Sinne ein.
„Es ist von wesentlicher Bedeutung, dass die Rettungsteams untereinander kommunizieren können und dass die Bevölkerung über Kommunikationsmittel verfügt. Eine der größten Ängste in solchen Situationen ist es, ohne Nachricht von den Angehörigen zu bleiben“, sagte der Vize-Premierminister.
22 Personen mit Matrikel – kein Hilferuf
Die Zahl der Luxemburg zugeordneten Einwohner verdeutlicht, wie dünn die Diaspora des Großherzogtums in Venezuela gestreut ist. 22 Personen, die „über eine Luxemburger Matrikel verfügen“, seien dort als wohnhaft registriert, teilte das Außenministerium am Donnerstag nach den Beben mit; keine von ihnen habe die konsularischen Dienste um irgendeine Form von Beistand gebeten. Die Angabe beruht auf freiwilliger Registrierung und nicht auf einer gesicherten Zählung; einen Luxemburger Staatsbürger unter den Toten oder Verletzten meldete das Ministerium nicht. Mehrere andere Regierungen haben dagegen ausländische Staatsangehörige unter den Opfern bestätigt.
Eine europäische und globale Kraftanstrengung
Luxemburg ist einer von acht EU-Mitgliedstaaten, die ihre Hilfe über das Katastrophenschutzverfahren leiten – neben Tschechien, Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland, Portugal und den Niederlanden. Mehr als 520 Einsatzkräfte seien in den acht Ländern mobilisiert worden, teilte die Europäische Kommission mit; Italien entsandte ein medizinisches Team, und der EU-Satellitendienst Copernicus wurde für die Notfallkartierung aktiviert, um die Hilfe zu steuern.
Hadja Lahbib, EU-Kommissarin für Krisenmanagement, begrüßte die wachsende Beteiligung. Die EU habe „über 520 Rettungskräfte“ aus den beteiligten Staaten mobilisiert, dazu „medizinisches Personal aus Italien und Telekommunikationsausrüstung aus Luxemburg“. Über Europa hinaus haben Regierungen in ganz Amerika – darunter Brasilien, Kanada, Mexiko, Kolumbien, El Salvador, Kuba und die Vereinigten Staaten – sowie die Vereinten Nationen Such- und Rettungsmannschaften und humanitäre Güter geschickt; es ist eine der größten Hilfsmobilisierungen, die die Region seit Jahren erlebt hat.
Für Luxemburg macht der Einsatz aus einer fernen Katastrophe eine unmittelbar nahe Geschichte: eine Handvoll Bürger im Ausland, ein nationales Rettungskorps im Einsatz Tausende Kilometer entfernt und ein im Großherzogtum entwickeltes Satellitensystem, das nun die Stimmen von Überlebenden in einer zerstörten venezolanischen Stadt überträgt.
Häufig gefragt
- Was hat Luxemburg nach den Erdbeben in Venezuela konkret entsandt?
- Luxemburg schickte zwei CGDIS-Mitglieder mit dem Satellitensystem emergency.lu an Bord einer Maschine der Luxembourg Air Rescue sowie drei weitere HIT-Fachleute zur Verstärkung des EU-Koordinierungsteams. Hinzu kommt Ausrüstung für Telekommunikation, Notunterkünfte und Energieversorgung.
- Wie viele Luxemburger sind in Venezuela betroffen?
- Laut Außenministerium sind 22 Personen mit einer Luxemburger Matrikel als in Venezuela wohnhaft registriert. Zum Zeitpunkt der Mitteilung hatte sich keine von ihnen an die konsularischen Dienste gewandt; ein Opfer wurde nicht gemeldet.
- Wie viele Opfer forderten die Beben?
- Bis zum 27. Juni stieg die offizielle Totenzahl auf über 1.430, einzelne Zählungen nannten rund 1.450. Es gab fast 4.000 Verletzte; die UN sprachen von Zehntausenden Vermissten, eine Erfassung von nahezu 50.000 – eine Zahl, der die Regierung widerspricht.
- Wer finanziert den luxemburgischen Einsatz?
- Der Einsatz wird zu 75 Prozent von der Europäischen Union und zu 25 Prozent von der luxemburgischen Direktion für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Aktion getragen. Die anfängliche Auslegung geht von rund 15 Tagen aus.
Quellen(12)
- 12026 Venezuela earthquakesWikipedia · en.wikipedia.org
- 2June 24-25, 2026 — Venezuela rocked by 7.5 and 7.2 magnitude earthquakesCNN · cnn.com
- 3Venezuela earthquakes kill at least 188 people, injure 1,520Al Jazeera · aljazeera.com
- 4Venezuela earthquakes updates: Rescue efforts on as death toll hits 235Al Jazeera · aljazeera.com
- 5Venezuela earthquakes live updates: Death toll rises to at least 1,450 as searches continueABC News · abcnews.com
- 6Venezuela quake death toll rises to 1,430 as searches continue for survivorsEuronews · euronews.com
- 7Live updates: Venezuela earthquakes, rescue and aidNBC News · nbcnews.com
- 8EU deploys emergency assistance to Venezuela following earthquakesEuropean Civil Protection and Humanitarian Aid Operations (ECHO) · civil-protection-humanitarian-aid.ec.europa.eu
- 9Which countries have pledged aid to Venezuela after powerful earthquakes?Al Jazeera · aljazeera.com
- 10Assistance du Luxembourg au Venezuela (communiqué Bettel-Gloden)Le gouvernement luxembourgeois · gouvernement.lu
- 11Venezuela: le Luxembourg envoie un satellite et des experts après le séismeL'essentiel · lessentiel.lu
- 12Séismes au Venezuela: des Luxembourgeois pourraient se trouver sur placeL'essentiel · lessentiel.lu



