Digitale-Dienste-Gesetz
Brüssel wirft Meta rechtswidriges Design von Instagram und Facebook vor
Die EU-Kommission sieht in Endlos-Feed, Autoplay und Benachrichtigungen einen Verstoß gegen europäisches Recht. Meta soll umbauen – oder bis zu 6 Prozent des Weltumsatzes zahlen.
Von Marc Weber · · 4 Min. Lesezeit

Nicht was Instagram und Facebook zeigen, sondern wie sie gebaut sind, steht seit Freitag im Zentrum eines der weitreichendsten Verfahren, das Brüssel je gegen einen Digitalkonzern geführt hat. Die EU-Kommission teilte Meta mit, dass der Endlos-Feed, die automatisch startenden Videos und der stete Strom an Benachrichtigungen gegen europäisches Recht verstoßen – und öffnet damit eine neue Front im Versuch, nicht nur die Inhalte, sondern die Konstruktion großer Tech-Produkte zu regulieren.
In vorläufigen Feststellungen vom 10. Juli erklärte die Kommission, das „süchtig machende" Design beider Plattformen verletze das Gesetz über digitale Dienste (Digital Services Act, DSA), das zentrale Regelwerk der EU für Online-Plattformen. Meta habe „die Risiken seines süchtig machenden Designs für das körperliche und geistige Wohlbefinden der Nutzer, darunter Minderjährige und schutzbedürftige Erwachsene, nicht angemessen bewertet." Die Feststellung beendet eine Untersuchung, die die Kommission im Mai 2024 eingeleitet hatte, und betrifft sämtliche Nutzer in der Europäischen Union – Luxemburg eingeschlossen.
Womit die Ermittler ihr Argument bauen
Im Kern richtet sich der Vorwurf gegen jene Bedienmechanismen, die Nutzer möglichst lange bei der Stange halten. Konkret nennt die Kommission:
- Endloses Scrollen – Feeds ohne natürlichen Endpunkt;
- Autoplay – Videos, die von selbst starten und in den nächsten Clip übergehen;
- Push-Benachrichtigungen, die Nutzer immer wieder in die App zurückholen;
- stark personalisierte Empfehlungssysteme, die über den nächsten Beitrag entscheiden – zusammen mit auf Verweildauer optimierten Formaten wie Reels und Stories.
Diese Funktionen, so die Kommission, „befeuern den Drang der Nutzer, immer weiterzuscrollen, und versetzen das Gehirn in einen Autopilot-Modus, was zu ungesunden Gewohnheiten und zwanghafter Nutzung beiträgt." Besonders deutlich wurden die Aufseher mit Blick auf Kinder: Meta habe verfügbare Daten dazu ignoriert, wie lange Minderjährige die Apps nachts nutzen und wie die Formate zu übermäßiger oder zwanghafter Nutzung führen können.
Der Schutz der körperlichen und geistigen Gesundheit der Europäerinnen und Europäer muss für Social-Media-Plattformen Priorität haben. Das Gesetz über digitale Dienste bietet einen klaren Rahmen, um Plattformen für das süchtig machende Design und die Wirkung ihrer Dienste zur Verantwortung zu ziehen.
So formulierte es Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der Kommission für technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie – und rückte den Vorgang damit von einem engen Regelstreit weg, hin zu einer Frage der Gesundheit.
Die rechtliche Grundlage
Facebook und Instagram gelten unter dem DSA als sehr große Online-Plattformen. Diesen Status erhält jeder Dienst mit mehr als 45 Millionen monatlich aktiven Nutzern in der EU – und mit ihm schwerere Pflichten. Solche Plattformen müssen die „systemischen Risiken" ihrer Dienste erkennen, analysieren und mindern, darunter Gefahren für das körperliche und geistige Wohlbefinden der Nutzer sowie für die Rechte von Kindern. Nach vorläufiger Auffassung der Kommission ist Meta dieser Pflicht bei seinen am stärksten auf Verweildauer getrimmten Funktionen nicht angemessen nachgekommen.
Zur Abhilfe verlangen die Aufseher strukturelle statt kosmetischer Änderungen. Meta solle Autoplay und Endlos-Scrollen standardmäßig deaktivieren, wirksame Bildschirmzeit-Pausen einführen und seine Empfehlungssysteme so umbauen, dass sie weniger stark auf Verweildauer ausgerichtet sind. Faktisch ist das die Aufforderung, das Kernerlebnis zweier der meistgenutzten Apps der Welt neu zu gestalten.
Juristen sehen darin einen Präzedenzfall. Es gilt weithin als das erste DSA-Verfahren, das die Gestaltung einer Plattform selbst – also die Art, wie eine Oberfläche gebaut ist, um Aufmerksamkeit zu binden – zum Ausgangspunkt eines Verstoßes macht, und nicht ein Versäumnis beim Umgang mit Daten oder im Wettbewerb. Hält die Argumentation, entsteht eine Blaupause dafür, wie Feeds, Videoplayer und Benachrichtigungssysteme künftig in der gesamten Union konstruiert werden müssen.
Wie es weitergeht – und was auf dem Spiel steht
Die Feststellungen vom Freitag sind vorläufig und nicht bindend. Meta kann nun die Akte der Kommission einsehen und schriftlich Stellung nehmen, bevor die Aufseher eine endgültige Entscheidung treffen – erwartet wird sie binnen einiger Monate. Erst dann käme es zu einer Sanktion.
Der finanzielle Rahmen ist beträchtlich. Ein bestätigter DSA-Verstoß kann ein Bußgeld von bis zu 6 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes nach sich ziehen – gemessen an Metas Umsatz von 2025 in Höhe von knapp 201 Milliarden Dollar wären das rund 12 Milliarden Dollar oder etwa 11 Milliarden Euro. Zusätzlich kann die Kommission Zwangsgelder verhängen, um die Einhaltung durchzusetzen, sollte der Konzern zögern.
Meta weist die Schlussfolgerung zurück. Ein Sprecher erklärte, die Feststellungen würden die Bilanz des Unternehmens bei jüngeren Nutzern falsch bewerten:
„Wir sind mit diesen vorläufigen Feststellungen nicht einverstanden, die die bedeutenden Schritte, die wir zum Schutz von Jugendlichen unternommen haben, nicht zutreffend berücksichtigen." Der Konzern verweist auf seine seit Beginn der Untersuchung eingeführten Teen Accounts, die Minderjährige standardmäßig in strengere Einstellungen versetzten – darunter Grenzen für den nächtlichen Zugriff und Werkzeuge zur Begrenzung der täglichen Nutzung. Die EU-Aufseher halten dagegen, dass sich solche Zeitmanagement-Funktionen leicht ignorieren ließen und die Gesamtnutzung kaum senkten.
Warum der Fall über Meta hinausreicht
Das Verfahren ist ein Test, ob Europa nicht nur regulieren kann, was Plattformen verbreiten, sondern auch, wie sie gebaut werden, um Aufmerksamkeit einzufangen. Für die rund 450 Millionen Menschen in der EU – und für die vielen weiteren Plattformen, die den Ausgang beobachten – wäre eine endgültige Entscheidung gegen Meta ein Signal: Ein auf maximale Verweildauer getrimmtes Design ist künftig eine Frage der Rechtstreue, nicht mehr bloß eine Produktentscheidung. Für Nutzer in Luxemburg und im gesamten Binnenmarkt könnte das ganz praktisch bedeuten, dass Apps am Ende so gestaltet sind, dass man sie ein wenig leichter aus der Hand legt.
Häufig gefragt
- Was wirft die EU-Kommission Meta konkret vor?
- Nach vorläufiger Auffassung hat Meta die Risiken des süchtig machenden Designs von Instagram und Facebook für das körperliche und geistige Wohlbefinden der Nutzer, darunter Minderjährige und schutzbedürftige Erwachsene, nicht angemessen bewertet. Genannt werden Endlos-Scrollen, Autoplay, Push-Benachrichtigungen und personalisierte Empfehlungssysteme.
- Welche Strafe droht Meta?
- Ein bestätigter DSA-Verstoß kann ein Bußgeld von bis zu 6 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes nach sich ziehen – gemessen an Metas Umsatz von 2025 (knapp 201 Milliarden Dollar) rund 12 Milliarden Dollar oder etwa 11 Milliarden Euro. Zusätzlich sind Zwangsgelder möglich.
- Ist die Entscheidung schon endgültig?
- Nein. Die Feststellungen vom 10. Juli sind vorläufig und nicht bindend. Meta kann die Akte einsehen und schriftlich Stellung nehmen, bevor die Kommission eine endgültige Entscheidung trifft, die binnen einiger Monate erwartet wird.
- Betrifft das Verfahren auch Nutzer in Luxemburg?
- Ja. Der DSA gilt EU-weit und erreicht Nutzer in Luxemburg wie in jedem anderen Mitgliedstaat. Eine endgültige Entscheidung gegen Meta könnte dazu führen, dass die Apps standardmäßig weniger auf Dauernutzung ausgelegt sind.
Quellen(7)
- 1Commission preliminarily finds the addictive design of Instagram and Facebook in breach of the Digital Services ActEuropean Commission · ec.europa.eu
- 2Meta found to breach EU laws with 'addictive' Instagram, Facebook designsCNBC · cnbc.com
- 3Facebook and Instagram's 'addictive design' may violate European law, EU Commission findsCNN Business · cnn.com
- 4EU demands Facebook and Instagram dismantle 'addictive' design featuresEuronews · euronews.com
- 5EU puts 'addictive' design of Facebook, Instagram under the DSA microscopeThe Register · theregister.com
- 6EU says 'addictive' features on Instagram and Facebook breach its rulesAl Jazeera · aljazeera.com
- 7DSA: Very large online platforms and search enginesEuropean Commission — Shaping Europe's digital future · digital-strategy.ec.europa.eu
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