Iran nach dem Krieg

Chameneis Sarg erreicht den Irak – sein Nachfolger bleibt im Verborgenen

Vier Monate nach dem Tod Ali Chameneis bei amerikanisch-israelischen Angriffen zieht sein Leichenzug durch die Heiligtümer Nadschaf und Kerbela – während der zum Erben bestimmte Sohn verborgen bleibt.

Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Die goldene Kuppel und die Minarette des Imam-Ali-Schreins in Nadschaf, umgeben von einer riesigen Trauerprozession mit einem in eine Flagge gehüllten Sarg.
Der goldgekuppelte Imam-Ali-Schrein in Nadschaf mit seinen blauen Fliesen und Minaretten, umringt von einem Trauerzug mit flaggenverhülltem Sarg und schwarzen Trauerbannern (illustratives, KI-generiertes Bild). Illustration: KI-generiert — Status

Am Mittwoch überquerte der Trauerzug für Ali Chamenei die Grenze in den Irak. In den schiitischen Heiligtümern Nadschaf und Kerbela versammelten sich Hunderttausende – mehr als vier Monate nach dem Tod des iranischen Revolutionsführers, der bei amerikanisch-israelischen Luftangriffen ums Leben kam. Die Bilder aus dem Ausland sollten die Stärke eines schwer getroffenen Staates in die Welt tragen. Doch ausgerechnet der Mann, der Chamenei nachfolgen soll, hat sich bis heute nicht öffentlich gezeigt.

Chamenei, der den Iran 36 Jahre lang führte, wurde am 28. Februar in seinem Büro in Teheran getötet. Die abgestimmten Angriffe der Vereinigten Staaten und Israels eröffneten einen kurzen, verheerenden Krieg – so berichten iranische Staatsmedien und internationale Häuser wie Al Jazeera und France 24. Er wurde 86 Jahre alt. Sein sechstägiges Staatsbegräbnis, monatelang durch den Konflikt aufgeschoben, begann am 3. Juli.

Ein Begräbnis als politische Inszenierung

Die Zeremonien sind bis ins Detail als Machtdemonstration angelegt. Nach den Abschiedsriten in Teheran zog am 6. Juli ein gewaltiger Trauerzug durch die Hauptstadt, ehe im Klerikerzentrum Ghom weitere Feierlichkeiten folgten. Die Financial Times schätzte allein in Teheran zwölf bis fünfzehn Millionen Trauernde; die Behörden stellten Busse, Verpflegung und Unterkünfte bereit, um den Andrang zu vergrößern. Offiziell wird erwartet, dass die Mobilisierung an das Begräbnis des Revolutionsgründers Ruhollah Chomeini von 1989 heranreicht.

Parlamentspräsident und Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf hatte das Land aufgerufen, die Trauer in eine Botschaft an die Feinde des Iran zu verwandeln.

Der Ruf der Nation nach Vergeltung muss der ganzen Welt in den Ohren gellen.

Dieser Zorn beherrschte die Prozessionen, die zu aufgeladenen Kundgebungen gegen die Vereinigten Staaten, Israel und deren Führung wurden. „Wer dieses Verbrechen begangen hat, muss wissen: Die Nation Iran und wir alle werden niemals aufhören, Gerechtigkeit zu suchen und zu fordern", sagte Armeechef Generalmajor Amir Hatami den Trauernden, wie Al Jazeera berichtet.

Die Route durch die heiligen Städte des Irak

Der Weg in den Irak trägt eine tiefe Symbolik. Er führt den Leichnam des iranischen Führers durch die beiden Zentren schiitischer Frömmigkeit – in einem Land, gegen das der Iran in den achtziger Jahren acht Jahre lang Krieg führte. Der veröffentlichte Ablauf sieht vor:

  • 6. Juli – Teheran: ein rund elf Kilometer langer Zug bis zum Asadi-Platz.
  • 7. Juli – Ghom: ein Marsch von der Dschamkaran-Moschee zum Schrein der Fatima Masumeh.
  • 8. Juli – Nadschaf und Kerbela: eine Prozession, die gegen sechs Uhr morgens an der Überführung des Sadr-Krankenhauses beginnt und zum Schrein des Imam Ali sowie anschließend zum Schrein des Imam Hussein zieht.
  • 9. Juli – Maschhad: die Beisetzung im Schrein des Imam Reza, in Chameneis Geburtsstadt.

Nadschaf und Kerbela sind die heiligsten Stätten des schiitischen Islam; hier ruhen Imam Ali und sein Sohn Imam Hussein. Indem der Leichenzug durch sie geführt wird, erscheint Chamenei nicht bloß als Staatsoberhaupt, sondern als religiöser Märtyrer – eine Botschaft, die sich an schiitische Gemeinschaften im Irak, in Afghanistan, Pakistan und darüber hinaus richtet.

Ein Erbe, den niemand gesehen hat

Über dem Schauspiel liegt jedoch eine auffällige Leerstelle. Im März benannte der Expertenrat – das klerikale Gremium, das den Revolutionsführer bestimmt – Chameneis 56-jährigen Sohn Modschtaba zum Nachfolger. Seither ist er bei keinem einzigen öffentlichen Anlass aufgetreten, auch nicht bei den Begräbnisfeierlichkeiten, und selbst der Beisetzung seiner eigenen Frau blieb er fern, die bei den Angriffen im Februar ebenfalls getötet wurde.

Iranische Vertreter führen seine Zurückgezogenheit auf Sicherheitsbedenken und auf Verletzungen zurück, die er bei dem Angriff auf seinen Vater erlitten habe; ein Bericht von Reuters vom April sprach von schweren Wunden im Gesicht und an den Beinen, doch keine dieser Darstellungen ist unabhängig bestätigt. Drei weitere Söhne Chameneis zeigten sich bei den Trauerzeremonien. Das Schweigen nährt Spekulationen darüber, wer den Iran tatsächlich regiert.

„Wir haben keine Ahnung von seinem körperlichen oder geistigen Zustand, außer vom Hörensagen", sagte Nazenin Ansari, geschäftsführende Redakteurin von Kayhan London, gegenüber Newsweek; weder seine Stimme noch ein aktuelles Foto seien aufgetaucht. Analysten vermuten, dass ein kollektiver Führungsrat den Staat in der Zwischenzeit lenkt.

Der lange Schatten von Hormus

Das Begräbnis schließt ein Kapitel ab, das die globalen Energiemärkte erschütterte. Wenige Tage nach Chameneis Tod erklärten die Revolutionsgarden am 4. März die Straße von Hormus – jenes Nadelöhr, durch das rund ein Viertel des weltweit auf dem Seeweg beförderten Öls und ein Fünftel des Flüssigerdgases fließt – für die Schifffahrt gesperrt. Die Nordseesorte Brent überstieg am 8. März erstmals seit vier Jahren die Marke von 100 Dollar je Barrel und erreichte einen Höchststand von fast 126 Dollar – nach Einschätzung von Analysten die größte Störung der weltweiten Energieversorgung seit den siebziger Jahren.

Am 8. April trat eine Waffenruhe in Kraft, und am 17. Juni unterzeichneten Präsident Masud Peseschkian und US-Präsident Donald Trump eine Absichtserklärung, um Krieg und Blockade zu beenden; danach erholte sich der Verkehr durch die Meerenge. Doch die Einigung lässt eine Kernfrage des Nahen Ostens offen: ob ein Iran ohne den Mann, der ihn eine Generation lang prägte, und ohne sichtbaren Nachfolger das folgenreichste Kräftegleichgewicht der Region halten kann. Während sich der Sarg Maschhad nähert, bleibt die Antwort so verborgen wie der Mann, der sie geben soll.

Häufig gefragt

Wann und wie starb Ali Chamenei?
Chamenei wurde am 28. Februar 2026 im Alter von 86 Jahren in seinem Büro in Teheran bei abgestimmten amerikanisch-israelischen Luftangriffen getötet, die einen kurzen Krieg eröffneten. Er hatte den Iran 36 Jahre lang geführt.
Warum führt der Trauerzug durch Nadschaf und Kerbela?
Nadschaf und Kerbela sind die heiligsten Stätten des schiitischen Islam mit den Gräbern von Imam Ali und Imam Hussein. Die Route stilisiert Chamenei zum religiösen Märtyrer und richtet sich an schiitische Gemeinschaften im Irak, in Afghanistan, Pakistan und darüber hinaus.
Wer folgt Chamenei nach?
Der Expertenrat benannte im März 2026 Chameneis Sohn Modschtaba zum neuen Revolutionsführer. Er ist jedoch seither nicht öffentlich aufgetreten; offiziell werden Sicherheitsbedenken und Verletzungen aus dem Angriff genannt, unabhängig bestätigt ist davon nichts.
Welche Folgen hatte der Krieg für die Energiemärkte?
Am 4. März sperrten die Revolutionsgarden die Straße von Hormus, durch die rund ein Viertel des seewärts transportierten Öls fließt. Brent stieg erstmals seit vier Jahren über 100 Dollar und erreichte fast 126 Dollar. Seit dem 8. April gilt eine Waffenruhe.
Quellen(12)
  1. 1Iran confirms Supreme Leader Ali Khamenei dead after US-Israeli attacksAl Jazeera · aljazeera.com
  2. 2Ayatollah Ali Khamenei, Iran's hardline supreme leader, is dead at 86France 24 · france24.com
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  4. 4State funeral of Ali KhameneiWikipedia · en.wikipedia.org
  5. 5Iran begins six-day funeral for Ayatollah Khamenei nearly four months after his deathCNBC · cnbc.com
  6. 6Huge crowd joins funeral procession for Iran's Supreme Leader KhameneiAl Jazeera · aljazeera.com
  7. 7Iran's Ghalibaf calls for massive Khamenei funeral turnout to sound 'nation's call for vengeance'The Times of Israel · timesofisrael.com
  8. 8Khamenei Funeral: Questions Over Location Of Supreme Leader's SuccessorNewsweek · newsweek.com
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  10. 10Khamenei's Funeral Is Meant to Project Strength. But Iran's New Leader Has Yet to AppearTIME · time.com
  11. 11Funeral ceremonies for Iran's slain supreme leader (live updates)CNN · cnn.com
  12. 12Assassination of Ali KhameneiWikipedia · en.wikipedia.org

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