Luxemburgs Außenpolitik
Bettel nennt Putins Krieg einen Fehler – und will trotzdem mit Moskau reden
Luxemburgs Chefdiplomat hält die EU in der Friedensdiplomatie für „abwesend“ – während das Großherzogtum Kiew weiter finanziert, das 20. Sanktionspaket trägt und seinen Wehretat anhebt.
Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Selten formuliert ein europäischer Außenminister so unverblümt und zugleich so quer zur eigenen Linie. Xavier Bettel, stellvertretender Premier und Außenminister Luxemburgs, hält Wladimir Putins Überfall auf die Ukraine für einen strategischen Fehlschlag – und verlangt dennoch, dass die Europäische Union wieder das Gespräch mit Moskau sucht. Ein Sieger werde diesen Krieg nicht beenden, so seine Botschaft, sondern jemand, der bereit sei, sich an einen Tisch zu setzen.
Dass ausgerechnet Luxemburg diese Position vertritt, gibt ihr Gewicht. Das Großherzogtum zählt zu den bevölkerungsärmsten, aber pro Kopf reichsten Mitgliedern der Union – ein Gründungsstaat, dessen Kapital und Finanzplatz ihm einen Einfluss verschaffen, der seine Größe weit übersteigt. Wie sein Außenminister Sicherheit gegen Diplomatie abwägt, ist deshalb auch ein Gradmesser dafür, wie das wohlhabende, vorsichtige Europa nach vier Kriegsjahren neu justiert.
Hartes Urteil, ungewöhnliches Rezept
Bettels schärfste Bewertung des Krieges ist aktenkundig. Beim Ministerrat der OSZE im November 2023 in Skopje wandte er sich direkt an die russische Delegation: „Sie haben einen großen Fehler begangen.“ Nach den Gräueltaten von Butscha, fügte er hinzu, habe er gespürt, dass Moskau „keinen Willen zu einer Lösung“ gehabt habe.
Einen Krieg zu beginnen ist leicht. Ihn zu beenden ist das Kennzeichen wahrer Führung.
Dieses Urteil hat er nicht zurückgenommen, doch sein Akzent hat sich zur Diplomatie verschoben. In einem am 29. Januar 2026 von Euronews veröffentlichten Interview beklagte er, die EU sitze bei den entscheidenden Verhandlungen nicht am Tisch. „Wir müssen mit ihnen reden, wenn wir eine Lösung wollen“, sagte er und warnte: „Wenn wir nicht mit ihnen sprechen können, werden wir keine Lösung finden.“ Europa, so sein Befund, sei schlicht „abwesend“.
Sei Luxemburg „zu klein“, um eine solche Botschaft zu überbringen, dann sollten Präsident Emmanuel Macron oder ein anderer Staatschef Europa vertreten – Moskau, merkte Bettel spitz an, wolle mit der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas ohnehin nicht verhandeln. Bei vertraulichen Kontakten würde er helfen, falls das nützlich sei. Eine rote Linie wiederholt er dabei stets: „kein Abkommen über die Ukraine ohne die Ukraine“ – und „der Aggressor in diesem Krieg ist Russland“.
Das Geld hinter den Worten
Luxemburgs Diplomatie ruht auf dauerhaften Ausgaben. Seit 2022 hat das Land nach einer aus Regierungsquellen gespeisten Aufstellung von Chronicle.lu mehr als 550 Millionen Euro an Unterstützung für die Ukraine zugesagt. Davon entfallen rund 259 Millionen Euro auf Militärhilfe, 196 Millionen Euro auf die Versorgung Vertriebener und 96,2 Millionen Euro auf humanitäre und Ernährungshilfe.
Für ein Land mit weniger als 700.000 Einwohnern ist das gelieferte Gerät beträchtlich. Zu den Beiträgen zählen:
- 144 Panzerabwehrwaffen vom Typ NLAW und 4.000 Sturmgewehre;
- 42 gepanzerte Fahrzeuge und 34 gepanzerte Krankenwagen;
- 39 Drohnen sowie mehr als 18 Millionen Schuss Munition.
2022 und 2023 machte die Militärhilfe für die Ukraine jeweils rund 16 Prozent des luxemburgischen Verteidigungsbudgets aus. Bei einem Besuch in der Ukraine im April 2025 kündigte Bettel gemeinsam mit Verteidigungsministerin Yuriko Backes weitere rund 21 Millionen Euro an, darunter 10 Millionen Euro frische Militärhilfe und 10 Millionen Euro für das ukrainische Energiesystem. Präsident Wolodymyr Selenskyj verlieh ihm den Orden des Fürsten Jaroslaw des Weisen.
Sanktionen und ein Tresor voll eingefrorener Milliarden
Bei den Sanktionen hält sich Luxemburg strikt an den EU-Konsens und hat jedes seit 2022 beschlossene Paket mitgetragen – vom 16. im Februar 2025 über das 18. im Juli 2025 bis zum 20., das am 23. April 2026 angenommen wurde, nachdem Ungarn und die Slowakei ihre Einwände fallen ließen. Die jüngsten Maßnahmen verschärfen den Druck auf russische Energie, Schifffahrt und Finanzwesen und setzen Dutzende Schiffe auf die schwarze Liste, wie die Europäische Kommission und der Rat der EU mitteilten.
Zugleich sitzt das Großherzogtum an einem finanziellen Nadelöhr. In Luxemburg ist Clearstream ansässig, einer der beiden großen europäischen Zentralverwahrer, bei denen eingefrorene russische Vermögenswerte liegen. Im Dezember 2025 beschlossen die EU-Staats- und Regierungschefs, rund 210 Milliarden Euro an blockierten russischen Staatsvermögen so lange festzuhalten, bis Moskau den Krieg beendet und für den Wiederaufbau zahlt. Wie viel davon konkret in Luxemburg liegt, schätzen die Quellen sehr unterschiedlich – von mehreren Milliarden bis zu rund 20 Milliarden Euro. Schon das zeigt, wie zentral der Kleinstaat für den ökonomischen Druck der Union auf Moskau ist.
Der Streit ums Wehrbudget
Der Krieg zwingt auch zu einer unbequemen Debatte im Inneren. Beim Verteidigungsbudget galt Luxemburg in der NATO lange als Nachzügler – und hat sich einen milderen Maßstab gesichert: Sein Ziel von 2 Prozent bemisst sich am Bruttonationaleinkommen statt am Bruttoinlandsprodukt, eine zu seinen Gunsten verschobene Grundlage, die beim Gipfel von Vilnius 2023 festgelegt wurde. Bis 2030 will die Regierung 2 Prozent des BNE erreichen; der Wehretat soll laut von Paperjam berichteten Zahlen von 728 Millionen Euro (2024) auf rund 1,461 Milliarden Euro (2030) steigen – nahezu eine Verdoppelung.
Gemessen an der Latte, die die NATO bei ihrem Gipfel in Den Haag im Juni 2025 gelegt hat, wirkt das bescheiden: Dort verpflichteten sich die Verbündeten, bis 2035 fünf Prozent des BIP für Verteidigung und Sicherheit auszugeben. Wie die übrigen Mitglieder muss Luxemburg bis Mitte 2026 einen nationalen Fahrplan vorlegen. Backes verteidigt das Tempo: „2 Prozent sind in der Tat das von allen NATO-Verbündeten gesetzte und bestätigte Ambitionsniveau“ – beschlossen in Vilnius und Washington. Man wolle nicht „ausgeben, nur um auszugeben“, heißt es aus dem Ministerium.
Es ist das Bild einer Kleinmacht, die mehrere Rollen zugleich halten will: den Überfall als historischen Irrtum brandmarken, die ukrainische Verteidigung finanzieren, Sanktionen über den eigenen Finanzplatz durchsetzen – und dennoch darauf beharren, dass sich irgendwann jemand in Europa Putin gegenübersetzen muss.
Häufig gefragt
- Wofür plädiert Xavier Bettel im Ukraine-Krieg?
- Bettel verurteilt Russlands Angriff als strategischen Fehler, fordert aber zugleich, dass die EU wieder direkt mit Moskau spricht. „Wir müssen mit ihnen reden, wenn wir eine Lösung wollen“, sagte er Euronews. Gleichzeitig betont er: „kein Abkommen über die Ukraine ohne die Ukraine.“
- Wie viel hat Luxemburg die Ukraine bisher unterstützt?
- Seit 2022 sind es nach einer Aufstellung von Chronicle.lu mehr als 550 Millionen Euro: rund 259 Millionen Euro Militärhilfe, 196 Millionen Euro für Vertriebene und 96,2 Millionen Euro humanitäre und Ernährungshilfe.
- Welche Rolle spielt Luxemburg bei eingefrorenen russischen Vermögen?
- In Luxemburg sitzt Clearstream, einer der beiden großen europäischen Zentralverwahrer für blockierte russische Vermögenswerte. Schätzungen, wie viel davon konkret in Luxemburg liegt, reichen je nach Quelle von mehreren Milliarden bis zu rund 20 Milliarden Euro.
- Welche Verteidigungsziele verfolgt Luxemburg?
- Luxemburg will bis 2030 2 Prozent seines Bruttonationaleinkommens für Verteidigung ausgeben; der Etat soll von 728 Millionen Euro (2024) auf rund 1,461 Milliarden Euro (2030) steigen. Die NATO hat in Den Haag jedoch 5 Prozent des BIP bis 2035 als neues Ziel beschlossen.
Quellen(12)
- 1'We are absent': Luxembourg's Bettel says EU needs face-to-face talks with Russia's PutinEuronews · euronews.com
- 2Luxembourg's Foreign Minister emotionally addresses Russia's delegation at OSCE meetingUkrainska Pravda · pravda.com.ua
- 3Luxembourg's Aid to Ukraine ExplainedChronicle.lu · chronicle.lu
- 4Exclusive Interview with Deputy PM Xavier Bettel on Ukraine, RussiaChronicle.lu · chronicle.lu
- 5Minister Bettel Reiterates 'No Agreement on Ukraine Without Ukraine' as EU Adopts New Russia Sanctions PackageChronicle.lu · chronicle.lu
- 6Visit of Xavier Bettel and Yuriko Backes to UkraineMinistry of Foreign and European Affairs / gouvernement.lu · mae.gouvernement.lu
- 7BETTEL Xavier — biographyThe Luxembourg Government (gouvernement.lu) · gouvernement.lu
- 8Russia's war of aggression against Ukraine: EU adopts 18th package of economic and individual measuresCouncil of the EU (Consilium) · consilium.europa.eu
- 9EU adopts 20th package of sanctions against RussiaEuropean Commission (Finance) · finance.ec.europa.eu
- 10Defence: Luxembourg does not want to spend for spending's sakePaperjam · en.paperjam.lu
- 11The Hague Summit Declaration (2025)NATO · nato.int
- 12Confiscation of immobilised Russian sovereign assetsEuropean Parliament Research Service (EPRS) · europarl.europa.eu
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