Mobilität

Belgien einigt sich auf digitale Pkw-Vignette ab Mai 2027 – kein Ausgleich für Luxemburger Autofahrer

Flandern, Wallonie und Brüssel einigen sich auf eine E-Vignette ab Mai 2027. Belgische Halter werden steuerlich entlastet – Fahrzeuge aus Luxemburg zahlen den vollen Tarif.

Von Jonas Thill · · 5 Min. Lesezeit

Pendlerverkehr auf der belgischen Autobahn E411: Fahrzeuge passieren eine Schilderbrücke mit Kennzeichenkameras und einem blauen Wegweiser Richtung Luxemburg.
Die E411 zwischen Brüssel und Luxemburg: Ab Mai 2027 sollen Kennzeichenkameras die belgische Vignettenpflicht überwachen. (Illustration: KI-generiertes Bild) Illustration: KI-generiert — Status

Neun Euro für einen Tag, hundert Euro für ein Jahr: So viel wird die Fahrt über Belgiens Autobahnen ein in Luxemburg zugelassenes Auto künftig kosten. Die Regierungen von Flandern, der Wallonie und der Region Brüssel-Hauptstadt haben sich am Freitag im Grundsatz auf die Einführung einer digitalen Straßenvignette zum 1. Mai 2027 geeinigt, wie belgische Medien, darunter RTBF und L'Avenir, berichten. Sie gilt für alle Pkw und Transporter bis 3,5 Tonnen – gleich ob mit belgischem oder ausländischem Kennzeichen – auf den Autobahnen und den wichtigsten Regionalstraßen des Landes.

Für Luxemburg ist die Entscheidung mehr als eine Randnotiz: Rund 53.300 Grenzgänger pendelten 2025 aus Belgien ins Großherzogtum, die meisten über die E411 oder die E25. Und jeder Haushalt in Luxemburg, der Richtung Brüssel, in die Ardennen oder an die belgische Küste fährt, braucht künftig eine Vignette.

So funktioniert die E-Vignette

Beschlossen haben die Abgabe nicht der belgische Föderalstaat, sondern die drei Regionen – der Straßenbau fällt in Belgien in ihre Zuständigkeit. Vorgestellt wurde die Einigung vom wallonischen Mobilitätsminister François Desquesnes (Les Engagés) und dem flämischen Haushaltsminister Ben Weyts (N-VA); die Region Brüssel war nicht vertreten, ihr Haushaltsminister Dirk De Smedt ließ sich laut L'Avenir und DH mit einem Terminkonflikt entschuldigen.

Die Vignette ist zeitbasiert – keine kilometerabhängige Pkw-Maut – und vollständig digital: Sie wird an das Kennzeichen gekoppelt, ein Aufkleber an der Windschutzscheibe entfällt ebenso wie Mautstationen. Gekauft wird online oder an Tankstellen und Verkaufsstellen. Die Tarife richten sich nach der Schadstoffklasse und sollen in der laufenden Legislaturperiode nicht indexiert werden:

  • Jahresvignette: 90 Euro für emissionsfreie Fahrzeuge, 100 Euro ab Euro-Norm 4, 125 Euro für vor 2005 zugelassene Autos (Euro 0 bis 3)
  • Ein Tag: 8,10 bis 11,25 Euro; zehn Tage: 10,80 bis 15 Euro
  • Ein Monat: 17 bis 23,75 Euro; zwei Monate: 27 bis 37,50 Euro

Ausgenommen sind Motorräder, Busse, landwirtschaftliche Zugmaschinen und Einsatzfahrzeuge – sowie Lkw über 3,5 Tonnen, die seit April 2016 die kilometerabhängige Viapass-Maut entrichten. Kontrolliert wird mit festen und mobilen Kennzeichenkameras; beim ersten Verstoß werden 70 Euro fällig, ab dem dritten 210 Euro. Zum Start ist eine zweimonatige Toleranzphase vorgesehen. Bislang kennt Belgien für Pkw nur eine einzige gebührenpflichtige Strecke: den Liefkenshoek-Tunnel in Antwerpen.

Entlastung nur für Belgier

Die Einnahmen sind für den Straßenunterhalt bestimmt. Die Wallonie rechnet im Regelbetrieb mit rund 327 Millionen Euro pro Jahr, etwa ein Drittel davon von ausländischen und Leasingfahrzeugen; Flandern kalkuliert laut RTBF mit rund 130 Millionen Euro aus diesen beiden Gruppen.

„Wir sprechen von mehr als 250 Millionen Euro, die ausländische Fahrer einbringen könnten", sagte Desquesnes bereits Ende Mai dem Sender RTBF, als sich die Grundzüge der Einigung abzeichneten. (Aus dem Französischen übersetzt.)

Belgische Halter sollen unter dem Strich nicht mehr zahlen: Die Regionen versprechen eine Reform der Kfz-Besteuerung. Flandern will die jährliche Verkehrssteuer anpassen, die Wallonie hat ihren Mechanismus noch nicht festgelegt. Eine schlichte Befreiung der eigenen Bürger wäre europarechtlich unzulässig – der Europäische Gerichtshof kippte 2019 die geplante deutsche Pkw-Maut, weil deren Last faktisch allein ausländische Fahrer getroffen hätte.

Was auf Luxemburgs Pendler und Reisende zukommt

Für im Ausland zugelassene Fahrzeuge gibt es keinen solchen Ausgleich. Ein Auto mit luxemburgischem Kennzeichen – privat oder als Firmenwagen – zahlt den vollen Tarif: 9 Euro pro Tag, 12 Euro für zehn Tage, 30 Euro für zwei Monate oder 100 Euro im Jahr für ein gängiges Fahrzeug ab Euro 4. Weil die Vignette auch die wichtigsten Regionalstraßen erfasst, führt kein gebührenfreier Schleichweg nach Brüssel, Lüttich oder an die Küste – auch nicht für Familien, die Belgien auf der Urlaubsroute durchqueren.

Anders, aber keineswegs folgenlos ist die Lage der Pendler. Die rund 53.300 in Belgien lebenden Grenzgänger, die 2025 nach Angaben des luxemburgischen Statistikamts STATEC zur Arbeit ins Großherzogtum fuhren, stellen das zweitgrößte Pendlerkontingent des Landes – knapp ein Viertel der insgesamt mehr als 233.000 Grenzgänger. Ab Mai 2027 brauchen sie eine Vignette für den belgischen Teil ihres Arbeitswegs über die E411 oder die E25. Als belgische Steuerzahler sollen sie zwar entlastet werden, doch ausgerechnet die Wallonie, wo die meisten von ihnen wohnen, hat noch nicht gesagt, wie. Wer einen in Luxemburg zugelassenen Firmenwagen fährt, fällt nach der Kennzeichenlogik des Systems ohnehin auf die ausländische Seite.

Für den Güterverkehr auf der Achse Brüssel–Luxemburg ändert sich nichts: Schwere Lkw zahlen weiterhin kilometergenau über Viapass, gestaffelt nach Region, Gewicht und Euro-Norm. Lieferwagen bis 3,5 Tonnen fallen dagegen unter die neue Vignette.

Wien als Vorbild, Berlin als Warnung

Mit diesem Modell rückt Belgien näher an Österreich und die Schweiz als an Frankreich. Die österreichische Jahresvignette kostet 2026 106,80 Euro, die Tagesvignette 9,60 Euro; die Schweiz verlangt pauschal 40 Franken (rund 43 Euro) im Jahr, ohne Kurzzeitoption. Frankreich kassiert streckenabhängig über Konzessionsbetreiber, während Deutschland, die Niederlande und Luxemburg von Pkw bislang nichts verlangen – der deutsche Anlauf scheiterte im Juni 2019 vor dem EuGH. Luxemburg erhebt Straßenabgaben nur von schweren Lkw über die Eurovignette.

Der belgische Mobilitätsverband Touring begrüßte zwar, dass die drei Regionen ein einheitliches nationales System statt dreier Insellösungen gewählt haben, mahnte aber, die tatsächliche Belastung im Blick zu behalten: Autofahrer trügen bereits rund 21 Milliarden Euro pro Jahr bei, und Belgien sei „das OECD-Land, in dem die Autofahrer am höchsten besteuert werden". Eine intelligente Kilometerabgabe wäre dem Verband lieber gewesen.

Die schärfste Kritik kommt aus den Niederlanden. Infrastrukturminister Vincent Karremans nannte es „sehr enttäuschend", dass für Grenzbewohner keine Ausnahmen vorgesehen sind. Harry van der Maas, Mobilitätsdezernent der Provinz Zeeland, sprach von einer enttäuschenden und unerwünschten Maßnahme: „Diese Maßnahme trifft unsere Grenzregion unmittelbar. Die Bewohner müssen mit Mehrkosten rechnen, und auch die Wirtschaft könnte darunter leiden." Aus Luxemburg lag bis zum Wochenende keine offizielle Reaktion der Regierung vor; die Pendlermedien des Landes berichteten prominent über die Entscheidung.

Rechtskräftig ist noch nichts: Ein Kooperationsabkommen zwischen den Regionen muss ausgearbeitet und von den Regionalparlamenten gebilligt werden, die europarechtliche Prüfung läuft. Die Gesetzestexte werden für den Herbst 2026 erwartet, ein Registrierungsportal soll vor dem Start öffnen. Für Autofahrer aus dem Großherzogtum heißt das: Noch zehn Monate bleibt die Fahrt durchs Nachbarland gratis – danach gehört Belgien zu den Vignettenländern.

Häufig gefragt

Was kostet die belgische Vignette für ein Auto aus Luxemburg?
Ein gängiges Fahrzeug ab Euro-Norm 4 zahlt 9 Euro pro Tag, 12 Euro für zehn Tage, 30 Euro für zwei Monate oder 100 Euro im Jahr – ohne steuerlichen Ausgleich, der nur belgischen Haltern versprochen ist.
Gilt die Vignette nur auf Autobahnen?
Nein. Sie gilt auch auf den wichtigsten Regionalstraßen (N-Straßen). Ein Ausweichen über Nebenstrecken nach Brüssel, Lüttich oder an die Küste ist damit nicht möglich.
Was droht bei Fahrten ohne Vignette?
Feste und mobile Kennzeichenkameras kontrollieren automatisch. Beim ersten Verstoß werden 70 Euro fällig, ab dem dritten 210 Euro. Zum Start am 1. Mai 2027 gilt eine zweimonatige Toleranzphase.
Sind Motorräder und Lkw betroffen?
Motorräder sind befreit, ebenso Busse, Traktoren und Einsatzfahrzeuge. Lkw über 3,5 Tonnen zahlen weiterhin die kilometerabhängige Viapass-Maut; Lieferwagen bis 3,5 Tonnen brauchen die Vignette.
Quellen(19)
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