Vergessener Krieg in Südostasien
Myanmar: Bürgerkrieg fordert 100.000 Tote – Junta festigt ihre Macht
Ein Konfliktmonitor zählt seit dem Putsch von 2021 über 100.000 Tote. Während das Militär einen Wahlsieg für sich reklamiert, schaut die Welt weitgehend weg.
Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Fünf Jahre nach dem Militärputsch in Myanmar hat der Bürgerkrieg eine grimmige Marke erreicht: Mehr als 100.000 Menschen sind seit der Machtübernahme der Generäle im Februar 2021 ums Leben gekommen. Die Zahl, die ein führender Konfliktmonitor in dieser Woche vorlegte, macht das Ausmaß eines Krieges sichtbar, der das Land zersplittert hat – und der international weit weniger Aufmerksamkeit erfährt als andere Schauplätze.
Das Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED), das Opferzahlen aus Medien- und anderen Berichten zusammenträgt, zählte seit dem Putsch 100.114 konfliktbedingte Todesfälle. Eine offizielle Bilanz gibt es nicht, die Schätzungen gehen weit auseinander. Fachleute stufen den Krieg dennoch als den tödlichsten aktiven Konflikt Asiens ein.
Erfasst werden dabei die Kämpfe zwischen dem herrschenden Militär, in Myanmar Tatmadaw genannt, und einem breiten Geflecht aus prodemokratischen Kämpfern und alteingesessenen ethnischen Milizen. Nach Angaben von ACLED wurden mehr als 1.200 verschiedene bewaffnete Gruppen registriert – die Organisation spricht vom „am stärksten zersplitterten Konflikt der Welt". Im vergangenen Jahr rangierte Myanmar auf Platz zwei der am schwersten von Gewalt betroffenen Länder, nur hinter den palästinensischen Gebieten.
Aus der Niederschlagung von Protesten wurde ein Flächenbrand
Was als brutale Unterdrückung von Demonstranten begann – nachdem die Armee die gewählte Regierung der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi gestürzt hatte –, ist zu einem landesweiten Aufstand geworden. Eine im Spätherbst 2023 gestartete Offensive des Widerstands brachte weite Landstriche unter dessen Kontrolle. Die Junta reagierte Anfang 2024 mit der Aktivierung eines Wehrpflichtgesetzes, um ihre ausgedünnten Reihen aufzufüllen.
Sun Mon Thant, leitender Analyst bei ACLED, beschreibt eine Gewalt, die inzwischen fast jeden Winkel des Landes erreicht hat.
Es ist tödlich, es ist gefährlich für die Zivilbevölkerung, der Konflikt hat sich über das ganze Land ausgebreitet.
Um Verluste am Boden auszugleichen, setzt das Militär zunehmend auf Luftangriffe. Human Rights Watch dokumentierte in seinem World Report 2026 Bombardements, die 2025 Schulen, Krankenhäuser, religiöse Versammlungen und Lager für Vertriebene trafen. Die Organisation wirft der Junta zudem vor, Hilfslieferungen in Gebiete der Opposition gezielt zu blockieren.
Eine humanitäre Notlage, die sich vertieft
Der Preis für die Bevölkerung reicht weit über die Getöteten hinaus. Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl der Binnenvertriebenen auf mehr als 3,7 Millionen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP ist inzwischen mehr als jeder fünfte Einwohner von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, während die Wirtschaft kollabiert. Human Rights Watch beziffert die Zahl der akut von Hunger Bedrohten auf über 15 Millionen.
Ein Erdbeben der Stärke 7,7 im März 2025, von dem laut UN rund 17 Millionen Menschen betroffen waren, verschärfte das Elend zusätzlich. Menschenrechtsgruppen zufolge setzte das Militär seine Angriffe fort, während Überlebende noch in den Trümmern nach Verschütteten suchten.
Ein Ende Juni veröffentlichter Bericht des UN-Menschenrechtsbüros hält fest, dass Myanmars Militär in den sechs Monaten bis Ende Januar 2026 für mindestens 702 zivile Todesopfer verantwortlich war – darunter 224 Frauen und 153 Kinder. In diesen Zeitraum fielen die streng kontrollierten Wahlen. Luftangriffe waren die häufigste Todesursache, die zentrale Region Sagaing die gefährlichste für Zivilisten.
Ravina Shamdasani, Sprecherin des UN-Menschenrechtsbüros, machte das Militär unmissverständlich verantwortlich: „Diese 702 sind dem Militär Myanmars zuzuschreiben." Der Bericht warnte zugleich, dass die schrumpfende internationale Finanzierung für humanitären Schutz das Leid weiter verschärfe.
Eine Wahl, die der Westen nicht anerkennt
Trotz der anhaltenden Kämpfe versucht die Junta, ihrer Herrschaft einen zivilen Anstrich zu geben. Eine in Etappen zwischen Ende Dezember 2025 und Januar 2026 abgehaltene Parlamentswahl – in dutzenden von Rebellen kontrollierten Bezirken wurde gar nicht gewählt – bescherte der militärnahen Union Solidarity and Development Party mehr als 80 Prozent der umkämpften Sitze.
Am 10. April 2026 wurde Putschführer Min Aung Hlaing, der wenige Tage zuvor als Oberbefehlshaber zurückgetreten war, als Präsident vereidigt. „Myanmar ist auf den Weg der Demokratie zurückgekehrt und steuert auf eine bessere Zukunft zu", erklärte er. Demokratie-Beobachter und westliche Regierungen taten die Abstimmung als Farce ab, die allein der Bemäntelung der Militärherrschaft diene. Der bewaffnete Widerstand kündigte an, weiterzukämpfen.
Eine verhaltene Reaktion der Welt
Die internationale Antwort bleibt gespalten. China und Russland lieferten der Junta Kampfjets und diplomatische Rückendeckung; Peking vermittelte zudem Waffenruhen mit einigen ethnischen Armeen – Schritte, die dem Regime Halt gaben.
Die Europäische Union hält den Druck über Sanktionen aufrecht. Am 27. April 2026 verlängerte der Rat der EU seine restriktiven Maßnahmen um ein weiteres Jahr bis zum 30. April 2027 und verwies auf „die anhaltend ernste Lage in Myanmar, einschließlich der Handlungen, die die Demokratie untergraben, sowie der schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen". Die Maßnahmen richten sich inzwischen gegen 105 Personen und 22 Organisationen. Dazu zählen:
- das Einfrieren von Vermögenswerten und EU-Einreiseverbote für die Gelisteten;
- ein Embargo für Waffen und Ausrüstung, die zur internen Repression dienen könnten;
- ein Verbot der Ausfuhr von Gütern mit doppeltem Verwendungszweck an Militär und Grenzpolizei;
- ein Verbot militärischer Ausbildung und Zusammenarbeit mit der Tatmadaw.
Auch Mitglieder der Wahlkommission der Junta hat die EU auf ihre schwarze Liste gesetzt. Kritiker halten dem entgegen, dass die Sanktionen das Töten kaum gebremst haben. Die UN warnte vor einer „ausländischen Gleichgültigkeit" gegenüber einer Krise, die auch nach fünf Jahren kein Ende erkennen lässt. Für eine Witwe, die ihren Mann im Krieg verlor, ist der Schmerz, wie sie AFP sagte, „einfach endlos".
Häufig gefragt
- Wie viele Menschen sind seit dem Putsch in Myanmar gestorben?
- Der Konfliktmonitor ACLED zählt seit dem Militärputsch vom Februar 2021 mindestens 100.114 konfliktbedingte Todesfälle. Eine offizielle Bilanz existiert nicht, und die Schätzungen gehen weit auseinander; Fachleute bezeichnen es als den tödlichsten aktiven Konflikt Asiens.
- Warum erkennt der Westen die Wahl in Myanmar nicht an?
- Die Parlamentswahl fand zwischen Ende Dezember 2025 und Januar 2026 in Etappen statt, in dutzenden von Rebellen kontrollierten Bezirken wurde gar nicht gewählt. Die militärnahe Partei erhielt über 80 Prozent der umkämpften Sitze. Westliche Regierungen und Demokratie-Beobachter werteten die Abstimmung als Farce zur Bemäntelung der Militärherrschaft.
- Wie reagiert die EU auf die Lage in Myanmar?
- Der Rat der EU verlängerte am 27. April 2026 seine Sanktionen bis zum 30. April 2027. Sie richten sich gegen 105 Personen und 22 Organisationen und umfassen unter anderem das Einfrieren von Vermögen, Einreiseverbote, ein Waffenembargo sowie das Verbot militärischer Zusammenarbeit mit der Tatmadaw.
Quellen(10)
- 1More than 100,000 killed in Myanmar since 2021 coup, monitor saysFrance 24 (AFP) · france24.com
- 2Estimated 100,000 killed in Myanmar's five-year civil warRTÉ (AFP) · rte.ie
- 3Myanmar post-coup conflict death toll exceeds 100,000The Manila Times (AFP) · manilatimes.net
- 4100,000 Killed in Myanmar Post-Coup Conflict: MonitorThe Defense Post (AFP) · thedefensepost.com
- 5World Report 2026: MyanmarHuman Rights Watch · hrw.org
- 6Myanmar: Foreign indifference compounds suffering of civilians – UN reportOHCHR · ohchr.org
- 7Myanmar army killed over 700 civilians in six months: UN reportMyanmar Now · myanmar-now.org
- 8Myanmar: EU restrictive measures extended until April 2027Council of the European Union (Consilium) · consilium.europa.eu
- 9Myanmar's coup leader Min Aung Hlaing sworn in as presidentAl Jazeera · aljazeera.com
- 10Myanmar: Elections a Fraudulent Claim for CredibilityHuman Rights Watch · hrw.org
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