Erdbebenkatastrophe

Doppelbeben erschüttert Venezuela: mindestens 235 Tote, Zahl dürfte weiter steigen

Zwei Erdstöße der Stärke 7,2 und 7,5 trafen den Norden Venezuelas binnen einer Minute. Es sind die schwersten Beben seit 1900. Luxemburg zählt 22 registrierte Landsleute im Krisengebiet.

Von Léa Hoffmann · · 5 Min. Lesezeit

Von einem Erdbeben eingestürztes Betonwohnhaus in Caracas, Rettungskräfte arbeiten unter Flutlicht in den Trümmern, im Hintergrund der Bergrücken des Cerro El Ávila.
Rettungskräfte durchsuchen in Caracas die Trümmer eines eingestürzten Wohnhauses, hinter der Stadt der Cerro El Ávila. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Zwei schwere Erdbeben haben am Mittwochabend innerhalb einer einzigen Minute den Norden Venezuelas verwüstet und mindestens 235 Menschen getötet. Mehr als 4.300 wurden verletzt. Von dem Bundesstaat Yaracuy im Landesinneren bis in die Hauptstadt Caracas stürzten Wohnblöcke ein – es ist die schwerste Erdbebenkatastrophe des Landes seit über einem Jahrhundert. Die Behörden warnten, die Opferzahl werde weiter steigen, sobald Rettungskräfte zu jenen Gebäuden vordringen, die mit ihren Bewohnern unter sich begraben wurden.

Der US-amerikanische Geologische Dienst (USGS) registrierte gegen 18.04 Uhr Ortszeit zunächst einen Vorbeben der Stärke 7,2, dem rund 39 Sekunden später ein Hauptbeben der Stärke 7,5 folgte. Seismologen sprechen bei einer solchen fast zeitgleichen Abfolge von einem „Doublet". Beide Erdstöße brachen in geringer Tiefe nahe der Ortschaft San Felipe im Bundesstaat Yaracuy, etwa 160 Kilometer westlich von Caracas. Die heftigen Erschütterungen breiteten sich über die dicht besiedelten Täler des Nordens aus.

Gesundheitsminister Carlos Alvarado und der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, nannten Opferzahlen, die im Laufe des Tages von anfangs 32 Toten auf 164, dann 188 und schließlich mindestens 235 anstiegen. Offiziell gelten 157 Menschen als vermisst. Zugleich füllten sich von verzweifelten Angehörigen eingerichtete inoffizielle Listen mit Zehntausenden Namen von Menschen, die nicht erreichbar waren – Angaben, die bislang nicht überprüft sind. Unter den Toten sind nach offiziellen Angaben auch ausländische Staatsbürger.

39 Sekunden Abstand – das stärkste Beben seit 1900

Laut USGS war der Stoß der Stärke 7,5 das stärkste Erdbeben in Venezuela seit 1900, als das Land von einem Beben der Stärke 7,7 getroffen wurde. Das Prognosemodell PAGER, das in den Minuten nach einem Bruch wahrscheinliche Verluste abschätzt, wies eine hohe Wahrscheinlichkeit für Opferzahlen im vierstelligen Bereich aus – mit einer erheblichen Chance, dass die Marke von 10.000 überschritten wird. Verantwortlich dafür sind die geringe Tiefe, die Wucht des Bebenpaars und die Dichte älterer Betonbauten in der betroffenen Region. Die nationale Erdbebenwarte Funvisis überwachte die Abfolge und die mehr als zehn registrierten Nachbeben.

Die beiden Brüche folgten so dicht aufeinander, dass kaum Zeit zur Reaktion blieb. In Caracas berichteten Bewohner von einem tiefen Grollen und einem heftigen, anhaltenden Schwanken, bevor Fassaden zu bersten und einzustürzen begannen.

Der Lärm war wie der einer Lokomotive, vom Staub ganz zu schweigen.

So schilderte es der 60-jährige Anwohner Alejandro San Cristobal gegenüber Al Jazeera. Maria Gonzalez, 52, aus dem Stadtteil Chacao sagte, sie habe sich „am Türrahmen festgeklammert und angefangen zu beten", als ihr Gebäude wankte. Viele Menschen verbrachten die Nacht auf öffentlichen Plätzen, aus Angst, in ihre Wohnungen zurückzukehren, bevor Statiker die Standsicherheit der Häuser prüfen konnten.

Eingestürzte Hochhäuser und ein Wettlauf in den Trümmern

Die Schäden konzentrierten sich auf die Hauptstadt und die Karibikküste. In Caracas brachen Dutzende Gebäude zusammen, darunter ein Berichten zufolge 22-stöckiges Hochhaus im wohlhabenden Viertel Altamira; weitere Einstürze gab es in Los Palos Grandes und El Paraíso. Die Behörden schalteten die Gasversorgung der Stadt ab, um Explosionen vorzubeugen, während Helfer im Schein von Flutlichtern in den Trümmern arbeiteten.

Der Küstenstaat La Guaira zwischen Hauptstadt und Meer wurde schwer verwüstet. Der internationale Flughafen Simón Bolívar, Venezuelas wichtigstes Drehkreuz, wurde beschädigt, Flüge fielen aus – was die Ankunft von Hilfsgütern erschwerte. Die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez rief den Notstand aus und mobilisierte die Sicherheitskräfte. Rettungskräfte – und vielerorts auch gewöhnliche Anwohner, die mit bloßen Händen gruben – suchten nach Überlebenden unter den zusammengesackten Geschossen.

Internationale Hilfe und ein diplomatisches Tauwetter

Das Ausmaß der Katastrophe löste Hilfsangebote aus mehr als 40 Ländern aus. US-Präsident Donald Trump sagte rasche amerikanische Unterstützung zu und erklärte, er habe die Bundesbehörden angewiesen, „sich bereitzuhalten, um schnell handeln zu können".

„Wir werden für unsere neuen und großartigen Freunde da sein", schrieb Trump – eine bemerkenswert warmherzige Botschaft gegenüber einer Regierung, die Washington lange als Paria behandelt hatte. Das US-Außenministerium und die Entwicklungsbehörde USAID stellten ein Katastrophenhilfe-Team zusammen, und amerikanische Such- und Rettungseinheiten für urbane Gebiete – darunter die Virginia Task Force One und die California Task Force Two – wurden entsandt. Frankreich schickte rund 85 Rettungsspezialisten, die Schweiz etwa 80, Chile eine Such- und Rettungsmannschaft, während die Vereinten Nationen die Koordination der Hilfe übernahmen.

Das amerikanische Angebot verdeutlicht, wie tiefgreifend sich die Beziehungen 2026 gewandelt haben. Nicolás Maduro wurde im Januar von US-Streitkräften gefasst; daraufhin erkannte Washington die Regierung Rodríguez an und eröffnete Ende März seine Botschaft in Caracas wieder. Die Annahme von US-Hilfe, vor einem Jahr noch undenkbar, ist nun Teil der Hilfsaktion.

Der Blick aus Luxemburg

Die Katastrophe reichte, leise, bis ins Großherzogtum. Das luxemburgische Ministerium für auswärtige und europäische Angelegenheiten (MAEE) teilte mit, dass 22 in Luxemburg registrierte Personen als in Venezuela aufhältig erfasst seien. Bis zum Berichtszeitpunkt habe sich keine von ihnen an die konsularischen Dienste gewandt, um Hilfe zu bitten, und kein luxemburgischer Staatsbürger habe seinen Aufenthalt über die Plattform LamA (Lëtzebuerger am Ausland) angemeldet, über die Bürger Auslandsreisen melden können, um in einer Krise erreichbar zu sein.

Luxemburg unterhält keine diplomatische Vertretung in Venezuela und wird in Caracas durch die Botschaft des Königreichs der Niederlande vertreten, die einen konsularischen Notfall mit einem luxemburgischen Einwohner bearbeiten würde. Das Ausbleiben von LamA-Anmeldungen bedeute nicht, dass sich keine Luxemburger im Land befänden, betonten die Behörden – nur, dass niemand seine Anwesenheit über das System signalisiert habe.

Da die Verbindungen in den am schwersten getroffenen Gebieten lückenhaft sind und die offizielle Vermisstenliste weit hinter den auf inoffiziellen Registern auflaufenden Namen zurückbleibt, steht die menschliche Bilanz des Doppelbebens erst am Anfang. Venezuelas Behörden bezeichneten die Zahlen als vorläufig; sie würden in den kommenden Tagen steigen, sobald die Helfer mehr der eingestürzten Gebäude erreichten.

Häufig gefragt

Wie stark waren die Erdbeben in Venezuela?
Der USGS registrierte ein Vorbeben der Stärke 7,2 und rund 39 Sekunden später ein Hauptbeben der Stärke 7,5. Es war das stärkste Erdbeben in Venezuela seit 1900, als ein Beben der Stärke 7,7 das Land traf.
Wie viele Opfer hat das Doppelbeben gefordert?
Nach offiziellen Angaben starben mindestens 235 Menschen, mehr als 4.300 wurden verletzt. 157 Personen gelten offiziell als vermisst; die Behörden bezeichnen die Zahlen als vorläufig und erwarten einen weiteren Anstieg.
Sind Luxemburger von der Katastrophe betroffen?
Das luxemburgische Außenministerium (MAEE) zählt 22 in Luxemburg registrierte Personen in Venezuela. Bis zum Berichtszeitpunkt bat keine von ihnen um konsularische Hilfe, und niemand hatte seinen Aufenthalt über die Plattform LamA angemeldet.
Wer leistet Venezuela Hilfe?
Mehr als 40 Länder boten Unterstützung an. Die USA entsandten Rettungseinheiten, Frankreich rund 85 Spezialisten, die Schweiz etwa 80 und Chile eine Such- und Rettungsmannschaft; die Vereinten Nationen koordinieren die Hilfe.
Quellen(12)
  1. 1Powerful Venezuela earthquakes near Caracas kill at least 235 as rescue efforts underwayNBC News · nbcnews.com
  2. 2Powerful twin earthquakes hammer Venezuela, killing at least 188NBC News · nbcnews.com
  3. 3Venezuela Earthquake: What we know about the biggest quake to hit Venezuela in more than a centuryCNN · cnn.com
  4. 4Venezuela rocked by 7.5, 7.2 earthquakes: What happened and what we knowAl Jazeera · aljazeera.com
  5. 5'Truly terrifying': Caracas confronts the aftermath of Venezuela earthquakeAl Jazeera · aljazeera.com
  6. 6Venezuela earthquakes kill at least 235, injure thousands, with toll likely to rise, officials sayCBS News · cbsnews.com
  7. 7Trump offers aid after 'massive' Venezuela earthquakes: 'Early reports are not good'The Hill · thehill.com
  8. 8Trump pledges rapid U.S. aid for Venezuela after deadly earthquakesCNBC · cnbc.com
  9. 9Venezuela earthquakes kill at least 188, with many more feared deadNPR · npr.org
  10. 10Séismes au Venezuela : des Luxembourgeois pourraient se trouver sur placeL'essentiel · lessentiel.lu
  11. 112026 Venezuela earthquakeWikipedia · en.wikipedia.org
  12. 12Venezuela earthquakes kills at least 235, over 41,000 still reported missingThe Jerusalem Post · jpost.com

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