Industrie in Luxemburg
Reifencord-Werk in Steinfort vor dem Aus: Rund 100 Jobs bedroht
Der thailändische Konzern Indorama will seine Viskose-Reifencordfabrik schließen. Die Gewerkschaften sprechen von der größten Industrieschließung im Großherzogtum seit 2007.
Von Marc Weber · · 4 Min. Lesezeit

In Steinfort im Westen Luxemburgs droht das Ende einer sechs Jahrzehnte alten Industrietradition. Der in Bangkok ansässige Petrochemie- und Chemiefaserkonzern Indorama Ventures hat die Belegschaft seines dortigen Werks darüber informiert, dass er die Produktion einstellen und ein Sammelentlassungsverfahren (licenciement collectif) eröffnen will. Rund 100 Arbeitsplätze sind bedroht — es wäre die bedeutendste Werksschließung, die das Großherzogtum seit fast zwei Jahrzehnten erlebt hat.
Über die Pläne unterrichtete das Unternehmen die Personalvertretung am 30. Juni auf einer Informationsversammlung, wie die beiden Gewerkschaften OGBL und LCGB berichten. Betrieben wird die Fabrik von der Gesellschaft Indorama Ventures Mobility Luxembourg S.A., lange bekannt als Textilcord Steinfort S.A. an der Route de Schwarzenhof. Hergestellt werden dort technische Garne, Kordfäden und Gewebe, die Reifen und andere Gummi- und Verbundprodukte verstärken. Zu den Kunden zählten über die Jahre Continental, Goodyear, Michelin, Orca und ArianeGroup.
Ein Dominoeffekt von der anderen Seite der Grenze
Gewerkschafter und luxemburgische Medien bringen den Steinforter Entschluss unmittelbar mit einer früheren Entscheidung Indoramas in Verbindung: der Schließung des nur wenige Kilometer entfernten Werks im lothringischen Longlaville (Département Meurthe-et-Moselle). Der Standort, an dem rund 165 Menschen beschäftigt sind, lieferte Vorprodukte, auf die Steinfort angewiesen war. Seine Produktion wurde Ende Juni endgültig eingestellt.
Hinzu kommt eine strukturelle Schwäche: Der luxemburgische Betrieb war für den Großteil seiner Fertigung von einem einzigen Kunden abhängig — eine Konzentration, die ihn nach Einschätzung der Gewerkschaften gefährlich verwundbar machte. Auf Konzernebene hatte Indorama die französische Schließung mit verschärftem Wettbewerb, insbesondere aus Asien, begründet, dazu mit schrumpfenden Volumina und Margen, die sich trotz Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe nicht hätten umkehren lassen.
- Gegründet 1965 vom belgisch-amerikanischen Konzern Uniroyal Englebert, um Nylongewebe für die Karkassen von Diagonalreifen zu weben.
- Ging über Continental (rund 18 Jahre) und die österreichische Glanzstoff-Gruppe, ehe Indorama Ventures das Werk 2017 übernahm.
- Spezialisiert auf hochfeste Verstärkungen aus Viskose, Nylon, Aramid und Polyester für Reifen und technische Anwendungen; seit 2020 lief zeitweise auch eine Linie für OP-Masken (bis zu 20 Millionen pro Jahr).
- Beschäftigte in den vergangenen Jahren nach Angaben der Luxemburger Handelskammer rund 130 Menschen aus 26 Nationen.
Gewerkschaften fordern die Prüfung von Alternativen
OGBL und LCGB verurteilten den Schritt als „brutal“ und fragten, wie ein Konzern mit einem Jahresumsatz von fast 12 Milliarden Euro und Produktionsstätten in mehr als 30 Ländern die Schließung als unausweichlich darstellen könne. In ihrer gemeinsamen Erklärung nannten die beiden Gewerkschaften die Entscheidung „völlig inakzeptabel“ und warnten, sie stürze ebenso viele Familien in tiefe Ungewissheit.
Es ist nicht hinnehmbar, dass eine Schließung als unvermeidlich dargestellt wird, ohne dass zuvor alle industriellen Alternativen zum Erhalt von Tätigkeit und Beschäftigung ernsthaft geprüft worden sind.
Die Gewerkschaften fragten, was in den vergangenen Jahren unternommen worden sei, um die Produktion zu diversifizieren, neue Zertifizierungen zu erlangen und die Abhängigkeit von einem einzigen Kunden zu verringern. Die Beschäftigten bezeichneten sie als Opfer „einer Logik des globalisierten Kapitalismus, die finanzielle Erwägungen über alles stellt“. In den kommenden Tagen sollen Belegschaftsversammlungen und weitere gewerkschaftliche Aktionen folgen. „Seit der Schließung des TDK-Standorts im Jahr 2007 hat Luxemburg keine Werksschließung dieses Ausmaßes mehr erlebt“, erklärten die beiden Organisationen.
Appell an die Regierung
OGBL und LCGB haben Wirtschaftsminister Lex Delles und Arbeitsminister Marc Spautz aufgefordert, jede Möglichkeit zum Erhalt des Standorts zu prüfen. Sollte die Schließung dennoch kommen, verlangen sie einen ordentlichen Sozialplan und eine Wiedereingliederungseinheit (cellule de reclassement), um die Beschäftigten in neue Stellen zu vermitteln — gemäß einer Anfang Juni erzielten tripartiten Vereinbarung. Einen festen Zeitplan für den Rückzug haben weder Indorama noch die Ministerien genannt; nach luxemburgischem Recht müssen der Entlassungsplan und sein Zeithorizont nun mit der Personalvertretung ausgehandelt werden.
Teil eines europäischen Rückzugs
Die Schließung in Steinfort ist ein greifbares lokales Zeichen für den breiteren Druck auf Europas energieintensive und exportabhängige Industrie, die seit Jahren mit höheren Energiekosten, nachlassender Nachfrage und scharfer Konkurrenz aus Niedrigkostenländern in Asien ringt. Auch Indorama selbst fährt weltweit Kapazitäten zurück — von den Mobility-Werken in Frankreich und Luxemburg bis zur Stilllegung einer Anlage für gereinigte Terephthalsäure (PTA) im kanadischen Montréal-Est.
Für die Steinforter Beschäftigten ist die Sorge unmittelbarer. Ein Werk, das seit sechs Jahrzehnten am selben Ort Garn spinnt, steht vor dem Produktionsende, und eine Gemeinde im industriellen Westen Luxemburgs droht einen ihrer größten privaten Arbeitgeber zu verlieren. Was als Nächstes geschieht — ob ein Käufer auftritt, ob der Staat helfen kann und zu welchen Bedingungen die Belegschaft geht — wird sich in den nun beginnenden Verhandlungen entscheiden.
Häufig gefragt
- Warum will Indorama das Werk in Steinfort schließen?
- Der Konzern nennt zwei Gründe: den Dominoeffekt der endgültigen Schließung seines lothringischen Werks in Longlaville, das Steinfort mit Vorprodukten belieferte, sowie die starke Abhängigkeit des Standorts von einem einzigen Kunden für den Großteil der Produktion.
- Wie viele Arbeitsplätze sind betroffen?
- Rund 100 Stellen in Steinfort sind bedroht. Nach Angaben der Luxemburger Handelskammer beschäftigte das Werk in den vergangenen Jahren etwa 130 Menschen aus 26 Nationen.
- Was fordern die Gewerkschaften?
- OGBL und LCGB verlangen, dass alle industriellen Alternativen zum Erhalt des Standorts ernsthaft geprüft werden. Sie haben die Minister Lex Delles und Marc Spautz eingeschaltet und fordern andernfalls einen Sozialplan sowie eine Wiedereingliederungseinheit.
- Steht ein Datum für die Schließung fest?
- Nein. Weder Indorama noch die Ministerien haben einen festen Zeitplan genannt. Nach luxemburgischem Recht müssen der Entlassungsplan und sein Zeithorizont erst mit der Personalvertretung ausgehandelt werden.
Quellen(8)
- 1Indorama Ventures ferme son site de Steinfort et menace 100 emplois au LuxembourgL'essentiel · lessentiel.lu
- 2Indorama ferme son site de Steinfort, une centaine d'emplois menacésLe Quotidien · lequotidien.lu
- 3Textilcord Steinfort – Du fil aux cordesChamber of Commerce Luxembourg (cc.lu) · cc.lu
- 4Textilcord Steinfort S.A. – Uniroyal – Steinfortindustrie.lu · industrie.lu
- 5Indorama Ventures Mobility Luxembourg S.A.FEDIL · fedil.lu
- 6Indorama Ventures prépare la fermeture de son site de Longlaville : 165 emplois en jeuLe Journal des Entreprises · lejournaldesentreprises.com
- 7Indorama Ventures veut fermer son usine de Longlaville, 164 emplois en dangerL'Usine Nouvelle · usinenouvelle.com
- 8Indorama Ventures annonce son projet de fermer le site de Longlaville qui emploie 165 personnesICI (France 3 Grand Est) · ici.fr



