Sozialversicherung
Der CNS bleibt weniger Spielraum: Krankengeld und ambulante Versorgung treiben die Kosten
Nach einem Fehlbetrag von 102,1 Millionen Euro rückt die gesetzliche Reservegrenze näher. Über Beiträge und Erstattungen wird jedoch erst im Herbst entschieden.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Die entscheidende Zahl im neuen Jahresbericht der Caisse nationale de santé ist nicht allein das Minus von 102,1 Millionen Euro. Ebenso bedeutsam ist der schwindende Abstand zur gesetzlichen Reservegrenze. Noch reichen die Rücklagen aus, doch ohne eine dauerhafte Annäherung von Einnahmen und Ausgaben wächst der politische Handlungsdruck.
Der am 20. Juli 2026 vorgestellte CNS-Bericht weist für 2025 laufende Ausgaben von 4,88 Milliarden Euro und Einnahmen von 4,78 Milliarden Euro aus. Zugleich stieg die Zahl der Versicherten um 1,4 Prozent auf rund 987.000. Besonders kräftig entwickelten sich die Ausgaben für ambulante Behandlungen in Luxemburg.
Das Defizit fällt geringer aus als befürchtet
Der endgültige Fehlbetrag liegt unter der im Herbst 2025 angenommenen Größenordnung. Eine damalige Prognose von CNS und Inspection générale de la sécurité sociale war für 2025 noch von einem Defizit von 118,6 Millionen Euro ausgegangen. Für 2026 wurden zu diesem Zeitpunkt 209,3 Millionen Euro veranschlagt. Die nun günstigere Abschlusszahl ändert allerdings nichts daran, dass die Ausgaben erneut stärker gestiegen sind als die Einnahmen.
Bei der Einordnung der Reserve ist zwischen festgestellten Werten und älteren Projektionen zu unterscheiden. Ende 2024 verfügte die CNS über eine Gesamtreserve von 935,9 Millionen Euro. Das entsprach 20,6 Prozent der laufenden Ausgaben. Die im Herbst erstellte Vorausberechnung bezifferte den Bestand für Ende 2025 auf 817,3 Millionen Euro und für Ende 2026 auf 608,0 Millionen Euro. Letzterer Wert hätte 11,7 Prozent der prognostizierten Ausgaben entsprochen.
Diese Projektion beruhte jedoch auf den höheren, vor Abschluss der Rechnung geschätzten Defiziten. Wird die Reserve von Ende 2024 lediglich um den nun festgestellten laufenden Verlust von 102,1 Millionen Euro vermindert, ergibt sich für Ende 2025 rechnerisch ein Betrag von rund 833,8 Millionen Euro. Dabei handelt es sich ausdrücklich um eine arithmetische Fortschreibung und nicht um eine gesondert bestätigte endgültige Reserveposition.
Auch die im Mai 2026 überarbeitete Regierungsprognose weist weiter ein Minus aus. Für das laufende Jahr werden Ausgaben von 5,1889 Milliarden Euro und Einnahmen von 5,0624 Milliarden Euro erwartet. Daraus ergibt sich ein Defizit von 126,5 Millionen Euro. Die Lage wäre damit weniger angespannt als nach der früheren Schätzung, der Reservenabbau würde sich aber fortsetzen. Nach Einschätzung der Regierung könnte die Reserve bis Ende 2027 unter die gesetzliche Untergrenze sinken.
Die Artikel 28 bis 30 des Sozialgesetzbuchs schreiben eine Reserve von mindestens zehn Prozent der jährlichen Ausgaben vor. Liegt sie nach dem Budget außerhalb dieser gesetzlichen Vorgabe, muss der Beitragssatz neu festgesetzt werden. Die Reserve ist damit nicht nur ein Sicherheitspolster, sondern eine rechtlich relevante Schwelle für die Finanzierungsdebatte.
Langzeiterkrankungen werden zum größten Kostentreiber
Aus den parlamentarischen Beratungen ergibt sich ein differenziertes Bild des Ausgabenanstiegs. Nicht sämtliche Leistungsbereiche entwickeln sich gleichermaßen. Im Vordergrund stehen vielmehr einige Kategorien mit besonders hoher Dynamik:
- Krankheitsausfälle von mehr als 77 Tagen, deren Kosten die CNS trägt, waren der größte Wachstumsfaktor. Sie verursachten 2025 Ausgaben von 365 Millionen Euro.
- Arzneimittel und Physiotherapie gehörten ebenfalls zu den Bereichen mit einem bedeutenden Kostenanstieg.
- Die Krankenhäuser blieben mit rund 1,5 Milliarden Euro der größte Ausgabenposten. Ihre Entwicklung war im Verhältnis zum Einnahmenwachstum jedoch weitgehend stabil.
- Der aktuelle Jahresbericht verweist zudem auf einen starken Anstieg der Ausgaben für ambulante Versorgung in Luxemburg.
CNS-Präsident und -Direktor José Balanzategui wandte sich gegen eine Verkürzung der Debatte auf häufige kurze Fehlzeiten. „Es sind nicht die kurzen Krankmeldungen“, stellte er klar. Die Belastung entsteht demnach vor allem bei langen Ausfällen, also gerade in jenem Zeitraum, in dem die Gesundheitskasse die Finanzierung übernimmt.
„Wir sind mit Sicherheit keine Bank.“ — José Balanzategui, Präsident und Direktor der Caisse nationale de santé
Mit dieser Formulierung beschreibt Balanzategui die Rolle der CNS: Sie soll die angemessene Versorgung der Versicherten gewährleisten, zugleich aber Ausgaben, Leistungsmengen und Tarife kontrollieren. Der Jahresbericht mündet deshalb vorerst nicht in unmittelbare Leistungskürzungen, sondern in die Suche nach Einsparungen ohne Abbau des bestehenden Schutzes.
Im Herbst steht die Finanzierungsfrage erneut an
Ein strategischer Ausschuss hat Maßnahmen mit einem möglichen Gesamtvolumen von 95 Millionen Euro identifiziert. Dazu zählen die Verringerung von Arzneimittelverschwendung, Orientierungshilfen für Verschreibungen, eine Überprüfung von Laboruntersuchungen und Physiotherapie sowie Analysen von Krankenhausaufenthalten. Automatisierte Kontrollen sollen außerdem Tarifmissbrauch oder Betrug erkennen.
Mit dem Jahresbericht wurden weder niedrigere Erstattungssätze noch eine Erhöhung der Beiträge angekündigt. Die Regierung will im Herbst prüfen, ob die vorgesehenen Effizienzmaßnahmen ausreichen. Falls dies nicht der Fall ist, bleiben höhere Beiträge oder eine stärkere staatliche Finanzierung auf dem Tisch. Zusätzlich würde ein Unterschreiten der gesetzlichen Zehn-Prozent-Grenze eine Neufestsetzung des Beitragssatzes erforderlich machen.
Davon getrennt wird der Streit über die Konvention für Ärzte und Zahnärzte behandelt. Sollte keine neue Vereinbarung mit der CNS zustande kommen, will die Regierung die rechtliche Kontinuität durch eine großherzogliche Verordnung sichern. Gesundheits- und Sozialversicherungsministerin Martine Deprez erklärte dazu, „die Versicherten werden keinen Unterschied spüren“.
Für Patienten, Beschäftigte und Arbeitgeber bleibt damit zunächst alles beim bisherigen System. Die eigentliche Bewährungsprobe folgt im Herbst: Dann muss sich zeigen, ob das Maßnahmenpaket von 95 Millionen Euro die Ausgabendynamik ausreichend bremst. Andernfalls wird die Debatte darüber konkreter, ob Beitragszahler, Staat oder eine strengere Steuerung einzelner Leistungen den zusätzlichen Finanzierungsbedarf tragen sollen.
Häufig gefragt
- Wie hoch war das Defizit der CNS im Jahr 2025?
- Die laufenden Ausgaben lagen bei 4,88 Milliarden Euro, die Einnahmen bei 4,78 Milliarden Euro. Daraus ergab sich ein endgültiges laufendes Defizit von rund 102,1 Millionen Euro.
- Wie groß war die Reserve der CNS Ende 2025?
- Ein gesondert bestätigter endgültiger Reservewert wird hier nicht ausgewiesen. Eine einfache Fortschreibung der Ende 2024 vorhandenen 935,9 Millionen Euro um den Verlust von 102,1 Millionen Euro ergibt rechnerisch rund 833,8 Millionen Euro.
- Werden Beiträge erhöht oder Erstattungen gekürzt?
- Mit dem Jahresbericht wurden weder eine Beitragserhöhung noch niedrigere Erstattungssätze angekündigt. Eine Bewertung im Herbst soll zeigen, ob die vorgesehenen Effizienzmaßnahmen ausreichen.
- Welche Reserve muss die CNS gesetzlich halten?
- Nach den Artikeln 28 bis 30 des Sozialgesetzbuchs muss die Reserve mindestens zehn Prozent der jährlichen Ausgaben betragen. Liegt sie laut Budget außerhalb dieser Grenze, ist der Beitragssatz neu festzusetzen.
Quellen(12)
- 1Rapport annuel 2025Caisse nationale de santé · cns.public.lu
- 2National Health Fund closes 2025 with €102-million deficitRTL Today · today.rtl.lu
- 3L’exercice 2025 s’est clôturé sur un déficit de 102 millions d’eurosRTL Infos · infos.rtl.lu
- 4Assurance maladie-maternité: état des lieux financier, actions en vue du redressement de la trajectoire de financementLuxembourg Government · gouvernement.lu
- 5Comment redresser les comptes de la CNS?Chambre des Députés du Grand-Duché de Luxembourg · chd.lu
- 6Mauvais bilan de santé pour l’assurance maladie-maternitéLe Quotidien · lequotidien.lu
- 7Le budget de l’assurance maladie-maternité 2026 — résumé analytiqueCaisse nationale de santé · cns.public.lu
- 8Rapport sur la situation financière de l’assurance maladie-maternité 2025Inspection générale de la sécurité sociale · igss.gouvernement.lu
- 9Chapitre III — FinancementSocial Security Code portal · secu.lu
- 10Task forces race to curb healthcare spending without raising contributionsRTL Today · today.rtl.lu
- 11Spending controls, not austerity measures: Health Minister Deprez outlines measures to curb CNS deficitRTL Today · today.rtl.lu
- 12The Cité de la sécurité sociale opens its doors to the insuredLuxembourg Government · gouvernement.lu
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