Industrie
Schließung des Indorama-Werks in Steinfort: Sozialplan für 95 Beschäftigte
Für 95 Beschäftigte gibt es höhere Abfindungen, Weiterbildung und Vermittlungshilfe. Ob Luxemburg die Fachkräfte auffangen kann, bleibt offen.
Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Für die 95 Beschäftigten von Indorama Ventures Mobility Luxembourg ist nun geregelt, was nach dem Ende des Werks geschehen soll. An der Schließung selbst ändert der Sozialplan nichts. Er verschafft den Betroffenen jedoch bessere Abfindungen, Weiterbildungsangebote und professionelle Hilfe bei der Suche nach einer neuen Stelle.
OGBL, LCGB, die Personaldelegation und Indorama unterzeichneten die Vereinbarung am 22. Juli 2026; die Gewerkschaften machten den Abschluss am 24. Juli öffentlich. Das Unternehmen erwartet die Schließung des Standorts Steinfort im Jahr 2027. Ein genauer Monat oder ein endgültiger Termin für das Produktionsende wurden bislang nicht genannt.
Bei der Ankündigung hatte Indorama die Zahl der wegfallenden direkten Arbeitsplätze mit 95 beziffert. Gewerkschaften und Medien sprechen häufig gerundet von rund 100 Betroffenen. Da zusammen mit dem Sozialplan keine aktualisierte Beschäftigtenzahl veröffentlicht wurde, bleiben 95 Stellen die präziseste bestätigte Angabe.
Indorama hatte das Vorhaben mit den Worten beschrieben: „Dieses Vorhaben dürfte 2027 zur Schließung des Standorts und zum Abbau von 95 Stellen führen.“
Absicherung nach einer nicht akzeptierten Entscheidung
Die öffentlich bekannten Bestimmungen des Sozialplans sehen drei zentrale Instrumente vor:
- Weiterbildung und berufliche Umschulung;
- professionelle Outplacement-Dienste zur Unterstützung bei der Stellensuche;
- Abfindungen oberhalb des in Luxemburg gesetzlich vorgeschriebenen Mindestniveaus.
Wie weit diese Leistungen im Einzelfall reichen, lässt sich anhand der veröffentlichten Angaben nicht bestimmen. Weder Eurobeträge noch eine Berechnungsformel für die Abfindungen wurden mitgeteilt. Ebenso fehlen Angaben zur Dauer des Outplacements. Garantierte Wechsel zu anderen Standorten oder Gesellschaften des Indorama-Konzerns sind in den öffentlichen Zusammenfassungen nicht ausgewiesen.
Damit steht fest, dass die Beschäftigten mehr als das gesetzliche Minimum erhalten. Nicht feststellbar ist dagegen, welcher Betrag einzelnen Arbeitnehmern zusteht oder wie lange die Begleitung bei der beruflichen Neuorientierung dauert.
Die Unterschriften der Gewerkschaften bedeuten auch keine Zustimmung zur Schließung. OGBL und LCGB billigten die Schutzbestimmungen für die Belegschaft, nicht die unternehmerische Entscheidung, das Werk aufzugeben.
„Für OGBL und LCGB ist diese Entscheidung völlig inakzeptabel.“
Ein Sozialplan ordnet somit die sozialen Folgen eines bereits beschlossenen Stellenabbaus. Er ist kein Instrument zur Rettung des Standorts. Diese Trennung ist im Fall Steinfort wesentlich: Die Verhandlungen konnten die Bedingungen des Ausscheidens verbessern, aber weder die 95 Arbeitsplätze noch die Produktionsstätte erhalten.
Abhängigkeit in der Lieferkette
Der Schließung in Luxemburg ging Ende Juni die Stilllegung des Indorama-Werks im französischen Longlaville voraus. Dort fielen mehr als 160 direkte Arbeitsplätze weg. Longlaville lieferte ein für die Produktion in Steinfort benötigtes Zwischenmaterial. Mit dem Ende des französischen Betriebs verlor der Luxemburger Standort damit einen wichtigen Teil seiner vorgelagerten Versorgung.
Nach Angaben von OGBL und LCGB bestand zudem eine starke Abhängigkeit von einem einzigen Kunden. Eine genaue Größenordnung für dessen Anteil am Geschäft wurde nicht veröffentlicht. Zusammengenommen zeigen beide Faktoren jedoch eine erhebliche Konzentration: auf der Lieferseite bei Longlaville, auf der Absatzseite bei einem Hauptkunden.
Die Entwicklung steht zugleich im Zusammenhang mit der breiteren Neuordnung des Konzerns. Indorama verweist unabhängig vom Einzelfall Steinfort auf einen lang anhaltenden Abschwung in der Chemieindustrie, zusätzliches Angebot aus China und eine schwache Nachfrage. Hinzu kommt ein konzernweites Programm zur Optimierung des Produktionsnetzes.
Die verfügbaren Angaben sprechen daher für ein Zusammenwirken von Branchenflaute, Lieferkettenbruch, Kundenkonzentration und Konzernumbau. Ein einzelner Luxemburger Kostenfaktor lässt sich daraus nicht als alleinige Ursache ableiten.
Wenig Stellen, großer struktureller Verlust
Für den gesamten Luxemburger Arbeitsmarkt sind 95 Stellen rechnerisch begrenzt. Für die industrielle Substanz ist die Bedeutung größer, weil ein vollständiger spezialisierter Produktionsstandort verschwindet.
STATEC zählte 2023 im verarbeitenden Gewerbe 33.200 Arbeitsplätze. Im Jahr 2000 waren es 34.100. Während die industrielle Beschäftigung damit über mehr als zwei Jahrzehnte leicht zurückging, stieg die gesamte inländische Beschäftigung von 264.000 auf 512.700.
Der daraus abgeleitete Anteil des verarbeitenden Gewerbes sank von rund 12,9 Prozent auf 6,5 Prozent. Eine gesonderte Arbeitsmarktquelle für die Großregion bezifferte den Anteil an der abhängigen Beschäftigung in Luxemburg auf 7,0 Prozent. Die geringfügig unterschiedlichen Werte beruhen auf verschiedenen statistischen Abgrenzungen, weisen aber in dieselbe Richtung: Industriearbeit hat relativ deutlich an Gewicht verloren.
Die 95 direkten Stellen in Steinfort entsprechen rund 0,3 Prozent der 2023 im verarbeitenden Gewerbe registrierten Beschäftigung. Der nationale Arbeitsmarkt kann eine solche Größenordnung grundsätzlich absorbieren. Verloren gehen dennoch ein kompletter Betrieb, spezialisiertes Produktionswissen und industriell geprägte Arbeitsplätze an einem konkreten Standort.
Der Präsident des Industrieverbandes Fedil, Alex Schumann, beschreibt die Lage entsprechend grundsätzlich: „Es war nie einfach, aber noch nie so schwierig wie in den vergangenen fünf Jahren.“ Der Fall Indorama ist damit kein statistischer Beschäftigungsschock, wohl aber ein weiterer sichtbarer Abzug aus einer bereits kleinen industriellen Basis.
Nun muss sich das Tripartite-Versprechen bewähren
Das Tripartite-Abkommen vom Juni 2026 sieht eine mögliche staatlich und sozialpartnerschaftlich abgestützte Antwort auf größere Restrukturierungen vor. Regierung und Sozialpartner verpflichteten sich, sektorale Zellen für berufliche Neuorientierung und Umschulung zu prüfen, wenn ein Umbau erhebliche Auswirkungen auf die Beschäftigung hat.
Eine solche Zelle entsteht allerdings nicht automatisch. Das Abkommen verlangt eine Prüfung, ob das Instrument im jeweiligen Fall angemessen ist. Es garantiert weder seine Aktivierung für Indorama noch einen bestimmten Umfang an Leistungen.
Mit Stand vom 25. Juli enthielt keine für diesen Artikel geprüfte Regierungsmitteilung ein eigens für Indorama vorgesehenes Finanzierungspaket. Ebenso gab es keine offizielle Bestätigung, dass eine sektorale Zelle aktiviert worden wäre.
Der Sozialplan beantwortet deshalb zunächst die Frage nach der unmittelbaren Absicherung. Offen bleibt die schwierigere Aufgabe: ob die 95 Beschäftigten mit ihren industriellen Qualifikationen dauerhaft neue Arbeit finden und ob Luxemburg spezialisiertes Wissen trotz der Schließung im Land halten kann. Daran wird sich der praktische Wert der im Juni vereinbarten Instrumente messen lassen.
Häufig gefragt
- Wann soll das Indorama-Werk in Steinfort schließen?
- Das Unternehmen erwartet die Schließung im Jahr 2027. Ein genauer Monat und der endgültige Produktionstermin wurden nicht veröffentlicht.
- Wie viele Arbeitsplätze sind betroffen?
- Indorama nannte 95 direkte Stellen. Die häufig verwendete Angabe von rund 100 ist eine Rundung; mit dem Sozialplan wurde keine neue Zahl veröffentlicht.
- Welche Leistungen enthält der Sozialplan?
- Öffentlich genannt wurden Weiterbildung und berufliche Umschulung, professionelle Outplacement-Dienste sowie Abfindungen oberhalb des gesetzlichen Mindestniveaus. Beträge, Berechnungsformel und Dauer wurden nicht offengelegt.
- Hat der Staat eine besondere Unterstützung für Indorama beschlossen?
- Mit Stand vom 25. Juli war weder ein spezielles Finanzierungspaket der Regierung noch die Aktivierung einer sektoralen Zelle für Neuorientierung und Umschulung bestätigt.
Quellen(16)
- 1Fermeture d’Indorama Steinfort : un plan social a été signéOGBL · ogbl.lu
- 2LCGB announcement on the Indorama social planLCGB · lu.linkedin.com
- 3Indorama unterzeichnet Sozialplan mit GewerkschaftenTageblatt · tageblatt.lu
- 4100 jobs at risk: Indorama Ventures to permanently close Steinfort siteRTL Today · today.rtl.lu
- 5Indorama va fermer son usine de Steinfort, près de 100 emplois menacésVirgule · virgule.lu
- 6Indorama sonne le glas à Steinfortwoxx · woxx.lu
- 7Une décision brutale qui menace près de 100 famillesOGBL and LCGB · ogbl.lu
- 8Indorama Ventures — Closure in FranceEurofound · apps.eurofound.europa.eu
- 9L'industriel Indorama va fermer une usine en Lorraine, plus de 160 emplois supprimésAFP via Boursorama · boursorama.com
- 10Indorama Ventures reports progress on IVL 2.0 programIndorama Ventures · indoramaventures.com
- 11Luxembourg in Figures 2024STATEC · statistiques.public.lu
- 12Newsletter septembre 2024Interregional Labour Market Observatory · iba-oie.eu
- 13Fedil warns Luxembourg industry needs ‘decisive reforms’ to stay competitiveLuxembourg Times · luxtimes.lu
- 14Luxembourg: Foundations for Growth and Competitiveness 2026OECD · oecd.org
- 15Resilienzpak 2026Luxembourg Government · me.gouvernement.lu
- 16Textilcord Steinfort — Du fil aux cordesLuxembourg Chamber of Commerce · cc.lu
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