Naturkatastrophe
Schweres Erdbeben in Venezuela: Mehr als 900 Tote – Luxemburg schickt Satellitentechnik
Zwei Beben der Stärke 7,2 und 7,5 ließen am 24. Juni Hochhäuser in Caracas und La Guaira einstürzen. Luxemburg entsendet ein Spezialistenteam und sein System emergency.lu in die Katastrophenregion.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Es waren nur Sekunden, die über das Ausmaß der Katastrophe entschieden. Am Abend des 24. Juni bebte die dicht besiedelte Nordküste Venezuelas zweimal in kurzer Folge – und hinterließ eingestürzte Wohntürme, verschüttete Menschen und eine der größten internationalen Rettungsaktionen, die die Region in jüngerer Zeit erlebt hat. Mehr als 900 Todesopfer sind inzwischen bestätigt. Luxemburg gehört zu den europäischen Staaten, die nun Hilfe leisten: Das Großherzogtum schickt ein spezialisiertes Rettungsteam und ein mobiles Satellitenkommunikationssystem in das Katastrophengebiet.
Nach Angaben des US-amerikanischen Erdbebendienstes USGS erschütterte ein erstes Beben der Stärke 7,2 die Region um 18.04 Uhr Ortszeit. Rund 39 Sekunden später folgte das Hauptbeben mit einer Magnitude von 7,5. Beide waren flache Brüche entlang des Störungssystems San Sebastián, das Epizentrum lag nahe San Felipe im Bundesstaat Yaracuy, westlich der Hauptstadt. Seismologen sprechen vom stärksten jemals in Venezuela registrierten Erdbeben seit 1900.
Eine Opferzahl, die täglich stieg
Die Bilanz verschlechterte sich im Lauf der Woche dramatisch. Am 25. Juni meldeten die Behörden mindestens 188 Tote; einen Tag später sprach Jorge Rodríguez, Präsident der Nationalversammlung, von mehr als 920 Toten und rund 3.000 Verletzten – manche Zählungen nannten sogar über 4.500 Verletzte. Frühe Schätzungen gingen von Zehntausenden Vermissten aus, während offizielle Stellen deutlich niedrigere Zahlen angaben. Rettungskräfte berichteten, dass auch fast drei Tage nach den Beben noch Hunderte Menschen unter eingestürzten Gebäuden verschüttet seien. Die Vereinten Nationen schätzten, dass knapp sieben Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner betroffen sind.
Die Zerstörung konzentrierte sich auf Caracas und den Küstenstaat La Guaira. In den Stadtteilen Altamira und Los Palos Grandes der Hauptstadt brachen mehrere Hochhäuser zusammen. Innenminister Diosdado Cabello erklärte, allein in La Guaira seien mehr als 100 Gebäude eingestürzt und rund 70.000 Familien betroffen. Der wichtigste internationale Flughafen des Landes, Simón Bolívar, wurde schwer beschädigt, die Metro von Caracas stellte den Betrieb ein, die Schulen blieben geschlossen. Die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez rief den Notstand aus und erklärte La Guaira zum Katastrophengebiet.
„An das venezolanische Volk, an alle, deren Angehörige unter den Trümmern liegen: Wisst, dass wir entschlossen sind, dafür zu sorgen, dass Hilfe zu euch gelangt.“
Diese Botschaft kam von Tom Fletcher, dem für humanitäre Hilfe zuständigen Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen, während UN-Organisationen begannen, Hilfsgüter und Rettungsexperten zu entsenden. Immer wieder wurden die Bergungsarbeiten von Nachbeben unterbrochen – darunter ein Beben der Stärke 4,9 am 26. Juni, das die Einsätze in einigen Gebieten kurzzeitig zum Stillstand brachte.
Hilfe aus zwei Kontinenten
Innerhalb von 48 Stunden trafen Such- und Rettungsmannschaften aus ganz Amerika und Europa in Venezuela ein. Teams kamen aus Chile, Kolumbien, Ecuador, Mexiko, Brasilien und den Vereinigten Staaten, wo die Katastrophenschutzbehörde FEMA spezialisierte Einheiten für die Trümmersuche in Städten entsandte. Frankreich schickte 85 Helfer; Spanien, die Schweiz und das Vereinigte Königreich stellten Fachkräfte und Spürhundeteams bereit.
Ein Großteil der europäischen Anstrengungen läuft über das EU-Katastrophenschutzverfahren, das zur Koordinierung der Hilfe aktiviert wurde. Nach Angaben der Europäischen Kommission beteiligen sich acht Mitgliedstaaten mit Personal und Ausrüstung, insgesamt wurden mehr als 520 Einsatzkräfte mobilisiert. Beteiligt sind:
- Tschechien, Spanien, Italien und Frankreich
- Luxemburg, Deutschland, Portugal und die Niederlande
Die Kommission teilte mit, die EU habe für 2026 bereits 52 Millionen Euro für den humanitären Bedarf Venezuelas bereitgestellt. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte die Solidarität der Union.
„Wir stehen in dieser Zeit großer Tragödie und Katastrophe an der Seite der Menschen in Venezuela.“
Was Luxemburg beiträgt
Am 26. Juni kündigte auch Luxemburg seinen Einsatz an. Der stellvertretende Premierminister Xavier Bettel, zuständig für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe, sowie Innenminister Léon Gloden genehmigten die Entsendung eines zweiköpfigen Teams des Humanitarian Intervention Team (HIT) des großherzoglichen Rettungsdienstes CGDIS – gemeinsam mit dem nationalen Satellitenkommunikationssystem emergency.lu.
Die Plattform emergency.lu, eine luxemburgische öffentlich-private Initiative, ist eigens für Katastrophengebiete konzipiert, in denen herkömmliche Netze ausgefallen sind. Sie soll Hilfsorganisationen ein funktionierendes Kommunikationsrückgrat verschaffen. In einer Erklärung beschrieb die Regierung den Auftrag des Teams unmissverständlich:
Ihre Aufgabe wird es sein, die Telekommunikationsdienste in der betroffenen Region wiederherzustellen, damit humanitäre Organisationen ihre Arbeit verrichten können.
Drei weitere HIT-Experten sollen zudem das Koordinierungsteam der Europäischen Kommission vor Ort verstärken. Die Entsendung, gemeinsam angekündigt von der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe, dem Innenministerium und dem Ministerium für auswärtige und europäische Angelegenheiten, ist zunächst auf etwa zwei Wochen angelegt. Finanziert wird sie zu 75 Prozent von der Europäischen Union und zu 25 Prozent von Luxemburg.
Vom Bergen zum Versorgen
Während sich das sogenannte goldene Zeitfenster für die Rettung Überlebender schließt, verlagert sich der Schwerpunkt von der Bergung hin zur Versorgung der Hunderttausenden, die obdachlos geworden oder vertrieben sind. Die Wiederherstellung von Kommunikation, Strom und Unterkünften in den am schwersten getroffenen Küstengebieten wird in den kommenden Tagen zur zentralen Herausforderung – und die Nischenrolle, die Luxemburg übernommen hat, dürfte weit über die erste Notlage hinaus von Bedeutung bleiben. Das volle Ausmaß der menschlichen Tragödie, so warnen die Behörden, werde sich erst zeigen, wenn die Suchteams jedes eingestürzte Gebäude erreicht haben.
Häufig gefragt
- Wie stark waren die Erdbeben in Venezuela?
- Am 24. Juni 2026 traf zunächst ein Vorbeben der Stärke 7,2 die Region, rund 39 Sekunden später folgte ein Hauptbeben der Stärke 7,5. Beide waren flache Brüche entlang des Störungssystems San Sebastián mit Epizentrum nahe San Felipe im Bundesstaat Yaracuy.
- Wie viele Menschen kamen ums Leben?
- Bis zum 26. Juni 2026 bestätigte der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, mehr als 920 Tote und rund 3.000 Verletzte. Einige Zählungen nannten über 4.500 Verletzte, und Hunderte galten noch als verschüttet.
- Was genau leistet Luxemburg?
- Luxemburg entsendet ein zweiköpfiges Team des CGDIS-Rettungsdienstes mit dem Satellitensystem emergency.lu, um die Telekommunikation wiederherzustellen, sowie drei weitere HIT-Experten für das EU-Koordinierungsteam. Der Einsatz ist auf etwa zwei Wochen angelegt und wird zu 75 Prozent von der EU und zu 25 Prozent von Luxemburg finanziert.
- Wie hilft die Europäische Union?
- Acht EU-Mitgliedstaaten – Tschechien, Spanien, Italien, Frankreich, Luxemburg, Deutschland, Portugal und die Niederlande – mobilisierten über das EU-Katastrophenschutzverfahren mehr als 520 Einsatzkräfte. Die EU hatte für 2026 bereits 52 Millionen Euro für den humanitären Bedarf Venezuelas bereitgestellt.
Quellen(11)
- 12026 Venezuela earthquakesWikipedia · en.wikipedia.org
- 2World aids rescue effort as Venezuela quake death toll hits 920Al Jazeera · aljazeera.com
- 3June 26, 2026 — Over 900 killed in Venezuela earthquakesCNN · cnn.com
- 4Venezuela earthquakes live updates: Death toll rises to at least 920 as search nears 72 hoursABC News · abcnews.com
- 5Powerful twin earthquakes hammer Venezuela, killing at least 188NBC News · nbcnews.com
- 6Venezuela earthquakes LIVE: Death toll rises amid recovery and rescue effortsUN News · news.un.org
- 7Luxembourg Deploys Humanitarian Team to Earthquake-Hit VenezuelaChronicle.lu · chronicle.lu
- 8EU deploys emergency assistance to Venezuela following earthquakesEuropean Commission (DG ECHO) · civil-protection-humanitarian-aid.ec.europa.eu
- 9M 7.5 - 16 km SW of Morón, VenezuelaUSGS · earthquake.usgs.gov
- 10M 7.2 - 24 km ENE of San Felipe, VenezuelaUSGS · earthquake.usgs.gov
- 11Which countries have pledged aid to Venezuela after powerful earthquakes?Al Jazeera · aljazeera.com
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