LISER-Studie LUXTALENT

Akademiker am Fließband: Wie Zuwanderung Luxemburgs Arbeitsmarkt neu erfindet

Eine vom Wirtschaftsministerium beauftragte Untersuchung zeigt: Fast jeder neue Erwerbstätige im Großherzogtum kommt aus dem Ausland — und vier von fünf bringen einen Hochschulabschluss mit.

Von Jonas Thill · · 5 Min. Lesezeit

Pendler warten im Morgengrauen auf einem Luxemburger Bahnsteig neben einem grenzüberschreitenden Regionalzug.
Pendler warten im Morgengrauen auf einem Luxemburger Bahnsteig neben einem grenzüberschreitenden Regionalzug — Sinnbild für den täglichen Zustrom qualifizierter Arbeitskräfte ins Großherzogtum. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Luxemburg deckt seinen Bedarf an Arbeitskräften längst nicht mehr selbst. Im Jahr 2024 wurden rund neun von zehn Menschen, die neu in den Arbeitsmarkt des Großherzogtums eintraten, im Ausland geboren — und ein erstaunlich großer Teil von ihnen bringt einen Hochschulabschluss mit. Etwa vier von fünf Neuzugängen sind akademisch qualifiziert. Eine Volkswirtschaft, die sich ihre Fachkräfte fast vollständig aus dem Ausland holt: Das ist der Befund der Studie LUXTALENT, die das Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER) im Auftrag des Wirtschaftsministeriums erstellt hat.

Der erste Teil der Untersuchung, vorgestellt am 24. März 2026, verfolgt die Zu- und Abwanderung neu eingetroffener Erwerbstätiger zwischen 2002 und 2024. Grundlage sind die Verwaltungsdaten der Generalinspektion der Sozialversicherung (IGSS), die alle in Luxemburg sozialversicherten Personen erfassen — analysiert wird also nicht der statische Bestand, sondern die Bewegung am Arbeitsmarkt. Ein zweiter Teil, gestützt auf eine Befragung von mehr als 3.200 im Jahr 2023 zugezogenen Menschen im erwerbsfähigen Alter, folgte am 15. Juni 2026.

Hochqualifiziert, jung, zugewandert

Die Zahlen verdeutlichen, wie sehr das Land auf Talente angewiesen ist, die es nicht selbst hervorbringt. Allein 2024 ließen sich rund 8.200 neue zugewanderte Arbeitskräfte im Großherzogtum nieder, hinzu kamen etwa 15.200 neue Grenzgänger. Insgesamt traten 26.342 im Ausland geborene Personen ab 20 Jahren in den Arbeitsmarkt ein; 90,5 Prozent aller Neuzugänge des Jahres waren ausländischer Herkunft.

Am stärksten verändert hat sich das Qualifikationsprofil. Zwischen 78 und 80 Prozent der jüngsten Neuankömmlinge verfügen über einen tertiären Bildungsabschluss, rund drei Viertel sind jünger als 40. Der Anteil körperlicher Tätigkeiten unter den Zugewanderten ist eingebrochen — von etwa 66 Prozent in den Jahren 2002 bis 2005 auf knapp 29 Prozent im jüngsten Zeitraum.

  • Branchen: Rund 40 Prozent der zugewanderten Erwerbstätigen begannen 2024 in den freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Diensten oder im Finanz- und Versicherungssektor.
  • Profil der Befragten: Etwa ein Drittel der Neuzugezogenen arbeitet im Finanzwesen, rund elf Prozent in wissenschaftlich-technischen Diensten und etwa zehn Prozent in der Informationstechnik.
  • Sprachen: 88 Prozent der Befragten geben Englischkenntnisse an, 48 Prozent Französisch und elf Prozent Deutsch.

Längst nicht mehr nur aus der Großregion

Auch der geografische Radius der Rekrutierung hat sich geweitet. Der Anteil der Neuankömmlinge aus den drei Nachbarländern Frankreich, Deutschland und Belgien sank von 73 Prozent im Jahr 2002 auf 46 Prozent im Jahr 2024. Nichteuropäische Staatsangehörige stellen inzwischen etwa 40 Prozent der neu zugewanderten Erwerbstätigen. Selbst unter den Grenzgängern wird das Bild internationaler: Eine Mehrheit der in Belgien wohnhaften Pendler (62 Prozent) sowie große Anteile der in Deutschland (42 Prozent) und Frankreich (38 Prozent) lebenden wurden selbst in einem anderen Land geboren. Bei den Grenzgängern stieg der französische Anteil 2024 auf rund 65 Prozent.

Diese Offenheit ist politisch gewollt. Die Forschung speist den Hochrangigen Ausschuss für die Anwerbung, Bindung und Entwicklung von Talenten, den Wirtschaftsminister Lex Delles leitet. Er brachte am 28. Januar 2026 das nationale Portal „Work in Luxembourg" und einen „Talent Desk" auf den Weg, um die Anwerbung zu bündeln. Die zugrunde liegende Rahmenvereinbarung wurde im März 2025 unterzeichnet.

„Talente anzuziehen, weiterzuentwickeln und zu halten gehört zu den Prioritäten des Koalitionsvertrags, denn es ist eine wesentliche Voraussetzung, um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft zu sichern, unsere Offenheit zu bewahren und Innovation zu fördern", sagte Delles bei der Vorstellung der Instrumente. Die neue Rahmenvereinbarung markiere „einen entscheidenden Schritt" hin zu einer „auf Wissen und Innovation gegründeten Wirtschaft".

Am Zielpunkt des Wettbewerbs um Köpfe

Luxemburgs Anziehungskraft ist das lokale Gesicht einer gesamteuropäischen Dynamik. Der jüngste Annual Report on Intra-EU Labour Mobility der Europäischen Kommission, veröffentlicht im Februar 2025, schätzt, dass rund zehn Millionen EU-Bürger im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) in einem anderen Mitgliedstaat leben. Wer den Wohnsitz verlegt, steht etwas häufiger im Erwerbsleben als die einheimische Bevölkerung — eine Beschäftigungsquote von 78 gegenüber 76 Prozent, bei Drittstaatsangehörigen sind es 63 Prozent. Hochlohnländer schöpfen damit die Beschäftigungsfähigsten des Kontinents ab.

Kaum ein Staat verkörpert die Empfängerseite so vollständig wie das Großherzogtum. Grenzgänger machen fast die Hälfte (etwa 47 Prozent) der rund 500.000 Erwerbstätigen aus, und Luxemburg ist das erste OECD-Land mit einer mehrheitlich im Ausland geborenen Bevölkerung (51,2 Prozent). Derselbe Wohlstand, der Ingenieure, Juristen und Finanzfachleute anzieht, entzieht anderen Regionen — in Ost- und Südeuropa, zunehmend auch außerhalb der EU — jene Qualifizierten, deren Ausbildung sie bezahlt haben.

Das Problem ist nicht das Kommen, sondern das Bleiben

Die schärfste Warnung der Studie betrifft die Bindung. Rund 30 Prozent der Neuankömmlinge verlassen Luxemburg binnen eines Jahres, etwa die Hälfte ist nach fünf Jahren wieder fort. Von den 2002 zugezogenen, im Ausland geborenen Arbeitskräften waren 2025 nur noch etwa drei von zehn im System erfasst.

Den häufigsten Grund nennen die Befragten nicht in der Arbeit selbst, sondern in den Lebenshaltungskosten. 65,8 Prozent verweisen auf die Wohnkosten als wichtigsten Faktor, der sie zum Wegzug bewegen könnte — weit vor der Entfernung zur Familie oder Chancen im Ausland. Rund die Hälfte hatte vor der Wahl Luxemburgs auch Alternativen wie die Schweiz, Deutschland oder die Niederlande erwogen; etwa 62 Prozent wollen nun länger bleiben als ursprünglich geplant. Der Mobilitätsbericht der Kommission bestätigt den Druck: 19 Prozent der EU-Binnenwanderer sind durch Wohnkosten überlastet, gegenüber 8 Prozent in der aufnehmenden Bevölkerung.

Für einen Staat, dessen Wachstumsmodell auf dem steten Zustrom qualifizierter Arbeitskräfte ruht, ist genau diese Kombination — starke Anziehung, schwache Bindung — die zentrale Schwachstelle. Arbeitsminister Marc Spautz formulierte den Anspruch so: Um international wettbewerbsfähig und attraktiv zu bleiben, müsse man „weiterhin qualifizierte Talente anziehen und unsere Unternehmen bei den raschen Veränderungen des Arbeitsmarktes unterstützen". Der zweite Teil der LUXTALENT-Studie, der nach den Beweggründen der Zuwandernden fragt, soll zeigen, ob die Wirklichkeit vor Ort diesem Ehrgeiz standhält.

Häufig gefragt

Was ist die LUXTALENT-Studie?
Eine zweiteilige Untersuchung des Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER) im Auftrag des Wirtschaftsministeriums. Teil eins (vorgestellt am 24. März 2026) analysiert die Zu- und Abwanderung von Erwerbstätigen 2002 bis 2024 anhand der IGSS-Sozialversicherungsdaten; Teil zwei (15. Juni 2026) stützt sich auf eine Befragung von mehr als 3.200 im Jahr 2023 Zugezogenen.
Wie hoch ist der Anteil der Hochqualifizierten unter den Neuankömmlingen?
Zwischen 78 und 80 Prozent der zuletzt zugewanderten Erwerbstätigen verfügen über einen Hochschulabschluss. Rund drei Viertel von ihnen sind jünger als 40 Jahre.
Warum verlassen viele Zugewanderte Luxemburg wieder?
Rund 30 Prozent gehen binnen eines Jahres, etwa die Hälfte binnen fünf Jahren. Als wichtigsten möglichen Wegzugsgrund nennen 65,8 Prozent der Befragten die Wohnkosten — weit vor familiärer Entfernung oder Chancen im Ausland.
Welche Rolle spielt die Zuwanderung für Luxemburgs Wirtschaft?
Sie ist tragend: 90,5 Prozent aller Neuzugänge am Arbeitsmarkt waren 2024 im Ausland geboren, Grenzgänger stellen etwa 47 Prozent der rund 500.000 Erwerbstätigen. Luxemburg ist zudem das erste OECD-Land mit mehrheitlich im Ausland geborener Bevölkerung.
Quellen(12)
  1. 1Publication des résultats de la première partie de l'étude LUXTALENT au sujet de l'attraction et de la rétention de talents au LuxembourgMinistère de l'Économie / gouvernement.lu · meco.gouvernement.lu
  2. 2Publication of the results of the first part of the LUXTALENT studyLISER · liser.lu
  3. 3LUXTALENT Study Highlights Growing, More Diverse Foreign WorkforceChronicle.lu · chronicle.lu
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  10. 10Annual report on intra-EU labour mobility 2024 publishedEuropean Commission, DG Employment · employment-social-affairs.ec.europa.eu
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