Präsidentschaftswahl in Kolumbien
Kolumbien rückt nach rechts: Hardliner de la Espriella gewinnt Stichwahl denkbar knapp
Der Strafverteidiger Abelardo de la Espriella setzt sich gegen den Linken Iván Cepeda durch – mit weniger als einem Prozentpunkt Vorsprung. Sein Gegner erkennt die Zahlen nicht an.
Von Léa Hoffmann · · 5 Min. Lesezeit

Zum ersten Mal in seinem Leben hat Abelardo de la Espriella ein politisches Amt errungen – und es ist gleich das höchste des Landes. Der 47-jährige Strafverteidiger, der nie zuvor gewählt worden war, hat die Präsidentschaftswahl in Kolumbien gewonnen und damit eine der grössten Demokratien Lateinamerikas scharf nach rechts gedreht. Der knappe Sieg über die Linke ordnet zugleich Kolumbiens Verhältnis zu Washington und Caracas neu.
Nach Auszählung von rund 99,9 Prozent der Stimmen kam de la Espriella in der Stichwahl vom 21. Juni auf etwa 49,7 Prozent, wie die nationale Wahlbehörde Registraduría in ihrem vorläufigen Ergebnis mitteilte. Auf den progressiven Senator Iván Cepeda entfielen rund 48,7 Prozent. Der Abstand betrug weniger als einen Prozentpunkt – etwa eine Viertelmillion Stimmen bei mehr als 25 Millionen abgegebenen Voten und einer Wahlbeteiligung von rund 64 Prozent.
Noch vor jeder amtlichen Verkündung trat der Sieger in der nordkolumbianischen Hafenstadt Barranquilla vor seine Anhänger und beanspruchte den Wahlsieg für sich.
Ich trete heute Abend vor Sie, um die wichtigste Nachricht meines Lebens zu verkünden: Das kolumbianische Volk hat mir die höchste Ehre anvertraut, ihm als sein nächster Präsident der Republik Kolumbien zu dienen.
Ein Vorsprung auf Messers Schneide
Der Stichwahl war am 31. Mai ein erster Wahlgang vorausgegangen, in dem de la Espriella mit rund 43,8 Prozent vor Cepeda (40,9 Prozent) lag; dahinter folgten die Konservative Paloma Valencia und ein Feld von mehr als einem Dutzend Bewerbern. Mit etwa 12,9 Millionen Stimmen im zweiten Wahlgang wurde de la Espriella nach den Zahlen der Registraduría zum Präsidentschaftskandidaten mit den meisten Stimmen in der Geschichte Kolumbiens.
Cepeda räumte seine Niederlage nicht ein. Er bezeichnete die vorläufige Auszählung als «inoffiziell und nicht bindend» und kündigte an, seine Partei werde das Ergebnis an rund 33.000 Wahllokalen im ganzen Land anfechten.
«Wir werden nicht zulassen, dass die Demokratie verletzt wird.»
Allerdings hat eine Nachzählung in Kolumbien noch nie das Resultat einer Präsidentschaftswahl gekippt; nach dem ersten Wahlgang hatte selbst Cepedas eigenes Lager eingeräumt, keine Hinweise auf Betrug gefunden zu haben. Eine Wahlbeobachtungsmission der Europäischen Union wies Gerüchte über Unregelmässigkeiten zurück.
Auch der scheidende Präsident Gustavo Petro – 2022 als erstes linkes Staatsoberhaupt Kolumbiens gewählt und verfassungsrechtlich an einer direkten zweiten Amtszeit gehindert – zog die Zahlen in Zweifel. Er werde sich an das Ergebnis halten, das vorläufige «preconteo» aber nicht zwangsläufig akzeptieren. Trumps Unterstützung für de la Espriella hatte er zuvor als ausländische Einmischung gewertet: «Wenn ein Land in die Entscheidungen eines anderen Landes eingreift, stirbt die Freiheit», schrieb er auf der Plattform X.
«El Tigre» und die harte Hand
Bekannt als «El Tigre», der Tiger, baute de la Espriella seinen Wahlkampf auf das Versprechen der «mano dura», der harten Hand gegen das Verbrechen. Als Bewegung gegen das Establishment trat er mit seiner Plattform «Verteidiger des Vaterlandes» an. Der schillernde Anwalt, der einst Ex-Präsident Álvaro Uribe und vor Jahren den mit Maduro verbundenen Geschäftsmann Alex Saab vertreten hatte, inszenierte sich als der starke Mann, den Kolumbien nach einer Welle der Gewalt brauche.
Sein Programm orientiert sich offen am Vorbild des salvadorianischen Präsidenten Nayib Bukele. Zu den zentralen Punkten zählen:
- der Bau von zehn Mega-Gefängnissen nach dem Muster von Bukeles Masseninhaftierungen gegen Banden;
- ein militarisiertes Vorgehen gegen den von ihm so genannten Narkoterrorismus – formuliert in drastischen Worten: Bewaffnete Gruppen wolle er «wie Kakerlaken, wie Ratten» verfolgen, zitiert ihn die Sendung PBS NewsHour;
- Ziele zur Haushaltseffizienz, um das Defizit zu senken und Investoren zu beruhigen;
- eine engere Anlehnung an die Vereinigten Staaten und ein härterer Kurs gegen irreguläre Migration.
Kritiker, unter ihnen Cepeda, warnen, das Bukele-Modell habe die Zahl der Tötungsdelikte in El Salvador zwar gesenkt, doch um den Preis von Massenverhaftungen und Klagen über Menschenrechtsverletzungen. Sie werfen de la Espriella vor, an die Politik der paramilitärisch geprägten Uribe-Ära anzuknüpfen.
Näher an Washington, auf Distanz zu Caracas
Für die Regierung Trump, die lateinamerikanische Staaten zu einem schärferen Vorgehen gegen das Verbrechen drängt, ist das Ergebnis ein Glücksfall. Trump hatte de la Espriella seine «vollständige und uneingeschränkte Unterstützung» ausgesprochen, ihn einen «intelligenten, starken und harten Anführer» genannt und den Ausgang auf Truth Social gefeiert: «Er hat gewonnen, haushoch!» De la Espriella erklärte, er habe bereits Glückwünsche von Trump und anderen Staatschefs erhalten.
Die Wende kehrt jahrelange Spannungen zwischen Trump und Petro um und deutet auf eine Neuausrichtung gegenüber Venezuela hin. De la Espriella liess durchblicken, er wolle die Beziehungen zu Caracas über das US-Aussenministerium steuern – eine ungewöhnliche Haltung für einen Nachbarn, der mit Venezuela eine lange, spannungsreiche Grenze teilt, während das Land sich in einem schwierigen Übergang nach Maduro befindet. Washington erhielte damit ausserordentlichen Einfluss auf eines der heikelsten Dossiers Bogotás.
Teil einer regionalen Welle
De la Espriellas Sieg verlängert den Rechtsruck in Lateinamerika und reiht Kolumbien neben Argentiniens Javier Milei, Ecuadors Daniel Noboa und Bukele ein, die allesamt Zusammenarbeit signalisierten. Die Märkte hatten den Ausgang vorweggenommen: Der kolumbianische Peso war in diesem Jahr die stärkste Währung der Region, und der Leitindex der Börse hielt sich nahe den Höchstständen, die er nach de la Espriellas überraschendem Abschneiden im ersten Wahlgang erreicht hatte – damals legten die Kurse so stark zu wie seit mehr als sechs Jahren nicht mehr, während globale Fonds im Vertrauen auf eine wirtschaftsfreundliche Regierung nach Kolumbien umschichteten.
Sofern die Anfechtung nicht doch noch Erfolg hat – was die Geschichte unwahrscheinlich erscheinen lässt –, soll de la Espriella am 7. August vereidigt werden, dem traditionellen Amtsantrittstag kolumbianischer Präsidenten. Mit knappem Mandat, gespaltener Wählerschaft und umstrittener Auszählung wird er ein polarisiertes Land regieren, dessen Kurs sich nach vier Jahren linker Herrschaft abrupt umgekehrt hat.
Häufig gefragt
- Wie knapp fiel das Ergebnis aus?
- Nach Auszählung von rund 99,9 Prozent der Stimmen kam de la Espriella laut der Wahlbehörde Registraduría auf etwa 49,7 Prozent, Cepeda auf rund 48,7 Prozent. Der Abstand lag bei weniger als einem Prozentpunkt, also etwa einer Viertelmillion Stimmen.
- Warum erkennt Iván Cepeda das Ergebnis nicht an?
- Cepeda bezeichnet die vorläufige Auszählung als «inoffiziell und nicht bindend» und will sie an rund 33.000 Wahllokalen anfechten. Allerdings hat eine Nachzählung in Kolumbien noch nie ein Präsidentschaftsergebnis gekippt, und EU-Beobachter wiesen Betrugsgerüchte zurück.
- Wofür steht Abelardo de la Espriella politisch?
- Der als «El Tigre» bekannte Anwalt verspricht eine harte Hand gegen das Verbrechen nach dem Vorbild des salvadorianischen Präsidenten Bukele, darunter zehn Mega-Gefängnisse, sowie eine enge Anlehnung an die USA und einen härteren Kurs in der Migrationspolitik.
- Wann tritt der neue Präsident sein Amt an?
- Sofern die Anfechtung des Ergebnisses keinen Erfolg hat, soll de la Espriella am 7. August vereidigt werden – dem traditionellen Amtsantrittstag kolumbianischer Präsidenten.
Quellen(12)
- 1Colombia presidential election: Trump-backed de la Espriella wins preliminary count in razor-tight runoffCNN · cnn.com
- 2Right-wing candidate holds slim margin in Colombian presidential election, progressive challenger vows to challenge votesCBS News · cbsnews.com
- 3Colombia Election: Right-wing Abelardo de la Espriella wins, initial count showsNPR · npr.org
- 4Trump-backed de la Espriella holds razor-thin lead in Colombia's election as rival challenges voteAssociated Press (via The Hill) · thehill.com
- 5Pro-Trump lawyer De la Espriella pulls ahead in Colombia's presidential race with promise of crime crackdownPBS NewsHour · pbs.org
- 62026 Colombian presidential electionWikipedia · en.wikipedia.org
- 7Colombia: Abelardo de la Espriella elected president, Iván Cepeda calls for awaiting final countFrance 24 · france24.com
- 8European election monitor dismisses rumours of fraud in Colombia's electionAl Jazeera · aljazeera.com
- 9Poll Tracker: Colombia's 2026 Presidential ElectionAmericas Society/Council of the Americas · as-coa.org
- 10De la Espriella wins the 2026 Colombian presidential raceThe Bogotá Post · thebogotapost.com
- 11"He won, big!": Trump congratulates Colombia president-elect Abelardo de la EspriellaThe Tribune · tribuneindia.com
- 12Cepeda Admits There's No Evidence of Fraud in Colombia's Presidential Election RecountColombia One · colombiaone.com



