Klimabilanz der Tech-Konzerne

Wie der Stromhunger der KI Google und Amazon von ihren Klimazielen entfernt

Neue Nachhaltigkeitsberichte zeigen steigende Emissionen bei beiden Konzernen: Der Strombedarf der Rechenzentren wächst schneller, als das Netz sauberer wird.

Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Großes Cloud-Rechenzentrum mit Kühlaggregaten, daneben Strommasten und Hochspannungsleitungen, die die Anlage versorgen
Ein Hyperscale-Rechenzentrum und die Strominfrastruktur, die es speist: Kühlanlagen, Strommasten und Leitungen. Illustrative, KI-generierte Darstellung. Illustration: KI-generiert — Status

Es ist dieselbe unbequeme Botschaft, die die beiden größten Cloud-Konzerne der Welt fast zeitgleich verkündet haben: Der Boom der künstlichen Intelligenz lässt ihre Treibhausgasemissionen nicht sinken, sondern steigen. Der Strom, den ihre Rechenzentren verschlingen, wächst schneller, als die Stromnetze grün werden – und damit rückt für Amazon wie für Google das selbst gesetzte Klimaziel in die Ferne, statt näher zu kommen.

Amazon teilte am 1. Juli mit, dass seine Treibhausgasemissionen 2025 um 16 Prozent auf rund 81 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent gestiegen sind – der höchste Jahreswert, den das Unternehmen je gemeldet hat. Einen Tag zuvor hatte Google eingeräumt, dass die auf sein Klimaziel angerechneten Emissionen im Jahresvergleich um 18 Prozent zulegten und damit etwa 81 Prozent über dem Referenzwert von 2019 liegen. In beiden Fällen führt die Spur zu denselben Bauwerken: den Rechenzentren, die für das Training und den Betrieb von KI-Systemen errichtet werden.

Amazon: Rekordwert und wachsende Kluft

Der Nachhaltigkeitsbericht 2025 beziffert Amazons Gesamtemissionen auf rund 81 Millionen Tonnen CO2e – 16 Prozent mehr als 2024 und 58 Prozent mehr als 2019. Das ist jenes Jahr, in dem der Konzern das Klimaversprechen „The Climate Pledge“ mitbegründete und sich auf Netto-Null-Kohlenstoff bis 2040 festlegte, wie unter anderem Bloomberg, GeekWire und der öffentliche Sender KUOW berichteten.

Die indirekten Emissionen aus zugekauftem Strom kletterten binnen eines Jahres um 34 Prozent. Als Ursachen nennt Amazon den „Stromverbrauch in Rechenzentren, die Elektrifizierung unseres Zustellnetzes und die Elektrifizierung von Gebäuden“. Mitten in einem Rechenzentrums-Ausbau, den der Konzern mit bis zu 150 Milliarden Dollar veranschlagt, hat Amazon bereits Verträge über Atomstrom, Geothermie und Batteriespeicher geschlossen, um den Hunger dieser Anlagen zu stillen.

Der Konzern betont seine Effizienzfortschritte: Die CO2-Intensität – der Ausstoß je Dollar Umsatz – sei seit 2019 um 38 Prozent gesunken, und schon 2023 habe man den gesamten Stromverbrauch rechnerisch zu 100 Prozent mit dem Einkauf erneuerbarer Energie gedeckt, sieben Jahre vor dem Zieljahr 2030. Doch nach Amazons eigenen Zahlen stieg eben diese Intensität 2025 erstmals seit Beginn der Erfassung wieder an. Kritiker halten dem entgegen, dass ein bilanzieller Ausgleich auf dem Papier die Emissionen aus real bezogenem Kohle- und Gasstrom nicht tilgt – und dass für das Klima allein der absolute Gesamtwert zählt. Und der wächst.

Google: Fortschritt im Betrieb, Rückschlag in der Lieferkette

Der elfte jährliche Umweltbericht von Google, veröffentlicht am 30. Juni, zeichnet ein zwiespältiges Bild. Die betrieblichen Emissionen – die Kategorien Scope 1 und marktbasiertes Scope 2 – senkte der Konzern 2025 um zwei Prozent. Geholfen haben dabei die zum neunten Jahr in Folge zu 100 Prozent mit Ökostrom-Einkäufen gedeckten Verbräuche sowie neue Verträge über mehr als 12 Gigawatt sauberer Energie.

Doch die Emissionen der Lieferkette – Scope 3 – sprangen um 25 Prozent nach oben und trieben den auf das Ziel angerechneten Gesamtwert um 18 Prozent auf rund 14,5 Millionen Tonnen, wie Auswertungen von Trellis und Carbon Credits zeigen. Google führt das vor allem auf Stahl, Beton, Halbleiter und andere Hardware für den Bau der Rechenzentren zurück – häufig gefertigt in asiatischen Netzen mit hohem Kohleanteil. Der Stromverbrauch des Konzerns wuchs binnen eines Jahres um 37 Prozent, der größte Sprung seiner Geschichte und mehr als 250 Prozent über dem Wert von 2019.

Der Weg zu unseren Klimazielen wird nicht geradlinig verlaufen – denn der Ausbau unserer KI-Infrastruktur beschleunigt sich derzeit schneller, als das Stromnetz dekarbonisiert wird.

An seinem Versprechen, bis 2030 in Betrieb und Wertschöpfungskette Netto-Null zu erreichen, hält Google vorerst fest – ein Ziel, das der Konzern selbst als „Moonshot“ bezeichnet.

Wo KI-Boom und Klimaversprechen kollidieren

Die beiden Berichte bringen einen Zielkonflikt auf den Punkt, mit dem die gesamte Branche ringt. KI-Rechenzentren brauchen enorme Mengen verlässlichen Stroms rund um die Uhr – ausgerechnet in dem Moment, in dem die am schnellsten wachsenden neuen Quellen, Wind und Sonne, nur unstet liefern und in dem neue Kernkraftwerke sowie Netzanschlüsse Jahre bis zur Fertigstellung brauchen. Das Ergebnis: Selbst Konzerne, die Rekordsummen in saubere Energie stecken, sehen ihre absoluten Emissionen steigen.

  • Amazon: Emissionen 2025 um 16 Prozent auf rund 81 Millionen Tonnen CO2e; plus 58 Prozent seit 2019; Netto-Null-Ziel 2040.
  • Google: zielrelevante Emissionen um 18 Prozent auf rund 14,5 Millionen Tonnen; rund 81 Prozent über 2019; Netto-Null-Ziel 2030.
  • Beide: stark steigender Strombedarf – Amazons Emissionen aus Stromeinkauf plus 34 Prozent, Googles Stromverbrauch plus 37 Prozent in einem Jahr.

Die Diskrepanz belastet das Verhältnis zu Teilen der eigenen Belegschaft. Eliza Pan von der Gruppe Amazon Employees for Climate Justice sagte KUOW, „unsere Mitglieder haben das Vertrauen verloren, dass Amazon freiwillig tatsächlich das Richtige tut“. Die Konzernspitze beharrt derweil darauf, dass die langfristige Richtung weiter nach unten weise. Amazons Nachhaltigkeitschefin Kara Hurst erklärte, sie bleibe „zuversichtlich und optimistisch, was die übergeordnete Vision und die langfristigen Fortschritte angeht, die wir weiterhin auf sie zu machen“ – räumte gegenüber Semafor aber ein, der wachsende Fußabdruck sei „keine Geschichte eines einzelnen Jahres“.

Vorerst weisen die Zahlen in eine Richtung. Die großen Namen der Technologiebranche haben ihren Ruf auch als Klimavorreiter aufgebaut – Amazon als Mitbegründer eines Netto-Null-Versprechens, Google als einer der ersten Konzerne, die Klimaneutralität für sich reklamierten. Das Rennen um die KI stellt nun die Probe aufs Exempel: ob diese Versprechen die Stromrechnung überstehen, die mit ihnen einhergeht.

Häufig gefragt

Warum steigen die Emissionen von Amazon und Google trotz Milliardeninvestitionen in Ökostrom?
KI-Rechenzentren benötigen rund um die Uhr verlässlichen Strom. Wind und Sonne liefern jedoch unstet, und neue Kernkraftwerke wie Netzanschlüsse brauchen Jahre. So wächst der absolute Ausstoß, obwohl beide Konzerne Rekordsummen in saubere Energie stecken.
Um wie viel sind die Emissionen konkret gestiegen?
Amazons Gesamtemissionen legten 2025 um 16 Prozent auf rund 81 Millionen Tonnen CO2e zu. Bei Google stiegen die zielrelevanten Emissionen um 18 Prozent auf etwa 14,5 Millionen Tonnen, rund 81 Prozent über dem Referenzjahr 2019.
Halten die Konzerne an ihren Klimazielen fest?
Ja. Amazon peilt weiterhin Netto-Null bis 2040 an, Google bis 2030. Google räumt allerdings ein, der Weg werde „nicht geradlinig“ verlaufen, weil der KI-Ausbau schneller wachse, als das Stromnetz dekarbonisiert wird.
Quellen(12)
  1. 1Read Google's 2026 Environmental ReportGoogle (blog.google) · blog.google
  2. 2Google's AI boom sends emissions, power use soaringAxios · axios.com
  3. 3Google Reports 37% Rise in Electricity Use Driven by AI BuildoutLet's Data Science · letsdatascience.com
  4. 4Google sticks with 2030 net-zero goal despite big emissions increaseTrellis · trellis.net
  5. 5Google's Carbon Emissions Fall, But AI Makes Its Net-Zero 'Moonshot' Goal Harder Than EverCarbon Credits · carboncredits.com
  6. 6The cost of the AI boom: Amazon emissions jump 16% as company stands by net-zero pledgeGeekWire · geekwire.com
  7. 7Amazon's carbon emissions jumped 16% in 2025. The driver: massive data center buildoutKUOW · kuow.org
  8. 8Amazon's Carbon Emissions Rose 16% in 2025 Amid Data Center BoomBloomberg · bloomberg.com
  9. 9Amazon emissions rose 16% in 2025Transport Topics (TT News) · ttnews.com
  10. 10Amazon's rising carbon footprint 'not a one-year story,' CSO saysSemafor · semafor.com
  11. 11Amazon meets its 100% renewable energy goal 7 years earlyAbout Amazon · aboutamazon.com
  12. 12How is Kara Hurst Leading Amazon to Net Zero by 2040?Sustainability Magazine · sustainabilitymag.com

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