Soziale Lage
Erwerbsarmut in Luxemburg bleibt trotz Beschäftigungswachstums hoch
Die Beschäftigung wuchs 2024 weiter. Dennoch hatte Luxemburg die höchste Erwerbsarmutsquote der EU – und die Wohnkosten verschärfen den Abstand zwischen Lohn und Lebensstandard.
Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Ein wachsender Arbeitsmarkt und ein gesicherter Lebensstandard sind nicht dasselbe. Luxemburg zählte 2024 nach Angaben von STATEC 489.000 Beschäftigte; im vierten Quartal lag die inländische Lohnbeschäftigung um 1,0% über dem Vorjahreswert. Zugleich weist das Land innerhalb der Europäischen Union den höchsten Anteil Erwerbstätiger mit Armutsrisiko auf.
Nach den neuesten vergleichbaren Eurostat-Daten waren 2024 in Luxemburg 13,4% der Erwerbstätigen ab 18 Jahren armutsgefährdet. Der EU-Durchschnitt betrug 8,2%. Hinter dieser Quote stehen Menschen, die arbeiten, deren Haushaltseinkommen aber unter der nationalen relativen Armutsgrenze liegt.
Ein langfristig hohes Niveau, kein jährlicher Aufwärtstrend
Die Befundlage verlangt allerdings Genauigkeit. Das Panorama Social 2025 der Chambre des salariés (CSL) verzeichnet für alle Erwerbstätigen 13,4% im Jahr 2024 – nach 14,8% im Jahr 2023 und gegenüber 11,6% im Jahr 2015. Für abhängig Beschäftigte weist die auf Eurostat-Daten beruhende Tabelle 13,3% aus.
Die jüngste Beobachtung bedeutet somit keinen weiteren Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Sie liegt aber deutlich über dem Niveau von 2015 und stützt die Diagnose einer langfristigen Verschlechterung des Schutzes, den Erwerbsarbeit bieten kann. Eine lückenlos vergleichbare jährliche Steigerung lässt sich daraus nicht ableiten: Die CSL verweist auf Brüche in der luxemburgischen Zeitreihe in den Jahren 2016, 2020, 2021 und 2022.
Félix Martins de Brito, Managementberater der CSL und Autor ihres Sozialberichts, beschreibt die Entwicklung als strukturelles Problem: „Dies ist keine neue Situation, sondern eine, die sich in den vergangenen 15 bis 20 Jahren verschärft hat.“
Die Quote bewertet Haushalte, nicht bloß Stundenlöhne
„Working poor“ ist weder ein Synonym für Niedriglohn noch ein Maß für absolute Not. Nach der EU-SILC-Definition von Eurostat erfasst der Indikator Personen ab 18 Jahren, die während mehr als der Hälfte des Bezugsjahres erwerbstätig waren und in einem Haushalt leben, dessen verfügbares, bedarfsgewichtetes Einkommen nach Sozialtransfers unter 60% des nationalen Medians liegt.
Entscheidend ist also der Haushalt. Ein Vollzeitlohn kann nicht reichen, wenn Kinder zu versorgen sind, die Miete hoch ist oder weitere Einkommen im Haushalt gering ausfallen. Umgekehrt kann eine Person mit niedrigem Lohn oberhalb der Schwelle liegen, wenn sie mit anderen Einkommensstarken zusammenlebt. Die Kennzahl prüft, ob Arbeit und die Ressourcen des Haushalts zusammengenommen eine relative Einkommensgrenze überschreiten.
Für Luxemburg fällt diese Grenze wegen des hohen mittleren Einkommens auch in Eurobeträgen hoch aus. STATEC bezifferte die allgemeine Armutsrisikoschwelle 2024 auf 2.540 Euro monatlich je bedarfsgewichteter erwachsener Person; 18,1% der Bevölkerung waren davon betroffen. Das durchschnittlich verfügbare Haushaltseinkommen lag bei knapp 7.700 Euro im Monat, der durchschnittliche Lebensstandard bei 4.900 Euro. Solche Durchschnittswerte verdecken jedoch die Verteilung: Der Lebensstandard des obersten Einkommensfünftels war 4,7-mal so hoch wie jener des untersten Fünftels.
Auch die Bezugsgruppen sind nicht deckungsgleich. EU-SILC erfasst gewöhnlich ansässige Privathaushalte. 47% der luxemburgischen Beschäftigten waren 2024 jedoch Grenzgänger. Wachstum der Lohnbeschäftigung und das Armutsrisiko ansässiger Erwerbstätiger beschreiben daher dieselbe Wirtschaft, nicht aber dieselbe Population.
Nach der Miete bleibt die entscheidende Rechnung
Besonders sichtbar wird die Spannung zwischen Einkommen und Lebensstandard beim Wohnen. STATEC zufolge beanspruchen vorab festgelegte Ausgaben durchschnittlich 30% des Haushaltseinkommens; drei Viertel davon entfallen auf Wohnen. In einer gesonderten Betrachtung des verbleibenden Einkommens nach diesen Ausgaben liegt die Armutsrisikoquote bei 26,9%. Das ist keine Erwerbsarmutsquote, zeigt aber, weshalb ein Bruttoeindruck von Wohlstand die Lage vieler Haushalte verfehlen kann.
„Erwerbstätigkeit ist unverzichtbar. Doch auch das Wohnen ist entscheidend, um das Armutsrisiko zu senken. Einkommen wird für reale Bedürfnisse verwendet – und für viele Haushalte beansprucht die Miete einen enormen Teil des Budgets.“ — Luc Frieden, Premierminister von Luxemburg
Der Wohnungsanhang 2026 der Europäischen Kommission hält fest, dass die Wohnkosten in Luxemburg 2024 noch immer 78% über dem EU-Durchschnitt lagen. Mieter gaben im Schnitt 27,0% ihres verfügbaren Einkommens für die Miete aus, gegenüber 22,3% in der EU. Die allgemeine Wohnkostenüberlastungsquote sank zwar von 11,5% im Jahr 2023 auf 8,0% im Jahr 2024. Die Kommission warnt jedoch auch hier vor Brüchen in der Zeitreihe und verweist auf fortbestehende Erschwinglichkeitsprobleme, vor allem für junge Haushalte und Haushalte mit bescheidenem Einkommen.
Arbeitsminister Georges Mischo formulierte den Kern des Problems so: „Der Wohnungsbau ist natürlich ein extremes Problem. In Luxemburg eine normale Wohnung zu finden, ist äußerst schwierig, insbesondere, wenn man mit dem Mindestlohn auskommen muss.“
Vollzeit mildert das Risiko, beseitigt es aber nicht
Die Erwerbsarmut konzentriert sich nicht allein auf Randformen der Beschäftigung. Die CSL weist für 2024 eine Quote von 12,2% bei Vollzeitkräften und 16,8% bei Teilzeitkräften aus. Mehr Arbeitszeit verringert das Risiko damit, hebt es aber nicht auf.
- Zu den von STATEC als besonders armutsgefährdet eingestuften Gruppen gehören Kinder und Alleinerziehende.
- Auch Menschen portugiesischer oder außereuropäischer Staatsangehörigkeit sowie Personen mit geringem Bildungsniveau sind stärker betroffen.
- Teilzeitbeschäftigte weisen laut der Eurostat-basierten CSL-Aufschlüsselung ein höheres Erwerbsarmutsrisiko auf als Vollzeitbeschäftigte.
Die politische Schlussfolgerung lautet nicht, dass Beschäftigung an Bedeutung verloren hätte. Gegenüber Erwerbslosigkeit senkt sie das Armutsrisiko weiterhin erheblich. Doch die Zahl neuer Stellen allein belegt nicht, dass Arbeit für einen Haushalt ausreicht. Maßgeblich ist, was nach Transfers und insbesondere nach der Miete für das Leben bleibt.
Häufig gefragt
- Ist die Erwerbsarmut in Luxemburg 2024 gegenüber 2023 gestiegen?
- Nein. Die Quote lag 2024 bei 13,4% und damit unter den 14,8% von 2023. Gegenüber 2015 mit 11,6% bleibt sie jedoch langfristig erhöht.
- Was misst die Eurostat-Quote zur Erwerbsarmut?
- Sie erfasst Erwerbstätige ab 18 Jahren, die mehr als die Hälfte des Jahres gearbeitet haben und in einem Haushalt mit verfügbarem, bedarfsgewichtetem Einkommen unter 60% des nationalen Medians leben.
- Warum sind Wohnkosten für die Bewertung so wichtig?
- Sie bestimmen, wie viel Einkommen einem Haushalt tatsächlich bleibt. STATEC beziffert den Anteil vorab festgelegter Ausgaben auf durchschnittlich 30% des Haushaltseinkommens; drei Viertel davon entfallen auf Wohnen.
Quellen(9)
- 18.2% of EU workers are at risk of povertyEurostat · ec.europa.eu
- 2Report on ‘Work and Social Cohesion’ 2025STATEC · statistiques.public.lu
- 3Domestic payroll employment: +0.3% in the fourth quarter of 2024 and +1.0% over 12 monthsSTATEC · statistiques.public.lu
- 4Panorama social 2025Chambre des salariés · csl.lu
- 5SDG 1 – No poverty: statistical annexEurostat · ec.europa.eu
- 6Luxembourg Housing Annex 2026European Commission · housing.ec.europa.eu
- 7"Luxembourg is a unique country"Government of Luxembourg · me.gouvernement.lu
- 8Employment in Luxembourg no longer protects against povertyLuxembourg Times · luxtimes.lu
- 9Wie fest sitzen Sie noch im Sattel, Georges Mischo?Government of Luxembourg · cad.gouvernement.lu
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