Binnenschifffahrt
Niedrigwasser am Rhein erhöht Kostenrisiken für Mertert
Extrem niedrige Pegel bei Kaub reduzieren die Ladungsmengen auf dem Rhein. Für Luxemburgs Hafen Mertert wächst damit das Kosten- und Versorgungsrisiko bei Öl-, Stahl- und Schrotttransporten.
Von Jonas Thill · · 4 Min. Lesezeit

Der Pegel bei Kaub liegt weit von Luxemburg entfernt, seine wirtschaftliche Wirkung reicht dennoch bis an die Mosel. Der Hafen Mertert ist über den Flussweg an den Rhein und an die Seehäfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen angebunden. Sinkt dort die mögliche Abladetiefe, können Schiffe zwar weiter verkehren, aber deutlich weniger Fracht aufnehmen. Für Luxemburg betrifft das ausgerechnet Güterströme, bei denen der Wasserweg besondere Bedeutung hat: Mineralölprodukte, Stahl und Schrott.
Die derzeit verfügbare Evidenz beschreibt vor allem ein erhöhtes Logistik- und Kostenrisiko, nicht aber einen nachgewiesenen Ausfall bei einem namentlich genannten Luxemburger Unternehmen. Öffentliche Mitteilungen dokumentieren stark eingeschränkte Ladekapazitäten, Zuschläge und eine Verlagerung von Fracht auf Straße und Schiene im nordwesteuropäischen Korridor. Eine konkrete Umleitung oder Betriebsunterbrechung eines Luxemburger Importeurs oder Herstellers wird darin nicht bestätigt.
Mertert bündelt strategische Warenströme
Nach Darstellung der luxemburgischen Regierung ist Mertert die einzige Plattform des Landes, an der Wasserstraße, Straße und Schiene zusammenlaufen. Regelmäßige Verbindungen führen zu den Häfen von Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen; zu den wichtigsten Warenströmen zählen Öl, Stahl und Container. Damit ist der Standort klein, aber für bestimmte Gütergruppen von besonderem Gewicht.
Der Hafenbetreiber meldete für 2025 einen Schiffsverkehr von 748.673 Tonnen. Davon entfielen 560.457 Tonnen auf Einfuhren und 188.217 Tonnen auf Ausfuhren. In der Warenstruktur stehen 242.277 Tonnen importierte Stahlerzeugnisse, 119.439 Tonnen exportierte Stahlerzeugnisse und 266.648 Tonnen importierte Mineralölprodukte. Die ZLV berichtete die Gesamtmenge sowie die Ein- und Ausfuhrzahlen für 2025 ebenfalls und verwies auf Schrottimporte für die luxemburgischen Stahlwerke.
Besonders anschaulich wird die Abhängigkeit bei Kraftstoffen. Tanklux erklärt, Benzin, Kerosin, Diesel und Heizöl aus Raffinerien in Belgien, den Niederlanden und Deutschland per Tankschiff oder Kesselwagen zu beziehen. Das Unternehmen verfügt nach eigenen Angaben über 62.000 Kubikmeter Lagerkapazität, mehr als 30 Prozent der nationalen Mineralöllagerkapazität, und importiert jährlich 400.000 Tonnen Mineralölprodukte. Lagerbestände können kurzfristige Störungen abfedern; sie beseitigen jedoch nicht die höheren Transportkosten, wenn Schiffe nur noch einen Teil ihrer üblichen Ladung befördern.
Kaub zeigt das Ausmaß der Einschränkung
Der Engpass bei Kaub am Mittelrhein ist für den Verkehr zwischen den Nordseehäfen und den Binnenregionen maßgeblich. Der Logistikdienstleister Contargo wies dort am 12. August 2026 einen Pegel von 12 Zentimetern aus. Für den 13. August wurden 11 Zentimeter vorhergesagt, für den 14. August 12 Zentimeter und für den 15. August 10 Zentimeter.
Bereits am 30. Juli hatte Reuters berichtet, die bei der deutschen Schifffahrtsgenossenschaft DTG eingesetzten Schiffe seien bei einer schiffbaren Tiefe von 29 Zentimetern nur mit rund 20 Prozent ihrer Kapazität unterwegs gewesen. Roberto Spranzi, Direktor der DTG, sagte:
„Frachtschiffe fahren weiter, sind derzeit aber nur zu rund 20 Prozent ausgelastet.“
Die Nachrichtenagentur Associated Press beschrieb die Konsequenz unabhängig davon mit konkreten Ladungsmengen. Ein Schiff, das unter normalen Bedingungen 2.000 bis 2.500 Tonnen transportiere, könne je nach Bauart nur noch etwa 400 bis 600 Tonnen befördern. Marcel Beck, Manager der westdeutschen Häfen Neuss, Düsseldorf und Köln bei RheinCargo, formulierte es so: „Ein Schiff, das normalerweise 2.000 bis 2.500 Tonnen Fracht transportieren würde, kann jetzt je nach Bauart nur noch 400, vielleicht 600 Tonnen befördern.“
Für Empfänger und Versender am Ende der Moselverbindung verschiebt sich damit die Kalkulation. Nicht die Frage, ob ein Schiff grundsätzlich passieren kann, ist allein entscheidend. Ausschlaggebend ist auch, wie viele Fahrten für dieselbe Warenmenge nötig werden und welcher Teil der Transporte auf andere Verkehrsträger ausweichen muss.
- Mineralölprodukte: Transporte nach Mertert können auf dem Wasserweg teurer werden oder auf Schiene und Straße ausweichen müssen.
- Stahl und Schrott: Geringere Ladungsmengen erhöhen das Risiko höherer Transportkosten für Vorprodukte und Ausfuhren der Stahlwertschöpfungskette.
- Hafenlogistik: Die Konzentration wichtiger Güterströme in Mertert macht die Entwicklung am Rhein für Luxemburg unmittelbar relevant.
Ausweichverkehr ist belegt, ein Luxemburger Einzelfall nicht
Für das weitere Rheinsystem liegen bereits Hinweise auf eine Verlagerung von Gütern vor. Der europäische Speditions- und Logistikverband CLECAT berichtete, dass reduzierte Schiffsladungen Fracht auf ohnehin beanspruchte Straßen- und Schienennetze verlagerten. Maersk führte zum 15. Juli Niedrigwasserzuschläge für den Rhein ein und riet Kunden, alternative Verkehrsträger zu prüfen, falls der Binnenschiffstransport nicht mehr durchführbar sei.
Das belegt die Belastung des Korridors, ersetzt aber keinen Nachweis für einzelne Luxemburger Entscheidungen. Nach den für diesen Bericht geprüften öffentlichen Mitteilungen gibt es keine Bestätigung, dass ein namentlich genanntes Unternehmen aus Luxemburg eine bestimmte Sendung umgeleitet oder den Betrieb wegen des Niedrigwassers unterbrochen hat. Die präzise Einordnung lautet deshalb: Luxemburg ist exponiert, ein lokaler Stillstand ist nicht verifiziert.
Der Sechswochenblick liefert keine Entwarnung
Auch die Prognose lässt keinen verlässlichen Termin für eine Erholung erkennen. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde veröffentlichte am 10. August einen probabilistischen Sechswochenausblick für Kaub. Er beruht auf 101 gleich wahrscheinlichen Wetterverläufen; mit zunehmender Vorlaufzeit wächst die Unsicherheit. Die Behörde veröffentlicht deshalb wöchentliche Trendeinschätzungen und kein präzises Datum für die Rückkehr zu besseren Bedingungen.
Für Luxemburger Unternehmen ist das ein Signal, mit anhaltender Volatilität bei verfügbarer Schiffskapazität und Frachtraten zu rechnen. Der Wasserweg mag im Gesamtbild der nationalen Logistik begrenzt sein. Sein Inhalt ist jedoch strategisch: Treibstoffe, Stahl und schwere Massengüter profitieren besonders von den Kostenvorteilen der Binnenschifffahrt. Werden diese Vorteile durch Niedrigwasser aufgezehrt, kann ein Pegelstand bei Kaub rasch in einer Rechnung oder einem Lieferplan in Luxemburg sichtbar werden.
Häufig gefragt
- Warum betrifft Niedrigwasser am Rhein Luxemburg?
- Der Hafen Mertert ist über Mosel und Rhein mit Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen verbunden. Wichtige Warenströme umfassen Mineralölprodukte, Stahl und Schrott.
- Ist ein Lieferstopp in Luxemburg bestätigt?
- Nein. Die geprüften öffentlichen Mitteilungen belegen Belastungen und Ausweichverkehr im Korridor, aber keinen konkreten Stopp oder eine bestimmte Umleitung eines namentlich genannten Luxemburger Unternehmens.
- Was sagt die Sechswochenprognose für Kaub aus?
- Die BfG-Prognose vom 10. August ist probabilistisch und basiert auf 101 gleich wahrscheinlichen Wetterverläufen. Wegen wachsender Unsicherheit liefert sie Wochen-Trends, aber kein präzises Erholungsdatum.
Quellen(10)
- 1Hydrologische 6-Wochen-Vorhersage: Pegel Kaub, Vorhersage vom 10.08.2026Bundesanstalt für Gewässerkunde · vorhersage.bafg.de
- 2Current Low Water Levels – Important Information for Our CustomersContargo · contargo.net
- 3Rhine water level close to record lows, cargo vessels keep sailingReuters, republished by WNCY · wncy.com
- 4European drought puts Dutch dikes and German cargo ships at riskAssociated Press · apnews.com
- 5Organisation: traffic in tonnes, 2025Société du Port de Mertert · portmertert.lu
- 6River portGovernment of Luxembourg · logistics.public.lu
- 7GeschäftstätigkeitTanklux S.A. · tanklux.lu
- 8Low Rhine water levels disrupt inland shippingCLECAT · clecat.org
- 9Rhine River – Low Water Surcharge and Benelux Update on Low Water ConditionsMaersk · maersk.com
- 102025 wurden 1,07 Millionen Tonnen im Merterter Hafen umgeschlagenZentralverband der luxemburgischen Viehhändler · zlv.lu
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