Caritas-Affäre Luxemburg
Festnahme in Rom rückt Drahtzieher im Caritas-Skandal näher
In Rom fasst die Polizei eine Frau, die Ermittler als zentrale Figur des Geldwäschenetzwerks hinter dem 61-Millionen-Diebstahl bei der Caritas Luxemburg einstufen.
Von Léa Hoffmann · · 4 Min. Lesezeit

Fast zwei Jahre nach dem schwersten Institutionenskandal der jüngeren luxemburgischen Geschichte hat die Justiz des Großherzogtums einen weiteren Verdächtigen im Visier: In Rom haben italienische Spezialeinheiten eine Frau festgenommen, die Ermittler als eine führende Figur jenes Netzwerks beschreiben, das mehr als 61 Millionen Euro aus den Konten der Caritas Luxemburg verschwinden ließ.
Bei der Festgenommenen handelt es sich um die 41-jährige Italienerin Clarissa La Porta. Sie wurde Anfang Juni in der römischen Hauptstadt aufgegriffen und auf Grundlage eines Europäischen Haftbefehls, den ein Luxemburger Untersuchungsrichter ausgestellt hatte, in das Gefängnis Rebibbia überstellt. Das berichten die luxemburgischen Medien Paperjam und Delano sowie auf Finanzkriminalität spezialisierte Beobachter, die den Fall verfolgen. Die Beschuldigte muss sich wegen Urkundenfälschung, Betrugs, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und Geldwäsche verantworten. Verurteilt ist sie nicht; die Vorwürfe sind vor Gericht bislang nicht überprüft.
Ein Netzwerk über Ländergrenzen hinweg
Nach Darstellung der Ermittler spielte La Porta eine aktive und vergleichsweise gewichtige Rolle in einer grenzüberschreitenden Organisation, die das gestohlene Geld dem Zugriff der Behörden entzog. Ihr wird vorgeworfen, Scheinfirmen gegründet zu haben – drei davon sind identifiziert, mindestens eine mit Sitz in Italien – und in Italien, Österreich, Schweden, Portugal und weiteren Ländern Bankkonten eröffnet zu haben, um die Herkunft der Gelder zu verschleiern. Mit gefälschten Dokumenten soll sie den Erlösen zugleich einen legalen Anstrich gegeben haben.
Die Festnahme war das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen dem luxemburgischen Dienst für internationale Polizeikooperation (SCIP), Spezialeinheiten der römischen Polizei und der italienischen Justiz – so berichten es Paperjam, Delano und der Branchendienst Comsure. Es ist der prominenteste Zugriff seit Januar 2025, als Luxemburgs Staatsanwaltschaft nach einer gemeinsamen Operation in Bulgarien, Frankreich und Großbritannien die Festnahme von acht Verdächtigen meldete.
Im Juli 2025 wurden zwei Bulgaren verurteilt, die als sogenannte Geldkuriere geholfen hatten, die Beute auf spanische Konten zu schleusen. Jeder erhielt im Rahmen eines in Luxemburg als jugement sur accord bekannten Verständigungsverfahrens eine Haftstrafe von 18 Monaten, davon 15 zur Bewährung, sowie eine Geldstrafe von 3.000 Euro; die Anklage bezeichnete sie als „passive Beteiligte“. Gegen sieben weitere mutmaßliche Geldkuriere läuft das Verfahren noch, und nach den Architekten des Systems wird weiter gefahndet.
Wie 61 Millionen Euro verschwanden
Der im Juli 2024 öffentlich gewordene Betrug entsprach in seiner Höhe nahezu dem gesamten Jahresbudget des Hilfswerks. Zwischen Februar und Juli jenes Jahres flossen rund 61,2 Millionen Euro über etwa 8.200 verdächtige Überweisungen und betrügerisch erschlichene Kreditlinien von den Konten der Caritas Luxemburg ab – Zahlen, die Ermittler nennen und die luxemburgische wie kirchliche Medien aufgegriffen haben.
Die Staatsanwaltschaft Luxemburg sieht die Organisation als Opfer der „Fake-President“-Masche, auch als „CEO-Betrug“ bekannt. Dabei geben sich Täter als hochrangige Führungskraft aus, um die üblichen Freigabekontrollen für Zahlungen auszuhebeln. Das Geld wurde zunächst überwiegend auf spanische Bankkonten geleitet und anschließend über Scheinfirmen im Ausland verteilt – jene Strukturen also, an deren Aufbau La Porta nun mitgewirkt haben soll.
Das Ausmaß des Verlusts zwang die 1932 gegründete Caritas Luxemburg, internationale Projekte auszusetzen, und stürzte sie in eine schwere Führungskrise. Gerard Kieffer, Pressesprecher des Erzbistums Luxemburg, brachte die Fassungslosigkeit auf den Punkt, als der Fall bekannt wurde.
Wir sind fassungslos – wir hätten nie gedacht, dass so etwas geschehen könnte.
Ein politisches Nachbeben
Die Affäre erreichte rasch das Zentrum der luxemburgischen Politik, die die Sozialarbeit der Caritas über Jahre finanziert hatte. Für 2024 waren rund 45 Millionen Euro an staatlichen Mitteln vorgesehen, von denen fast die Hälfte bereits ausgezahlt war; als der Betrug ans Licht kam, verfügte die Organisation noch über etwa 28 Millionen Euro – größtenteils öffentliche Gelder.
Premierminister Luc Frieden (CSV) stoppte weitere Zahlungen mit der Begründung, die Regierung habe kein Vertrauen mehr in die damalige Führung des Hilfswerks, und betonte zugleich, den Steuerzahlern sei kein Schaden entstanden. Wiederholt machte er deutlich, dass die Verantwortung nicht bei den unmittelbaren Tätern enden werde, und stellte infrage, wie die Überweisungen die internen und bankseitigen Kontrollen passieren konnten.
„Jede der von der Caritas getätigten Überweisungen und Kreditanfragen trug zwei Unterschriften“, sagte Frieden, als der Skandal seinen Lauf nahm. „Waren das autorisierte Unterschriften?“ Auf die Frage, ob die Untersuchung der Versäumnisse abgeschlossen sei, antwortete er unmissverständlich: „Ich habe nicht vor, hier aufzuhören.“
Um die sozialen Dienste am Laufen zu halten, schufen Regierung und Trägerlandschaft einen Nachfolger. Am 1. Oktober 2024 übernahm der neue, konfessionsungebundene Verein HUT – Hëllef um Terrain („Hilfe vor Ort“) die nationalen Aktivitäten der Caritas Luxemburg, behielt rund 350 Beschäftigte und führte die Betreuung von etwa 20.000 Menschen fort. Eine parlamentarische Sonderkommission untersuchte, wie das Geld verschwinden konnte und wie der Übergang gestaltet wurde.
Knapp zwei Jahre später ist die finanzielle Wunde längst nicht geschlossen. Offen bleiben vor allem diese Fragen:
- Rückforderung: Ob sich die gestohlenen Gelder zurückholen lassen, haben die Ermittler bislang nicht gesagt.
- Die Drahtzieher: Wer das System entworfen und gesteuert hat, ist weiter auf freiem Fuß – La Porta gilt als wichtige Helferin, nicht als Kopf.
- Aufsicht: Die Rolle der Banken und der internen Kontrollen, die Tausende Überweisungen durchgehen ließen, steht weiter auf dem Prüfstand.
Die Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben mehrere Dutzend internationale Rechtshilfeersuchen gestellt, um die Geldflüsse nachzuvollziehen und alle Beteiligten zu ermitteln. Die Festnahme in Rom deutet darauf hin, dass diese Bemühungen Früchte tragen – und dass die Caritas-Affäre, schon jetzt der schädlichste Skandal in der jüngeren Geschichte einer luxemburgischen Institution, noch nicht zu Ende erzählt ist.
Häufig gefragt
- Wer ist Clarissa La Porta?
- Eine 41-jährige Italienerin, die Anfang Juni 2026 in Rom festgenommen wurde. Ermittler stufen sie als führende Figur des Geldwäschenetzwerks hinter dem Caritas-Betrug ein. Ihr werden Urkundenfälschung, Betrug, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und Geldwäsche vorgeworfen. Sie ist nicht verurteilt.
- Wie viel Geld wurde bei der Caritas Luxemburg gestohlen?
- Zwischen Februar und Juli 2024 verschwanden rund 61,2 Millionen Euro – nahezu das gesamte Jahresbudget – über etwa 8.200 verdächtige Überweisungen und betrügerische Kreditlinien.
- Wie konnte der Betrug funktionieren?
- Laut Staatsanwaltschaft über die „Fake-President“- bzw. „CEO-Betrug“-Masche: Täter gaben sich als hochrangige Führungskraft aus, um Freigabekontrollen zu umgehen. Das Geld floss zunächst nach Spanien und wurde dann über Scheinfirmen im Ausland gewaschen.
- Was wurde aus der Caritas Luxemburg?
- Am 1. Oktober 2024 übernahm der konfessionsungebundene Verein HUT – Hëllef um Terrain die nationalen Sozialaktivitäten, behielt rund 350 Beschäftigte und betreut weiter etwa 20.000 Menschen.
Quellen(12)
- 1Key figure in Caritas case arrested in RomePaperjam · en.paperjam.lu
- 2Key figure in Caritas case arrested in RomeDelano · delano.lu
- 3Luc Frieden on Caritas affair: "I don't intend to stop here"Delano · delano.lu
- 4Arrest in Rome Linked to €61.2 Million Caritas Luxembourg Fraud and Money Laundering Scandal (as of June 8, 2026)Comsure Group · comsuregroup.com
- 5Caritas Luxembourg €61 Million Fraud Probe Reaches RomeFincrime Central · fincrimecentral.com
- 6Woman arrested over a possible link to the Caritas Luxembourg fraud caseRadio ARA · radioara.org
- 7New arrest in Caritas Luxembourg embezzlement scandalThe Pillar · pillarcatholic.com
- 8Two convicted for 'money mule' role in Caritas Luxembourg fraudThe Pillar · pillarcatholic.com
- 9Luxembourg church reels from massive embezzlement at Caritas charityDetroit Catholic / OSV News · detroitcatholic.com
- 10Luxembourg church reels from massive embezzlement at Caritas charityNational Catholic Reporter · ncronline.org
- 11"Hëllef um Terrain" to take over from CaritasPaperjam · en.paperjam.lu
- 12Caritas : la Justice explique une escroquerie moderneChambre des Députés du Grand-Duché de Luxembourg · chd.lu



