Arbeitsmarkt

Luxemburg: Mehr offene Stellen bei steigender Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote steigt auf 6,4 Prozent. Zugleich melden Unternehmen mehr offene Stellen – allerdings vielfach in anderen Berufsfeldern.

Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Gebäude der Arbeitsagentur ADEM in Esch-Belval, Luxemburg
Das Gebäude der Arbeitsagentur ADEM in Esch-Belval. Illustrative, KI-generierte Darstellung. Illustration: KI-generiert — Status

Zwei gegenläufige Entwicklungen prägen Luxemburgs Arbeitsmarkt: Die Zahl der Arbeitssuchenden nimmt kräftig zu, zugleich melden die Unternehmen mehr offene Stellen. Hinter diesem Befund steht weniger ein allgemeiner Einstellungsstopp als eine wachsende Kluft zwischen den Profilen der Bewerber und dem Bedarf der Arbeitgeber.

Die von STATEC saisonbereinigte Arbeitslosenquote stieg im Juni auf 6,4 Prozent. Im Mai hatte sie noch 6,2 Prozent betragen. Ende Juni führte die Arbeitsagentur ADEM insgesamt 19.619 verfügbare Arbeitssuchende mit Wohnsitz in Luxemburg. Das waren 1.733 Personen oder 9,7 Prozent mehr als im Juni 2025.

Im Vergleich zum Vormonat sank der nicht bereinigte Registerbestand allerdings um 55 Personen beziehungsweise rund 0,3 Prozent, von 19.674 im Mai auf 19.619 im Juni. Darin liegt kein statistischer Widerspruch: Die saisonbereinigte Quote und der absolute Registerbestand sind unterschiedliche Messgrößen. Aus dem Rückgang um 55 Registrierte lässt sich daher nicht ableiten, dass sich die Arbeitsmarktlage im Juni entsprechend verbessert hätte.

Der Anstieg erreicht sämtliche Altersgruppen

Im Juni registrierten sich 2.478 Einwohner neu bei der ADEM. Gegenüber dem Vorjahresmonat entspricht dies einem Plus von 3,0 Prozent. Der jährliche Anstieg der verfügbaren Arbeitssuchenden erfasste sämtliche Altersgruppen, fiel bei den 30- bis 44-Jährigen mit 12,8 Prozent jedoch am stärksten aus.

Besonders deutlich nahm die Zahl der Arbeitssuchenden mit den höchsten Qualifikationen zu: Ihr Bestand lag 19,1 Prozent über dem Vorjahreswert. Nach gesuchtem Beruf verzeichnete die ADEM die größten Zuwächse bei Sekretariats- und Assistenzaufgaben, in der Informationstechnologie, im Rechnungswesen und Management sowie im Bankwesen.

„Wir sind derzeit mit einem Arbeitslosigkeitsniveau konfrontiert, das wir in Luxemburg nicht gewohnt sind.“ — Marc Spautz, luxemburgischer Arbeitsminister

Die Zahlen weisen damit über eine bloße konjunkturelle Schwäche hinaus. Gerade in qualifizierten Dienstleistungsberufen wächst der Bewerberbestand, während ein erheblicher Teil der zusätzlichen Nachfrage in anderen Tätigkeitsfeldern entsteht. Für eine von Unternehmens- und Finanzdienstleistungen geprägte Volkswirtschaft ist diese Verschiebung von besonderer Tragweite.

Bereits 2025 hatte sich die Beschäftigungsdynamik abgeschwächt. Die Gesamtbeschäftigung nahm im Jahresverlauf um 1,2 Prozent zu. In der Informations- und Kommunikationstechnologie ging sie jedoch erstmals seit 2003 zurück. Damit verliert ausgerechnet ein Bereich an Schwung, in dem die Zahl der Arbeitssuchenden inzwischen besonders deutlich steigt.

Mehr Vakanzen lösen das Passungsproblem nicht

Von einem flächendeckenden Einbruch der Personalnachfrage kann gleichwohl keine Rede sein. Die Arbeitgeber meldeten der ADEM im Juni 3.167 offene Stellen. Das waren 7,2 Prozent mehr als im Juni 2025 und 3,9 Prozent mehr als im Mai, als 3.049 neue Vakanzen angezeigt worden waren.

Auch der Bestand der zum Monatsende offenen Stellen erhöhte sich. Mit 7.081 Positionen lag er 3,1 Prozent über dem Vorjahresniveau und 2,2 Prozent über dem Mai-Wert von 6.928. Eine bei der ADEM gemeldete Vakanz ist zwar noch keine vollzogene Einstellung. Die Entwicklung zeigt jedoch, dass weiterhin rekrutiert wird.

Die Zusammensetzung von Angebot und Nachfrage erklärt, weshalb Stellenbestand und Arbeitslosigkeit gleichzeitig steigen können:

  • Unter den Arbeitssuchenden lagen die stärksten Zuwächse in Sekretariat und Assistenz, IT, Rechnungswesen und Management sowie im Bankwesen.
  • Bei den Vakanzen war die Dynamik vor allem in Bauplanung und Ingenieurwesen, industrieller Reinigung, sozialen und sozialpädagogischen Berufen sowie in der paramedizinischen Versorgung ausgeprägt.
  • Damit entstehen offene Stellen häufig nicht in jenen Berufsfeldern, in denen der Bewerberbestand am schnellsten wächst.

Laurent Peusch, Leiter des Arbeitgeberservice der ADEM, fasst die Schwierigkeit so zusammen: „Wir verfügen über einen Pool von 20.000 qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern aus dem Inland, doch auf dem Papier erfüllen sie nicht sämtliche Kriterien.“ Qualifikation allein gewährleistet demnach noch keine Vermittlung, wenn das konkrete Berufsprofil nicht zur ausgeschriebenen Position passt.

Das Plus bei den Stellenmeldungen relativiert somit den Eindruck einer allgemeinen Nachfrageschwäche, hebt ihn aber nicht auf. Ein Teil des Anstiegs der Arbeitslosigkeit hat strukturelle Züge: Neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen in anderen Tätigkeiten oder setzen andere Profile voraus als jene, über die eine wachsende Zahl von Arbeitssuchenden verfügt.

Grenzgänger stützen die Beschäftigung – mit Einschränkungen

Neben den Einwohnern führte die ADEM im Juni 4.144 verfügbare Arbeitssuchende ohne Wohnsitz in Luxemburg. Das waren 25,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Davon besaßen 2.421 den Status einer externen beruflichen Wiedereingliederung. Weitere 1.723 Personen hatten sich freiwillig registriert, ohne finanzielle Unterstützung der ADEM zu beziehen.

Diese Angaben dürfen nicht als vollständiges Maß der Arbeitslosigkeit unter Luxemburgs Grenzgängern verstanden werden. Erfasst sind bestimmte Gruppen, die bei der ADEM gemeldet sind; daraus lässt sich keine umfassende Arbeitslosenquote für die gesamte grenzüberschreitende Erwerbsbevölkerung ableiten.

Die breiteren Beschäftigungsdaten ergeben ein gemischtes Bild. Nach Berechnungen von STATEC entfielen in der zweiten Jahreshälfte 2025 insgesamt 60 Prozent des Netto-Beschäftigungsaufbaus auf Grenzgänger. In den jüngsten nach Herkunftsländern aufgeschlüsselten Daten ging die Beschäftigung deutscher Pendler allerdings weiterhin zurück.

Auch der Ausblick bleibt verhalten. Die Europäische Kommission erwartet für 2026 ein Beschäftigungswachstum von 1,3 Prozent und damit einen Wert deutlich unter dem historischen Durchschnitt Luxemburgs. Zugleich rechnet sie mit einem unterdurchschnittlichen Zuwachs bei den Grenzgängern. Der Internationale Währungsfonds bezeichnet die Erholung als kraftlos und uneinheitlich; der Arbeitsmarkt verliere an Spannung, während die anhaltenden Qualifikations- und Passungsprobleme fortbestünden.

Die Juni-Daten belegen damit einen weiteren Verlust an Dynamik, aber noch keine breite Beschäftigungskontraktion. Entscheidend wird sein, ob die Arbeitslosigkeit hoch bleibt und zugleich das Wachstum der Vakanzen nachlässt. Bislang besteht Luxemburgs Problem nicht in einem vollständigen Mangel an Stellen, sondern darin, dass offene Positionen und verfügbare Bewerber immer häufiger nicht zusammenfinden.

Häufig gefragt

Wie hoch war Luxemburgs Arbeitslosenquote im Juni 2026?
Die von STATEC saisonbereinigte Arbeitslosenquote betrug 6,4 Prozent, nach 6,2 Prozent im Mai.
Warum stieg die Quote, obwohl die registrierte Zahl gegenüber Mai sank?
Der ADEM-Registerbestand und die saisonbereinigte Arbeitslosenquote sind unterschiedliche Messgrößen. Der nicht bereinigte Bestand sank um 55 Personen, während die um saisonale Einflüsse bereinigte Quote zunahm.
In welchen Bereichen wuchsen die Stellenangebote besonders stark?
Die stärksten Zuwächse gab es in Bauplanung und Ingenieurwesen, industrieller Reinigung, sozialen und sozialpädagogischen Berufen sowie in der paramedizinischen Versorgung.
Erfassen die ADEM-Zahlen die gesamte Arbeitslosigkeit unter Grenzgängern?
Nein. Die 4.144 registrierten Nichtansässigen umfassen bestimmte bei der ADEM gemeldete Gruppen und sind kein vollständiges Maß für die Arbeitslosigkeit der grenzüberschreitenden Erwerbsbevölkerung.
Quellen(10)
  1. 1Évolution du chômage en juin 2026Government of Luxembourg / ADEM · gouvernement.lu
  2. 2Unemployment climbs to 6.4% in JuneRTL Today · today.rtl.lu
  3. 3More jobseekers in May, but unemployment rate edges downRTL Today · today.rtl.lu
  4. 4Conjoncture Flash January 2026: Record trade surplus for China in 2025STATEC · statistiques.public.lu
  5. 5Conjoncture Flash March 2026: Growth remains weak in 2025… and fears loom for 2026STATEC · statistiques.public.lu
  6. 6Economic forecast for LuxembourgEuropean Commission · economy-finance.ec.europa.eu
  7. 7Luxembourg: Staff Concluding Statement of the 2026 Article IV MissionInternational Monetary Fund · imf.org
  8. 8Tant que le dialogue se poursuit, rien n’est arrêtéGovernment of Luxembourg / Le Quotidien · gouvernement.lu
  9. 9Unemployment in Luxembourg: Who’s hit the hardest?RTL Today · today.rtl.lu
  10. 10Photos: ADEM officesADEM · adem.public.lu

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