Finanzplatz Luxemburg

Finanzdiplomatie in Downing Street: Roth und Reeves loten engere Zusammenarbeit der Finanzplätze aus

Bei einer zweitägigen Finanzmission in London traf Finanzminister Gilles Roth die britische Schatzkanzlerin Rachel Reeves. Vereinbart wurde nichts – doch für Luxemburgs Fondsbranche zählt das Signal.

Von Jonas Thill · · 5 Min. Lesezeit

Die schwarze Eingangstür der Downing Street Nr. 11 in London, Amtssitz der britischen Schatzkanzlerin
Downing Street Nr. 11 in London, Amtssitz der Schatzkanzlerin: Hier trafen sich Gilles Roth und Rachel Reeves zu Gesprächen. (Illustratives KI-Bild) Illustration: KI-generiert — Status

Rund 6,6 Billionen Euro liegen in luxemburgischen Investmentfonds – und ein erheblicher Teil dieses Vermögens wird von Schreibtischen in London aus gesteuert. Um diese Arbeitsteilung abzusichern, reiste Finanzminister Gilles Roth in dieser Woche an die Themse: Am Mittwoch und Donnerstag, dem 1. und 2. Juli, absolvierte er eine Finanzmission in der britischen Hauptstadt, deren wichtigster Termin ein Treffen mit Schatzkanzlerin Rachel Reeves in der Downing Street Nr. 11 war.

Organisiert wurde der Besuch von Luxembourg for Finance (LFF), der Agentur für die Auslandswerbung des Finanzplatzes, gemeinsam mit dem Finanzministerium. Nach Angaben des Ministeriums hoben Roth und Reeves die engen Verbindungen zwischen den Finanzplätzen Luxemburg und Großbritannien hervor und erörterten Möglichkeiten für eine vertiefte Zusammenarbeit, insbesondere bei der Förderung grenzüberschreitender Investitionen. Als gemeinsame Herausforderungen der Europäischen Union und des Vereinigten Königreichs nannte das Ministerium die Finanzierung der digitalen und der grünen Transformation, steigende Verteidigungsausgaben und die Mobilisierung privaten Kapitals.

„Luxemburg und das Vereinigte Königreich pflegen seit Langem enge Beziehungen, die auf einer echten Komplementarität im Finanzsektor beruhen. Luxemburg ist heute der wichtigste europäische Markt des Vereinigten Königreichs für den Export von Finanzdienstleistungen. Gemeinsam können wir neue Wachstumschancen schaffen, Innovation fördern und zur Wettbewerbsfähigkeit Europas beitragen. Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum ist es wichtiger denn je, diese strategische Partnerschaft weiter zu stärken – zum Wohle unserer Bürgerinnen und Bürger", erklärte Gilles Roth.

Was der Besuch brachte – und was nicht

Ein neues Abkommen, ein Memorandum oder eine regulatorische Vereinbarung wurde in London nicht geschlossen. Es blieb bei Gesprächen über die Vertiefung einer bestehenden Beziehung – keine Verhandlung mit greifbarem Ergebnis. Für die größte Branche des Großherzogtums hat allerdings schon die Geste Gewicht. Roth knüpfte damit an frühere Äußerungen an: Nach einem Treffen mit Reeves am Rande von Eurogruppe und Ecofin-Rat in Brüssel im Dezember 2024 hatte er den Dialog zwischen EU und Großbritannien als unverzichtbar bezeichnet und betont, „Le Luxembourg reste attaché à un partenariat étroit avec Londres" – Luxemburg halte an einer engen Partnerschaft mit London fest.

Neben dem Termin in Downing Street sprach der Minister am 2. Juli auf der Londoner Jahreskonferenz des Fondsverbands ALFI (Association of the Luxembourg Fund Industry) im Veranstaltungszentrum Convene Sancroft nahe der St Paul’s Cathedral. Nach Darstellung des Ministeriums kamen dort rund 1.000 Fachleute der Fondsbranche zusammen; die ALFI selbst meldete mehr als 1.600 Anmeldungen. ALFI-Präsident Jean-Marc Goy hat die Londoner Konferenz als „die größte internationale Außeninitiative, die Luxemburgs Fondsindustrie organisiert" beschrieben. Roth nahm zudem an einem von LFF ausgerichteten Arbeitsessen mit Vertretern der Versicherungs- und Rückversicherungsbranche teil und führte eine Reihe von Gesprächen mit ranghohen Vertretern des britischen Finanzsektors über den Ausbau von deren Aktivitäten in Luxemburg.

Verwaltet in London, beheimatet in Luxemburg

Die Achse zwischen der City und dem Großherzogtum gehört zu den tragenden Konstruktionen der europäischen Finanzwelt nach dem Brexit. Britische Vermögensverwalter domizilieren ihre für EU-Anleger bestimmten Fonds typischerweise in Luxemburg, von wo aus sie in der gesamten Union vertrieben werden dürfen – während das laufende Portfoliomanagement per Delegation an Investmentteams in London zurückübertragen wird. Die luxemburgische Aufsichtsbehörde CSSF stellte bereits 2019 klar, dass eine solche Delegation an britische Unternehmen auch nach dem Brexit unter bestimmten Bedingungen fortgeführt werden kann – auch wenn das Modell auf EU-Ebene seither kritischer beäugt wird.

Die Dimension dieser Verflechtung lässt sich beziffern:

  • Das Nettovermögen der in Luxemburg domizilierten Fonds belief sich Ende Mai 2026 laut CSSF auf 6.634 Milliarden Euro; nach ALFI-Daten wuchs es in den zwölf Monaten bis April 2026 um 14,55 Prozent. Luxemburg bleibt damit der zweitgrößte Fondsstandort der Welt nach den USA.
  • Britische Fondshäuser bilden nach den US-Anbietern die zweitgrößte Initiatorengruppe luxemburgischer Fonds: Nach ALFI-Zahlen, die Funds Europe 2021 zitierte, entfielen auf sie rund 17 Prozent des Fondsvermögens – etwa 847 Milliarden Euro; die Kanzlei Linklaters bezifferte den Anteil auf 17,5 Prozent.
  • Luxemburg war 2023 das wichtigste EU-Zielland britischer Finanzdienstleistungsexporte: 6,5 Milliarden Pfund oder 6,1 Prozent der gesamten britischen Ausfuhren des Sektors – gegenüber rund 3 Milliarden Pfund im Jahr 2016 –, so die Auswertung amtlicher Handelsdaten durch TheCityUK, vor Irland mit 5,6 Milliarden Pfund.

Diese Handelszahlen untermauern Roths Aussage, das Großherzogtum sei Großbritanniens führender europäischer Markt für Finanzdienstleistungsexporte: Ein Gutteil dessen, was London nach Luxemburg „exportiert", ist eben jenes Portfoliomanagement für Fonds, die rechtlich zwischen Boulevard Royal und Kirchberg angesiedelt sind.

Warum die Signale zählen

Für Luxemburg ist die Rechnung einfach: Die Fondsindustrie ist der wichtigste Wirtschaftsmotor des Landes, und britische Verwalter zählen zu ihren bedeutendsten Kunden. Alles, was deren Zugang zu luxemburgischen Strukturen erleichtert – oder ihnen die Beständigkeit des Delegationsmodells versichert –, schützt Arbeitsplätze in der Administration, der Verwahrung sowie im Rechts- und Prüfungswesen des Großherzogtums. Für London wiederum bleibt Luxemburg das bequemste Tor zu den Privat- und Großanlegern der EU, während die britische Regierung Wachstum sucht und ein entspannteres Verhältnis zur Union anstrebt.

Seit 2016 ist die Verflechtung eher enger geworden: Die aus Großbritannien heraus verwalteten Luxemburger Fondsvermögen wuchsen durch die Brexit-Jahre hindurch, und die britischen Finanzdienstleistungsexporte nach Luxemburg haben sich nach den Zahlen von TheCityUK zwischen 2016 und 2023 in etwa verdoppelt. Die Risiken laufen freilich in beide Richtungen: In Brüssel wird immer wieder diskutiert, wie viel Substanz von Fondsverwaltern zu verlangen ist, die Aufgaben außerhalb der EU delegieren. Eine Verschärfung dieser Regeln träfe genau das Modell, das beide Minister in dieser Woche würdigten.

Deshalb ist ein Treffen ohne Abschlusserklärung für Luxemburg dennoch eine Nachricht: Der Wohlstand des Landes hängt in ungewöhnlichem Maße an einem regulatorischen Arrangement, das in Brüssel ausgehandelt wurde, aber täglich zwischen Londoner Handelstischen und Luxemburger Fondsdomizilen gelebt wird. Am 1. und 2. Juli hat der Finanzminister an der Quelle dafür geworben, dass das so bleibt.

Häufig gefragt

Wurde bei dem Treffen zwischen Roth und Reeves ein Abkommen unterzeichnet?
Nein. Es wurden keine neuen Abkommen, Verträge oder Absichtserklärungen angekündigt. Nach Angaben des luxemburgischen Finanzministeriums ging es um Gespräche über eine engere Zusammenarbeit der beiden Finanzplätze, insbesondere bei der Förderung grenzüberschreitender Investitionen.
Warum ist Großbritannien für Luxemburgs Fondsbranche so wichtig?
Britische Fondshäuser sind nach den US-Anbietern die zweitgrößte Initiatorengruppe luxemburgischer Fonds – rund 17 Prozent des Fondsvermögens bzw. etwa 847 Milliarden Euro nach ALFI-Zahlen von 2021. Zudem delegieren in Luxemburg domizilierte Fonds das Portfoliomanagement häufig an Verwalter in London; die CSSF bestätigte 2019, dass dies auch nach dem Brexit unter Bedingungen zulässig bleibt.
Wie groß ist die luxemburgische Fondsindustrie?
Laut der Aufsichtsbehörde CSSF belief sich das Nettovermögen der luxemburgischen Investmentfonds Ende Mai 2026 auf 6.634 Milliarden Euro. Nach ALFI-Daten wuchs das Vermögen in den zwölf Monaten bis April 2026 um 14,55 Prozent. Luxemburg ist damit der zweitgrößte Fondsstandort der Welt nach den USA.
Was stand sonst auf dem Programm der Londoner Finanzmission?
Roth sprach am 2. Juli auf der ALFI London Conference im Convene Sancroft nahe der St Paul's Cathedral (laut Ministerium rund 1.000 Fachleute, laut ALFI mehr als 1.600 Anmeldungen), nahm an einem Arbeitsessen mit Versicherungs- und Rückversicherungsvertretern teil und traf ranghohe Vertreter des britischen Finanzsektors zu Gesprächen über deren Aktivitäten in Luxemburg.
Quellen(10)
  1. 1Luxembourg, UK Discuss Cross-Border Investment & Financial CooperationChronicle.lu · chronicle.lu
  2. 2ALFI London Conference 2026 (2 July 2026, Convene Sancroft, St. Paul's)ALFI · alfi.lu
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  4. 4Luxembourg — industry statistics (April 2026)ALFI · alfi.lu
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  7. 7ALFI: The Luxembourg-London axisFunds Europe · funds-europe.com
  8. 8Brexit: Delegation of investment management; temporary permissions regimesCSSF · cssf.lu
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