Machtwechsel in London

Starmer tritt als Labour-Chef zurück und löst Rennen um Nachfolge aus

Keir Starmer gibt nach einer Revolte der eigenen Abgeordneten den Parteivorsitz ab – Tage nach der Parlamentsrückkehr seines Rivalen Andy Burnham. Ein Nachfolger soll bis September feststehen.

Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Leeres hölzernes Rednerpult auf nassem Pflaster vor einer geschlossenen schwarzen Haustür in der Abenddämmerung
Ein verwaister Posten an der Macht: leeres Rednerpult vor einer geschlossenen Tür. Illustrative, KI-generierte Darstellung. Illustration: KI-generiert — Status

Keine zwei Jahre nach einem Erdrutschsieg ist Keir Starmer am Ziel seiner eigenen Partei gescheitert. Der britische Premierminister kündigte am Montag vor dem Regierungssitz in der Downing Street 10 an, den Vorsitz der regierenden Labour-Partei niederzulegen – und bringt Großbritannien damit auf Kurs zum siebten Premier binnen eines Jahrzehnts.

Wie NBC News und CBS News berichten, teilte Starmer mit, er habe König Charles III. über seine Entscheidung unterrichtet und werde geschäftsführend im Amt bleiben, bis Labour einen Nachfolger bestimmt habe. Sein Rückzug sei keine Reaktion auf das Urteil des Landes, sondern auf das der eigenen Fraktion.

Die Frage, die meine Partei sich jetzt stellt, ist, ob ich am besten geeignet bin, uns in die nächste Parlamentswahl zu führen. Ich habe die Antwort meiner Fraktion auf diese Frage gehört, und ich nehme diese Antwort mit Anstand an.

Sichtlich bewegt nannte Starmer seinen Einzug in die Downing Street den stolzesten Moment seines Lebens. Künftig wolle er sich auf das Private konzentrieren – darauf, laut CBS News „der beste Ehemann zu sein, der ich für meine großartige Frau Vic sein kann, die mir in guten wie in schlechten Zeiten ein Fels an meiner Seite war".

Ein Rivale erzwingt die Entscheidung

Den Ausschlag gab die Rückkehr von Andy Burnham. Der frühere Bürgermeister von Greater Manchester gewann am Donnerstag, dem 18. Juni, die Nachwahl im nordwestenglischen Wahlkreis Makerfield mit 54,8 Prozent der Stimmen – rund 24.937 Stimmzettel – und verwies die rechtspopulistische Reform UK auf den zweiten Platz. Das geht aus dem Wahlkreis-Register bei Wikipedia sowie Berichten von ITV News und NPR hervor. Der Sitz war durch den Rücktritt des Labour-Abgeordneten Josh Simons frei geworden.

Für Burnham, seit 2017 Bürgermeister und zuvor von 2001 bis 2017 Abgeordneter für Leigh, bedeutete das Ergebnis nach acht Jahren die Rückkehr nach Westminster – und eine Bühne, um Starmer direkt herauszufordern. Am Montag bestätigte er seine Kandidatur für den Parteivorsitz. Der Wettbewerb solle, so Burnham laut CBS News und NBC News, „auf geordnete und verantwortungsvolle Weise" geführt werden.

Wie aus dem Triumph eine Dauerkrise wurde

Im Juli 2024 war Labour mit einer Mehrheit von 172 Sitzen an die Macht gekommen. Doch das Ansehen der Regierung bröckelte rasch, und bis Mitte 2026 wuchs sich der innerparteiliche Streit zur existenziellen Krise für Starmer aus. Nach den öffentlich dokumentierten Vorgängen zur Labour-Führungskrise 2026 trugen unter anderem folgende Faktoren dazu bei:

  • Schwere Verluste bei den Kommunalwahlen 2025 und 2026 – Labour verlor Berichten zufolge die Kontrolle über rund 35 Räte und etwa 1.500 Mandate.
  • Die im April 2026 bekannt gewordene Affäre um die Sicherheitsüberprüfung von Peter Mandelson.
  • Die öffentliche Rücktrittsforderung des schottischen Labour-Chefs Anas Sarwar vom 9. Februar 2026.
  • Eine Welle von Ministerrücktritten, darunter Gesundheitsminister Wes Streeting am 14. Mai sowie eine Revolte um die Verteidigungsausgaben am 11. Juni, die Verteidigungsminister John Healey, Streitkräfte-Minister Al Carns und die Parlamentsassistentin Pamela Nash kostete.

Entscheidend ist: Der Umbruch wechselt die Parteispitze, nicht die Regierung. Labours Mehrheit im Unterhaus bleibt bestehen, eine Neuwahl ist nicht erforderlich, und der nächste Premier muss – wie es die Verfassungskonvention verlangt – ein gewähltes Mitglied des Unterhauses sein. Genau deshalb brauchte Burnham zuerst wieder ein Mandat.

Der Fahrplan zur Nachfolge

Die Nominierungen für Starmers Nachfolge beginnen laut NBC News am 9. Juli und enden, wenn das Parlament am 16. Juli in die Sommerpause geht. Im Falle einer Kampfabstimmung ist das Verfahren darauf ausgelegt, noch vor der Rückkehr des Parlaments im September einen neuen Vorsitzenden – und damit Premierminister – einzusetzen.

Burnham gilt als früher Favorit, doch die Berichterstattung zur Krise nennt mehrere mögliche Bewerber aus Kabinett und Partei, darunter Wes Streeting, Shabana Mahmood, David Lammy, Angela Rayner und Ed Miliband. Bis ein Sieger feststeht, führt Starmer die Regierung geschäftsführend weiter.

Was der Wechsel für EU und Ukraine bedeutet

Der Sturz eines amtierenden britischen Premiers verschiebt zu einem heiklen Zeitpunkt die Führung eines wichtigen europäischen Partners. Ungeachtet seiner innenpolitischen Probleme galt Starmer international als treibende Kraft dabei, europäische Unterstützung für die Ukraine gegen Russlands Angriff zu bündeln und nach dem Brexit einen „Neustart" der Beziehungen zwischen London und Brüssel anzustoßen – darauf verweisen NPR und ein Kommentar im Spectator.

Sein Abgang wirft Fragen nach der Kontinuität in dieser Rolle auf. Beobachter verweisen auf europäische Unruhe über Großbritanniens Verteidigungskurs – darunter ein geplanter Pfad auf 2,68 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2030 und ein noch unveröffentlichter Verteidigungsinvestitionsplan – sowie über die Verlässlichkeit des Landes als Sicherheitspartner. US-Präsident Donald Trump wiederum hat Starmer laut CBS News öffentlich für dessen Migrations- und Energiepolitik kritisiert.

Für Luxemburg und andere EU-Hauptstädte, die die „Koalition der Willigen" für die Ukraine und die vorsichtige Annäherung zwischen London und Brüssel verfolgen, lautet die drängende Frage: Wer übernimmt das Dossier als Nächstes – und übersteht Londons jüngstes Engagement gegenüber Brüssel den Wechsel an der Spitze? Eine Antwort dürfte sich bis September abzeichnen, wenn Großbritannien seinen neuen Premier im Amt erwartet.

Häufig gefragt

Warum tritt Keir Starmer zurück?
Starmer beugt sich einer Revolte in den eigenen Reihen. Nach schweren Wahlniederlagen, mehreren Ministerrücktritten und der Rückkehr seines Rivalen Andy Burnham erklärte er, die Fraktion halte ihn nicht mehr für den geeigneten Spitzenkandidaten der nächsten Wahl.
Kommt es jetzt zu einer britischen Neuwahl?
Nein. Es wechselt nur der Parteivorsitz, nicht die Regierung. Labours Mehrheit im Unterhaus bleibt bestehen, und der neue Parteichef wird automatisch Premier – er muss allerdings ein gewähltes Unterhausmitglied sein.
Wer könnte Starmer nachfolgen?
Andy Burnham gilt als früher Favorit und hat seine Kandidatur bestätigt. Als weitere mögliche Bewerber werden Wes Streeting, Shabana Mahmood, David Lammy, Angela Rayner und Ed Miliband genannt.
Wann steht der neue Premier fest?
Die Nominierungen beginnen am 9. Juli und enden am 16. Juli mit der Sommerpause. Das Verfahren ist darauf ausgelegt, einen neuen Parteichef und Premier vor der Rückkehr des Parlaments im September einzusetzen.
Quellen(11)
  1. 1Keir Starmer says he will resign as prime minister; Andy Burnham expected to be next U.K. leaderNBC News · nbcnews.com
  2. 2British Prime Minister Keir Starmer announces resignationCBS News · cbsnews.com
  3. 3U.K. Prime Minister Starmer resigns as Labour government seeks rebootThe Washington Post · washingtonpost.com
  4. 4UK PM Starmer resigns as Britain faces its seventh leader in 10 yearsCNBC · cnbc.com
  5. 5U.K. Prime Minister Keir Starmer Resigns, Promises to Oversee Orderly Transfer of PowerTIME · time.com
  6. 6Keir Starmer announces resignation as UK prime ministerNPR · npr.org
  7. 7Labour's Andy Burnham wins a special election, setting up a showdown with Starmer to lead BritainNPR · npr.org
  8. 82026 Labour Party leadership crisisWikipedia · en.wikipedia.org
  9. 92026 Makerfield by-electionWikipedia · en.wikipedia.org
  10. 10Inside Makerfield: How Andy Burnham defied the polls in historic by-electionITV News · itv.com
  11. 11Starmer has left Europe in quiet despairThe Spectator · spectator.com

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