Reanimation
Überlebensrate nach Herzstillstand steigt, doch Daten nach Geschlecht fehlen
CARDLUX belegt bessere Überlebenschancen nach Herzstillstand außerhalb von Kliniken. Ob Frauen vom Fortschritt gleichermaßen profitieren, lässt die Luxemburger Studie offen.
Von Léa Hoffmann · · 5 Min. Lesezeit

Die Bilanz der Luxemburger Notfallversorgung ist zunächst eine Erfolgsmeldung: Nach einem Herzstillstand außerhalb des Krankenhauses überlebten zuletzt deutlich mehr Menschen den ersten Monat. Zugleich bleibt eine entscheidende Frage ohne belastbare Antwort. Es ist nicht bekannt, ob Frauen von diesem Fortschritt in gleichem Maß profitieren wie Männer.
Die 2025 veröffentlichte CARDLUX-Studie liefert dafür keine Grundlage. Sie war als landesweites Vorher-Nachher-Register zur Neuordnung des Rettungssystems angelegt, nicht als Untersuchung geschlechtsspezifischer Unterschiede. Ihre veröffentlichten Ergebnisse weisen weder aus, wer nach Geschlecht eine Laienreanimation oder eine Defibrillation erhielt, noch wie sich Einsatzzeiten und Überleben zwischen Frauen und Männern verteilten.
Damit lässt sich die Behauptung, Frauen würden in Luxemburg bei einem Herzstillstand seltener gerettet, aus den verfügbaren nationalen Daten nicht ableiten. Die internationale Forschung macht die Lücke allerdings gesundheitspolitisch relevant: In mehreren Ländern erhalten Frauen nach einem Herzstillstand seltener sofortige Hilfe durch Umstehende – wenn auch nicht in jeder Untersuchung und nicht in jeder Situation.
Ein messbarer Fortschritt ohne Aufschlüsselung
CARDLUX erfasste sämtliche bestätigten außerklinischen Herzstillstände, die in zwei jeweils einjährigen Zeiträumen über Notrufe gemeldet wurden: von Oktober 2017 bis September 2018 sowie von September 2021 bis August 2022. Grundlage waren EuReCa-Erhebungsformulare sowie Daten der Notrufzentrale und des Rettungsdienstes.
Im ersten Zeitraum wurden 236 bestätigte Fälle registriert, im zweiten 375. Die Ein-Monats-Überlebensrate stieg von 3,8 Prozent, entsprechend neun Menschen, auf 9,8 Prozent oder 37 Menschen. Die mittlere Eintreffzeit des Rettungsdienstes sank von 16 Minuten und 19 Sekunden auf 11 Minuten und 3 Sekunden. Reanimationen durch Umstehende nahmen um das 1,5-Fache zu; telefonisch durch die Leitstelle angeleitete Reanimationen verfünffachten sich.
Die ausgewiesenen Endpunkte der Studie waren das Gesamtüberleben, Reanimation durch Umstehende und am Telefon, die Wiederkehr eines Spontankreislaufs sowie die Eintreffzeit des Rettungsdienstes. Das sind wichtige Kennzahlen für die Leistungsfähigkeit eines Systems. Sie beantworten aber nicht, ob dessen Abläufe für alle Gruppen gleich zugänglich und wirksam sind. Weder die Publikation noch die veröffentlichten Ergebnisse erlauben eine Schätzung einer möglichen Überlebensdifferenz zwischen Frauen und Männern in Luxemburg.
Was Untersuchungen aus anderen Ländern nahelegen
Die Sorge vor einer geschlechtsspezifischen Lücke beruht nicht auf Luxemburger Befunden, sondern auf internationaler, unterschiedlich ausfallender Evidenz. Eine 2024 begutachtete Studie auf Basis des US-Registers CARES analysierte mehr als 309.000 außerklinische Herzstillstände in 47 Bundesstaaten zwischen 2013 und 2019. Frauen, die in der Öffentlichkeit einen Herzstillstand erlitten, hatten gegenüber Männern eine um 14 Prozent geringere adjustierte Chance, von Umstehenden reanimiert zu werden: Odds Ratio 0,86; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,82 bis 0,89. Aussagen über Luxemburg ergeben sich daraus nicht.
„Diese Ungleichbehandlung von Frauen bei der Reanimation durch Umstehende ist erschütternd.“ – Audrey L. Blewer, Assistenzprofessorin an der Duke University School of Medicine
Auch eine retrospektive Untersuchung aus New South Wales von 2024 fand bei 4.491 von Umstehenden beobachteten und durch Sanitäter versorgten Herzstillständen der Jahre 2017 bis 2019 geringere adjustierte Chancen auf Laienreanimation für Frauen: zu Hause lag die adjustierte Odds Ratio bei 0,82, an öffentlichen Orten bei 0,58. Bei Notrufen aus der Öffentlichkeit wurde ein Herzstillstand bei Frauen in 84,6 Prozent der Fälle erkannt, bei Männern in 91,6 Prozent. Eine Mediationsanalyse schrieb rund 44 Prozent des Zusammenhangs zwischen Geschlecht und geringerer Reanimation an öffentlichen Orten der Erkennung zu.
Ein einheitliches internationales Muster ergibt sich daraus dennoch nicht. Eine 20-jährige Registerstudie aus Victoria in Australien fand keinen adjustierten Unterschied bei der Reanimation durch Umstehende, wohl aber eine anhaltende Differenz bei der Defibrillation durch Umstehende. Vergleichbarkeit setzt daher voraus, Ort, Ablauf des Notrufs, Beobachtung des Ereignisses und weitere Versorgungsstufen getrennt zu erfassen – statt aus ausländischen Ergebnissen vorschnell auf Luxemburg zu schließen.
Widersprüchliche Signale aus der Ausbildung
Die Leitlinien reagieren inzwischen ausdrücklich auf mögliche Hemmnisse. Die Ausbildungsleitlinien der American Heart Association von 2025 empfehlen, Barrieren bei der Laienreanimation von Frauen durch Schulungen und öffentliche Aufklärung anzugehen. Die Ethikleitlinien des European Resuscitation Council von 2025 fordern Gesundheitssysteme auf, Verzerrungen bei Eingriffen durch Umstehende zu minimieren, damit Geschlecht, Gender und andere geschützte Merkmale Reanimationsentscheidungen nicht beeinflussen.
Wie weit Luxemburgs Ausbildungspraxis darauf eingeht, ist öffentlich nicht eindeutig dokumentiert. In einer offiziellen parlamentarischen Antwort von 2023 erklärten die damaligen Gesundheits- und Innenminister, in den Kursen des Corps grand-ducal d’incendie et de secours, CGDIS, würden Erwachsenen- und Kindermannequins sowie männliche und weibliche Mannequins eingesetzt. Die Ausbildung umfasse Thoraxkompressionen und den Einsatz eines AED bei Frauen.
Im Juni 2026 berichtete jedoch die Luxembourg Times, Innenminister Léon Gloden habe erklärt, die Erste-Hilfe-Ausbildung nutze standardisierte Mannequins ohne ausgeprägte geschlechtliche Merkmale. „Die Erste-Hilfe-Ausbildung verwendet standardisierte Mannequins ohne eindeutige geschlechtliche Merkmale“, sagte Gloden. Zugleich erklärte er: „CGDIS plant derzeit nicht, Mannequins anzuschaffen, die speziell den weiblichen Körper darstellen.“ Nach dem Bericht blieb er offen dafür, Änderungen bei Material oder Unterrichtsmethoden zu prüfen.
Die beiden öffentlichen Angaben ergeben kein klares aktuelles Bild über Bestand, Einsatz und Bewertung geschlechtsspezifischer Trainingsmittel. Ebenso fehlt eine veröffentlichte Luxemburger Datengrundlage, mit der sich eine Überlebenslücke zulasten von Frauen messen ließe.
Die nächste Verbesserung beginnt mit Transparenz
Für Luxemburg folgt daraus kein Urteil über eine bereits nachgewiesene Benachteiligung, sondern ein klarer Auftrag zur Messung. Wer Unterschiede verhindern will, muss zunächst sichtbar machen, an welcher Stelle der Rettungskette sie entstehen könnten.
- Notrufe sollten nach Geschlecht auswertbar machen, ob ein wahrscheinlicher Herzstillstand erkannt und eine telefonische Reanimationsanleitung gegeben wurde.
- Laienreanimation, AED-Einsatz, Eintreffzeit, Krankenhausaufnahme und Überleben sollten nach Geschlecht veröffentlicht und unter Berücksichtigung von Alter, Ort, Beobachtung des Ereignisses und erstem Rhythmus analysiert werden.
- CGDIS sollte prüfen, ob die gegenwärtige Ausbildung ausdrücklich auf die Reanimation von Frauen vorbereitet, und Veränderungen anschließend evaluieren.
Die CARDLUX-Zahlen zeigen, dass organisatorische Verbesserungen Leben retten können. Ob sie alle Betroffenen gleich erreichen, ist die noch offene Qualitätsfrage der nächsten Stufe.
Häufig gefragt
- Belegt CARDLUX eine Benachteiligung von Frauen in Luxemburg?
- Nein. Die Studie veröffentlichte keine nach Geschlecht aufgeschlüsselten Daten zu Reanimation, AED-Einsatz, Einsatzzeit oder Überleben.
- Was verbesserte sich laut CARDLUX?
- Die Ein-Monats-Überlebensrate stieg von 3,8 Prozent auf 9,8 Prozent; zugleich verkürzte sich die Eintreffzeit des Rettungsdienstes und die Reanimation durch Umstehende nahm zu.
- Was zeigen internationale Studien?
- Mehrere Studien fanden für Frauen geringere Chancen auf Reanimation durch Umstehende, insbesondere im öffentlichen Raum. Die Ergebnisse unterscheiden sich jedoch je nach Land und Versorgungssituation.
Quellen(10)
- 1How a system saves lives: Results of Luxembourg’s nationwide cardiac arrest projectResuscitation Plus · sciencedirect.com
- 2How a system saves lives: Results of Luxembourg’s nationwide cardiac arrest projectUniversity of Luxembourg · orbilu.uni.lu
- 3Emergency services not interested in CPR training using female dummiesLuxembourg Times · luxtimes.lu
- 4Compte rendu officiel no 11, 2022-2023: Infarctus du myocarde chez les femmes, Question 7454Chamber of Deputies of Luxembourg · chd.lu
- 5Sex Differences in Receipt of Bystander Cardiopulmonary Resuscitation Considering Neighborhood Racial and Ethnic CompositionJournal of the American Heart Association · pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- 6No Matter Where They Live Women are Less Likely to Get Bystander CPRDuke University School of Medicine · medschool.duke.edu
- 7Bystander cardiopulmonary resuscitation differences by sex – The role of arrest recognitionResuscitation · sciencedirect.com
- 8Management of cardiac emergencies in women: a clinical consensus statementEuropean Heart Journal Open · academic.oup.com
- 9Part 12: Resuscitation Education ScienceAmerican Heart Association · cpr.heart.org
- 10Ethics GuidelinesResuscitation Council UK · resus.org.uk
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