Bankenfusion in der Eurozone

UniCredit greift nach der Commerzbank – Berlin und Frankfurt stemmen sich gegen die Übernahme

Die Mailänder Großbank beansprucht rund 42 Prozent am Frankfurter Rivalen. Doch die Bundesregierung, der Vorstand der Commerzbank und gleich mehrere Ermittlungen stehen Andrea Orcel im Weg.

Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Der Commerzbank Tower im Frankfurter Bankenviertel mit dem leuchtend gelben Schleifen-Emblem der Commerzbank
Die Konzernzentrale der Commerzbank im Frankfurter Bankenviertel: der Commerzbank Tower mit dem charakteristischen gelben Schleifen-Emblem. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Es ist der ambitionierteste Versuch einer grenzüberschreitenden Bankenfusion, den die Eurozone seit Jahren gesehen hat – und er steuert auf seinen Höhepunkt zu. Die Mailänder UniCredit beansprucht inzwischen rund 42 Prozent an der Commerzbank, während die Bundesregierung, der Frankfurter Vorstand und die deutschen Aufsichtsbehörden gleichzeitig versuchen, das Geschäft zu durchkreuzen. Wenige Wochen entscheiden nun darüber, ob UniCredit-Chef Andrea Orcel eine Übernahme gelingt, die europäische Aufseher seit Langem fordern – und nationale Regierungen ebenso lange blockieren.

Die reguläre Annahmefrist für das unaufgeforderte Angebot lief am 16. Juni ab, am 19. Juni veröffentlichte UniCredit ein Zwischenergebnis. Seit dem 20. Juni läuft die gesetzliche Nachfrist bis zum 3. Juli, das Endergebnis wird für den 8. Juli erwartet. Erst dann steht fest, wie weit Orcel tatsächlich gekommen ist.

Ein Tausch, den der Markt verschmähte

UniCredit bietet 0,485 eigene neue Aktien je Commerzbank-Aktie – ein Verhältnis, das die Bank laut den Aktionärshinweisen der Commerzbank über beide Fristen hinweg unverändert ließ. Der reine Aktientausch bewertet das Frankfurter Institut mit rund 40 Milliarden Euro, wobei sich die genaue Summe mit dem Kurs der UniCredit-Aktie bewegte.

Genau diese Konstruktion ist zugleich die Schwäche des Angebots. Weil die Commerzbank-Aktie über dem rechnerischen Angebotswert notierte, hätte eine Annahme bedeutet, faktisch mit Abschlag in die UniCredit-Aktie umzusteigen. Die meisten institutionellen Anleger lehnten ab; bei Privatanlegern fiel die Beteiligung minimal aus. Laut Reuters meldete UniCredit zum Ende der ersten Frist eine direkte Beteiligung von rund 26,8 Prozent, ergänzt um bar- und aktienabgewickelte Derivate. Eingereicht wurden im ersten Fenster etwa 12,5 Prozent des Commerzbank-Kapitals. Damit kletterte die von UniCredit beanspruchte Gesamtposition Bloomberg zufolge auf rund 42 Prozent – deutlich über der 30-Prozent-Schwelle, die als Mindestbedingung galt.

Der vollständige Vollzug steht weiter unter dem Vorbehalt der aufsichtsrechtlichen Genehmigungen. UniCredit rechnet damit nicht vor 2027.

Berlin gräbt sich ein

Die Bundesregierung, die über den Finanzmarktstabilisierungsfonds und die Förderbank KfW rund 12 Prozent an der Commerzbank hält – ein Paket im Wert von mehr als 4,5 Milliarden Euro –, hat das Angebot förmlich zurückgewiesen. Der Fonds erklärte, er „lehnt das aggressive Vorgehen von UniCredit ab" und unterstütze die Eigenständigkeitsstrategie der Bank. In der Regierung wurde erwogen, den Staatsanteil als letztes Mittel auf die Sperrminorität von 25 Prozent aufzustocken, die Berlin ein Vetorecht verschaffen würde.

Bundeskanzler Friedrich Merz machte den Konflikt zur Grundsatzfrage darüber, wie Europa Größe schaffen kann, ohne nationale Empfindlichkeiten zu übergehen.

Ja, wir brauchen große Banken in Europa, aber das heißt nicht, dass jede Form oder Art von Übernahme in Deutschland willkommen ist.

Ebenso entschlossen gibt sich die Spitze der Commerzbank. Vorstand und Aufsichtsrat empfehlen den Aktionären, das Angebot abzulehnen; in ihrer begründeten Stellungnahme heißt es, „das Angebot bietet weder eine angemessene Prämie noch einen glaubwürdigen Plan für einen Zusammenschluss". Vorstandschefin Bettina Orlopp stützt ihre Verteidigung auf den eigenständigen Kurs „Momentum 2030", der einen hauseigenen Umbau und rund 3.000 Stellenstreichungen vorsieht. Gespräche stellt sie nur in Aussicht, wenn UniCredit die Prämie erhöht und das Geschäftsmodell garantiert.

Streit um eine Zahl

Das Endspiel ist gehässig geworden. Der Betriebsrat der Commerzbank hat mit Rückendeckung der Gewerkschaft Verdi Strafanzeige wegen mutmaßlicher Marktmanipulation nach dem Wertpapierhandelsgesetz erstattet. Die Finanzaufsicht BaFin prüft, wie UniCredit seine Beteiligung aufgebaut hat, und die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat eine Vorprüfung eingeleitet.

Im Kern geht es um die Frage, wer die Aktien überhaupt eingereicht hat. Das Commerzbank-Management verweist darauf, dass das Volumen der Wertpapierleihe in der eigenen Aktie seit Bekanntwerden des Angebots um etwa das Zehnfache gestiegen sei, und hält einen Großteil der von UniCredit gezählten Papiere für geliehen statt für dauerhaft gehalten. UniCredit weist die Vorwürfe zurück und hat die BaFin aufgefordert, ihrerseits die Angaben der Commerzbank zu überprüfen. Gerichtlich geklärt ist bislang nichts.

Orcel selbst spielt die Aussicht auf die volle Kontrolle herunter. „Sollten wir die Kontrolle erlangen, was derzeit nicht das erwartete Szenario ist, dann ist sehr klar, was wir tun würden, und die Erträge daraus wären … sehr positiv für unsere Aktionäre und auch für die Aktionäre der Commerzbank – aber das liegt bei ihnen", sagte er dem Sender CNBC.

Bewährungsprobe für die Bankenunion – und für Luxemburg

Bei allem Lärm steht hinter dem Ringen eine größere Frage: Kann die Eurozone Banken schmieden, die groß genug sind, um es mit amerikanischen und asiatischen Giganten aufzunehmen? Die Europäische Zentralbank befürwortet grenzüberschreitende Zusammenschlüsse seit Langem, und UniCredit bewirbt das Geschäft als Hebel für „erheblichen grenzüberschreitenden Mehrwert". Doch die Hürden, die hier sichtbar werden – nationaler Widerstand, abgeschottetes Kapital und die noch immer fehlende gemeinsame europäische Einlagensicherung (EDIS) –, sind genau jene, die die Bankenunion seit über einem Jahrzehnt halbfertig lassen.

Dieses unvollendete Projekt betrifft Luxemburg unmittelbar. Das Großherzogtum ist der führende grenzüberschreitende Finanzplatz der EU und nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Fondsstandort der Welt; seine Banken werden von der EZB im Rahmen des einheitlichen Aufsichtsmechanismus beaufsichtigt. Eine echte Bankenunion, die Kapital und Institute frei über Grenzen hinweg bewegen lässt, würde den Wettbewerb für einen Standort neu ordnen, dessen Geschäft von Grund auf europäisch angelegt ist. Beide Kontrahenten sind dort längst präsent: UniCredit betreibt seit 1987 eine Tochtergesellschaft in Luxemburg, und auch die Commerzbank unterhält eine eigene Niederlassung im Land.

Ob die Auszählung im Juli Orcel die Kontrolle bringt oder nur eine große, umkämpfte Minderheit – der Streit hat bereits gezeigt, wie weit der Ehrgeiz für einen einheitlichen europäischen Bankenmarkt den Regeln vorauseilt, die ihn ermöglichen sollen.

Häufig gefragt

Wie viel der Commerzbank hält UniCredit bislang?
Nach Abschluss der ersten Annahmefrist meldete UniCredit eine direkte Beteiligung von rund 26,8 Prozent zuzüglich bar- und aktienabgewickelter Derivate. Mit den rund 12,5 Prozent, die im ersten Fenster eingereicht wurden, beansprucht UniCredit laut Bloomberg eine Gesamtposition von etwa 42 Prozent.
Wann fällt die endgültige Entscheidung?
Die reguläre Frist endete am 16. Juni 2026, ein Zwischenergebnis folgte am 19. Juni. Die gesetzliche Nachfrist läuft seit dem 20. Juni bis zum 3. Juli, das Endergebnis wird für den 8. Juli erwartet. Der vollständige Vollzug steht unter Vorbehalt der Aufsicht und wird nicht vor 2027 erwartet.
Warum lehnen Berlin und der Commerzbank-Vorstand das Angebot ab?
Die Bundesregierung hält über den Finanzmarktstabilisierungsfonds und die KfW rund 12 Prozent und unterstützt die Eigenständigkeit der Bank. Vorstand und Aufsichtsrat empfehlen die Ablehnung, weil das Angebot weder eine angemessene Prämie noch einen glaubwürdigen Fusionsplan biete.
Welche Rolle spielt Luxemburg in dieser Auseinandersetzung?
Luxemburg ist der führende grenzüberschreitende Finanzplatz der EU und der zweitgrößte Fondsstandort der Welt; seine Banken werden von der EZB beaufsichtigt. Eine vollendete Bankenunion würde den Wettbewerb am Standort prägen. Sowohl UniCredit (seit 1987) als auch die Commerzbank sind dort präsent.
Quellen(13)
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  2. 2UniCredit's takeover offer for Commerzbank concludes on TuesdayReuters / Investing.com · investing.com
  3. 3UniCredit Set to Control 42% of Commerzbank After First TenderBloomberg · bloomberg.com
  4. 4Germany Rejects UniCredit's Takeover Bid for CommerzbankBloomberg · bloomberg.com
  5. 5Merz Slams 'Hostile' Tactics as Commerzbank Rejects Takeover BidBloomberg · bloomberg.com
  6. 6Germany's Merz rejects hostile banking takeovers, as UniCredit-Commerzbank saga escalatesReuters (via TradingView) · tradingview.com
  7. 7FAQ on UniCredit's Takeover Offer — Commerzbank's positionCommerzbank · commerzbank.de
  8. 8UniCredit CEO says taking control of Commerzbank 'not the expected scenario'CNBC · cnbc.com
  9. 9UniCredit boss plots Commerzbank shake-up as lender continues its takeover pursuitCNBC · cnbc.com
  10. 10Deadline looms for UniCredit's hostile bid for CommerzbankAFP / France 24 · france24.com
  11. 11German Government Opposes Hostile Takeover of CommerzbankGlobal Banking & Finance Review · globalbankingandfinance.com
  12. 12The European Banking Union Also Means Cross-Border Bank ConsolidationVerfassungsblog · verfassungsblog.de
  13. 13Financial Centre: a leading cross-border financial centre with a unique offeringLuxembourg.public.lu · luxembourg.public.lu

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