Rechtsstreit im Silicon Valley
Apple verklagt OpenAI: Vorwurf des planmäßigen Diebstahls von Hardware-Geheimnissen
Der iPhone-Konzern beschuldigt seinen früheren KI-Partner und das von Jony Ive mitgegründete Start-up io, vertrauliche Konstruktionsdaten abgeschöpft zu haben – vom Ingenieur bis zum Hardwarechef.
Von Marc Weber · · 4 Min. Lesezeit

Aus einer der meistbeachteten Allianzen der Technologiebranche ist ein offener Rechtsstreit geworden. Apple hat OpenAI verklagt und dem KI-Unternehmen sowie dem Hardware-Start-up io Products vorgeworfen, in einer koordinierten Aktion vertrauliche Apple-Konstruktionen entwendet zu haben, um daraus eigene Geräte für Endverbraucher zu bauen. Die Zivilklage ging am 10. Juli 2026 beim US-Bundesbezirksgericht für den nördlichen Distrikt Kaliforniens ein.
Der Schritt markiert eine bemerkenswerte Kehrtwende. Vor kaum zwei Jahren standen beide Konzerne noch als Partner gemeinsam auf der Bühne. Nun fällt die Klage in einen Moment, in dem OpenAI mit Hochdruck sein erstes physisches Produkt zur Marktreife bringen will – berichtet wird von einem KI-Gerät mit leuchtendem Bildschirm. Der Konflikt verlagert den Wettstreit zwischen dem wertvollsten Hardwarehersteller der Welt und dem bekanntesten Namen der generativen KI in den Gerichtssaal, mit einer grundsätzlichen Frage: Wem gehören die Ideen hinter der nächsten Gerätegeneration?
Die Vorwürfe im Detail
Kern der Klage ist die Behauptung, es habe sich nicht um das Fehlverhalten Einzelner gehandelt, sondern um ein Muster, das sich durch sämtliche Ebenen von OpenAI gezogen habe. In der Klageschrift formuliert Apple dies in ungewöhnlich scharfen Worten.
Auf jeder Ebene, von Mitgliedern des technischen Personals bis hin zum Chief Hardware Officer und in Abstimmung mit Geschäftspartnern, hat OpenAI die Betriebsgeheimnisse und vertraulichen Informationen von Apple gestohlen.
Die Klage benennt zwei ehemalige Apple-Mitarbeiter. Der ranghöchste ist Tang Tan, heute Chief Hardware Officer bei OpenAI. Er arbeitete rund 24 Jahre bei Apple, stieg zum Vice President für Produktdesign auf und verantwortete die Gestaltung von iPhone und Apple Watch, ehe er Anfang 2024 ausschied. Laut Apple machte Tan aus dem Bewerbungsverfahren von OpenAI eine Beschaffungsoperation für Interna: Er habe Kandidaten, die noch bei Apple beschäftigt waren, angewiesen, firmeneigene Bauteile in ihre Vorstellungsgespräche einzuschleusen.
In der Klageschrift heißt es, Tan habe „noch bei Apple beschäftigte Bewerber angewiesen, ,echte Bauteile‘ von Apple zu ihren Vorstellungsgesprächen für ,Show-and-Tell‘-Sitzungen mitzubringen, in denen er und sein Team bei OpenAI weitere vertrauliche Apple-Informationen entlocken konnten“. Er habe während dieser Gespräche vertrauliche Apple-Informationen genutzt, um zusätzliches Insiderwissen abzuschöpfen.
Der zweite namentlich Genannte ist Chang Liu, ein früherer Elektroingenieur, der rund acht Jahre bei Apple tätig war und im Januar 2026 zu OpenAI wechselte. Apple wirft ihm vor, vertrauliche Hardware-Dateien heruntergeladen, ein dienstliches Notebook einbehalten und einen Apple-Mitarbeiter darin unterwiesen zu haben, wie sich die Sicherheitskontrollen beim Ausscheiden umgehen ließen. Mehr als 400 frühere Apple-Beschäftigte arbeiten dem Konzern zufolge inzwischen bei OpenAI – ein Personalabfluss, den Apple als Hintergrund des mutmaßlichen Diebstahls zeichnet.
Vom Bündnis zur Gegnerschaft
Der Bruch wiegt umso schwerer, wenn man an die Anfänge erinnert. Im Juni 2024 stellten Apple und OpenAI auf der Entwicklerkonferenz WWDC eine vielbeachtete Partnerschaft vor: ChatGPT auf Basis von GPT-4o wurde in das neue System Apple Intelligence und eine überarbeitete Siri eingebunden. Für OpenAI war das eine Bestätigung auf der größten Bühne der Unterhaltungselektronik; Apple wiederum verschaffte es Anschluss auf einem Feld, das der Konzern lange gemieden hatte.
Die Wärme hielt nicht an. Berichten zufolge wandte sich Apple im Januar 2026 den Gemini-Modellen von Google zu, um Teile von Apple Intelligence zu betreiben, und beide Unternehmen gerieten bei der Hardware in direkte Konkurrenz. Bemerkenswert ist, dass Apple in der Klageschrift ausdrücklich festhält, die Zusammenarbeit zwischen ChatGPT und Siri stehe „hier nicht zur Debatte“ – ein Signal, dass der Konzern eine Geschäftsbeziehung abschirmen will, während er dem Gegenüber Industriespionage vorwirft.
Als Mitbeklagte wird auch io Products geführt, das Design-Start-up, das der gefeierte frühere Apple-Chefdesigner Jony Ive mitgegründet hat. OpenAI übernahm io 2025 für rund 6,4 Milliarden US-Dollar – in der Erwartung, dass Ives Team physische Produkte liefern könnte, die dem iPhone Konkurrenz machen. Ive selbst wird in der Klage erwähnt, aber nicht als Beklagter genannt. Apple verlangt Schadenersatz, Unterlassung und eine gerichtliche Anordnung, die OpenAI die Nutzung seiner Betriebsgeheimnisse untersagt.
Was der Streit für das KI-Rennen bedeutet
OpenAI wies die Vorwürfe zurück. In einer Stellungnahme zur Klage erklärte ein Sprecher, das Unternehmen habe sich nichts zuschulden kommen lassen.
„Wir haben kein Interesse an den Betriebsgeheimnissen anderer Unternehmen“, sagte der Sprecher. „Wir konzentrieren uns weiterhin darauf, innovative Technologie zu entwickeln, die Menschen überall stärkt.“
Über die konkreten Anschuldigungen hinaus verweist der Fall auf eine tiefere Entflechtung. Der KI-Boom fußte auf einem Geflecht aus Partnerschaften, Lizenzabkommen und geteilter Infrastruktur zwischen Rivalen, die einander brauchten, um schnell voranzukommen. Je stärker diese Unternehmen in die Kernmärkte der anderen vordringen – KI-Labore in die Hardware, Gerätehersteller in die Modelle –, desto mehr zerfasern die Allianzen zu Konkurrenz und zunehmend zu Rechtsstreitigkeiten.
- Apple, lange der disziplinierteste Hüter seiner Geheimnisse in der Branche, ist nun bereit, einen internen Personalexodus in öffentlichen Gerichtsakten auszubreiten.
- OpenAI, bewertet als eines der wichtigsten Unternehmen des Jahrzehnts, sieht sich einer Klage gegenüber, die seinen Ehrgeiz trifft, selbst zum Hardwarehersteller zu werden.
- Der Fall rückt ins Licht, wie ungehindert Ingenieure und Führungskräfte zwischen den Giganten der Branche wechseln – und wie viel firmeneigenes Wissen mit ihnen wandert.
Verfahren um Betriebsgeheimnisse gelten als aufwendig in der Beweisführung und können sich über Jahre hinziehen; Apples Klageschrift gibt zudem nur eine Seite einer umstrittenen Darstellung wieder, die OpenAI bestreitet. Doch schon die Einreichung markiert einen Wendepunkt. Zwei der mächtigsten Technologiekonzerne, einst Partner bei der Neuerfindung des Smartphones, stehen sich nun als Gegner gegenüber – in einem Streit, dessen Ausgang mitentscheiden könnte, wer die Geräte und die Daten des KI-Zeitalters kontrolliert.
Häufig gefragt
- Worauf stützt Apple seine Klage gegen OpenAI?
- Apple wirft OpenAI und io Products vor, in einer koordinierten Aktion vertrauliche Konstruktionsdaten gestohlen zu haben, um eigene Verbrauchergeräte zu entwickeln. Die Klage nennt zwei frühere Apple-Mitarbeiter und beschreibt ein Muster, das von einfachen Ingenieuren bis zum Hardwarechef reiche.
- Welche Rolle spielt Jony Ive in dem Verfahren?
- Jony Ive, früher Chefdesigner von Apple, ist Mitgründer von io Products, das OpenAI 2025 für rund 6,4 Milliarden US-Dollar übernahm. io ist mitbeklagt, Ive selbst wird in der Klageschrift jedoch nur erwähnt und nicht als Beklagter geführt.
- Wie hat OpenAI auf die Klage reagiert?
- OpenAI wies die Vorwürfe zurück. Ein Sprecher erklärte, man habe kein Interesse an den Betriebsgeheimnissen anderer Unternehmen und konzentriere sich weiterhin darauf, innovative Technologie zu entwickeln, die Menschen überall stärke.
- Was bedeutet die Klage für die frühere Partnerschaft der beiden Konzerne?
- Apple und OpenAI hatten 2024 auf der WWDC eine Integration von ChatGPT in Apple Intelligence und Siri vorgestellt. Apple betont in der Klage, diese Zusammenarbeit stehe hier nicht zur Debatte; zuletzt wandte sich Apple bei Apple Intelligence Googles Gemini-Modellen zu.
Quellen(10)
- 1Apple sues OpenAI alleging trade secret theft, says scheme was 'at every level'CNBC · cnbc.com
- 2Apple sues OpenAI over alleged trade secret theftTechCrunch · techcrunch.com
- 3Apple sues OpenAI for trade secret theftAxios · axios.com
- 4Apple sues OpenAI, alleging the AI company stole trade secretsThe Washington Post · washingtonpost.com
- 5Apple accuses OpenAI of using stolen trade secrets to create its upcoming AI gadgets in new lawsuitCNN Business · cnn.com
- 6Apple accuses OpenAI, and former design star Jony Ive's io Products firm, of stealing hardware trade secrets in blockbuster lawsuitFortune · fortune.com
- 7Apple sues OpenAI over alleged theft of trade secretsTom's Hardware · tomshardware.com
- 8Apple sues OpenAI, accuses ex-employees of stealing trade secrets9to5Mac · 9to5mac.com
- 9Apple announces OpenAI partnership, Siri and iOS 18 upgrades at WWDC 2024Semafor · semafor.com
- 10Apple unveils long-awaited AI strategy, partnership with OpenAI at WWDCAl Jazeera · aljazeera.com
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