Vermögensverwaltung

91 Milliarden im Großherzogtum: Wie Belgiens reichste Familien in Luxemburg anlegen

Eine gemeinsame Recherche von Le Soir und De Tijd zeigt: 100 belgische Familien bündeln 91 Milliarden Euro in 416 luxemburgischen Gesellschaften – ein deutlicher Anstieg seit 2018.

Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Wand mit Dutzenden identischen, unbeschrifteten Messing-Briefkastenschlitzen in der Lobby eines Luxemburger Bürogebäudes
Dutzende gleichförmiger Briefkästen in der Lobby eines Luxemburger Bürogebäudes – sinnbildlich für die vielen Briefkasten-Holdings. Illustration, mit KI erstellt. Illustration: KI-generiert — Status

Es ist eine Summe, die für sich genommen die Wirtschaftskraft eines ganzen Landes übersteigt: 91 Milliarden Euro an Vermögenswerten der reichsten belgischen Familien liegen in luxemburgischen Gesellschaften. Das geht aus einer gemeinsamen Recherche der belgischen Tageszeitungen Le Soir und De Tijd hervor, die am 20. Juni veröffentlicht wurde und sich auf nicht-öffentliche Daten aus dem Unternehmensregister stützt. Sie bestätigt, was Kritiker dem Großherzogtum seit Jahren vorhalten – und was auch ein Jahrzehnt europäischen Drucks auf mehr Steuertransparenz nicht aufgehalten hat.

Demnach kontrollieren 100 der vermögendsten Familien Belgiens ganz oder teilweise 416 luxemburgische Gesellschaften. Allein auf die 50 reichsten Familien entfallen davon 85,5 Milliarden Euro. Die Reporter ordnen die Zahl mit einem Vergleich ein, der ihre Dimension greifbar macht.

Dieser Betrag übersteigt den gesamten Reichtum, den Luxemburg in einem Jahr erwirtschaftet.

Tatsächlich liegt die jährliche Wirtschaftsleistung des Großherzogtums bei etwa 80 bis 90 Milliarden Euro – also unter dem, was allein diese 100 Familien im Land geparkt haben.

Ein Sprung gegenüber 2018

Die 91 Milliarden Euro umfassen Beteiligungen, Immobilien, Finanzanlagen und weitere Vermögenswerte, die über das Großherzogtum geleitet werden. Bemerkenswert ist vor allem die Entwicklung: Eine frühere Recherche von Le Soir und De Tijd aus dem Jahr 2018, die sogenannten LuxFiles, hatte für belgische Familien rund 48 Milliarden Euro an Eigenkapital – etwa 54 Milliarden an Gesamtvermögen – in luxemburgischen Strukturen ermittelt. Der Wert hat sich also seither beinahe verdoppelt.

Der weitere Datensatz reicht über die Superreichen hinaus. Rund 9.800 belgische Staatsangehörige kontrollieren ganz oder teilweise etwa 11.200 luxemburgische Gesellschaften. Damit sind Belgier nach Franzosen und Luxemburgern selbst die dritthäufigste Nationalität im Handelsregister des Landes.

  • 91 Milliarden Euro in 416 Gesellschaften der 100 reichsten Familien
  • 85,5 Milliarden Euro entfallen auf die 50 vermögendsten Familien
  • 11.200 Gesellschaften unter Kontrolle von rund 9.800 Belgiern insgesamt
  • 54 Milliarden Euro in reinen Briefkastenstrukturen

Holdings, Fonds und leere Briefkästen

Bei den meisten großen Familien werden verstreute Beteiligungen in einer einzigen Holding gebündelt, um die Verwaltung zu vereinfachen. Das Standardvehikel ist die SOPARFI, die société de participations financières. Rein private Vermögen laufen häufig über eine SPF (société de gestion de patrimoine familial) – daneben über Investmentfonds und luxemburgische Lebensversicherungsverträge, die bei belgischen Anlegern seit Langem beliebt sind.

Ein erheblicher Teil dieser Konstruktionen besitzt jedoch kaum physische Substanz. Mindestens 307 der 11.200 Gesellschaften beschäftigen kein Personal und unterhalten kein Büro in Luxemburg. Unter den vermögendsten Familien nutzt gut die Hälfte – 52 von ihnen – solche Briefkastenfirmen, in denen allein 54 Milliarden Euro liegen. De Tijd berichtet, dass nahezu zwei Drittel der 100 reichsten Familien, insgesamt 64, von mindestens einer luxemburgischen Gesellschaft profitieren – meist von einer Hülle, in der Bargeld, Immobilien und Luxusgüter gehalten werden.

Die Rechercheure betonen ausdrücklich, dass diese Konstruktionen nicht zwangsläufig illegal sind. Genutzt werden sie von einem Querschnitt der belgischen Elite – Managern, Erben, Unternehmern und Freiberuflern – und sie bestehen fort, obwohl 2018 eine Reform der Unternehmensbesteuerung in Kraft trat.

Warum das Großherzogtum lockt

Der Reiz ist vor allem steuerlicher Natur. Luxemburgs Schachtelprivileg – die nationale Ausprägung der EU-Mutter-Tochter-Regeln – führt dazu, dass von Tochtergesellschaften bezogene Dividenden und Veräußerungsgewinne aus qualifizierten Beteiligungen vollständig steuerfrei bleiben können, sofern Schwellen- und Haltefristbedingungen erfüllt sind. Auch die Quellensteuer auf grenzüberschreitende Dividendenflüsse lässt sich über die EU-Mutter-Tochter-Richtlinie beseitigen. Für Familien, deren Einkünfte überwiegend passiv sind, ist diese Behandlung spürbar großzügiger als in Belgien.

Der Steuerrechtler Luc De Broe bringt es auf den Punkt: „Die luxemburgische Steuergesetzgebung ist flexibler, was Einkünfte aus Dividenden und Veräußerungsgewinnen betrifft." Er weist zudem darauf hin, dass Gesellschaften von den luxemburgischen Behörden verbindliche Vorabauskünfte – sogenannte „Rulings" – erhalten können, wie sie in Belgien nicht möglich wären.

Zu den Familien, die in der belgischen Berichterstattung immer wieder mit luxemburgischen Holdings in Verbindung gebracht werden, zählen Wittouck (Artal), Van Damme (Patrinvest), de Spoelberch (Verlinvest), D'Ieteren (Arroyo), de Mévius (EPS), Colruyt, Roussis und Frère (Pargesa). Mehrere von ihnen sind mit den Gründerfamilien des Braukonzerns AB InBev verbunden.

Substanz statt Adresse

Das Bild bleibt allerdings nicht unverändert. Die über die EU-Richtlinie gegen Steuervermeidung (ATAD) und das BEPS-Projekt der OECD eingeführten Substanzanforderungen haben die Latte höher gelegt: Steuerberater warnen inzwischen, dass eine Holding echte Tätigkeit in Luxemburg nachweisen muss und nicht bloß eine eingetragene Adresse. Ein belgisches Gericht in Gent hat einer SOPARFI bereits steuerliche Vorteile versagt, weil ihr ein tatsächlicher Geschäftsbetrieb im Großherzogtum fehlte – ein Zeichen dafür, dass die Ära des leeren Briefkastens unter wachsenden rechtlichen Druck gerät.

Dennoch ist die Schlagzahl seit 2018 gestiegen, nicht gesunken. Für Luxemburg sind die Zahlen eine Erinnerung daran, wie zentral die private Vermögensverwaltung für eine Volkswirtschaft bleibt, die ihren Wohlstand auf der Finanzbranche aufgebaut hat – und warum das Land das Kapital seiner Nachbarn weiterhin schneller anzieht, als Transparenzregeln es umzulenken vermögen.

Häufig gefragt

Wie viel Vermögen halten die reichsten belgischen Familien in Luxemburg?
Laut der Recherche von Le Soir und De Tijd halten 100 der vermögendsten belgischen Familien zusammen 91 Milliarden Euro in 416 luxemburgischen Gesellschaften. Allein auf die 50 reichsten Familien entfallen davon 85,5 Milliarden Euro.
Sind diese Strukturen illegal?
Nein. Die Rechercheure betonen ausdrücklich, dass die Konstruktionen nicht zwangsläufig illegal sind. Sie nutzen vor allem steuerliche Vorteile wie das luxemburgische Schachtelprivileg, das Dividenden und bestimmte Veräußerungsgewinne steuerfrei stellen kann.
Was ist eine Briefkastenfirma in diesem Zusammenhang?
Gemeint sind Gesellschaften ohne Personal und ohne Büro in Luxemburg. Mindestens 307 der 11.200 belgisch kontrollierten Gesellschaften fallen darunter; bei den reichsten Familien nutzt gut die Hälfte solche Strukturen, in denen zusammen 54 Milliarden Euro liegen.
Wie hat sich die Summe seit 2018 verändert?
Die LuxFiles-Recherche von 2018 ermittelte rund 54 Milliarden Euro Gesamtvermögen in luxemburgischen Strukturen. Mit 91 Milliarden Euro markiert die neue Auswertung von 2026 einen deutlichen Anstieg.
Quellen(7)
  1. 1Les 50 familles belges les plus riches détiennent 85,5 milliards d'euros d'actifs au LuxembourgLa Libre Belgique · lalibre.be
  2. 2Groei van ultrarijken versnelt wereldwijd; Luxemburg blijft magneet voor Belgische vermogensBusiness AM · businessam.be
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