Bundesparteitag in Thüringen
Zehntausende blockieren in Erfurt den AfD-Parteitag – Weidel und Chrupalla bleiben an der Spitze
Die Polizei zählte rund 31.000 Demonstranten, die die Zufahrten zur Messe Erfurt versperrten. Drinnen wählte die AfD Alice Weidel und Tino Chrupalla erneut zu Vorsitzenden.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Es war ein Bild, das die Zerrissenheit der deutschen Politik in einer einzigen Stadt bündelte: Während sich in der Messe Erfurt am Samstag die Delegierten der Alternative für Deutschland (AfD) zu ihrem Bundesparteitag versammelten, saßen draußen Zehntausende in langen Reihen auf Straßen und Zufahrtswegen. Die thüringische Landeshauptstadt, rund 250 Kilometer südwestlich von Berlin, wurde damit zur Kulisse einer Kraftprobe zwischen einer erstarkenden rechten Partei und einem breiten Bündnis ihrer Gegner.
Die Polizei bezifferte die Zahl der Teilnehmenden zunächst niedriger, korrigierte sie im Tagesverlauf jedoch auf etwa 31.000 – nach Angaben der Veranstalter und deutscher Medien der größte Protest, der je gegen einen AfD-Parteitag mobilisiert wurde. Die organisierenden Bündnisse „Widersetzen“ und „Zusammenstehen“ sprachen sogar von rund 50.000 Menschen, darunter etwa 17.000, die sich an Blockaden beteiligten. Zum Vergleich: In Gießen waren es 2024 etwa 25.000, im sächsischen Riesa im Januar 2025 rund 15.000.
Die Demonstrierenden kamen aus Gewerkschaften, zivilgesellschaftlichen Gruppen und linken Parteien. Aus mehreren Richtungen versuchten sie, den Delegierten den Zugang zur Messe abzuschneiden, und errichteten Sitzblockaden auf Autobahnen und in der Innenstadt. Die thüringische Polizei stufte die Kundgebung als legitim und weitgehend friedlich ein; registriert wurden 48 Straftaten und 11 Ordnungswidrigkeiten. Einzelnen Berichten zufolge wurden ein AfD-Büro sowie Einsatzkräfte mit Farbe und Feuerwerkskörpern attackiert. Trotz der Blockaden erreichten die meisten Delegierten den Saal, und der zweitägige Parteitag begann pünktlich.
„Wir wollen deutlich machen, dass wir das schlicht nicht hinnehmen, dass hier in Deutschland der Faschismus auf dem Vormarsch ist“, sagte Georg Becker, Sprecher des Bündnisses „Widersetzen“.
Bestätigt, aber nicht ungeschmälert
Im Inneren der Halle bestätigte die AfD ihre beiden Bundesvorsitzenden. Alice Weidel wurde mit rund 81 Prozent der Stimmen wiedergewählt, Tino Chrupalla mit etwa 70 Prozent – beide traten ohne Gegenkandidaten an. Nach vier Jahren an der Spitze der Partei fiel Chrupallas Ergebnis allerdings deutlich schlechter aus als die rund 81 Prozent zwei Jahre zuvor, ein Hinweis auf interne Spannungen, während der bundesweite Zuspruch für die Partei zugleich wächst.
Die Führung nutzte den Parteitag, um Zuversicht zu demonstrieren und den harten Kurs in der Migrationspolitik zu schärfen.
„Wir werden regieren. Zuerst auf Landesebene, dann auf Bundesebene“, sagte Chrupalla den Delegierten.
Weidel deutete die anstehenden Wahlen in nahezu existenzielle Begriffe um. „Denn dies bleibt unsere letzte Chance, unser Land zu retten“, rief sie in den Saal. Solche Rhetorik zeigt, wie weit sich die AfD seit der Bundestagswahl im Februar 2025 vorgearbeitet hat: Damals kam sie auf 20,8 Prozent – ihr bestes Nachkriegsergebnis und der zweite Platz. Mehrere aktuelle Umfragen sehen die Partei inzwischen an oder nahe der Spitze, teils bei bis zu 29 Prozent, gegenüber rund 22 Prozent für die von Kanzler Friedrich Merz geführte Union.
Warum gerade jetzt: der Blick nach Osten
Der unmittelbare Anlass für Parteitag wie Gegenproteste sind die bevorstehenden Wahlen im Osten Deutschlands, wo die AfD besonders stark ist. Sachsen-Anhalt wählt am 6. September, ebenfalls im September stimmt Mecklenburg-Vorpommern ab. In Sachsen-Anhalt hofft die Partei auf mehr als 40 Prozent – ein Ergebnis, das sie erstmals in Reichweite der Regierungsführung eines ganzen Bundeslandes bringen könnte.
Diese Aussicht alarmiert die Gegner der AfD. Sie fürchten, ein Durchbruch auf Landesebene könnte die „Brandmauer“ – die anhaltende Weigerung der etablierten Parteien, mit der Rechten zusammenzuarbeiten – aushöhlen und den Weg zu bundesweitem Einfluss ebnen. Die Mobilisierung in Erfurt, größer als frühere Großproteste, sollte nach Darstellung der Organisatoren zeigen, dass der Widerstand im Gleichschritt mit der Partei wächst.
- Teilnehmer: Polizei schätzt rund 31.000; Veranstalter sprechen von bis zu 50.000, davon etwa 17.000 an Blockaden.
- Führung: Weidel (rund 81 %) und Chrupalla (rund 70 %) als Vorsitzende bestätigt, beide ohne Gegenkandidaten.
- Umfragen: AfD bundesweit bei bis zu 29 %, die Union bei rund 22 %.
- Nächste Prüfung: Sachsen-Anhalt wählt am 6. September, Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls im September.
Ein europäischer Schatten über dem Streit
Die deutsche Auseinandersetzung um die AfD spielt sich vor dem Hintergrund einer breiteren europäischen Verschiebung ab, bei der nationalistische und radikal rechte Parteien von Frankreich über Italien bis nach Skandinavien an Boden gewinnen. Was den deutschen Fall besonders macht, ist der rechtliche Schatten über der Partei selbst. Im Mai 2025 stufte der Verfassungsschutz die AfD als „gesichert rechtsextremistische“ Organisation ein. Nach einer Klage der Partei in Köln setzte die Behörde diesen Schritt aus; bis zur Entscheidung gilt die AfD formal als „Verdachtsfall“.
Dieser ungeklärte Status befeuert beide Lager. Anhänger deuten die Einstufung als politisch motivierten Versuch, eine populäre Bewegung zu kriminalisieren; Gegner sehen darin einen Grund, die Partei von der Macht fernzuhalten, und einzelne Aktivisten erneuern ihre Forderung nach einem Verbot. Vorerst bleibt der Kurs der AfD eine der bestimmenden Fragen für Deutschland – und damit für eine Europäische Union, die zusieht, wie ihr größtes Mitgliedsland die Grenzen seines Nachkriegskonsenses austestet.
Als in Erfurt die Dämmerung einsetzte, hatten sich die Blockaden gelichtet und die Delegierten ihre Arbeit erledigt. Beide Lager gingen mit dem Gefühl des Aufwinds auseinander: die Partei mit Blick auf die Umfragen und die anstehenden Wahlen, ihre Gegner mit Blick auf die Größe der Menge, die den Parteitag hatte verhindern wollen.
Häufig gefragt
- Wie viele Menschen protestierten in Erfurt gegen den AfD-Parteitag?
- Die Polizei bezifferte die Teilnehmerzahl nach anfänglich niedrigeren Schätzungen auf etwa 31.000. Die organisierenden Bündnisse „Widersetzen“ und „Zusammenstehen“ sprachen von rund 50.000 Menschen, darunter etwa 17.000 an Blockaden. Laut Veranstaltern und Medien war es der größte Protest gegen einen AfD-Parteitag.
- Wer führt die AfD nach dem Parteitag?
- Alice Weidel und Tino Chrupalla wurden als Bundesvorsitzende bestätigt. Weidel erhielt rund 81 Prozent, Chrupalla etwa 70 Prozent der Stimmen; beide traten ohne Gegenkandidaten an. Chrupallas Ergebnis lag deutlich unter den rund 81 Prozent zwei Jahre zuvor.
- Warum ist der Parteitag gerade jetzt so bedeutsam?
- Anlass sind die Wahlen im Osten Deutschlands: Sachsen-Anhalt wählt am 6. September, Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls im September. In Sachsen-Anhalt hofft die AfD auf mehr als 40 Prozent, was sie erstmals in Reichweite der Regierungsführung eines Bundeslandes bringen könnte.
- Welchen rechtlichen Status hat die AfD derzeit?
- Im Mai 2025 stufte der Verfassungsschutz die AfD als „gesichert rechtsextremistisch“ ein, setzte diesen Schritt nach einer Klage der Partei in Köln aber aus. Bis zur gerichtlichen Entscheidung gilt die AfD formal weiterhin als „Verdachtsfall“.
Quellen(9)
- 1Thousands protest in Germany as far-right AfD party meetsAl Jazeera · aljazeera.com
- 220,000 protest against AfD party conference in GermanyEuronews · euronews.com
- 3Thousands protest in Germany as far-right AfD sets sights on powerReuters (via Investing.com) · investing.com
- 4Far-right Alternative for Germany party reelects leaders as protesters and police clashPBS NewsHour / Associated Press · pbs.org
- 5Thousands Protest in Germany as Far-Right AfD Sets Sights on PowerU.S. News / Associated Press · usnews.com
- 6Liveticker zum AfD-Parteitag und den Gegenprotestentaz · taz.de
- 7Liveblog zu den Ereignissen beim AfD-Bundesparteitag in ErfurtZDFheute · zdfheute.de
- 8Germany's intelligence agency suspends 'extremist' classification for AfD party, says courtEuronews · euronews.com
- 9German spy agency pauses extremist classification of AfD until court decisionThe Times of Israel · timesofisrael.com



