Naher Osten

Auswertung: 150 Millionen Euro EU-Aufbauhilfe in Gaza und Westjordanland zerstört

Europäische Steuergelder finanzierten Kliniken und Wasserwerke für Palästinenser. Eine Datenauswertung beziffert die Schäden durch israelische Einsätze – und Israel zahlte bislang keinen Cent zurück.

Von Camille Reuter · · 5 Min. Lesezeit

Das bombenbeschädigte Europäische Krankenhaus von Gaza nahe Khan Younis, ein EU-finanzierter Klinikkomplex, mit einer EU-Hilfstafel zwischen den Trümmern.
Das durch Luftangriffe beschädigte, EU-finanzierte Europäische Krankenhaus von Gaza nahe Khan Younis; im Schutt eine EU-Hilfstafel mit blauem Feld und zwölf gelben Sternen. Illustrative KI-generierte Darstellung. Illustration: KI-generiert — Status

Über Jahre haben europäische Steuerzahler Krankenhäuser, Wasserwerke und Schulen für die Palästinenser mitfinanziert. Eine in diesem Monat veröffentlichte Auswertung kommt zu dem Ergebnis, dass israelische Militäreinsätze seit Beginn des Gaza-Kriegs mindestens 150 Millionen Euro dieser Infrastruktur in Schutt und Asche gelegt haben – und dass Brüssel bislang keinen einzigen Euro davon zurückerhalten hat.

Die Zahl stammt aus einer Recherche des Brüsseler Nachrichtenportals EUobserver, die am 19. Juni erschien. Sie stützt sich nicht auf einen einzelnen offiziellen Bericht, sondern führt Daten des diplomatischen Dienstes der Europäischen Union (EAD) und der Vereinten Nationen zusammen. Erfasst sind Gebäude und Anlagen im Gazastreifen und im besetzten Westjordanland, die von der EU und ihren Mitgliedstaaten finanziert und seit Beginn der israelischen Offensive am 7. Oktober 2023 beschädigt oder zerstört wurden.

Die Bilanz erscheint zu einem heiklen Zeitpunkt für die europäische Außenpolitik. Die Mitgliedstaaten sind offen zerstritten, wie hart sie Israel unter Druck setzen sollen – und was mit Mitteln geschehen soll, die aus ihren eigenen Haushalten stammen. Die Recherche legt einen Preis auf einen alten Streitpunkt: Die EU baut immer wieder auf, was israelische Streitkräfte einreißen, und sieht die Rechnung selten beglichen.

Klinik und Wasserwerke in Schutt

Der teuerste Einzelposten der Liste ist das Europäische Krankenhaus von Gaza nahe Khan Younis, mit 50,5 Millionen Euro veranschlagt. Das Überweisungskrankenhaus wurde Ende der 1980er-Jahre mit einem EU-Zuschuss errichtet und im Krieg mehrfach getroffen. Bei einem israelischen Luftangriff auf das Gelände im Mai 2025 kamen ein hochrangiger Hamas-Kommandeur sowie mehr als 20 weitere Menschen ums Leben.

An zweiter Stelle steht die Meerwasserentsalzungsanlage im südlichen Gaza in Deir al-Balah samt ihrer 18 Kilometer langen Leitung, beziffert auf 30 Millionen Euro. Zwei weitere Wasser- und Energieprojekte – eine zentrale Entsalzungsanlage in Khan Younis und eine Gaspipeline im Rahmen des Projekts „Gas für Gaza", jeweils rund 15 Millionen Euro wert – blieben unvollendet, weil die Kämpfe den Bau zum Erliegen brachten.

  • Europäisches Krankenhaus von Gaza, Khan Younis – rund 50,5 Millionen Euro
  • Entsalzungsanlage Süd-Gaza samt Leitung, Deir al-Balah – rund 30 Millionen Euro
  • Zentrale Entsalzungsanlage und Gaspipeline – je rund 15 Millionen Euro, unvollendet
  • Bauten im Westjordanland – 986 EU-finanzierte Gebäude in etwa 15 Jahren bis Mitte 2023 abgerissen, laut UN-Daten

Die Schäden im besetzten Westjordanland reichen weiter zurück als der aktuelle Krieg und haben sich seither beschleunigt. Die in der Recherche zitierten UN-Zahlen zählen 986 EU-finanzierte Bauwerke, die in rund 15 Jahren bis Mitte 2023 abgerissen wurden. Der Europäische Auswärtige Dienst dokumentiert dort seit Jahren den stetigen Verlust von Schulen, Wasserstellen und Wohnhäusern, die mit EU- oder Mitgliedstaatsmitteln finanziert wurden. Ein EAD-Halbjahresbericht von 2017 verzeichnete bereits rund 400 solcher Strukturen im Wert von über 1,2 Millionen Euro, die seit 2009 abgerissen oder beschlagnahmt worden waren.

Brüssel fragt, Israel zahlt nicht

Europäische Vertreter sagen, sie hätten das Thema bei Israel vielfach ohne Erfolg angesprochen. Ein Sprecher der Europäischen Kommission erklärte, der Staatenverbund habe Israel direkt gedrängt.

Israel wurde in der Vergangenheit mehrfach aufgefordert, von der EU finanzierte Vermögenswerte, die es abgerissen, demontiert oder beschlagnahmt hat, zurückzugeben oder zu entschädigen.

Der Recherche zufolge schickten die EU und europäische Geldgeber zwischen 2017 und Ende 2022 mindestens 16 gemeinsame Briefe an die israelische Regierung. Israel hat nie eine finanzielle Entschädigung gezahlt. Manche Hauptstädte können ihre Verluste nicht einmal beziffern: Deutschland teilte mit, es habe „keine belastbare Einschätzung" der Schäden an deutsch finanzierten Projekten im Gazastreifen.

Die Zerstörung ist nur ein Bruchteil der Gesamtbilanz. Die Weltbank schätzte im April 2026, der Krieg habe in Gaza Sachschäden von rund 35,2 Milliarden Dollar (etwa 30,6 Milliarden Euro) verursacht; eine gemeinsame Bewertung von EU und UN bezifferte den Bedarf für Wiederaufbau und Erholung auf über 71 Milliarden Dollar – eine Summe, die jede frühere europäische Investition in den Schatten stellt und die Frage aufwirft, wer unter welchen Bedingungen wieder aufbaut.

Ein gespaltener Staatenbund

Die Trümmer dieser Investitionen speisen unmittelbar einen härteren politischen Streit in Brüssel: ob die EU beginnt, ihr Verhältnis zu Israel herabzustufen. Eine Prüfung des Auswärtigen Dienstes, die im Juni 2025 an die Mitgliedstaaten ging, kam zu dem Schluss, dass es Grund zur Sorge über Israels Vorgehen gebe.

Die Prüfung stellte fest: „Es gibt Hinweise darauf, dass Israel gegen seine menschenrechtlichen Verpflichtungen aus Artikel 2 des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel verstoßen würde." Das Abkommen aus dem Jahr 2000 regelt Handel und politische Beziehungen. Genannt wurden die Blockade humanitärer Hilfe, Angriffe auf Krankenhäuser, Zwangsvertreibungen, Massenfestnahmen, der Ausbau von Siedlungen und Siedlergewalt.

Aus diesem Befund Konsequenzen zu ziehen, erweist sich als weit schwieriger, als ihn zu formulieren. Kaja Kallas, die EU-Außenbeauftragte, die die Prüfung leitet, hat ihre persönliche Erschütterung über Gaza geäußert und zugleich die Grenzen ihres Einflusses eingeräumt: „Es bereitet mir große Schmerzen, das Leid zu sehen. Wenn ich höre, dass 50 Menschen in der Schlange für Mehl getötet wurden, dann ist das schmerzhaft, natürlich frage ich mich, was wir noch mehr tun können."

Im April 2026 drängten Spanien, Slowenien und Irland auf eine Abstimmung über die Aussetzung des Abkommens, doch Deutschland und Italien blockierten den Vorstoß. Eine vollständige Beendigung des Pakts setzt die einstimmige Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten voraus; geringere Schritte wie das Zurückfahren von Handelsvergünstigungen könnten im Prinzip mit qualifizierter Mehrheit beschlossen werden. UN-Experten haben Brüssel aufgefordert, das Abkommen als „Mindestanforderung" nach dem Völkerrecht auszusetzen.

Vorerst wiederholt die EU ein vertrautes Muster: Sie finanziert palästinensische Infrastruktur, sieht einen Teil davon zerstört, verlangt eine Wiedergutmachung, die ausbleibt – und debattiert ohne Ergebnis, ob europäisches Geld weiter fließen soll, während die europäische Glaubwürdigkeit und 150 Millionen Euro europäisch gebauter Beton in Trümmern liegen.

Häufig gefragt

Woher stammt die Zahl von 150 Millionen Euro?
Aus einer journalistischen Auswertung des Brüsseler Portals EUobserver vom 19. Juni 2026, die offizielle Daten des Europäischen Auswärtigen Dienstes und der Vereinten Nationen zusammenführt. Es handelt sich nicht um einen einzelnen formellen Kommissionsbericht.
Hat Israel einen Teil der Schäden ersetzt?
Nein. Laut der Recherche schickten die EU und europäische Geldgeber zwischen 2017 und Ende 2022 mindestens 16 gemeinsame Briefe; Israel hat jedoch nie eine finanzielle Entschädigung gezahlt.
Warum setzt die EU das Assoziierungsabkommen nicht aus?
Eine vollständige Beendigung erfordert Einstimmigkeit aller 27 Mitgliedstaaten. Im April 2026 drängten Spanien, Slowenien und Irland auf eine Abstimmung, doch Deutschland und Italien blockierten den Vorstoß. Geringere Handelsmaßnahmen wären mit qualifizierter Mehrheit möglich.
Quellen(10)
  1. 1Israel has bombed and bulldozed €150m of EU-funded buildings in Gaza and West Bank – but never paid back a centEUobserver · euobserver.com
  2. 2The EU has spent millions of euros on Palestinian infrastructure. Israel keeps knocking it downFollow the Money · ftm.eu
  3. 3Six-Month report on demolitions and confiscations of EU funded structures in the West Bank including East JerusalemEuropean External Action Service (EEAS) · eeas.europa.eu
  4. 4One Year Report on Demolitions and Seizures in the West Bank including East Jerusalem (1 January – 31 December 2023)European External Action Service (EEAS) · eeas.europa.eu
  5. 5EU review indicates Israel breached human rights in GazaEuronews · euronews.com
  6. 6EU report finds 'indications' that Israeli actions in Gaza violate cooperation dealThe Times of Israel · timesofisrael.com
  7. 7Germany and Italy block bid to suspend EU-Israel trade pactAl Jazeera · aljazeera.com
  8. 8UN experts call for immediate suspension of EU-Israel trade agreement as 'minimum requirement' under international lawUN OHCHR · ohchr.org
  9. 9Gaza needs more than $71 billion for recovery and reconstruction, EU-UN report saysEuronews · euronews.com
  10. 10Gaza European HospitalWikipedia · en.wikipedia.org

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