Pressefreiheit

Gipfel in Ankara: NATO sperrt kritische türkische Medien aus – Protest von Presseverbänden

Dutzende Reporter unabhängiger und oppositioneller Redaktionen erhielten keine Akkreditierung für das NATO-Treffen am 7. und 8. Juli. Das Bündnis verweist auf die Prüfung durch den Gastgeberstaat.

Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Leere Presserampe und Akkreditierungskontrolle vor dem blau-weißen NATO-Kompassstern-Hintergrund, Sinnbild ausgesperrter Journalisten beim Gipfel in Ankara
Kontrollpunkt zur Presseakkreditierung und leere Presserampe vor dem NATO-Emblem – Sinnbild der beim Ankara-Gipfel ausgesperrten Journalisten. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Als sich die Staats- und Regierungschefs der NATO am 7. und 8. Juli in Ankara versammelten, fehlten in den Presserängen die Namen mehrerer der bekanntesten kritischen Redaktionen der Türkei. Dutzenden Journalistinnen und Journalisten unabhängiger und oppositioneller Medien hatte das Bündnis die Akkreditierung für das Gipfeltreffen verweigert – ein Vorgang, der Presseverbände in ungewöhnlicher Breite auf den Plan rief. Ihr Vorwurf: Die NATO habe die Zulassung von Berichterstattern einer Regierung überlassen, die seit Jahren dafür bekannt ist, kritische Medien unter Druck zu setzen.

Die Absagen, zuerst von den betroffenen Redaktionen gemeldet und später von internationalen Beobachtern bestätigt, trafen einige der prominentesten oppositionellen Titel des Landes. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Associated Press und türkischer Pressefreiheitsorganisationen trafen die Ablehnungen ohne Begründung ein. In den Bescheiden hieß es lediglich, die Gründe „könnten nicht erörtert werden und seien endgültig“. Einen Weg, Einspruch zu erheben, gab es nicht.

Wer vor der Tür bleiben musste

Betroffen war ein breites Spektrum unabhängiger und regierungskritischer Häuser. Als abgelehnt gemeldet wurden unter anderem:

  • die Tageszeitungen Cumhuriyet, Sözcü, BirGün und Evrensel
  • die Sender und digitalen Angebote Halk TV, İlke TV, Nefes und Medyascope
  • die Nachrichtenagentur ANKA sowie das Onlineportal T24

Das Portal Bianet berichtete, dass auch erfahrene Journalisten wie Deniz Zeyrek, Murat Yetkin und Duygu Güvenç zu den Abgewiesenen zählten – trotz langjähriger Erfahrung mit der Berichterstattung über frühere NATO-Gipfel. Bemerkenswert: Die Ablehnungen beschränkten sich nicht auf oppositionelle Häuser. Wie die Associated Press meldete, wurde auch ein Reporter der regierungsnahen Zeitung Yeni Şafak, Ersin Çelik, zurückgewiesen. Presseorganisationen bezifferten die Zahl der betroffenen Journalisten auf mehrere Dutzend aus mindestens zehn Redaktionen.

Die NATO verweist auf den Gastgeber

Auf die Beschwerden angesprochen, schob das Bündnis die Verantwortung der Türkei zu. NATO-Sprecherin Allison Hart erklärte, die Allianz verfüge über etablierte Akkreditierungsverfahren, überlasse bei Veranstaltungen außerhalb ihres Brüsseler Hauptquartiers die Überprüfung einheimischer Reporter jedoch dem gastgebenden Staat.

„Die NATO verfügt über langjährige Akkreditierungsverfahren für Medien bei Großveranstaltungen“, sagte Hart. „Bei Gipfeln und Ministertreffen außerhalb des NATO-Hauptquartiers verlässt sich die NATO darauf, dass der Gastgeberstaat Bewertungen zu Journalisten aus seinem Land bereitstellt, um den Zugang zum Tagungsort zu gewährleisten.“ Man stehe „in Kontakt mit den türkischen Behörden“, und es sei „für die NATO sehr wichtig, dass Medien bei großen Veranstaltungen persönlich anwesend sein können“.

Die Prüfung nahm die türkische Kommunikationsdirektion vor – eine dem Präsidialamt unterstellte Behörde, der Pressefreiheitsgruppen seit Jahren vorwerfen, die Akkreditierung als Instrument gegen unliebsame Berichterstattung einzusetzen. Türkische Journalistenverbände argumentierten, die NATO habe mit der ungeprüften Übernahme dieser Bewertungen ein nationales System der Medienkontrolle in einen Gipfel importiert, der im Namen demokratischer Werte ausgerichtet wurde.

Mit dieser Entscheidung hat die NATO auch die in ihrem Gründungsvertrag betonten Grundsätze der ‚Demokratie, der individuellen Freiheit und der Herrschaft des Rechts‘ verletzt.

Dieses Urteil stammt vom türkischen Journalistenverband TGC, der das Ausmaß der Ablehnungen als besorgniserregend für die Pressefreiheit bezeichnete.

Verschärfter Druck rund um das Treffen

Der Akkreditierungsstreit fiel in eine Phase, in der sich die Bedingungen für die Presse insgesamt verschärften. Die Internationale Journalisten-Föderation (IFJ) berichtete, dass am 5. Juli – wenige Tage vor der Ankunft der Delegationen – drei Journalisten bei Polizeirazzien festgenommen und 24 Stunden lang ohne Zugang zu Rechtsbeiständen festgehalten wurden: Buse Söğütlü von T24, Ceren Erdoğdu von OdaTV und Abbas Vural, ein Mitarbeiter von Bianet. Wochen zuvor war der Chefredakteur von Kaos GL, Yıldız Tar, am 23. Juni festgenommen und am 25. Juni wegen „Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation“ verhaftet worden.

Am selben Tag wie die Festnahmen wies die türkische Medienaufsicht RTÜK darauf hin, die Berichterstattung über den Gipfel solle sich an einer „nationalen Sicherheitsperspektive“ orientieren – eine Botschaft, die Medienverbände als Aufforderung zum Wohlverhalten lasen.

Zugang und die eigenen Werte des Bündnisses

Der Widerstand war koordiniert und international. Ein vom Wiener International Press Institute (IPI) organisierter offener Brief, unterzeichnet von 17 Organisationen – darunter ARTICLE 19 Europe, das Committee to Protect Journalists, das European Centre for Press and Media Freedom, die Europäische Journalisten-Föderation, Human Rights Watch, die Internationale Journalisten-Föderation, PEN Norwegen, die P24 Platform for Independent Journalism, Reporter ohne Grenzen und die türkische Journalistengewerkschaft TGS –, forderte die NATO auf, die Absagen rückgängig zu machen und ein transparentes Einspruchsverfahren einzurichten.

Für die Unterzeichner offenbart der Vorfall weniger einen Einzelfall als ein strukturelles Problem: Wenn die NATO die Zulassung von Berichterstattern dem Gastgeberstaat überlässt, beugt sich ihre eigene Offenheit lokalen Einschränkungen, sobald ein Gipfel in einem Land mit schlechter Bilanz bei der Medienfreiheit stattfindet. Für ein Bündnis aus 32 Demokratien – Luxemburg gehört zu den Gründungsmitgliedern von 1949 –, dessen Vertrag Freiheit und Rechtsstaatlichkeit beschwört, ist diese Spannung heikel. Ob die Ausschlüsse nach der Abreise der Staatschefs still gelockert wurden oder zum Präzedenzfall für den nächsten Gastgeber erstarren, ist die Frage, die die NATO nach Ansicht der Presseverbände nun beantworten muss.

Häufig gefragt

Warum wurde türkischen Journalisten die Akkreditierung verweigert?
Die NATO überlässt bei Gipfeln außerhalb ihres Brüsseler Hauptquartiers die Überprüfung einheimischer Reporter dem Gastgeberstaat. In Ankara nahm die dem Präsidialamt unterstellte Kommunikationsdirektion die Bewertung vor. Die Ablehnungen ergingen ohne Begründung und ohne Einspruchsmöglichkeit.
Welche Medien waren betroffen?
Als abgelehnt gemeldet wurden unter anderem Cumhuriyet, Sözcü, BirGün, Evrensel, Halk TV, İlke TV, Nefes, Medyascope, die Agentur ANKA und das Portal T24. Auch bekannte Journalisten wie Deniz Zeyrek, Murat Yetkin und Duygu Güvenç sowie ein Reporter der regierungsnahen Yeni Şafak wurden zurückgewiesen.
Wie hat die NATO auf die Kritik reagiert?
Sprecherin Allison Hart verwies auf langjährige Akkreditierungsverfahren und die Zuständigkeit des Gastgeberstaats. Man stehe in Kontakt mit den türkischen Behörden; es sei „sehr wichtig, dass Medien bei großen Veranstaltungen persönlich anwesend sein können“.
Was hat der Vorfall mit Luxemburg zu tun?
Luxemburg gehört zu den Gründungsmitgliedern der NATO von 1949. Der Streit betrifft das gesamte Bündnis aus 32 Demokratien, dessen Vertrag Freiheit und Rechtsstaatlichkeit beschwört – Werte, auf die sich die Kritik der Presseverbände beruft.
Quellen(8)
  1. 1Turkey: IPI and partners urge NATO to reconsider denial of independent media accreditationInternational Press Institute (IPI) · ipi.media
  2. 2Türkiye: Accreditation process excludes independent local journalists from NATO summitInternational Federation of Journalists (IFJ) · ifj.org
  3. 3Türkiye: Crackdown on press freedom intensifies ahead of NATO summitInternational Federation of Journalists (IFJ) · ifj.org
  4. 4Dozens of Turkish journalists denied accreditation for NATO summit in Ankara, media saysAssociated Press (via KELO) · kelo.com
  5. 5Turkish Journalism Groups Say Independent Outlets Denied Accreditation for a NATO Summit in AnkaraAssociated Press (via U.S. News & World Report) · usnews.com
  6. 6NATO denies accreditation to non-pro-government media ahead of Ankara summitBianet · bianet.org
  7. 7Turkey: EFJ and partners express urgent concern to NATO over press accreditation denialEuropean Federation of Journalists (EFJ) · europeanjournalists.org
  8. 8NATO says host country assesses local journalists amid Ankara summit accreditation rowTurkish Minute · turkishminute.com

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