Rechenzentrum Bissen
Google-Rechenzentrum in Bissen: Widerstand wegen Wasser- und Stromverbrauch
Mit dem Ende der Umweltprüfung rückt Googles geplantes Rechenzentrum in Mittelluxemburg näher. Anwohner, Umweltschützer und Lokalpolitiker halten den Ressourcenhunger für zu groß.
Von Marc Weber · · 5 Min. Lesezeit

Fast ein Jahrzehnt nach den ersten Plänen ist Googles geplantes Rechenzentrum im mittelluxemburgischen Bissen einen entscheidenden Schritt vorangekommen – und zugleich auf eine Wand aus lokalem Widerstand gestoßen, der die Klima- und Flächenversprechen des Landes im Kern berührt. Es geht um eine Milliardeninvestition, die zum größten Stromverbraucher des Großherzogtums werden könnte.
Im Januar 2026 billigte der Gemeinderat von Bissen den besonderen Bebauungsplan (PAP), der festlegt, wie das Gelände bebaut werden darf – mit zehn Stimmen bei einer Gegenstimme. Zwei Monate später, am 27. März, endete die öffentliche Konsultation zur Umweltverträglichkeitsprüfung. Rund 170 Stellungnahmen gingen ein, viele davon ablehnend. Anwohner, die Umweltorganisation Mouvement écologique und einzelne Kommunalpolitiker werfen den Behörden vor, eine einzige strom- und wasserintensive Anlage eines der größten Konzerne der Welt in einem Land durchzuwinken, das kaum größer ist als eine mittlere Stadt.
Ein Vorhaben, das seit 2017 reift
Googles Interesse an Bissen wurde um 2017 bekannt, als das Unternehmen eine Investition von rund einer Milliarde Euro ankündigte. Das Projekt zählt zu den größten Entwicklungen jeglicher Art in Luxemburg und würde den Konzern zum größten Einzelabnehmer von Strom im Land machen. 2019 wurden rund 33,7 Hektar Ackerland von landwirtschaftlicher in industrielle Nutzung umgewidmet, 2020 gab der Gemeinderat ein erstes grünes Licht. Es folgten Genehmigungen der Ministerien – gebaut wurde dennoch nie. Jahrelang stockte das Vorhaben, weil Google selbst zögerte und der Widerstand vor Ort wuchs.
Die Abstimmung im Januar hat es wiederbelebt. Nach der Vereinbarung soll Google rund 13,5 Millionen Euro an Infrastruktur finanzieren – Straßenanbindung und Netzanschlüsse –, weitere rund 1,5 Millionen Euro sind für einen landwirtschaftlichen Zufahrtsweg vorgesehen. Entscheidend ist: Eine Baugenehmigung und eine gesonderte wasserrechtliche Betriebsgenehmigung stehen weiterhin aus, ein Baubeginn ist nicht angekündigt. Der Rat hat den Rahmen gesetzt – was genau entsteht, muss Google noch klären.
Die Einwände zur Nachhaltigkeit
Am lautesten sind die Sorgen um Wasser und Strom. Der ursprüngliche Kühlungsentwurf sah vor, Wasser aus der Alzette zu entnehmen, weil die nahe Attert im Sommer zu wenig Wasser führt. Mouvement écologique schätzt, dass die Anlage damit umgerechnet 10 bis 15 Prozent des heutigen luxemburgischen Wasserverbrauchs benötigen würde – weit mehr, als verfügbar ist. Fachberichte nennen bis zu rund 10 Prozent. Beim Strom reichen die von Kritikern und Fachmedien angeführten Schätzungen von etwa 12 bis 15 Prozent des nationalen Verbrauchs; laut der Organisation läge das über dem gesamten Stromverbrauch aller Haushalte des Landes zusammen.
Mouvement écologique, das eine 30-seitige Einwendung samt Rechtsgutachten einreichte, nimmt auch die Effizienz ins Visier. Die zentralen Kritikpunkte im Überblick:
- Effizienz: Der Bissener Entwurf lasse eine Energieeffizienz (PUE) von etwa 1,3 erwarten – schlechter als der von Google weltweit ausgewiesene Wert von rund 1,09.
- Abwärme: Rund 1.000 GWh nutzbare Abwärme pro Jahr fielen an – genug, um Zehntausende Haushalte zu heizen –, ohne dass eine Weiterverwendung garantiert sei.
- Fläche: Etwa 12 Hektar würden versiegelt; gerodeter Wald muss als Auflage wiederaufgeforstet werden.
- Erneuerbare: Solaranlagen vor Ort deckten nur rund 0,3 Prozent des Bedarfs; die Berufung auf CO2-freie Energie könne auch Atomstrom statt echten 24/7-Ökostrom umfassen.
Anfangs waren die Leute interessiert. Doch nun wird ihnen zunehmend bewusst, dass das Rechenzentrum kaum Arbeitsplätze, kaum Steuern und keinen wissenschaftlichen Beitrag bringt – im Grunde nur Risiken.
Dieses Urteil stammt von Daniel Hientgen, Präsident der Bürgerinitiative Pro Bissen, der wie andere Kritiker bezweifelt, dass rund 100 Arbeitsplätze und überschaubare Steuereinnahmen die Belastung für Wasser, Netz und Boden rechtfertigen. Die Gegner haben angekündigt, gegen die wasserrechtliche Genehmigung vorzugehen, sobald diese vorliegt. Zuvor waren dem Vernehmen nach zwei CSV-Gemeinderäte aus Protest gegen das Projekt zurückgetreten.
Google und die Regierung halten dagegen
Google stellt den Zeitplan als Frage der Nachfrage dar, nicht als Zweifel. Anthony Cirot, Vizepräsident für Google Cloud in der Region EMEA Süd, sagte, man werde bauen, sobald die Kapazität – zunehmend getrieben von künstlicher Intelligenz – gebraucht werde, und verwies zugleich auf die Umweltzusagen des Konzerns.
„An dem Tag, an dem wir es brauchen, werden wir bereit sein. Es gibt keine Ankündigung, dass an dem und dem Tag ein Rechenzentrum in Bissen gebaut wird“, sagte Cirot. Er verwies auf Googles Selbstverpflichtung, den Verbrauch seit 2017 mit erneuerbarer Energie auszugleichen, sowie auf das Ziel emissionsfreier Rechenzentren bis 2030.
Die Regierung steht klar hinter dem Vorhaben. Wirtschaftsminister Lex Delles erklärte, die Gespräche mit Google hätten sich um die Jahreswende 2026 intensiviert, und er sei „zuversichtlich“. Luxemburg dürfe „die Chance der [großen] Daten nicht verpassen“, so Delles. Sein Vorgänger Franz Fayot hatte zuvor betont, die gesamte Regierung unterstütze die Anlage als Signal, dass das Land noch immer Großinvestitionen anziehen könne. Kritiker halten dagegen, dass überarbeitete technische Zahlen – etwa eine geringere Wasserentnahme – noch nicht vollständig veröffentlicht seien, sodass die Öffentlichkeit auf unvollständiger Grundlage urteilen müsse.
Ein Stresstest für ganz Europa
Bissen ist eine kleine Bühne für ein kontinentales Problem. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren – rund 415 TWh im Jahr 2024, etwa 1,5 Prozent der globalen Nachfrage – bis 2030 auf etwa 945 TWh und damit knapp 3 Prozent steigen wird. Fast die Hälfte des Zuwachses entfällt auf KI-optimierte Server. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften dürften Rechenzentren in diesem Jahrzehnt einen erheblichen Teil des gesamten Wachstums der Stromnachfrage treiben – mit lokaler Netzbelastung als zentraler Sorge.
Genau das ist der Knackpunkt in Luxemburg: Eine Anlage, die eine große Volkswirtschaft mühelos verkraften würde, wirkt in einem Land mit rund 670.000 Einwohnern, begrenzten Wasserreserven und einem eng bemessenen Stromnetz überproportional groß. Ob Google letztlich den Spatenstich setzt – und zu welchen Bedingungen –, wird zeigen, wie weit sich Europas Klima- und Flächenversprechen unter dem Gewicht des KI-Ausbaus biegen lassen.
Häufig gefragt
- Ist das Google-Rechenzentrum in Bissen bereits genehmigt?
- Nein. Der Gemeinderat billigte im Januar 2026 den Bebauungsplan (PAP), doch eine Baugenehmigung und eine gesonderte wasserrechtliche Betriebsgenehmigung stehen weiterhin aus. Einen Baubeginn hat Google nicht angekündigt.
- Warum gibt es Widerstand gegen das Projekt?
- Anwohner, Mouvement écologique und einzelne Politiker kritisieren vor allem den hohen Wasser- und Stromverbrauch – geschätzt 10 bis 15 Prozent des nationalen Wasserverbrauchs und 12 bis 15 Prozent des Stromverbrauchs – bei nur rund 100 Arbeitsplätzen und geringen Steuereinnahmen.
- Wie viel investiert Google in Bissen?
- Google plant eine Investition von rund einer Milliarde Euro. Zusätzlich finanziert der Konzern etwa 13,5 Millionen Euro an Infrastruktur sowie rund 1,5 Millionen Euro für einen landwirtschaftlichen Zufahrtsweg.
- Wie ordnet sich Bissen in den weltweiten Trend ein?
- Laut IEA lag der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren 2024 bei rund 415 TWh (etwa 1,5 Prozent der globalen Nachfrage) und dürfte sich bis 2030 auf rund 945 TWh nahezu verdoppeln, wobei KI-Server fast die Hälfte des Zuwachses ausmachen.
Quellen(10)
- 1Local groups seek to stop Google's Luxembourg data centerDatacenterDynamics · datacenterdynamics.com
- 2Land in Bissen, Luxembourg, classified as data center - delayed Google project may finally begin constructionDatacenterDynamics · datacenterdynamics.com
- 3Google's Luxembourg data center plans not totally dead, says Economy MinisterDatacenterDynamics · datacenterdynamics.com
- 4Google's $1.1 billion Bissen, Luxembourg data center clears regulatory hurdleDatacenterDynamics · datacenterdynamics.com
- 5Google Data Centre: Lacking transparency in environmental impact assessment – best available technology disregardedMouvement écologique · meco.lu
- 6Google data centre in Bissen: local council gives initial planning OKPaperjam · en.paperjam.lu
- 7Google on Bissen data centre: “We're ready!”Delano · delano.lu
- 8“The entire government supports Google”Delano · delano.lu
- 9Activists will continue fight against Google data centreDelano · delano.lu
- 10Energy demand from AI – Energy and AIInternational Energy Agency · iea.org
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