Raumfahrt
Chinas Sonde Tianwen-2 erreicht Quasimond Kamoʻoalewa und beginnt Probenentnahme
Chinas Sonde umkreist nach über einem Jahr Flug einen winzigen, rotierenden Erdbegleiter. Ziel: mindestens 100 Gramm Gestein — und Erkenntnisse für ein Geschäftsfeld, das Luxemburg früh besetzte.
Von Marc Weber · · 5 Min. Lesezeit

Ein Brocken, kaum größer als ein Häuserblock, dreht sich alle 28 Minuten einmal um sich selbst und begleitet die Erde seit Jahrzehnten auf ihrer Bahn um die Sonne. Genau dieses Objekt hat Chinas Raumsonde Tianwen-2 nun erreicht — und damit die anspruchsvollste Phase der ersten chinesischen Mission eingeleitet, Gestein von einem anderen Himmelskörper einzusammeln und zur Erde zu bringen. Bislang ist das nur Japan und den Vereinigten Staaten gelungen; China will die dritte Nation werden.
Die von der chinesischen Raumfahrtbehörde CNSA betriebene Sonde zündete am 7. Juni 2026 ihr Haupttriebwerk, um in eine kontrollierte Umlaufbahn um ihr Ziel einzuschwenken. Anschließend näherte sie sich in mehreren Feinkorrekturen bis auf rund 20 Kilometer an den Asteroiden an. Zum Zeitpunkt der Ankunft war Kamoʻoalewa nach Angaben von Live Science etwa 39 Millionen Kilometer von der Erde entfernt — nach interplanetaren Maßstäben nahe, als Ziel aber gnadenlos: klein, unregelmäßig geformt und in ständiger schneller Rotation.
Fünf Jahre für Hin- und Rückweg
Tianwen-2 startete am 28. Mai 2025 an Bord einer Trägerrakete vom Typ Langer Marsch 3B vom Kosmodrom Xichang. Ihr auffälligstes Merkmal sind zwei große, kreisrunde und biegsame Solarpaneele mit je rund 4,7 Metern Durchmesser und etwa 17 Quadratmetern Fläche — sie überragen den kompakten Sondenkörper deutlich und liefern auch fern der Sonne Energie.
Aus ihrer Beobachtungsbahn kartiert die Sonde den Asteroiden mit elf Instrumenten, darunter Kameras, Spektrometer, Radar sowie der in Italien gebaute Staubanalysator DIANA. Die Vermessung reicht von rund 20 Kilometern Höhe bis auf wenige Hundert Meter über der Oberfläche. Erst danach folgt der Griff nach dem Material — je nach Beschaffenheit des Bodens mit einer von drei Techniken:
- Touch-and-go — ein kurzes Antippen der Oberfläche, wie es die NASA am Asteroiden Bennu einsetzte;
- Schweben — ein Aufnehmen des Materials ohne Landung, angepasst an die schnelle Eigendrehung;
- Verankern und Festhalten — ein Festkrallen an der Oberfläche, das an einem Asteroiden noch nie erprobt wurde.
Angepeilt sind mindestens 100 Gramm Regolith, in einigen Planungsdokumenten ist von 200 bis 1.000 Gramm die Rede. Das würde frühere Ausbeuten weit übertreffen: Japans Hayabusa2 brachte 2020 rund 5,4 Gramm vom Asteroiden Ryugu zurück, die NASA-Sonde OSIRIS-REx lieferte 2023 Material vom Asteroiden Bennu. Tianwen-2 soll Kamoʻoalewa etwa im April 2027 verlassen und ihre Rückkehrkapsel bei einem Vorbeiflug an der Erde um den 29. November 2027 ausklinken; als Landeplatz ist die Innere Mongolei vorgesehen. Die Sonde selbst fliegt weiter: Über ein Schwerkraftmanöver an der Erde steuert sie den Hauptgürtelkometen 311P/PANSTARRS an, den sie um 2035 erreichen soll.
Der „schwankende Splitter"
Kamoʻoalewa, vorläufig als 2016 HO3 katalogisiert, wurde am 27. April 2016 vom Pan-STARRS-Programm am Haleakalā-Observatorium auf Hawaii entdeckt. Der hawaiianische Name bedeutet sinngemäß „der schwankende Splitter" — ein Verweis darauf, wie das Objekt am irdischen Himmel hin- und herzupendeln scheint. Es ist ein Quasisatellit: nicht gravitativ an die Erde gebunden, aber in einem lockeren, stabilen Gleichlauf gefangen, der es über Jahrzehnte zum Begleiter macht.
Die Art, wie sich Kamoʻoalewa mit der Erde bewegt, ist ein bisschen wie bei einem Hund, der einem auf einem langen Waldspaziergang eine Weile folgt — aber es ist nicht der eigene Hund.
Der Vergleich stammt von Richard Binzel, Planetenforscher am Massachusetts Institute of Technology, gegenüber Live Science. Doch die ungewöhnliche Bahn ist nur ein Teil des Reizes.
Ein Objekt, das die Forschung nicht einordnen kann
Zum wissenschaftlichen Ziel — und nicht bloß zum bequem erreichbaren — wird Kamoʻoalewa, weil die Fachwelt bis heute streitet, was es eigentlich ist. Seine rötliche, stark von der Weltraumverwitterung geprägte Oberfläche ähnelt Mondboden. Das nährt eine bemerkenswerte These: Der Asteroid könnte ein Splitter des Mondes sein, bei einem uralten Einschlag ins All geschleudert — womöglich vom Krater Giordano Bruno auf der erdabgewandten Seite. Eine konkurrierende Studie aus dem Jahr 2026 unter Leitung von Yang Li von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften argumentiert dagegen für einen gewöhnlicheren Ursprung: die Flora-Familie im Asteroidenhauptgürtel, deren Material zu den LL-Chondriten passt.
„Wir schlagen daher vor, dass Kamoʻoalewa wahrscheinlich aus der Flora-Familie stammt", schrieb das Team, betonte aber, man wolle die Tür zu einer Mond-Herkunft nicht vollständig schließen. Klarheit können nur physische Proben bringen. Li Chunlai, Chefkommandeur des Bodenanwendungssystems von Tianwen-2, formuliert es so: „Endgültige Antworten erhalten wir erst nach Abschluss unserer Erkundung."
Warum Luxemburg genau hinsieht
Die Mission berührt auch einen Ehrgeiz, der fern jeder Startrampe gedeiht. Luxemburg hat sich früh als europäisches Zentrum der aufkommenden Asteroidenwirtschaft positioniert. Sein Gesetz vom 20. Juli 2017 über die Erforschung und Nutzung von Weltraumressourcen — in Kraft seit dem 1. August 2017 — machte das Großherzogtum zum ersten europäischen Land, das privaten Unternehmen einen rechtlichen Anspruch auf das gibt, was sie im All abbauen. Der Eingangsartikel erklärt, Weltraumressourcen seien „aneigenbar" — ohne jedoch den Besitz eines Himmelskörpers selbst zu erlauben.
Das Gesetz ist das Herzstück der Initiative SpaceResources.lu, 2016 mit rund 200 Millionen Euro öffentlicher Förderung gestartet, und führte 2018 zur Gründung der Luxembourg Space Agency. Der kommerzielle Nutzen des Asteroidenbergbaus bleibt unbewiesen und liegt in weiter Ferne. Doch die Wissenschaft dahinter — woraus diese Körper bestehen, wie sich ihre lockeren Oberflächen verhalten, ob sich Wasser und Metalle je gewinnen ließen — ist genau das, was Missionen wie Tianwen-2 klären sollen. Jedes Gramm von Kamoʻoalewa ist ein Datenpunkt für das Feld, auf das Luxemburg gesetzt hat.
Vorerst liegt das Schwierigste noch vor der Sonde. Sie muss einen rotierenden, von Felsbrocken übersäten Körper kartieren, eine Stelle wählen und Kontakt aufnehmen, ohne sich selbst zu beschädigen — und ihre Fracht danach über eine 18-monatige Heimreise unversehrt bewahren. Gelingt es, wird Ende 2027 eine versiegelte Kapsel über der Inneren Mongolei niedergehen: mit der ersten chinesischen Asteroidenprobe und vielleicht mit der Antwort darauf, woher der stille Begleiter der Erde kommt.
Häufig gefragt
- Was ist Kamoʻoalewa?
- Kamoʻoalewa (vorläufig 2016 HO3) ist ein 40 bis 100 Meter großer erdnaher Asteroid und Quasisatellit der Erde. Er wurde am 27. April 2016 vom Pan-STARRS-Programm auf Hawaii entdeckt, rotiert etwa alle 28 Minuten und begleitet die Erde in einem lockeren, stabilen Gleichlauf über Jahrzehnte.
- Wie viel Material soll Tianwen-2 zurückbringen und wann?
- Angepeilt sind mindestens 100 Gramm Regolith, laut einigen Planungsdokumenten möglicherweise 200 bis 1.000 Gramm. Die Sonde soll Kamoʻoalewa um April 2027 verlassen; die Rückkehrkapsel ist für einen Erdvorbeiflug um den 29. November 2027 vorgesehen, mit Landung in der Inneren Mongolei.
- Was hat die Mission mit Luxemburg zu tun?
- Luxemburg gab sich 2017 als erstes europäisches Land ein Gesetz, das privaten Firmen rechtlichen Anspruch auf im All abgebaute Ressourcen zusichert. Es ist das Herzstück der Initiative SpaceResources.lu. Missionen wie Tianwen-2 erarbeiten die Asteroidenforschung, die dieser wirtschaftlichen Ambition zugrunde liegt.
Quellen(12)
- 1China's Tianwen-2 mission has (probably) arrived at a quasi-moon of EarthThe Planetary Society · planetary.org
- 2Tianwen-2Wikipedia · en.wikipedia.org
- 3Tianwen-2 makes series of burns on approach to asteroid, according to radio trackingSpaceNews · spacenews.com
- 4China's secretive Tianwen-2 probe arrives at Earth's 'quasi-moon' ahead of historic landing attemptLive Science / Yahoo News · yahoo.com
- 5Tianwen-2 Reaches Kamoʻoalewa: China's Asteroid Sample Return Mission in FocusNew Space Economy · newspaceeconomy.ca
- 6Kamo'oalewa asteroid's lunar origin challenged ahead of Tianwen-2 arrivalPhys.org · phys.org
- 7Tianwen-2 mission target asteroid (469219) Kamoʻoalewa probably develops an Itokawa-compositional but more space-weathered surfaceNature Communications · nature.com
- 8469219 KamoʻoalewaWikipedia · en.wikipedia.org
- 9Tianwen-2 probe operating normally in orbit, image of unfolding of circular solar panels released: CNSAGlobal Times · globaltimes.cn
- 10Luxembourg becomes first European country to pass space mining lawMining.com · mining.com
- 11Luxembourg adopts space resources lawSpaceNews · spacenews.com
- 12Luxembourg Law on Space Resources Rests on Contentious Legal Grounds (Working Paper No. 189)KU Leuven Centre for Global Governance Studies · ghum.kuleuven.be
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