Migration und Rückführung
EU empfängt Taliban-Vertreter in Brüssel – erstmals seit der Machtübernahme 2021
Hinter verschlossenen Türen verhandelte die EU-Kommission mit 15 Mitgliedstaaten über die Rückkehr abgelehnter afghanischer Asylbewerber – und betont zugleich: Das sei keine Anerkennung des Regimes.
Von Camille Reuter · · 4 Min. Lesezeit

Fast fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban hat die Europäische Union erstmals eine Delegation der Islamisten auf europäischem Boden empfangen. Am Dienstag, dem 23. Juni 2026, trafen Vertreter der EU-Kommission und von 15 Mitgliedstaaten in Brüssel mit fünf Abgesandten des sogenannten Islamischen Emirats zusammen – an einem nicht genannten Ort außerhalb der institutionellen Räume der Kommission, hinter verschlossenen Türen. Das beispiellose Treffen markiert eine folgenreiche und heftig umstrittene Wende im Umgang der Union mit einer Regierung, die sie weiterhin nicht anerkennt.
Nach Angaben der Kommission führten ihre Dienststellen das Treffen auf technischer Ebene gemeinsam mit Schweden als Ko-Vorsitz. 15 der 27 EU-Staaten entsandten Vertreter. Es war das erste Mal seit der Machtübernahme im August 2021, dass Funktionäre der Taliban in Brüssel zugleich mit der Kommission und Regierungen der Union an einem Tisch saßen.
Worum es konkret ging
Sowohl die Kommission als auch das afghanische Außenministerium beschrieben die Gespräche als rein technisch – als Verständigung über Migration und die Mechanik von Rückführungen, nicht über eine politische Annäherung im weiteren Sinne. Auf der Tagesordnung standen:
- die Rückkehr und Rückübernahme afghanischer Staatsangehöriger ohne Bleiberecht in der EU, mit besonderem Augenmerk auf Personen, die schwere Straftaten begangen haben oder als Sicherheitsrisiko gelten;
- eine mögliche konsularische Präsenz der Taliban in der Union sowie die Wiederaufnahme konsularischer Dienste für Afghanen in Europa;
- sogenannte vertrauensbildende Maßnahmen und ein von beiden Seiten als „würdevoll“ bezeichnetes Rückkehrverfahren.
Kommissionssprecher Markus Lammert umriss die Begründung eng. „Die Mitgliedstaaten prüfen Möglichkeiten, Personen zurückzuführen, die schwere Straftaten begangen haben und möglicherweise eine Sicherheitsbedrohung darstellen“, sagte er. Das Treffen folgte auf eine Mission der Kommission nach Kabul im Januar – Teil einer schrittweisen, vorsichtigen Öffnung technischer Kanäle zu den faktischen Machthabern.
Kontakt ist keine Anerkennung
Brüssel bemühte sich nachdrücklich um die Klarstellung, dass das Gespräch am Verhandlungstisch keine Billigung der Taliban bedeute. Das Treffen sei nicht mit einer formellen Anerkennung der Regierung gleichzusetzen, betonte die Kommission; die EU und ihre Mitgliedstaaten verweigern diese seit 2021. Kein Mitgliedstaat unterhält förmliche diplomatische Beziehungen zum Islamischen Emirat.
Migrationskommissar Magnus Brunner verteidigte den Schritt als praktische Notwendigkeit. Die Union habe kaum eine andere Wahl, als bei der Frage der Rückführungen in einen Dialog einzutreten.
Es ist wichtig, mit ihnen zu sprechen – schon allein, um die Lage für die Europäer zu verbessern, aber auch für Asylantragsteller, für Asylsuchende.
Wie behutsam die EU mit ihren Gästen umging, zeigte die Logistik. Belgien stellte der Delegation nach einer Sicherheitsüberprüfung fünf Visa aus – gültig für lediglich 24 Stunden und beschränkt auf belgisches Staatsgebiet, ohne Zugang zum übrigen Schengen-Raum. Der Sprecher des Taliban-Außenministeriums, Abdul Qahar Balkhi, nannte den Besuch „historisch“: Erstmals habe eine Delegation des Islamischen Emirats in Brüssel mit der EU und europäischen Regierungen verhandelt.
Empörung über die Frauenrechte
Das Treffen stieß bei Menschenrechtlern auf umgehende Verurteilung. Jede Normalisierung der Kontakte belohne eine Regierung, die Mädchen den Besuch weiterführender Schulen und Universitäten verbietet und Frauen aus weiten Teilen des öffentlichen Lebens verdrängt hat. Kritiker warnten, beschleunigte Abschiebungen könnten Rückkehrer der Verfolgung aussetzen – im Widerspruch zum Grundsatz der Nichtzurückweisung, der die Rücksendung von Menschen in ernsthafte Gefahr untersagt.
Die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai zeigte sich tief erschüttert: „Europa darf ein Regime nicht legitimieren, das für eine der schlimmsten Menschenrechtskrisen der Welt verantwortlich ist. Jeder Umgang mit den Taliban muss bei den Rechten afghanischer Frauen und Mädchen beginnen und enden.“
Die Human-Rights-Watch-Rechercheurin Fereshta Abbasi erklärte, jegliches Engagement müsse „dem Schutz der Menschenrechte und der Rechenschaftspflicht Vorrang einräumen – nicht der Abschiebung von Menschen in Gefahr“. Das UN-Flüchtlingshilfswerk warnte, aus der EU zurückgeführte Afghanen könnten Verfolgung drohen. Afghanen zählten weiterhin zu den größten Gruppen, denen in Europa Schutz gewährt wird: Nach den in Berichten zitierten Eurostat-Zahlen erhielten Anfang 2026 rund drei von vier afghanischen Antragstellern bereits in erster Instanz Schutz – etwa 24.960 Personen im ersten Quartal, knapp 29 Prozent aller Schutzgewährungen.
Wo die Mitgliedstaaten – und Luxemburg – stehen
Die Gespräche legen eine vertraute Bruchlinie in der Union offen: zwischen Regierungen, die auf schnellere Rückführungen abgelehnter Asylbewerber drängen, und jenen, die eine Legitimierung der Taliban oder einen Bruch von Schutzpflichten fürchten. Schwedens Rolle im Ko-Vorsitz spiegelt eine härtere Linie in Teilen Nordeuropas wider. Welche 15 Staaten teilnahmen, wurde nicht einzeln benannt; ob Luxemburg darunter war, ist nicht bestätigt.
Für das Großherzogtum stellt sich – wie für jede EU-Hauptstadt – dasselbe Dilemma, mit dem die Union seit 2021 ringt: Wie lässt sich Migration und Rückführung mit einem Regime steuern, das man verurteilt, ohne ihm die Anerkennung zu verschaffen, nach der es strebt? Luxemburg, das die Taliban-Regierung wie seine Partner nicht anerkannt hat, wird jede operative Zusammenarbeit gegen eine Menschenrechtsbilanz abwägen müssen, die selbst führende EU-Politiker zu den schlimmsten der Welt zählen. Ob das Brüsseler Treffen ein einmaliger technischer Kontakt bleibt oder der erste Schritt zu einer tieferen Zusammenarbeit wird, dürfte dieses Kalkül in den kommenden Monaten prägen.
Häufig gefragt
- Bedeutet das Treffen, dass die EU die Taliban anerkennt?
- Nein. Die EU-Kommission stellte ausdrücklich klar, dass das Gespräch keine formelle Anerkennung darstellt. Die EU und ihre Mitgliedstaaten verweigern den Taliban die Anerkennung seit 2021, und kein Mitgliedstaat unterhält förmliche diplomatische Beziehungen zum Islamischen Emirat.
- Worüber wurde in Brüssel konkret verhandelt?
- Die Gespräche waren rein technisch und drehten sich um die Rückkehr und Rückübernahme afghanischer Staatsangehöriger ohne Bleiberecht – besonders von Straftätern und mutmaßlichen Sicherheitsrisiken –, um eine mögliche konsularische Präsenz der Taliban, die Wiederaufnahme konsularischer Dienste sowie vertrauensbildende Maßnahmen.
- War Luxemburg an dem Treffen beteiligt?
- Das ist nicht bestätigt. Teilgenommen haben 15 der 27 EU-Mitgliedstaaten, die jedoch nicht einzeln benannt wurden. Ob Luxemburg darunter war, geht aus den vorliegenden Berichten nicht hervor.
- Warum kritisieren Menschenrechtsgruppen die Gespräche?
- Sie warnen, jeder Kontakt legitimiere ein Regime, das Mädchen Bildung verwehrt und Frauen aus dem öffentlichen Leben drängt. Zudem könnten beschleunigte Abschiebungen Rückkehrer der Verfolgung aussetzen – im Widerspruch zum Grundsatz der Nichtzurückweisung.
Quellen(8)
- 1EU hosts Taliban officials for the first time in talks on deportationsAl Jazeera · aljazeera.com
- 2EU to hold migration meeting with Taliban officials in BrusselsAl Jazeera · aljazeera.com
- 3Afghan Taliban hold first, closed-door talks with EU on deportationsNPR (Associated Press) · npr.org
- 4Afghan Taliban hold first, closed-door talks with EU on deportationsThe Washington Times (Associated Press) · washingtontimes.com
- 5EU officials discreetly meet Taliban in Brussels to speed up Afghan deportationsEuronews · euronews.com
- 6EU hosts Taliban officials for talks on migrant returnsRTÉ · rte.ie
- 7Belgium issues visas to Taliban delegation for E.U. meetingNBC News · nbcnews.com
- 8Belgium issues visas to Taliban delegation for EU migration talksEuronews · euronews.com
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