Krieg in der Ukraine
Acht Tote in Kiew: Russland bombardiert die Ukraine am Vorabend des Nato-Gipfels
Ballistische Raketen, Marschflugkörper und Drohnen trafen Kiew in den Morgenstunden – nur einen Tag bevor die Nato-Spitzen in Ankara über Luftverteidigung und Rüstungsausgaben beraten.
Von Camille Reuter · · 5 Min. Lesezeit

Russland hat die ukrainische Hauptstadt Kiew in den frühen Morgenstunden des Montags mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen angegriffen. Nach Angaben der Stadtverwaltung kamen mindestens acht Menschen ums Leben, Dutzende wurden verletzt. Der Beschuss ereignete sich nur Stunden, nachdem Präsident Wolodymyr Selenskyj davor gewarnt hatte, Moskau bereite einen neuen massiven Schlag vor. Es war der zweite Angriff auf die Hauptstadt und ihr Umland binnen weniger als einer Woche – und er fiel auf den Tag genau mit dem Vorabend jenes Nato-Gipfels zusammen, bei dem sich in Ankara alles um Luftverteidigung und die Frage dreht, wie viel die Verbündeten dafür aufwenden wollen.
Über der Innenstadt hallten Explosionen wider, während der Angriff andauerte. In mehreren Stadtvierteln brachen Brände aus. Im Bezirk Podilskyj brachten Rettungskräfte Bewohner, darunter Kinder, aus den oberen Stockwerken eines beschädigten Wohnhauses in Sicherheit, wie Bürgermeister Vitali Klitschko auf Telegram mitteilte; die Suche nach Verschütteten dauere an. Im südöstlichen Bezirk Darnyzkyj wurden Wohnblocks schwer beschädigt und geräumt. Die ukrainische Luftwaffe erklärte, an dem Angriff seien ballistische Raketen, Marschflugkörper und Drohnen beteiligt gewesen.
„Der Feind schlägt mit ballistischen Raketen zu“, schrieb Tymur Tkatschenko, Leiter der Kiewer Militärverwaltung, während der Angriff noch andauerte. Erste von Reuters zitierte Angaben nannten sieben Tote und 24 Verletzte, bevor die Zahl weiter stieg.
Der zweite Schlag binnen einer Woche
Dem Angriff vom Montag war ein noch verheerenderer Überfall vorausgegangen. In der Nacht zum 2. Juli tötete ein elf Stunden dauernder Beschuss mit Drohnen und Raketen 30 Menschen – einer der tödlichsten Angriffe auf die Hauptstadt seit Beginn der russischen Großinvasion vor mehr als vier Jahren. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe feuerte Russland in jener Nacht 74 Raketen und 496 Drohnen ab. Mehr als 30 Orte in der Stadt wurden beschädigt, rund 20 davon Wohngebäude; über 50.000 Menschen suchten in den Metrostationen Schutz.
Außenminister Andrij Sybiha sprach von einer „Nacht des Grauens“. Der Kreml, dessen Sprecher Dmitri Peskow erklärte, Russland greife „ausschließlich“ militärische oder militärnahe Ziele an, weist Vorwürfe, die Zivilbevölkerung ins Visier zu nehmen, seit jeher zurück. In denselben Tagen setzte die Ukraine ihre eigene Kampagne gegen Ziele in der Tiefe des russischen Raums fort und traf eine große Erdölraffinerie in der Region Nischni Nowgorod sowie eine Eisenbahnbrücke im besetzten Gebiet Luhansk.
Selenskyj deutete den Zeitpunkt als bewusst gewählt – wenige Tage nach dem amerikanischen Unabhängigkeitstag und unmittelbar vor dem Bündnistreffen.
„Jede Verzögerung bei Raketen für unsere Luftverteidigung – Raketen für die Patriots – bedeutet den Verlust von Menschenleben und ermutigt Russland, den Krieg fortzusetzen“, sagte Selenskyj und drängte die Verbündeten, ihre Lieferungen zu beschleunigen. Der Zeitpunkt sei „typisch für Putin: direkt nach dem amerikanischen Unabhängigkeitstag und vor dem Nato-Gipfel in Ankara“.
Ein Gipfel im Schatten der Raketen
Die Staats- und Regierungschefs der 32 Nato-Mitglieder kommen am 7. und 8. Juli im Beştepe-Präsidialkomplex in Ankara zusammen. Generalsekretär Mark Rutte hat drei Prioritäten gesetzt: die Verteidigungsinvestitionen der Verbündeten erhöhen, die transatlantische Rüstungsproduktion ausweiten und die Unterstützung für die Ukraine aufrechterhalten. Neue Fähigkeitsziele des Bündnisses sehen eine etwa fünffache Steigerung der Luftabwehrkapazität vor – genau jener Systeme, die Kiew nach eigenen Angaben dringender braucht.
Über allem steht das Geld. Auf dem Gipfel im vergangenen Jahr in Den Haag hatten sich die Verbündeten darauf verständigt, die Verteidigungsausgaben bis 2035 auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben – aufgeteilt in 3,5 Prozent für die Kernverteidigung und 1,5 Prozent für verbundene Investitionen wie Infrastruktur und Cyberabwehr. Beiträge zur ukrainischen Verteidigung, einschließlich der dortigen Rüstungsindustrie, werden auf das Ziel angerechnet. Einige Mitglieder dürften die fünf Prozent bereits 2026 erreichen, deutlich vor dem Zeitplan; in Ankara sollen zudem neue Rüstungsverträge im Umfang von mehreren Dutzend Milliarden Dollar angekündigt werden.
US-Präsident Donald Trump wird erwartet und will Selenskyj am Rande des Gipfels treffen; Washington ließ durchblicken, dass Trump anschließend mit Präsident Wladimir Putin sprechen wolle, um die festgefahrenen Friedensbemühungen wiederzubeleben. Dieses transatlantische Dreieck – amerikanischer Druck auf die Europäer, mehr auszugeben, und amerikanische Diplomatie gegenüber Moskau – wird über jeder Sitzung schweben.
Warum das Luxemburg betrifft
Die in Ankara eingegangenen Verpflichtungen treffen gerade die kleineren Mitglieder unmittelbar. Luxemburg gibt seit Langem, gemessen an seiner Wirtschaftsleistung, am wenigsten von allen Nato-Staaten für Verteidigung aus – im Schnitt knapp 0,6 Prozent des BIP zwischen 2014 und 2024. Der im Juni 2024 festgelegte Fahrplan der Regierung strebt bis 2030 zwei Prozent des Bruttonationaleinkommens an – eine Marke, die das Land nun zu erreichen erwartet –, wobei die Verteidigungsausgaben von rund 728 Millionen Euro im Jahr 2024 auf voraussichtlich 1,46 Milliarden Euro zum Ende des Jahrzehnts steigen sollen.
Die zwei Prozent sofort zu erreichen, also ab Januar 2026, würde jährlich etwa 1,2 Milliarden Euro kosten – rund 400 Millionen Euro mehr als eingeplant. Verteidigungsministerin Yuriko Backes erklärte, der Fahrplan bis 2030 gelte weiter, die Regierung „prüfe jedoch weiterhin die Möglichkeit, den Kurs zu beschleunigen“; eine Entscheidung werde rund um den Gipfel erwartet. Analysten weisen darauf hin, dass das Großherzogtum von allen Verbündeten die proportional stärkste Anpassung bewältigen müsste, um einer Fünf-Prozent-Marke nahezukommen.
Für Luxemburg wie für den Rest Europas sind die Angriffe auf Kiew eine Erinnerung daran, dass die in Ankara verhandelten Zahlen sich in Nächten wie der zum Montag in eine schlichte Frage übersetzen: ob die Abfangraketen bereitstehen, wenn die Geschosse kommen.
- Mindestens acht Tote, Dutzende Verletzte in Kiew am 6. Juli, laut Stadtverwaltung.
- 30 Tote beim früheren Angriff vom 2. Juli mit 74 Raketen und 496 Drohnen.
- Nato-Gipfel: 7. und 8. Juli, Ankara, 32 Mitglieder.
- Fünf Prozent des BIP als Ausgabenziel bis 2035 (3,5 Prozent Kern + 1,5 Prozent verbunden).
- Luxemburg: zwei Prozent des BNE bis 2030; rund 728 Millionen Euro Ausgaben 2024.
Häufig gefragt
- Wie viele Menschen starben beim Angriff auf Kiew am 6. Juli 2026?
- Nach Angaben der Stadtverwaltung kamen mindestens acht Menschen ums Leben, Dutzende wurden verletzt. Erste von Reuters zitierte Angaben nannten sieben Tote und 24 Verletzte, bevor die Zahl weiter stieg.
- Warum fällt der Angriff mit dem Nato-Gipfel zusammen?
- Der Beschuss ereignete sich am Vorabend des Gipfels vom 7. und 8. Juli in Ankara, bei dem Luftverteidigung und Rüstungsausgaben im Mittelpunkt stehen. Selenskyj nannte den Zeitpunkt „typisch für Putin: direkt nach dem amerikanischen Unabhängigkeitstag und vor dem Nato-Gipfel in Ankara“.
- Was bedeutet das Fünf-Prozent-Ziel für Luxemburg?
- Luxemburg gibt mit im Schnitt knapp 0,6 Prozent des BIP (2014–2024) am wenigsten aller Nato-Staaten aus. Der Regierungsfahrplan zielt auf zwei Prozent des BNE bis 2030; die zwei Prozent sofort zu erreichen, würde rund 1,2 Milliarden Euro pro Jahr kosten – etwa 400 Millionen Euro mehr als eingeplant.
Quellen(13)
- 1Russia attacks Ukrainian capital Kyiv with ballistic missiles on eve of critical NATO summitCNN · cnn.com
- 2Russia Blasts Kyiv Again, Killing At Least 8 After Zelenskyy Warns Of Impending AttackRadio Free Europe/Radio Liberty · rferl.org
- 3Russia strikes Kyiv with deadly barrage on eve of Nato summitSouth China Morning Post · scmp.com
- 4Zelenskyy warns of fresh massive Russian strike, urges allies to speed up air defence supportThe Tribune · tribuneindia.com
- 5Russia launches deadly barrage on Kyiv on eve of NATO summit, killing 8 peopleThe Times of Israel · timesofisrael.com
- 6Heavy Russian strikes kill at least 21 in Kyiv after Ukrainian strikes disrupt Moscow's oil sectorPBS NewsHour · pbs.org
- 7Death toll rises to 30 following Russia's massive attack on KyivEuronews · euronews.com
- 8At least 22 killed in Kyiv as Zelenskyy warns of 'massive Russian strike'Al Jazeera · aljazeera.com
- 9Overview - 2026 NATO Summit in AnkaraNATO · nato.int
- 10The Hague Summit DeclarationNATO · nato.int
- 11NATO: Issues for the July 2026 Ankara SummitCongressional Research Service (Congress.gov) · congress.gov
- 12Defence: Luxembourg does not want to spend for spending's sakePaperjam · en.paperjam.lu
- 13Luxembourg to spend nearly €1bn on defence by 2028Delano · delano.lu
Zum selben Thema


Litauen will Atomwaffen-Verbot streichen und rückt unter Natos Schutzschirm
