Wohnungsmarkt

Luxemburgs Wohnpaket: begrenzte Wirkung auf strukturelle Wohnungsknappheit

Der Staat mobilisiert Milliardenmittel und Steuervergünstigungen. Doch selbst günstige Annahmen zeigen, wie wenig das Paket an der strukturellen Knappheit ändert.

Von Sophie Klein · · 4 Min. Lesezeit

Stillstehende Baustelle eines geplanten Mehrfamilienhauses in Luxemburg
Stillstehendes VEFA-Wohnungsbauprojekt in Luxemburg; illustrative, mit KI erzeugte Darstellung. Illustration: KI-generiert — Status

Die Schere auf Luxemburgs Wohnungsmarkt öffnet sich weiter: Im ersten Quartal 2026 stiegen die Immobilienpreise binnen Jahresfrist um 1,7 Prozent, die angebotenen Wohnungsmieten aber um 4,4 Prozent. Die Inflation lag bei 1,6 Prozent. Zugleich wurden lediglich 207 VEFA-Wohnungen verkauft – 18,2 Prozent weniger als im Vorjahresquartal und weit unter dem Vorkrisendurchschnitt von rund 650 Verkäufen in einem ersten Quartal.

In dieser Lage präsentierte die Regierung am 16. Juli 2026 den „Booster fir de Wunnengsbau“. Sieben Maßnahmen sollen Nachfrage, Finanzierung und Bautätigkeit zugleich stützen. Die meisten Elemente müssen allerdings erst gesetzlich umgesetzt werden. Reichweite, Inanspruchnahme und Gesamtkosten bleiben daher vorerst offen.

Für Finanzminister Gilles Roth ist die politische Priorität eindeutig: „Das Wohnen ist die größte Sorge der Bürger.“ Ob das Paket diese Sorge dauerhaft lindert, hängt weniger von den gewährten Vorteilen als von den zusätzlich fertiggestellten Wohnungen ab. Nach Einschätzung der Europäischen Kommission reagiert das Luxemburger Angebot weiterhin kaum auf Preis- und Nachfrageänderungen.

Steuerhilfe mit engem Adressatenkreis

Die Regierung ordnet den Booster sieben Bereichen zu:

  • Selbstnutzer bei VEFA-Käufen: Bei qualifizierten, höchstens zu 80 Prozent fertiggestellten Projekten sollen auf den Bauanteil vorübergehend keine Eintragungs- und Umschreibungsgebühren anfallen.
  • Käufer eines Hauptwohnsitzes: Die Steuergutschrift Bëllegen Akt steigt von 40.000 Euro auf 45.000 Euro je Person.
  • Sozial ausgerichtete Vermieter: Für den streng konditionierten Bau entsprechender Mietwohnungen ist ein Mehrwertsteuersatz von 8 Prozent vorgesehen.
  • Private Mietinvestoren: Bei einer abschreibungsfähigen Baukostenbasis von höchstens 600.000 Euro gilt sechs Jahre lang eine beschleunigte Abschreibung von 6 Prozent.
  • Sparer: Für Anfang 2027 ist eine Wohnungsanleihe über 250 Millionen Euro geplant.
  • Kreditnehmer: Die Obergrenzen für geförderte Darlehen werden erhöht, Zuschüsse ausgeweitet. Besonders profitieren sollen Ersterwerber im Alter von höchstens 35 Jahren.
  • Bauprojekte: Der Staat stellt weitere 300 Millionen Euro für VEFA-Ankäufe bereit und kann mit Teilkäufen als Ankerinvestor auftreten.
„Zum ersten Mal werden steuerliche Maßnahmen im Wohnungswesen an soziale Kriterien geknüpft.“ — Claude Meisch, Minister für Wohnungsbau und Raumentwicklung

Die Entlastung kann im Kaufpreis verschwinden

Für berechtigte Käufer ist der unmittelbare Vorteil messbar. Bei einem qualifizierten Erwerb über eine Million Euro beziffern Regierungsbeispiele die Entlastung je nach Kombination der Maßnahmen auf 5.000 bis 33.600 Euro. Bleibt der Verkaufspreis unverändert, kommt die Ersparnis vollständig beim Käufer an.

Bei vollständiger Einpreisung durch den Verkäufer entspräche die Entlastung dagegen einem Preiseffekt von 0,5 bis 3,36 Prozent. Die Rechnung ist keine Prognose, sondern markiert zwei Grenzfälle. OECD und Europäische Kommission warnen unabhängig voneinander, dass breit angelegte Käuferhilfen bei einem unelastischen Angebot in höhere Preise einfließen können. Auch der Internationale Währungsfonds empfiehlt eine stärkere Konzentration auf die Angebotsseite.

Zielgenauer erscheint der Mehrwertsteuersatz von 8 Prozent für sozial orientierte Mietprojekte. Gegenüber dem regulären Satz von 17 Prozent sinkt der Bruttopreis des betroffenen steuerpflichtigen Bestandteils um 7,69 Prozent. Verringert sich dadurch das investierte Nettokapital um 100.000 Euro, reduziert eine Renditeobergrenze von 4 Prozent die zulässige Jahresmiete um 4.000 Euro – rund 333 Euro im Monat.

Eine Wirkung auf das nationale Mietniveau lässt sich daraus nicht ableiten. Dafür fehlen Angaben zur Zahl der Projekte und zu deren Fertigstellung. Die Dringlichkeit ist dennoch klar: 2024 verwendeten Mieter nach Angaben der Kommission 27 Prozent ihres Einkommens auf die Miete.

519 Wohnungen in einer Modellrechnung

Die unmittelbarste Angebotskomponente sind die zusätzlichen 300 Millionen Euro für staatliche VEFA-Ankäufe. Mit dem bisherigen Rahmen von 480 Millionen Euro wurden nach Regierungsangaben 830 Wohnungen erworben oder reserviert. Das entspricht rechnerisch rund 578.000 Euro je Wohnung. Bei gleichem Durchschnitt ließen sich mit der neuen Tranche etwa 519 Wohnungen finanzieren.

Das ist keine Beschaffungsprognose. Staatliche Teilankäufe können als Anker ganze Vorhaben ermöglichen und damit weitere privat finanzierte Einheiten mobilisieren. Umgekehrt sind reservierte Wohnungen nicht sofort bezugsfertig. Gemessen an den vom Bausektor genannten 6.500 jährlich benötigten Wohnungen entsprächen 519 Einheiten lediglich rund 8 Prozent eines Jahresbedarfs.

Roland Kuhn, Präsident der Fédération des Entreprises de Construction et de Génie Civil, verweist zudem auf eine Voraussetzung für die Wiederbelebung des VEFA-Marktes: „Um das Vertrauen in den Verkauf im zukünftigen Fertigstellungszustand wiederherzustellen, brauchen wir eine Fertigstellungsgarantie, die tatsächlich eine Fertigstellungsgarantie ist.“

Die längerfristige Projektion der Europäischen Kommission fällt noch ernüchternder aus. Bis 2035 rechnet sie mit 29.432 Fertigstellungen bei einem Bedarf von 133.360 neuen Wohnungen. Damit bliebe eine Lücke von 103.928 Einheiten.

35 Millionen Euro sind nur die Teilrechnung

Die parlamentarischen Unterlagen beziffern die Einnahmeausfälle für drei Maßnahmen: 15 Millionen Euro für die Erhöhung des Bëllegen Akt, 15 Millionen Euro für die Gebührenbefreiung bei VEFA-Käufen und 5 Millionen Euro für die beschleunigte Abschreibung. Zusammen ergibt das 35 Millionen Euro.

Eine Gesamtrechnung ist dies nicht. In den veröffentlichten Übersichten fehlen vollständige Kostenansätze für den Mehrwertsteuersatz von 8 Prozent, die ausgeweiteten Zinsbeihilfen und den Schuldendienst der Wohnungsanleihe. Die Anleihe über 250 Millionen Euro ist zudem eine Kreditaufnahme; die 300 Millionen Euro für VEFA-Käufe dienen dem Erwerb staatlicher Vermögenswerte. Beides ist nicht mit entgangenen Steuereinnahmen gleichzusetzen.

Der Booster kann Baustellen reaktivieren, Finanzierungslücken schließen und einzelnen Haushalten spürbare Vorteile bringen. Seine Größenordnung reicht jedoch nicht aus, um das strukturelle Defizit zu beseitigen. Ohne raschere Mobilisierung von Grundstücken und deutlich mehr fertiggestellte Wohnungen stärkt das Paket zunächst vor allem die Kaufkraft in einem weiterhin knappen Markt.

Häufig gefragt

Welche Käufer profitieren vom höheren Bëllegen Akt?
Die Steuergutschrift für den Erwerb eines Hauptwohnsitzes steigt von 40.000 Euro auf 45.000 Euro je Person.
Wie viele Wohnungen könnten mit den zusätzlichen 300 Millionen Euro erworben werden?
Beim Durchschnitt des bisherigen staatlichen VEFA-Programms entspräche die Summe rechnerisch rund 519 Wohnungen. Das ist keine Prognose, da Teilankäufe weitere private Einheiten ermöglichen können.
Kostet das gesamte Paket 35 Millionen Euro?
Nein. Die 35 Millionen Euro erfassen nur den höheren Bëllegen Akt, die VEFA-Gebührenbefreiung und die beschleunigte Abschreibung. Vollständige Kostenansätze für weitere Maßnahmen fehlen.
Kann der Mehrwertsteuersatz von 8 Prozent die Mieten landesweit senken?
Eine nationale Wirkung lässt sich ohne Angaben zur Zahl der geförderten Wohnungen und zu ihren Fertigstellungsterminen nicht seriös schätzen.
Quellen(14)
  1. 1“Booster fir de Wunnengsbau” — Méi bauen. Méi erschwénglech. Méi Wunnengen.Government of Luxembourg · mlogat.gouvernement.lu
  2. 2Un nouveau paquet logement présenté en commissionChamber of Deputies of Luxembourg · chd.lu
  3. 3Government unveils seven measures to revive constructionRTL Today · today.rtl.lu
  4. 4Roth und Meisch stellen „Booster für den Wohnungsbau“ vorTageblatt · tageblatt.lu
  5. 5Le secteur immobilier salue les mesures annoncées par le gouvernementRTL Infos · infos.rtl.lu
  6. 6Le marché immobilier résidentiel au 1er trimestre 2026Luxembourg Housing Observatory / Government of Luxembourg · gouvernement.lu
  7. 72026 Luxembourg Housing AnnexEuropean Commission · housing.ec.europa.eu
  8. 8Luxembourg: Staff Concluding Statement of the 2026 Article IV MissionInternational Monetary Fund · imf.org
  9. 9OECD Economic Surveys: Luxembourg 2025OECD · oecd.org
  10. 10Bilan intermédiaire du programme VEFAGovernment of Luxembourg · cad.gouvernement.lu
  11. 11Government Announces New Measures to Boost Housing ConstructionChronicle.lu · chronicle.lu
  12. 12Le Luxembourg sous pression avec une pénurie de logements et 12.000 ouvriers à recruter d’ici à 2030Virgule · virgule.lu
  13. 13VAT rules and ratesEuropean Union · europa.eu
  14. 14Taux de TVALuxembourg Indirect Tax Authority · pfi.public.lu

navigierenöffnenescschließen