Nachruf

Alan Greenspan, früherer Chef der US-Notenbank Fed, mit 100 Jahren gestorben

Achtzehn Jahre lang bestimmte er den Preis des Geldes für die größte Volkswirtschaft der Welt. Gefeiert als „Maestro“, später mitverantwortlich gemacht für die Krise von 2008 — nun ist er gestorben.

Von Jonas Thill · · 5 Min. Lesezeit

Das neoklassizistische Marriner-S.-Eccles-Gebäude der US-Notenbank Federal Reserve in Washington mit auf halbmast gesetzter Flagge.
Das Marriner-S.-Eccles-Gebäude der Federal Reserve in Washington — Sitz der Notenbank, die Greenspan 18 Jahre lang führte — mit Flagge auf halbmast. Illustratives, KI-generiertes Bild. Illustration: KI-generiert — Status

Er war kein gewählter Politiker, und doch hörte die Finanzwelt auf jedes seiner Worte. Alan Greenspan, der die amerikanische Notenbank Federal Reserve mehr als 18 Jahre lang führte und zum einflussreichsten Zentralbanker des Globalisierungszeitalters wurde, ist am Montag in seinem Haus in Washington gestorben. Er wurde 100 Jahre alt.

Seine Ehefrau, die NBC-News-Korrespondentin Andrea Mitchell, mit der er 29 Jahre verheiratet war, teilte mit, dass er an den Komplikationen einer Parkinson-Erkrankung gestorben sei. Sie beschrieb ihn als „einen Riesen von einem Mann, der die US-Wirtschaft über Jahrzehnte unter Präsidenten beider Parteien mitgeformt hat“. Über seinen Tod berichteten unter anderem NPR, CNBC, NBC News, CNN und Al Jazeera.

Kaum ein nicht gewählter Amtsträger hat die Finanzordnung, in der auch Luxemburgs Banken und Fonds operieren, so nachhaltig geprägt wie Greenspan. Von 1987 bis 2006 legte er den Preis des Geldes für die größte Volkswirtschaft der Welt fest — und festigte damit ein Modell der Zentralbankpolitik, das unabhängig agiert, die Inflation im Blick behält und den Märkten als stabilisierende Kraft gilt. Nach diesem Muster arbeiten bis heute die Europäische Zentralbank und ihre Schwesterinstitute.

Vom Swing-Orchester zum Taktgeber der Weltwirtschaft

Geboren am 6. März 1926 in New York City, studierte Greenspan zunächst Klarinette und Saxophon an der renommierten Juilliard School und tourte kurzzeitig mit einer Swingband, ehe er sich der Volkswirtschaft an der New York University zuwandte. In den 1950er-Jahren geriet er in den Kreis der Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand, deren marktradikales Weltbild seine lebenslange Skepsis gegenüber staatlicher Regulierung prägte. Unter Präsident Gerald Ford leitete er Mitte der 1970er-Jahre den wirtschaftspolitischen Beraterstab des Weißen Hauses, bevor er jenes Amt übernahm, das ihn definieren sollte.

Ronald Reagan ernannte ihn im August 1987 zum 13. Vorsitzenden der Federal Reserve; George H. W. Bush, Bill Clinton und George W. Bush bestätigten ihn — über fünf Amtszeiten und vier Präsidenten hinweg. Sein Start fiel mitten in eine Krise: Nur wenige Wochen nach Amtsantritt brach am „Schwarzen Montag“, dem 19. Oktober 1987, die Börse ein. Der Dow-Jones-Index verlor an einem einzigen Tag rund 22 Prozent. Dass die Fed umgehend Liquidität zusicherte, gilt weithin als entscheidend dafür, einen größeren Zusammenbruch verhindert zu haben — und begründete seinen Ruf als ruhige Hand.

In den folgenden zwei Jahrzehnten steuerte er die Geldpolitik durch den langen Aufschwung der 1990er-Jahre, die Asien- und Russlandkrise von 1997/98, das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 und die Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Seine oft verklausulierten Aussagen brachten den Begriff „Fedspeak“ hervor; der Journalist Bob Woodward betitelte sein Buch über ihn im Jahr 2000 schlicht Maestro. An den Märkten setzte sich die Überzeugung fest, die Fed werde die Zinsen stets senken, um fallende Kurse abzufedern — eine Erwartung, die als „Greenspan-Put“ in den Sprachgebrauch einging.

Zwei Worte, die die Märkte erschütterten

Sein meistzitierter Satz war keine Anweisung, sondern eine Frage. In der Francis-Boyer-Vorlesung am American Enterprise Institute in Washington fragte er am 5. Dezember 1996 laut, ob die steigenden Märkte der Wirklichkeit davongelaufen seien.

Doch woran erkennen wir, wann ein irrationaler Überschwang die Vermögenswerte unangemessen in die Höhe getrieben hat, die dann unerwarteten und langanhaltenden Einbrüchen ausgesetzt sind, wie es in Japan im vergangenen Jahrzehnt geschehen ist?

Die beiden Worte „irrationaler Überschwang“ erschütterten über Nacht die Märkte rund um den Globus und gingen in das Vokabular der Finanzwelt ein. Greenspan selbst aber weigerte sich weitgehend, gegen ebenjene Blasen vorzugehen, die er benannt hatte. Es sei einfacher und sicherer, nach einem Crash aufzuräumen, als einen Boom vorab zu erkennen und abzubremsen — eine Doktrin, die später heftig umstritten sein sollte.

Ein Erbe im Zwielicht

Im Januar 2006 trat Greenspan ab und übergab das Amt an Ben Bernanke. Innerhalb von zwei Jahren brach das deregulierte, kreditgetriebene System, über das er gewacht hatte, in die schwerste Finanzkrise seit der Großen Depression. Die überparteiliche Untersuchungskommission zur Finanzkrise (Financial Crisis Inquiry Commission) kam 2011 zu dem Schluss, der Zusammenbruch sei unter anderem durch sein Versäumnis ausgelöst worden, den Handel mit Subprime-Hypothekenpapieren einzudämmen, sowie durch sein Eintreten für die Deregulierung der Finanzmärkte.

Greenspan selbst gestand einen seltenen Irrtum ein. Bei einer Anhörung vor dem Ausschuss für Aufsicht und Regierungsreform des Repräsentantenhauses räumte er am 23. Oktober 2008 auf Nachfragen des Vorsitzenden Henry Waxman ein, sein Glaube an die selbstkorrigierende Kraft der Märkte sei fehlgeleitet gewesen.

„Ja, ich habe einen Fehler gefunden. Ich weiß nicht, wie bedeutend oder dauerhaft er ist, aber diese Tatsache hat mich zutiefst beunruhigt.“

Er habe sich in einem Zustand „fassungslosen Unglaubens“ befunden, dass die Banken ihre eigenen Aktionäre nicht besser geschützt hätten, sagte er dem Ausschuss. Vier Jahrzehnte lang habe es aus seiner Sicht erdrückende Belege dafür gegeben, dass die Selbstregulierung außerordentlich gut funktioniere — genau deshalb sei er so erschüttert gewesen.

Für seine Bewunderer löschte die Krise die Leistung zweier Jahrzehnte mit niedriger Inflation und stetigem Wachstum nicht aus. „Er war ein großartiger Zentralbanker, der sein Land durch fast zwei Jahrzehnte des Wohlstands geführt hat“, würdigte ihn sein Nachfolger Bernanke. „Wir lernen noch immer von ihm, auch wenn er nicht mehr unter uns ist.“ Die Federal Reserve erklärte, seine „Beiträge zur Geldpolitik und zum ökonomischen Denken haben dieser Institution einen bleibenden Stempel aufgedrückt“. Auch JPMorgan-Chef Jamie Dimon und Brian Moynihan von der Bank of America würdigten den Verstorbenen.

Was den Mann überdauert

Greenspans tieferes Vermächtnis ist weniger eine einzelne Entscheidung als ein ganzes Ordnungsmodell: die heute nahezu universelle Überzeugung, dass eine unabhängige Zentralbank, auf Preisstabilität verpflichtet und im Krisenfall handlungsbereit, der Schlussstein einer modernen Volkswirtschaft ist. Dieser Konsens reifte zeitgleich mit der Schaffung des Euro und der Europäischen Zentralbank — und er trägt jene regelgebundene, global vernetzte Finanzordnung, von der Luxemburgs überdimensionierter Finanzplatz abhängt.

Das Großherzogtum ist heute Europas größter Standort für Investmentfonds und nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte der Welt. Nach Angaben des Branchenverbands ALFI (Association of the Luxembourg Fund Industry) belief sich das verwaltete Nettovermögen 2025 auf rund 8,3 Billionen Euro; die Fonds werden in mehr als 70 Ländern vertrieben. Diese grenzüberschreitende Architektur — Kapital, das unter der Aufsicht vertrauenswürdiger Zentralbanken frei zirkuliert — ist zu großen Teilen die Welt, die Greenspan miterrichtet hat.

2005 erhielt er von George W. Bush die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der USA, 2002 wurde er zum Ehrenritter des britischen Empire (KBE) ernannt. Alan Greenspan hinterlässt seine Ehefrau Andrea Mitchell.

Häufig gefragt

Woran ist Alan Greenspan gestorben?
Greenspan starb am Montag, dem 22. Juni 2026, in seinem Haus in Washington an den Komplikationen einer Parkinson-Erkrankung. Den Tod gab seine Ehefrau, die NBC-News-Korrespondentin Andrea Mitchell, bekannt. Er wurde 100 Jahre alt.
Warum wird Greenspan für die Finanzkrise von 2008 mitverantwortlich gemacht?
Greenspan verließ die Fed im Januar 2006, kurz vor Ausbruch der Krise. Die überparteiliche Financial Crisis Inquiry Commission kam 2011 zu dem Schluss, dass sein Versäumnis, den Handel mit Subprime-Hypothekenpapieren einzudämmen, sowie sein Eintreten für die Deregulierung den Zusammenbruch mit ausgelöst hätten. 2008 räumte er vor dem Kongress einen „Fehler“ ein.
Was bedeutet die Ära Greenspan für Luxemburg?
Greenspan festigte das Modell unabhängiger, auf Preisstabilität ausgerichteter Zentralbanken — denselben Rahmen, in dem die EZB arbeitet. Davon hängt Luxemburgs Finanzplatz ab: Das Großherzogtum ist Europas größter Fondsstandort mit rund 8,3 Billionen Euro verwaltetem Nettovermögen (2025) und Vertrieb in über 70 Ländern.
Quellen(10)
  1. 1Alan Greenspan, the legendary former Federal Reserve chair, diesNPR · npr.org
  2. 2Alan Greenspan, former chairman of the Fed, dies at age 100CNBC · cnbc.com
  3. 3Former US Federal Reserve Chairman Alan Greenspan dies at age 100Al Jazeera · aljazeera.com
  4. 4Alan Greenspan, economist and longtime head of the Federal Reserve, dies at 100NBC News · nbcnews.com
  5. 5Alan Greenspan, former head of Federal Reserve, dies at 100CNN Business · cnn.com
  6. 6Speech: The Challenge of Central Banking in a Democratic Society (Francis Boyer Lecture)Federal Reserve Board (primary source) · federalreserve.gov
  7. 7The Financial Crisis and the Role of Federal Regulators (hearing transcript, 23 Oct 2008)U.S. Government Publishing Office (primary source) · govinfo.gov
  8. 8Greenspan admits 'flaw' in ideologyAl Jazeera · aljazeera.com
  9. 9'We are still learning from him': Tributes to Alan Greenspan recall former Fed chairman's impactYahoo Finance · finance.yahoo.com
  10. 10Luxembourg: The global fund centre / Year in figuresAssociation of the Luxembourg Fund Industry (ALFI) · alfi.lu

navigierenöffnenescschließen