Korruption in Spanien

24 Jahre Haft für Spaniens Ex-Minister Ábalos: Erstes Urteil in der Maskenaffäre

Mit der Verurteilung von José Luis Ábalos, einst engster Vertrauter von Pedro Sánchez, fällt das erste Urteil in einer Serie von Korruptionsfällen, die das sozialistisch geführte Kabinett belasten.

Von Camille Reuter · · 5 Min. Lesezeit

Leerer Marmorflur eines Gerichtsgebäudes mit hohen Fenstern und einer einzelnen weggeworfenen blauen OP-Maske auf dem Steinboden.
Ein menschenleerer Gerichtsflur mit einer zurückgelassenen OP-Maske – sinnbildlich für die spanische Maskenaffäre. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Es war einmal die rechte Hand des Regierungschefs – nun ist José Luis Ábalos ein verurteilter Krimineller. Spaniens Oberster Gerichtshof (Tribunal Supremo) sprach den früheren Verkehrsminister am Montag des Anführens einer kriminellen Vereinigung schuldig und verhängte eine Haftstrafe von 24 Jahren. Im Zentrum des Verfahrens steht ein Geflecht aus manipulierten öffentlichen Aufträgen für Schutzmasken, die auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie vergeben wurden.

Das einstimmige Urteil der Strafkammer ist der bislang schwerste Schlag für eine Regierung, die seit 2018 mit dem Versprechen amtiert, die spanische Politik von der Korruption zu säubern. Ministerpräsident Pedro Sánchez selbst war weder angeklagt noch stand er vor Gericht. Doch die Verurteilung eines Mannes, der jahrelang als seine Nummer zwei und engster Weggefährte galt, trifft die regierende Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE) ins Mark – es ist das erste harte Urteil in einer ganzen Reihe von Verfahren, die der Regierung immer näher rücken.

Ein nominelles Strafmaß, das das Gesetz begrenzt

Ábalos, von 2018 bis 2021 Minister für Verkehr, Mobilität und Stadtentwicklung und zugleich mächtiger Organisationssekretär der PSOE, wurde wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, fortgesetzter Bestechlichkeit, Veruntreuung öffentlicher Gelder und unzulässiger Einflussnahme verurteilt. Das ausgesprochene Strafmaß beläuft sich auf 24 Jahre und drei Monate. Nach spanischem Strafrecht ist die tatsächlich zu verbüßende Zeit jedoch auf rund 15 Jahre gedeckelt.

Sein früherer Berater und Mittelsmann Koldo García erhielt 19 Jahre Haft – auch in seinem Fall greift die Obergrenze von etwa 15 Jahren. Víctor de Aldama, der Geschäftsmann im Mittelpunkt des Systems, wurde zu vier Jahren und sechs Monaten verurteilt. Die sieben Richterinnen und Richter setzten seine Haftstrafe jedoch zur Bewährung aus – als Anerkennung dafür, dass er das Netzwerk offengelegt hat. Bedingungen: keine neuen Straftaten, zweimal jährlich ein Tätigkeitsbericht und ein Jahr gemeinnützige Arbeit.

Das Gericht zeichnete laut Berichten spanischer und internationaler Medien ein dreistufiges Geflecht nach: Ábalos lieferte die institutionelle Autorität, García übermittelte dessen Entscheidungen, und Aldama brachte Unternehmen und Personen in Stellung, die im Gegenzug für staatliche Gefälligkeiten Provisionen zahlten – die anschließend unter den Beteiligten aufgeteilt wurden.

Masken, Schmiergeld und eine Wohnung in Madrid

Der als „Caso Koldo“ bekannte Fall dreht sich um Notvergaben aus dem Jahr 2020, als Regierungen weltweit verzweifelt nach Schutzausrüstung suchten. Den Ermittlungen zufolge sicherte sich eine mit Aldama verbundene Firma öffentliche Aufträge zur Lieferung von rund 13 Millionen Masken an staatliche Stellen – an die Hafenbehörde Puertos del Estado, den Schienennetzbetreiber Adif, das Innenministerium sowie die Regionalregierungen der Kanaren und der Balearen – und umging dabei die regulären Ausschreibungsregeln. Der gemeldete Auftragswert lag bei etwa 54 Millionen Euro, der Gewinn bei rund 17 Millionen Euro. Im Gegenzug flossen Geld und Vorteile an Ábalos und seinen Kreis. Berichtete Zuwendungen:

  • monatliche Zahlungen von rund 10.000 Euro, deklariert als „feste Ausgaben“;
  • übernommene Wohnkosten für einen Vertrauten sowie Stellen für zwei ihm nahestehende Frauen bei Unternehmen, die seinem Ministerium unterstanden;
  • eine Mietkauf-Vereinbarung mit Aldama für eine Wohnung in Madrid.

Aldama, der sich gegen seine früheren Partner wandte, sagte aus, insgesamt rund 640.000 Euro an Schmiergeldern an verschiedene Amtsträger gezahlt zu haben. Ábalos hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen und erklärt, bei den Maskenverträgen nichts Unrechtmäßiges getan zu haben.

Eine Regierung im Belagerungszustand

Das Urteil trifft eine Regierung, die bereits an mehreren Fronten gegen Korruptionsvorwürfe kämpft. Santos Cerdán, Ábalos’ Nachfolger als PSOE-Organisationssekretär, saß 2025 rund fünf Monate in Untersuchungshaft – wegen mutmaßlicher Schmiergelder bei öffentlichen Bauaufträgen im Umfang von etwa 620.000 bis 650.000 Euro. Gegen Begoña Gómez, die Ehefrau des Regierungschefs, wird unter anderem wegen unzulässiger Einflussnahme und Veruntreuung ermittelt; im Juni 2026 wurde ihr untersagt, das Land zu verlassen. Der frühere Generalstaatsanwalt Álvaro García Ortiz wurde als erster Amtsinhaber in der spanischen Geschichte verurteilt – wegen der Weitergabe vertraulicher Daten für zwei Jahre vom Amt ausgeschlossen – und trat zurück.

Aus den eigenen Reihen richtete PSOE-Sprecherin Montse Mínguez ihren Zorn gegen Aldamas Verschonung von der Haft.

„Lohnt es sich, in Spanien ein Korruptor zu sein? Denn ehrlich gesagt fällt es schwer, das zu verstehen.“

Die Opposition nutzte das Urteil, um den Rücktritt der Regierung zu fordern. Alberto Núñez Feijóo, Vorsitzender der konservativen Volkspartei (PP), nannte es „anstößig“, dass Sánchez „auch nur eine Minute länger im Amt“ bleibe, und bekräftigte seine Forderung nach Rücktritt oder Neuwahlen. Isabel Díaz Ayuso, PP-Regionalpräsidentin von Madrid, fragte: „Reicht es dir nicht, Wahlen auszurufen, Pedro Sánchez?“ Der Ministerpräsident hat die Ermittlungswelle wiederholt als Kampagne seiner politischen Gegner dargestellt, ihn aus dem Amt zu drängen.

Was das für Sánchez – und für Europa bedeutet

In die Maskenaffäre ist Sánchez persönlich nicht verstrickt, und nichts deutet darauf hin, dass das Urteil seine Regierung unmittelbar zu Fall bringt. Doch es zieht die politische Schlinge enger um einen Regierungschef, der eine fragile Minderheitskoalition aus PSOE und dem linken Bündnis Sumar anführt – angewiesen auf die Stimmen kleinerer Regional- und Nationalparteien, deren Geduld längst aufgebraucht scheint. Selbst Verbündete signalisieren Unbehagen: Die katalanische Unabhängigkeitspartei ERC mahnte die Sozialisten zu einer „dringenden Aufräumaktion“, statt die Justiz verantwortlich zu machen.

Die Folgen reichen über Madrid hinaus. Spanien ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone, und Sánchez zählt zu den letzten Mitte-links-Regierungschefs an der Spitze eines großen EU-Staates – ein Partner, auf den sich Brüssel in Fragen der Migration, der Verteidigungsausgaben und des nächsten Langzeithaushalts gestützt hat. Eine sich hinziehende Autoritätskrise in einem der größeren Mitgliedstaaten – mit der Aussicht auf vorgezogene Wahlen oder eine handlungsunfähige Regierung – würde durch die europäische Politik hallen, zu einem Zeitpunkt, da stabile Mehrheiten ohnehin rar sind.

Vorerst zeigt Sánchez keine Absicht, zurückzutreten; gegen das Urteil kann zudem noch das Verfassungsgericht angerufen werden. Doch das Bild eines früheren Kabinettsmitglieds und Parteivize, der einer 24-jährigen Haftstrafe gegenübersteht, hat seinen Gegnern die bislang schärfste Waffe in die Hand gegeben – und lässt seine Regierung unter einem länger werdenden Schatten weiterregieren.

Häufig gefragt

Wofür wurde José Luis Ábalos verurteilt?
Der Oberste Gerichtshof sprach ihn des Anführens einer kriminellen Vereinigung, fortgesetzter Bestechlichkeit, Veruntreuung öffentlicher Gelder und unzulässiger Einflussnahme schuldig. Im Kern geht es um manipulierte öffentliche Aufträge für Corona-Schutzmasken im Jahr 2020.
Muss Ábalos die vollen 24 Jahre absitzen?
Nein. Das ausgesprochene Strafmaß beträgt 24 Jahre und drei Monate, doch nach spanischem Strafrecht ist die tatsächlich zu verbüßende Haftzeit auf maximal rund 15 Jahre begrenzt.
Ist Ministerpräsident Pedro Sánchez angeklagt?
Nein. Sánchez war weder angeklagt noch stand er vor Gericht und ist in die Maskenaffäre persönlich nicht verstrickt. Politisch trifft das Urteil seine PSOE dennoch hart, weil Ábalos jahrelang als seine Nummer zwei galt.
Welche weiteren Verfahren belasten die spanische Regierung?
Unter anderem die Untersuchungshaft des PSOE-Politikers Santos Cerdán, Ermittlungen gegen Sánchez’ Ehefrau Begoña Gómez sowie die Verurteilung und der Rücktritt von Ex-Generalstaatsanwalt Álvaro García Ortiz.
Quellen(11)
  1. 1Spain's ex-transport minister sentenced to 24 years for corruption (AFP)Yahoo News UK / AFP · uk.news.yahoo.com
  2. 2Former Sánchez ally jailed for 24 years in Spanish corruption caseEuronews · euronews.com
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