Arbeitskampf in Kirchberg
Amazon streicht 370 Stellen in Luxemburg — größter Einzelabbau seit zwei Jahrzehnten
370 Stellen fallen an Amazons Europazentrale weg — der größte Einzelabbau in Luxemburg seit zwei Jahrzehnten. Erstmals sitzen dabei die Gewerkschaften mit am Tisch.
Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

An Amazons europäischer Konzernzentrale in Kirchberg entscheidet sich derzeit, wie belastbar Luxemburgs vielbeschworenes Sozialmodell im Ernstfall ist. Im Dezember 2025 kündigte der US-Konzern seiner Belegschaft an, bis zu 470 Stellen am Luxemburger Standort zu streichen. Nach Verhandlungen, die das nationale und europäische Recht zwingend vorschreiben, sank die Zahl auf 370 — und bleibt damit der größte Einzelabbau eines Unternehmens, den das Großherzogtum seit mindestens zwei Jahrzehnten gesehen hat.
Der Abbau und ein Gewerkschaftserfolg, der sich ein Jahr zuvor mitten in Amazons eigener Belegschaft ereignete, verdichten sich zu einer einzigen Frage: Wie fest binden Luxemburgs Arbeitnehmerrechte einen globalen Arbeitgeber, der gewohnt ist, seine Bedingungen selbst zu setzen?
Ein Rekordabbau, kleiner verhandelt
Amazon begründete den Schritt mit einem weltweiten Kurs, "Bürokratie abzubauen" und Mittel in die künstliche Intelligenz zu lenken — und stellte weitere Einschnitte im Jahr 2026 in Aussicht. Nach luxemburgischem und EU-Recht war der Konzern verpflichtet, vor jedem Vollzug einen Sozialplan mit der Personalvertretung auszuhandeln. Nach rund zwei Wochen Gesprächen einigten sich Konzernführung und Personaldelegation am 12. Dezember 2025 darauf, die Zahl der betroffenen Stellen von etwa 470 auf 370 zu senken.
Das entspricht immer noch rund 8,5 Prozent der 4.370 Beschäftigten der Luxemburger Zentrale, wie unter anderem Transport Topics berichtet. Bloomberg beschrieb den Vorgang als den größten Stellenabbau eines Unternehmens in Luxemburg seit mindestens 20 Jahren; als nächste Vergleichsgröße gilt die Schließung eines TDK-Werks im Jahr 2006, die 344 Arbeitsplätze kostete. Die meisten Betroffenen sollten ab Anfang Februar 2026 kontaktiert werden.
Amazon bezeichnete die Einigung als großzügig. In einer Mitteilung an die Belegschaft war von "einem umfassenden Paket, das die Branchenmaßstäbe und vergleichbare lokale Vereinbarungen in Luxemburg deutlich übertrifft" die Rede; man werde den Prozess "mit Sorgfalt, Klarheit und in voller Übereinstimmung mit dem lokalen Arbeitsrecht" abwickeln. Die Gewerkschaften überzeugte das nicht.
"Diese Stellenstreichungen wären vermeidbar gewesen", sagte Isabel Scott, stellvertretende Zentralsekretärin der OGBL, und warf dem Konzern vor, "das US-Modell von Hire and Fire" nach Luxemburg zu importieren.
Worum es wirklich geht
Für die Gewerkschaften steht mehr auf dem Spiel als eine einzelne Bilanz. OGBL und die christliche Gewerkschaft LCGB argumentieren, der Abbau widerspreche Luxemburgs "Sozialmodell", das stark auf den geregelten Dialog zwischen Arbeitgebern, Beschäftigten und Staat setzt. In einer gemeinsamen Erklärung zeigten sich beide Organisationen "entschlossen, Amazon zur Rechenschaft zu ziehen", und bekundeten "volle Solidarität" mit der Luxemburger Belegschaft des Konzerns.
Für ausländische Beschäftigte — sie stellen einen großen Teil von Amazons kosmopolitischer Luxemburger Belegschaft — kommt ein zusätzlicher Druck hinzu: Wer seinen Arbeitsplatz verliert, muss in der Regel binnen rund drei Monaten eine neue Anstellung finden, um sein Aufenthaltsrecht zu behalten. Damit wird die Kündigung für viele zu einem Wettlauf gegen den Kalender.
Ein gewerkschaftlicher Fuß in der Tür
Schärfer wird der Konflikt dadurch, dass die organisierte Arbeitnehmerschaft heute einen Fuß in einem Konzern hat, an den sie jahrelang kaum herankam. Bei den luxemburgischen Sozialwahlen am 12. März 2024 trat die OGBL — der Onofhängege Gewerkschaftsbond Lëtzebuerg, die größte Gewerkschaft des Landes — erstmals bei Amazon mit eigenen Kandidaten an und holte 22,72 Prozent der Stimmen; das sicherte ihr fünf der 22 Sitze in der Personaldelegation. Ein weiterer Sitz ging an die LCGB.
Amazon zählt zu den größten privaten Arbeitgebern Luxemburgs. Vor dem Durchbruch von 2024 hatte die OGBL vor allem von außen Druck gemacht — über die internationale Kampagne "Make Amazon Pay" und Black-Friday-Proteste vor der Luxemburger Zentrale. Das Wahlergebnis nannte Isabel Scott "einen Vertrauensvorschuss der Kandidaten, die mit uns angetreten sind". Oliver Roethig, Regionalsekretär des Dachverbands UNI Europa, dem die OGBL angehört, sprach von einem "bemerkenswerten Sieg".
"Dieser Erfolg unterstreicht, wie wichtig die Solidarität der Arbeitnehmer und gemeinsames Handeln sind, um faire Arbeitsbedingungen durchzusetzen", sagte Roethig.
Die Regeln, an die auch Amazon gebunden ist
Luxemburgs Arbeitsgesetzbuch setzt Arbeitgebern eine hohe Untergrenze — und sein Schutz reicht weit über Massenentlassungen hinaus. Das Land kennt elf gesetzliche Feiertage im Jahr, vom Neujahrstag bis zum Nationalfeiertag am 23. Juni, und der Code du travail begrenzt und honoriert die Arbeit an diesen Tagen zugleich großzügig.
Nach den Artikeln L.232-6 und L.232-7 des Code du travail hat ein Beschäftigter, der an einem auf einen normalen Wochentag fallenden Feiertag arbeiten muss, Anspruch auf seinen üblichen Lohn plus einen Zuschlag von 100 Prozent auf die geleisteten Stunden — faktisch das Dreifache des Tageslohns; die Gewerbeaufsicht ITM überwacht die Einhaltung. Die wichtigsten Ansprüche im Überblick:
- der übliche Lohn für die Stunden, die an diesem Tag regulär zu arbeiten gewesen wären;
- die Vergütung der tatsächlich geleisteten Stunden zuzüglich eines Zuschlags von 100 Prozent darauf;
- ein Ersatzruhetag, wenn ein Feiertag auf einen Ruhetag oder einen Sonntag fällt.
Genau diesen Rahmen — neben den verpflichtenden Sozialplänen bei großen Entlassungswellen — muss nach Auffassung der Gewerkschaften ein Konzern von Amazons Größe vollständig respektieren. Da der Konzern für 2026 weitere Umstrukturierungen signalisiert, dürften seine Luxemburger Beschäftigten — und der Gewerkschaftsblock, der nun mit am Verhandlungstisch sitzt — weiter ausloten, wo die Grenzen verlaufen.
Häufig gefragt
- Wie viele Stellen streicht Amazon in Luxemburg?
- Ursprünglich waren bis zu rund 470 Stellen an der Luxemburger Europazentrale geplant. Nach etwa zweiwöchigen Verhandlungen einigten sich Amazon und die Personaldelegation am 12. Dezember 2025 auf 370 Stellen — etwa 8,5 Prozent der 4.370 Beschäftigten am Standort.
- Warum gilt der Abbau als besonders bedeutsam?
- Es ist der größte Einzelabbau eines Unternehmens in Luxemburg seit mindestens 20 Jahren. Die nächste Vergleichsgröße ist die Schließung eines TDK-Werks 2006, die 344 Arbeitsplätze kostete.
- Was bedeutet der Wahlerfolg der OGBL bei Amazon?
- Bei den Sozialwahlen am 12. März 2024 trat die OGBL erstmals bei Amazon an und gewann 22,72 Prozent der Stimmen sowie fünf der 22 Sitze in der Personaldelegation; die LCGB errang einen weiteren Sitz. Damit sitzen die Gewerkschaften erstmals mit am Verhandlungstisch.
- Wie vergütet Luxemburg Arbeit an einem Feiertag?
- Nach den Artikeln L.232-6 und L.232-7 des Code du travail erhält ein Beschäftigter, der an einem auf einen Wochentag fallenden Feiertag arbeitet, seinen üblichen Lohn plus einen Zuschlag von 100 Prozent auf die geleisteten Stunden — faktisch dreifachen Tageslohn. Die ITM überwacht die Einhaltung.
Quellen(10)
- 1A remarkable victory for Amazon workers in LuxembourgUNI Europa · uni-europa.org
- 2A remarkable victory for Amazon workers in LuxembourgUNI Global Union · uniglobalunion.org
- 3OGBL and LCGB denounce indefensible layoffsOGBL · ogbl.lu
- 4Amazon to Lay Off 370 at European HQ Amid Global CutsTransport Topics · ttnews.com
- 5Amazon Luxembourg Leadership, Staff Delegation Agree on Social Plan for 370 JobsChronicle.lu · chronicle.lu
- 6Amazon European Hub in Luxembourg Braces for Record Job CutsBloomberg · bloomberg.com
- 7Amazon's Luxembourg hub faces 370 job cuts, the biggest in two decadesBusiness Standard · business-standard.com
- 8Amazon to cut 370 jobs at Luxembourg headquartersThe Tech Portal · thetechportal.com
- 9Quels sont les droits du salarié qui travaille pendant un jour férié légal?Inspection du travail et des mines (ITM) · itm.public.lu
- 10Amazon et ses salariés : la question taboueLe Quotidien · lequotidien.lu
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