EU-Gipfel in Brüssel

Ein Telefonat nach Moskau spaltet Europa – und stellt Luxemburg auf die Probe

Ratspräsident Costa öffnete im Alleingang einen Draht zum Kreml. In Brüssel überschattete das alle anderen Themen – und zwang Luc Frieden zu einer heiklen Standortbestimmung.

Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Leerer EU-Gipfel-Konferenzraum in der Dämmerung mit unbeantwortetem Tischtelefon neben verwaisten Stühlen
Symbolbild: ein leerer Gipfelsaal mit unbeantwortetem Telefon, sinnbildlich für Hinterkanal-Diplomatie und fehlende Absprache. Illustrative, KI-generierte Darstellung. Illustration: KI-generiert — Status

Nicht der Inhalt war das Problem, sondern die Art und Weise. Als sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union am 18. Juni in Brüssel zusammensetzten, standen Wettbewerbsfähigkeit, der nächste langfristige Haushalt und der Krieg in der Ukraine auf der Tagesordnung. Bestimmt wurde der Saal von etwas anderem: Ausgerechnet der Mann, der die Sitzung leitete, Ratspräsident António Costa, hatte still und leise einen Draht zum Kreml gelegt – und die meisten Regierungen, denen er vorsitzt, erfuhren davon erst im Nachhinein.

Bloomberg hatte den Vorgang am 17. Juni öffentlich gemacht, Costas Büro bestätigte ihn umgehend. Aus einem Routinetreffen wurde so eine Machtprobe darüber, wer in der Russland-Frage für Europa spricht. Für Luxemburgs Premierminister Luc Frieden stellte sich zugleich eine Frage, die deutlich näher liegt: Wie weit darf, wie weit muss ein kleiner, exponierter Mitgliedstaat einen solchen Vorstoß eines EU-Spitzenbeamten mittragen – oder ihm widersprechen?

Was Costa tatsächlich veranlasst hat

Nach Darstellung seines Büros blieben die Kontakte eng begrenzt. Sein Kabinettschef Pedro Lourtie habe in Telefonaten mit einem hochrangigen, Präsident Wladimir Putin nahestehenden russischen Vertreter ausgelotet, ob sich ein Kommunikationskanal öffnen ließe, falls Friedensgespräche jemals tragfähig würden. Ein EU-Vertreter betonte, es habe sich – so die Lesart des Büros – um kurze diplomatische Kontakte gehandelt.

Der Präsident hat erläutert, dass er sein Büro gebeten hat, einen diplomatischen Kanal zu Russland zu öffnen. Das Ziel war, bereit zu sein, wenn der richtige Moment kommt, um die Interessen der EU zu verteidigen. Wir sprechen über kurze Kontakte, ohne Austausch über Inhalte und ohne Verhandlungen – schlicht Diplomaten, die diplomatische Arbeit verrichten.

Costas Fürsprecher deuten den Schritt als Vorsorge, nicht als Alleingang. Der Ratspräsident, der dem Gremium seit Dezember 2024 vorsteht, hat öffentlich dafür plädiert, dass Europa eingreifen können müsse, sollte die von den USA geführte Vermittlung ins Stocken geraten. „Aber natürlich ist es möglich, dass der Moment kommt, in dem wir die Bemühungen von Präsident Trump ersetzen und unsere eigenen Anstrengungen unternehmen müssen, um einen gerechten und dauerhaften Frieden in der Ukraine zu erreichen“, sagte er.

Ein Gipfel im Zeichen fehlender Absprache

Schwerer als der Inhalt wog die Methode. Mehrere Regierungschefs beklagten, vor den Telefonaten nicht konsultiert worden zu sein. Aus deutschen Regierungskreisen war von einem unabgestimmten, unprofessionellen Vorgehen und von einem „Affront“ die Rede; die Hauptstädte seien erst hinterher unterrichtet worden. Bundeskanzler Friedrich Merz erinnerte die Runde daran, dass Costa zwar die Europäische Union vertrete, aber nicht ihr Vermittler sei. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron äußerte Unmut, und Polen, die baltischen Staaten sowie die nordischen Länder stellten sich gegen die Initiative.

Ohne Verbündete war Costa dennoch nicht. Belgien, Slowenien, Österreich, die Slowakei, Bulgarien und Portugal unterstützten den Gedanken, eine Tür offenzuhalten. Sloweniens Regierungschef Janez Janša erklärte, jeder Schritt, der zu einem Waffenstillstand führen könne, sei zu begrüßen; Portugals Premier Luís Montenegro nannte den Vorgang „positiv“ und „notwendig“. Die Trennlinie verlief weniger entlang der Frage, ob man irgendwann mit Moskau reden solle, als entlang der Frage, wer das entscheidet – und wann.

Luxemburgs vorsichtiger Mittelweg

Frieden schloss sich weder den schärfsten Kritikern an, noch stellte er Costa einen Blankoscheck aus. Sein Akzent lag auf Verfahren und Geschlossenheit: Europa dürfe sich bei der Beendigung des Krieges nicht allein auf Washington verlassen und drohe ins Abseits zu geraten, wenn es improvisiere.

Aber bevor wir verhandeln, müssen wir bestimmen, was unsere genaue Position in solchen möglichen Verhandlungen ist, und dann natürlich auch sicherstellen, dass es eine angemessene Vertretung Europas gibt, um diese Gespräche zu führen.

Auf die Frage, ob Europa am Ende direkt mit Russland verhandeln müsse, ließ Frieden über das Ziel keinen Zweifel, wohl aber über den Weg dorthin: „Irgendwann, ja, müssen wir am Tisch sitzen.“ Die Formel fasst Luxemburgs Balanceakt zusammen – ein Land, das Russland beharrlich als dauerhafte Bedrohung der europäischen Sicherheit bezeichnet, zugleich aber zu klein ist, um beiseitegeschoben zu werden, sobald Verhandlungen beginnen.

Neu ist dieser Zwiespalt in Luxemburgs Außenpolitik nicht. Anfang 2026 hatte Außenminister und Vizepremier Xavier Bettel gewarnt, die EU sei auf der diplomatischen Bühne „abwesend“ und brauche den direkten Kontakt zu Putin. Friedens Auftritt in Brüssel liest sich als die vorsichtigere Fortsetzung: ja zu einem europäischen Platz am Tisch, aber nur hinter einer Position, auf die sich die 27 gemeinsam verständigt haben.

Warum der Streit ums Verfahren der eigentliche ist

Bei aller Reibung gelang den Regierungschefs dort Geschlossenheit, wo sie zählte. Der Gipfel verständigte sich darauf, die Wirtschaftssanktionen gegen Russland zu verlängern – diesmal um volle zwölf Monate statt der üblichen sechs. Ein Signal, dass der Druckkurs intakt bleibt, während ein Hinterkanal getestet wird.

Dennoch legte die Episode eine ungelöste Frage im Kern der europäischen Außenpolitik offen: Bewegt sich die Union bei einem derart heiklen Vorstoß gegenüber einem Gegner als Einheit – oder geht ihr ranghöchster Repräsentant voran und erklärt es danach? Costa argumentiert, Bereitschaft sei selbst eine Form von Stärke. Seine Kritiker halten dagegen, Bereitschaft ohne Abstimmung liefere Moskau genau das, was es wolle: einen Blick auf die europäische Uneinigkeit.

Für Luxemburg lag die Lehre des Brüsseler Gipfels weniger in Costas Telefonaten als im Räderwerk darum herum. Der Einfluss eines kleinen Staates hängt davon ab, dass die EU kollektiv handelt; in dem Moment, in dem eine einzelne Figur im Alleingang einen Kanal öffnet, drohen den kleineren Hauptstädten Entscheidungen vorgelegt zu werden, statt um sie gebeten zu werden. Friedens Beharren auf einer gemeinsamen Position zuerst war in diesem Sinne eine Verteidigung des eigenen Gewichts – formuliert nicht als Rüge, sondern als Erinnerung.

Häufig gefragt

Was genau hat Costa getan?
Sein Kabinettschef Pedro Lourtie führte nach Angaben von Costas Büro Telefonate mit einem hochrangigen, Putin nahestehenden russischen Vertreter, um auszuloten, ob ein Kommunikationskanal für mögliche spätere Friedensgespräche geöffnet werden könnte. Laut Büro gab es dabei keinen Austausch über Inhalte und keine Verhandlungen.
Warum sorgte der Vorgang für so viel Streit?
Weil Costa die meisten nationalen Hauptstädte vor den Kontakten nicht konsultierte und viele Regierungen erst nachträglich informiert wurden. Aus deutschen Regierungskreisen hieß es, das Vorgehen sei unabgestimmt, unprofessionell und ein „Affront“; Kanzler Merz betonte, Costa vertrete die EU, sei aber nicht ihr Vermittler.
Wie positionierte sich Luxemburgs Premier Luc Frieden?
Frieden mied die schärfste Kritik, forderte aber, dass Europa zuerst seine genaue Verhandlungsposition festlegt und eine angemessene Vertretung sicherstellt. Zugleich sagte er, „irgendwann“ müsse Europa am Tisch sitzen, und warnte davor, sich allein auf die USA zu verlassen.
Was beschloss der Gipfel zu den Sanktionen?
Die Staats- und Regierungschefs einigten sich einstimmig darauf, die Wirtschaftssanktionen gegen Russland zu verlängern – diesmal für volle zwölf Monate statt der bisher üblichen sechs.
Quellen(10)
  1. 1EU's Costa Opens Back Channel to Putin, Kremlin for Talks on Ukraine WarBloomberg · bloomberg.com
  2. 2Costa defends surprise decision to open diplomatic channel with RussiaEuronews · euronews.com
  3. 3Live - EU summit: Leaders agree to extend sanctions on Russia for one yearEuronews · euronews.com
  4. 4EU Has Made Diplomatic 'Contacts' With Kremlin, Official SaysThe Moscow Times · themoscowtimes.com
  5. 5European Union seeking to reopen communication channel with RussiaThe Washington Times (AP) · washingtontimes.com
  6. 6European Council head says EU must be ready to replace US in peace talks with RussiaYahoo News / Kyiv Independent · yahoo.com
  7. 7Ärger bei EU-Gipfel um Russland-Initiative Costast-online · t-online.de
  8. 8Nicht professionell: Massive Kritik an Kontaktaufnahme des EU-Ratspräsidenten nach MoskauDer Tagesspiegel · tagesspiegel.de
  9. 9Costa establishes contact with Kremlin to involve Putin in peace talks — BloombergUkrinform · ukrinform.net
  10. 10European Council, 18-19 June 2026Council of the EU (Consilium) · consilium.europa.eu

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