EU-Agrarpolitik
Quinoa statt Soja: Ein Luxemburger Hof wird zur Bühne für Europas Eiweißwende
Auf einem Bettemburger Milchviehbetrieb wirbt Agrarkommissar Christophe Hansen für den geplanten Eiweißplan der EU – und für weniger Abhängigkeit von importiertem Futtersoja.
Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Wo am Rand von Bettemburg gefiederte Quinoa-Rispen und Chia-Pflanzen zwischen Weideland heranreifen, hat Anfang dieses Monats der oberste Agrarpolitiker der Europäischen Union ein Anliegen vorgetragen, das in Brüssel als eine der meistbeachteten Wetten der Agrarpolitik gilt: Europa von importiertem Eiweiß zu lösen. Der Schauplatz war mit Bedacht gewählt.
Christophe Hansen, seit Dezember 2024 EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung, ist selbst Luxemburger und wuchs auf einem Hof bei Wiltz auf. Mit seinem Besuch auf dem Gehaanshaff rückte er einen Erzeuger aus dem Großherzogtum in eine Debatte, die von den Sojafeldern Südamerikas bis in die Ställe der EU reicht. Wie die Tageszeitung Le Quotidien am 12. Juni berichtete, ließ sich Hansen über den Betrieb von Gilles Biver führen, der den Familienbetrieb 2017 übernahm und ihn seither zu einem ungewöhnlichen Versuchslabor für Eiweißpflanzen umgebaut hat.
Der 1925 gegründete Gehaanshaff am Ortseingang von Bettemburg melkt seine rund 65 Kühe längst per Roboter. Doch Biver war es auch, der die Quinoa nach Luxemburg holte: von einem einzigen Hektar im Jahr 2021 auf heute rund 17 Hektar, dazu etwa sieben Hektar Chia, wie Le Quotidien und das regionale Erzeugernetzwerk regionalsaisonal.lu vermelden. Beide Kulturen sind eiweißreich – und im Großherzogtum bis heute eine Seltenheit. Die Quinoa liefert Biver an die Cactus-Supermärkte; verarbeitet wird sie unter anderem zu Müsliriegeln.
„Auf einem Hof sieht man viele Details, die einem verborgen bleiben, wenn man nicht direkt zu den Erzeugern geht“, sagte Hansen während des Besuchs gegenüber Le Quotidien.
Ein Großherzogtum-Erzeuger im Zentrum Brüsseler Politik
Die Verringerung der europäischen Eiweißabhängigkeit hat Hansen zu einem Leitthema seiner Amtszeit gemacht. Bei einer Veranstaltung mit dem Titel „The Revival of Legumes in Europe“ im Europäischen Parlament bestätigte er im April, dass die Kommission einen EU-Eiweißplan vorlegen werde – gemeinsam mit einer neuen Strategie für die Tierhaltung, wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA meldete. Das Paket, im Arbeitsprogramm der Kommission für das erste Halbjahr 2026 verankert und von Branchenverbänden um den Jahreswechsel von Juni und Juli erwartet, soll die Abhängigkeit von importierten Pflanzeneiweißen verringern, die Versorgung diversifizieren und die Erzeugung innerhalb der Union stärken.
Der Kommissar rahmt das Vorhaben weniger als Umwelt- denn als Sicherheitsfrage.
„Die Diversifizierung beim Eiweiß ist entscheidend für die Widerstandsfähigkeit und die strategische Autonomie der EU“, sagte Hansen laut ANSA und warnte, „diese Abhängigkeiten schaffen eine klare Verwundbarkeit angesichts der geopolitischen Unsicherheiten, die wir erleben.“Warum die Zahlen Brüssel alarmieren
Die Dringlichkeit erklärt sich aus den Daten. Über alle Quellen von Futtereiweiß hinweg ist die EU nach Schätzung der Europäischen Kommission zu rund 75 Prozent selbstversorgt. Diese Gesamtzahl verdeckt jedoch eine empfindliche Lücke am hochwertigen Ende des Marktes. Ölsaatenschrote – das eiweißreiche Kraftfutter für Schweine, Geflügel und Milchvieh – stammen nur zu etwa 27 Prozent aus heimischer Erzeugung, wie die Kommission in einer Übersicht zum Futtereiweiß vom Mai 2024 darlegte. Um das Defizit zu decken, führt die Union jährlich rund 19 Millionen Tonnen Rohprotein ein.
Der Löwenanteil kommt als Sojabohnen und Sojaschrot, überwiegend aus Brasilien, Argentinien und den Vereinigten Staaten. Laut ANSA importiert die EU jährlich etwa 33 Millionen Tonnen Soja. Diese Abhängigkeit setzt die europäischen Tierhalter Preissprüngen, Wechselkursschwankungen und Handelskonflikten aus, auf die sie keinen Einfluss haben – und koppelt die Fleisch- und Milcherzeugung an Flächennutzungspraktiken im Ausland, die Brüssel kaum kontrollieren kann. Im April stufte die Kommission Sojaöl als Rohstoff mit hohem Risiko indirekter Landnutzungsänderungen ein; von 2030 an fällt es damit aus den EU-Zielen für erneuerbare Kraftstoffe heraus.
Der Plan dürfte auf ein vertrautes Instrumentarium setzen: Förderung von Hülsenfrüchten, bessere Fruchtfolgen, Weidemanagement und Innovation – innerhalb wie außerhalb der Gemeinsamen Agrarpolitik. Was er ausdrücklich nicht tun werde, hat Hansen signalisiert: den Europäern weniger Fleisch verordnen. Ein Balanceakt, der Agrarlobby wie Umweltschützer am Tisch halten soll.
Was Luxemburgs Landwirte davon haben
Für Erzeuger wie Biver liegt gerade in der Kluft zwischen Brüsseler Anspruch und betrieblicher Wirklichkeit der Kern der Sache. Den Besuch des Kommissars wertete er als nützlich, wie Le Quotidien berichtete – blieb aber skeptisch, dass die europäische und nationale Förderung bislang auf Nischenkulturen wie Quinoa und Chia zugeschnitten sei. Sie fallen aus den Kategorien heraus, um die jahrzehntelange Agrarpolitik gebaut wurde.
Diese Spannung zieht sich durch das gesamte Paket. Ihre Agrarkrisenreserve hat die Kommission bereits verdoppelt – von 450 auf 900 Millionen Euro –, um Landwirte gegen Schocks abzufedern. Doch kleinere Betriebe, die mit neuen Kulturen experimentieren, stoßen oft darauf, dass Beihilfen, Beratung und Verarbeitungsinfrastruktur hinterherhinken. Das Risiko tragen die Vorreiter.
- Für Luxemburg: Ein Akteur aus dem Großherzogtum steuert eine EU-weite Politik mit unmittelbaren Folgen für die eigenen Landwirte und die Ernährungssicherheit.
- Für Europa: der Abbau einer langjährigen Abhängigkeit von importiertem Soja inmitten wachsenden handels- und geopolitischen Drucks.
- Die offene Frage: ob die Anreize des Plans konkret genug ausfallen, um zu verändern, was Europa tatsächlich anbaut.
Auf die Details kommt es an. Hülsenfrüchte wie Trockenbohnen und Erbsen machen bislang nur einen Bruchteil des europäischen Eiweißaufkommens aus – rund 1,1 Millionen Tonnen Rohprotein im Jahr, gegenüber 64 Millionen Tonnen, die der Ackerbau der Union 2023/24 erzeugte. Eine so große Lücke zu schließen, verlangt mehr als ein Strategiepapier. Doch indem Hansen ausgerechnet einen kleinen Luxemburger Hof zur Bühne machte, deutete er an, wo der Wandel aus seiner Sicht beginnen muss.
Häufig gefragt
- Wer ist Christophe Hansen?
- Hansen ist seit dem 1. Dezember 2024 EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung. Er ist Luxemburger und wuchs auf einem Hof bei Wiltz auf. Die Verringerung der europäischen Eiweißabhängigkeit zählt zu seinen Leitthemen.
- Was sieht der geplante EU-Eiweißplan vor?
- Der Plan soll gemeinsam mit einer neuen Tierhaltungsstrategie vorgelegt werden und die Abhängigkeit von importierten Pflanzeneiweißen verringern, die Versorgung diversifizieren und die Erzeugung in der EU stärken. Das Arbeitsprogramm der Kommission sieht ihn für das erste Halbjahr 2026 vor.
- Warum will die EU ihre Eiweißabhängigkeit senken?
- Bei Ölsaatenschroten ist die EU nur zu etwa 27 Prozent selbstversorgt und importiert jährlich rund 19 Millionen Tonnen Rohprotein, vor allem Soja aus Brasilien, Argentinien und den USA. Das macht die Tierhalter anfällig für Preissprünge, Wechselkurse und Handelskonflikte.
- Welche Rolle spielt der Gehaanshaff in Bettemburg?
- Der 1925 gegründete Familienbetrieb in vierter Generation mit rund 65 Kühen wird von Gilles Biver geführt. Er führte 2021 die Quinoa in Luxemburg ein und baut zudem Chia an – beides eiweißreiche, im Großherzogtum seltene Kulturen.
Quellen(10)
- 1Agriculture : Observer les difficultés «auprès des producteurs»Le Quotidien · lequotidien.lu
- 2EU protein plan due in June, Hansen says it will reduce dependenciesANSA (English Service) · ansa.it
- 3Gehaanshaffregionalsaisonal.lu · regionalsaisonal.lu
- 4La ferme – GehaanshaffGehaanshaff · gehaanshaff.lu
- 5Feed protein: overview of EU production and options to diversify sourcesEuropean Commission – Agriculture and Rural Development · agriculture.ec.europa.eu
- 6Reducing the plant protein deficit of the EUEuropean Commission – Agriculture and Rural Development · agriculture.ec.europa.eu
- 7FEFAC releases recommendations for EU Livestock Strategy and Protein PlanFeed & Additive Magazine · feedandadditive.com
- 8Livestock strategy including elements of animal welfareEuropean Parliament – Legislative Train Schedule · europarl.europa.eu
- 9Christophe HansenEuropean Commission · commission.europa.eu
- 10Christophe Hansen souligne la nécessité de nouveaux marchés pour les producteurs européensL'essentiel · lessentiel.lu



